{"id":1969,"date":"2020-08-19T21:19:37","date_gmt":"2020-08-19T18:19:37","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-das-regime-von-alexander-lukaschenko-die-arbeiter-unter-druck-setzt\/"},"modified":"2020-08-19T21:19:37","modified_gmt":"2020-08-19T18:19:37","slug":"belarus-wie-das-regime-von-alexander-lukaschenko-die-arbeiter-unter-druck-setzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-das-regime-von-alexander-lukaschenko-die-arbeiter-unter-druck-setzt\/","title":{"rendered":"Belarus: Wie das Regime von Alexander Lukaschenko die Arbeiter unter Druck setzt"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/c31d8cd0-8fa0-4d85-9568-79ded63be86d_w948_r1.77_fpx30_fpy50.98.jpg\" title=\"Beamte der Polizeisondereinheit Omon vor der Minsker Traktorfabrik\" alt=\"Beamte der Polizeisondereinheit Omon vor der Minsker Traktorfabrik\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Beamte der Polizeisondereinheit Omon vor der Minsker Traktorfabrik<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Dmitri Lovetsky \/ AP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Beamten der Polizeisondereinheit Omon kamen am Mittwochmorgen. Sie vertrieben Demonstranten vor der Minsker Traktorfabrik (MTZ) und nahmen einige Menschen fest. Die Protestierenden hatten sich mit wei\u00df-rot-wei\u00dfen Fahnen vor das Werk gestellt, klatschend, um ihre Solidarit\u00e4t f\u00fcr diejenigen Arbeiter zu bekunden, die sich im Streik befinden. Noch muss man sagen, denn der Druck auf die Angestellten der staatlichen Werke in Belarus steigt jeden Tag.<\/p>\n<p>&quot;Die Kollegen haben gro\u00dfe Angst, kein Gehalt mehr zu bekommen, ihre Jobs zu verlieren&quot;, sagt Sergej Dylewskij dem SPIEGEL. Der 30-J\u00e4hrige h\u00e4rtet Stahlteile in der Traktorfabrik. &quot;Wer nicht arbeitet, bekommt kein Geld mehr, die Tage gelten nun als Fehlzeiten.&quot; Dazu habe die F\u00fchrung des Werks die Streiks f\u00fcr illegal erkl\u00e4rt, was sie kann, wenn der Streik vor allem politische Gr\u00fcnde hat. Inzwischen seien nur noch rund 500 Kollegen \u00fcbrig geblieben, die noch streiken, sagt Dylewskij. Mehr als 15.000 Menschen sind bei MTZ besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Anfangs hatten noch Tausende allein in Dylewskijs Werk protestiert. Nach und nach schlossen sich seit der vergangenen Woche viele weitere Tausende Mitarbeiter der gro\u00dfen Staatsunternehmen des Landes den Protesten gegen den autorit\u00e4ren Machthaber Alexander Lukaschenko an. Hunderte Arbeiter des Minsker Werk f\u00fcr Radschlepper (MZKT) trauten sich sogar, Lukaschenko bei seinem Besuch auszubuhen. Der drohte, das Schrecklichste sei Verrat, sprach von einem &quot;Messer in den R\u00fccken&quot;. Die Arbeiter antworteten: &quot;Geh weg, geh weg!&quot;<\/p>\n<h3><strong>Devisenbringer, Instrument politischer Kontrolle<\/strong><\/h3>\n<p>&quot;Sehr schmerzlich&quot; f\u00fcr Lukaschenko nennt der Politologe Walerij Karbalewitsch den Widerstand der Arbeiter der staatlichen Unternehmen. Ihre Rolle gilt als entscheidend f\u00fcr den Erfolg der Proteste in Belarus:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Das Land befindet sich wirtschaftlich in einer Dauerkrise, etwa Dreiviertel der Betriebe sind vom Staat mehrheitlich kontrolliert oder befinden sich ganz im Staatsbesitz. Viele der Unternehmen wie das Minsker Traktorwerk <strong>produzieren f\u00fcr den ausl\u00e4ndischen Markt<\/strong>, etwa die H\u00e4lfte der dort produzierten Fahrzeuge gehen nach Russland. Von wichtigen Devisenbringern sprach der Minsker \u00d6konom Sergej Tschaly im unabh\u00e4ngigen russischen Sender TV Rain.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Die Staatsunternehmen seien nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch <strong>als politische Einheiten essenziell f\u00fcr Lukaschenkos Machtsystem<\/strong>, sagte Karbalewitsch dem SPIEGEL. &quot;Mithilfe der staatlichen Unternehmen kontrolliert das Regime die politische Loyalit\u00e4t der Menschen.&quot; Jeder der Mitarbeiter, der einen Arbeitsvertrag dort abschlie\u00dfe, k\u00f6nne jederzeit entlassen werden. Lange galten die Arbeiter als treue Unterst\u00fctzer von Lukaschenko. Dass zumindest Teile der Unternehmen nun begonnen haben, sich dieser Kontrolle zu entziehen, sei f\u00fcr die F\u00fchrung von Belarus ein gro\u00dfes Problem.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&quot;Die Beh\u00f6rden gehen nun in die Gegenoffensive \u00fcber, versuchen Schritt f\u00fcr Schritt all das, was die Menschen in den vergangenen Tagen erreicht haben, langsam wieder zur\u00fcckzugewinnen&quot;, sagt Karbalewitsch. Am Mittwoch l\u00f6ste die Sonderpolizei auch Demonstrationen vor dem Staatsfernsehen und der Philharmonie auf, wo Frauen einen Trauermarsch veranstalten wollten.<\/p>\n<h3>Wie lange halten die Streikenden durch, zumal ohne Gehalt?<\/h3>\n<p>Im Fall der Arbeiter hilft dem Regime von Lukaschenko, dass sich bisher immer nur Teile der Belegschaften den Demonstrationen angeschlossen haben, es zudem bisher kaum eine Koordination zwischen den einzelnen Arbeitergruppen gab. Es wurden zwar inzwischen Telegram-Gruppen gegr\u00fcndet, um sich auszutauschen, doch ein landesweites, von allen Beteiligten akzeptiertes nationales Streikkomitee gibt es nicht.<\/p>\n<p>Die Frage ist auch, wie lange die Streikenden durchhalten, wenn sie keine Geh\u00e4lter mehr ausbezahlt bekommen sollten. &quot;Wenn es keine Hilfe f\u00fcr die Arbeiter gibt, wird der Streik sterben&quot;, sagt Olga Karatsch, Aktivistin bei der B\u00fcrgerbewegung &quot;Unser Haus&quot;. Nun wurdebegonnen, Gelder zur Unterst\u00fctzung zu sammeln.<\/p>\n<h3>Drohungen und Einzelgespr\u00e4che<\/h3>\n<p>Die Lage in den Werken ver\u00e4ndert sich t\u00e4glich. Derzeit sieht es im Land so aus:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Weitgehend eingestellt ist die Produktion in nur einem, wenn auch wichtigen Unternehmen: beim <strong>weltweit gr\u00f6\u00dften Kaliproduzenten Belaruskali<\/strong>, etwa 130 Kilometer s\u00fcdlich von Minsk in Salihorsk. Belaruskali kontrolliert bis 20 Prozent des weltweiten Kaliangebots, ist damit f\u00fcr Lukaschenko von gro\u00dfer Bedeutung. &quot;Die Anlagen laufen nur noch zu zehn Prozent&quot;, sagt Andrej, 26, der im Kaliabbau arbeitet. Am Mittwoch versammelten sich wieder Tausend Arbeiter. &quot;Unsere Vorarbeiter wurden bereits einbestellt, ihnen wurde gesagt, sie sollen die Leute beruhigen, sonst w\u00fcrden Ma\u00dfnahmen ergriffen&quot;, sagt Andrej. Mit Entlassungen sei bereits gedroht worden. &quot;Wir wollen k\u00e4mpfen, doch die Leute wissen nicht, wie sie sich und ihre Familien sch\u00fctzen k\u00f6nnen, die sie versorgen m\u00fcssen.&quot;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>In mehreren anderen Betrieben wie beim <strong>belarussischen Metallwerk in Schlobin<\/strong> im S\u00fcdosten des Landes und beim <strong>D\u00fcngemittelhersteller Grodno Azot<\/strong> im Westenvon Belarus wird zum Teil noch gearbeitet.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>An anderen Orten wie beim <strong>Autoreifenhersteller Belschina<\/strong> in Babrujsk blieben erste Streikaufrufe folgenlos. &quot;Wir verdienen f\u00fcr belarussische Verh\u00e4ltnisse gut, viele wollen das nicht verlieren; sie werden auch zu Einzelgespr\u00e4chen mit den Chefs gebeten&quot;, sagt ein Mitarbeiter.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Im <strong>Minsker Werk f\u00fcr Radschlepper<\/strong>, dem Betrieb, in dem Lukaschenko ausgebuht wurde, arbeiten sie inzwischen wieder normal. Ein Arbeiter, 29, der lieber anonym bleiben will, sagt, dass die wenigen, die sich noch auf einem Parkplatz versammelt hatten, um sich abzusprechen, fotografiert und gefilmt worden seien. &quot;Im Moment sind wir in Gruppen zersplittert, viele, viele haben sehr gro\u00dfe Angst&quot;, sagt der Mann. &quot;Der Leiter einer Produktionsabteilung wurde vor dem Tor abgefangen und ihm wurde gedroht, dass er seine Bonuszahlungen verliert, wenn er nicht bei der Arbeit ist.&quot;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Auch beim <strong>Minsker Fahrzeughersteller MAZ<\/strong> steigt der Druck auf protestierende Arbeiter. Das Management sei sehr nerv\u00f6s, sagt Konstrukteur Alexander. Es habe erste Festnahmen gegeben, die Rede sei von elf Mitarbeitern. Andere Arbeiter mussten bereits schriftliche Berichte abgeben, warum sie nicht erschienen sind.  <\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Langsam arbeiten, krankschreiben lassen<\/h3>\n<p>Politologe Karbalewitsch glaubt nicht, dass Lukaschenkos F\u00fchrung irgendwelche Kompromisse aushandeln wird. Die spricht bereits von einem Schaden \u00fcber Hunderte Millionen Dollar. &quot;Das Regime setzt darauf, dass die Arbeiter m\u00fcde werden, es wieder die volle Kontrolle \u00fcbernehmen kann.&quot; Der Angestellten versuchen darauf auf ihre Weise zu reagieren, in der Minsker Traktorfabrik arbeitet ein Teil der Angestellten nun sehr langsam, italienischer Streik nennt sich das. Andere lassen sich krankschreiben oder reichen Urlaub ein, wie Elektrogasschwei\u00dfer Michail Gromow, 34, berichtet.<\/p>\n<p>Das Wort Streik vermeiden sie nun vielerorts lieber. Denn nach dem belarussischen Arbeitskodex darf zwar aus sozialen und wirtschaftlichen Gr\u00fcnden gestreikt werden, aber nicht aus politischen. Zudem muss man Streiks anmelden, daf\u00fcr Unterschriften sammeln.<\/p>\n<p>Arbeiter Dylewskij will trotzdem weitermachen, er wurde in die F\u00fchrung des Koordinationsrates der Opposition gew\u00e4hlt, initiiert von der Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja. Das Gremium nahm am Mittwoch seine Arbeit auf. &quot;Bei uns gibt es keine Freiheit, nicht mal demonstrieren k\u00f6nnen wir&quot;, sagt er. Ob er nicht Angst habe? &quot;Wenn ich mich morgens von meiner Frau verabschiede, wei\u00df ich nicht, ob ich sie abends wiedersehe.&quot; Aber er sei es leid, st\u00e4ndig Angst zu haben. &quot;Wenn wir jetzt aufh\u00f6ren, dann wird alles nur noch schlimmer als vorher. Dann beginnen die gewaltsamen Repressionen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Beamte der Polizeisondereinheit Omon vor der Minsker Traktorfabrik Foto:\u2002Dmitri Lovetsky \/ AP Die Beamten der Polizeisondereinheit Omon kamen am Mittwochmorgen. 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