{"id":1967,"date":"2020-08-19T19:16:46","date_gmt":"2020-08-19T16:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/walter-lubcke-wie-die-fragen-der-hinterbliebenen-dem-angeklagten-zusetzen\/"},"modified":"2020-08-19T19:16:46","modified_gmt":"2020-08-19T16:16:46","slug":"walter-lubcke-wie-die-fragen-der-hinterbliebenen-dem-angeklagten-zusetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/walter-lubcke-wie-die-fragen-der-hinterbliebenen-dem-angeklagten-zusetzen\/","title":{"rendered":"Walter L\u00fcbcke: Wie die Fragen der Hinterbliebenen dem Angeklagten zusetzen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a4ba8996-14fa-4e69-a6e5-65426c262be3_w948_r1.77_fpx30.01_fpy49.97.jpg\" title=\"Angeklagter Ernst mit Verteidigern: Fragen der Hinterbliebenen beantwortet\" alt=\"Angeklagter Ernst mit Verteidigern: Fragen der Hinterbliebenen beantwortet\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Angeklagter Ernst mit Verteidigern: Fragen der Hinterbliebenen beantwortet<\/p>\n<p>  Foto:\u2002POOL \/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Blasser als an den bisherigen Verhandlungstagen kann Stephan Ernsts Miene nicht sein. Und doch betritt er an diesem Tag den Gerichtssaal mit auffallend aschfahlem Gesicht, als sei ihm noch elender zumute als ohnehin schon. Es ist der Tag, an dem die Familie L\u00fcbcke hofft, Stephan Ernst werde &quot;reinen Tisch&quot; machen. Er werde ihnen Antworten geben auf Fragen, was genau in der Nacht auf den 2. Juni vergangenen Jahres passiert ist. So hat es ihr Sprecher Dirk Metz formuliert. <\/p>\n<p>In jener Nacht wurde der Kasseler Regierungspr\u00e4sident Walter L\u00fcbcke auf der Terrasse seines Hauses im hessischen Wolfhagen-Istha mit einem Kopfschuss get\u00f6tet. Stephan Ernst, wegen Mordes vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main angeklagt, hat im Prozess einger\u00e4umt, den CDU-Politiker erschossen zu haben. Das sei &quot;falsch, feige und grausam&quot; gewesen, sagte Ernst, bereits im Juli habe er \u00fcber seinen Verteidiger Mustafa Kaplan dem Anwalt der Familie, Holger Matt, ausrichten lassen, er werde alle &quot;ungekl\u00e4rten, offenen Fragen&quot; beantworten. <\/p>\n<p>Die Familie hat viele Fragen. Holger Matt sitzt zwischen der Witwe Irmgard Braun-L\u00fcbcke und den S\u00f6hnen Christoph und Jan-Hendrik. Alle vier blicken geradeaus, direkt zur Anklagebank. Vorn sitzt Markus H., angeklagt wegen Beihilfe zum Mord. Schr\u00e4g hinter ihm Stephan Ernst, seine Unterarme ruhen auf dem Tisch, seine rechte Hand umschlingt das Mikrofon. <\/p>\n<p>Matt fragt zun\u00e4chst im Stakkato: Wurde die Tat bereits im April 2019 gemeinsam geplant? Wurde konkret und gemeinsam vorbereitet, man werde Walter L\u00fcbcke in Istha, zur Nachtzeit, bei Dunkelheit, w\u00e4hrend der Kirmes \u00fcberfallen? Hat man zur Erf\u00fcllung des gemeinsamen Tatplans falsche Kennzeichen und andere Vorbereitungen getroffen? Ja, sagt Stephan Ernst. Ja. Ja. <\/p>\n<p>Ob es weiterhin sein Standpunkt sei, dass die Tat &quot;falsch, feige, grausam&quot; gewesen sei, fragt Matt. Ja, sagt Stephan Ernst, auf jeden Fall. Hat er sich vor der Tat nie Gedanken gemacht, was der Tod Walter L\u00fcbckes f\u00fcr die Familie bedeuten w\u00fcrde, welcher Verlust es w\u00e4re f\u00fcr die Kinder, die Enkelkinder, die Ehefrau? Stephan Ernst wirkt angez\u00e4hlt, er schluckt. Nein, habe er sich nicht gemacht, sagt er. <\/p>\n<p>Hat er sich Gedanken gemacht, dass Walter L\u00fcbcke selbst als Mensch, als Vater, als Ehemann das Leben noch leben wollte? Stephan Ernst erstarrt. Sekundenlange Stille im Saal. Er dr\u00fcckt den Knopf am Mikrofon, mit Tr\u00e4nen in der Stimme fragt er, ob er kurz mit seinem Anwalt sprechen k\u00f6nne. Kurz darauf r\u00e4uspert sich Stephan Ernst: &quot;Ich habe mir dar\u00fcber keine Gedanken gemacht.&quot;<\/p>\n<p>Die Befragung dauert fast zwei Stunden. Holger Matt stellt auf die Beihilfe des Mitangeklagten Markus H. ab: Wie hat er Stephan Ernst manipuliert, radikalisiert, aufgehetzt? <\/p>\n<h3>\u00dcberlebenstrainings und Bewaffnung<\/h3>\n<p>Die Manipulation sei mit den Waffen einhergegangen, sagt Stephan Ernst. Markus H. schleppte ihn demnach zum Schie\u00dfen in den Wald und sch\u00fcrte die Angst vor einem B\u00fcrgerkrieg, der nur eine Frage der Zeit sei. Dabei habe man \u00fcber die &quot;Zust\u00e4nde in diesem Land&quot; gesprochen, wem man sie zu verdanken habe (&quot;den Politikern&quot;) und das man &quot;aktiv&quot; werden, &quot;was machen&quot; m\u00fcsse. Nicht nur einmal habe man dar\u00fcber gesprochen, Walter L\u00fcbcke aufzuh\u00e4ngen oder ihm eine Kugel in den Kopf zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Radikalisierung beschreibt Ernst als eine Mischung aus alten Ansichten, als er noch in der rechten Szene Kassels mitmischte &#8211; System ver\u00e4ndern, Regierung st\u00fcrzen, neues &quot;Drittes Reich&quot; gr\u00fcnden -, gepaart mit \u00dcberlebenstrainings und Bewaffnung, um &quot;dieses Land vor der vermeintlichen \u00dcberfremdung zu sch\u00fctzen&quot;. <\/p>\n<p>Die Familie des ermordeten Regierungspr\u00e4sidenten folgt Ernsts Antworten regungslos. In der Reihe hinter ihnen: die Vertreter des Generalbundesanwalts, der Ernst und Markus H. vorwirft, sie wollten durch die Ermordung Walter L\u00fcbckes &quot;ein \u00f6ffentlich beachtetes Fanal gegen die gegenw\u00e4rtige staatliche Ordnung&quot; setzen. <\/p>\n<p>Auch darauf zielen viele Fragen der Familie ab. Markus H. soll zu Schie\u00df\u00fcbungen eine Zielscheibe mit Angela Merkels Konterfei mitgebracht haben. &quot;War Frau Merkel ein Hassobjekt f\u00fcr Sie beide, kann man das so sagen?&quot;, fragt Anwalt Matt. Ja, das k\u00f6nne man so sagen, antwortet Stephan Ernst. &quot;Hat das auch mit Hass auf die Fl\u00fcchtlingspolitik von Frau Merkel zu tun und mit Hass auf Fl\u00fcchtlinge?&quot; Fl\u00fcchtlinge h\u00e4tten sie als &quot;Teil der Politik&quot; gesehen, der Deutschland zerst\u00f6ren und die nationale Opposition aufbringen sollte, sagt Ernst. <\/p>\n<p>Es geht um den ersten rechtsterroristisch motivierten Mord an einem Politiker in der Bundesrepublik, und es wird einmal wieder deutlich, dass Walter L\u00fcbcke, der sich in der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 f\u00fcr die Unterbringung von Asylsuchenden einsetzte, f\u00fcr Rechtsextremisten wie die beiden Angeklagten ein Symbol war f\u00fcr eine Politik, die sie verabscheuten und die sie anwiderte. <\/p>\n<p>Stephan Ernst gibt zu, dass Merkels Politik, aber auch L\u00fcbckes Einsatz nahezu t\u00e4glich Thema f\u00fcr ihn gewesen sei: bei der Arbeit, in Chatgruppen, bei AfD-Stammtischen. In seinen und Markus H.s Plan, Walter L\u00fcbcke zu \u00fcberfallen, will er niemanden eingeweiht haben. Ob es \u00fcber Markus H. Mitwisser gebe, wisse er nicht, sagt Ernst. <\/p>\n<h3>Im Schutz der Kirmes<\/h3>\n<p>Walter L\u00fcbcke sa\u00df an jenem Abend in Freizeitkleidung in einem Gartenstuhl, rauchte eine Zigarette und las in seinem Smartphone. L\u00e4rm und Musik der Kirmes im Ort wehten auf die Terrasse vor dem frei stehenden Haus. Die perfekte Ger\u00e4uschkulisse f\u00fcr einen \u00dcberfall mit Schusswaffe ohne Schallschutzd\u00e4mpfer &#8211; woher aber wussten die T\u00e4ter, dass sie zu sp\u00e4ter Abendstunde den Politiker dort antreffen w\u00fcrden? <\/p>\n<p>Das sei Zufall gewesen, behauptet Stephan Ernst. Sie h\u00e4tten weder Informanten gehabt noch gewusst, ob die Familie einen Hund hat, der m\u00f6glicherweise bei ungebetenem Besuch anschl\u00e4gt. Auch wussten sie angeblich nicht, wer au\u00dfer Walter L\u00fcbcke nebst Ehefrau in dem Haus lebte. <\/p>\n<p>Damals wohnte dort auch einer der S\u00f6hne mit seiner schwangeren Frau. Matt, der Anwalt der Familie, fragt: &quot;Was w\u00e4re gewesen, w\u00e4re jemand aus dem Haus auf die Terrasse gekommen? &quot;Die Bef\u00fcrchtung hatten wir schon&quot;, gibt Stephan Ernst zu. &quot;Das Risiko sind wir eingegangen, es sollte ja alles schnell gehen.&quot; <\/p>\n<p>Matt l\u00e4sst nicht locker. &quot;Was h\u00e4tten Sie denn gemacht? H\u00e4tten Sie den- oder diejenige auch erschossen?&quot; Stephan Ernst bleibt erschreckend k\u00fchl. &quot;Das kann ich nicht sagen, was wir dann gemacht h\u00e4tten.&quot; <\/p>\n<p>Fu\u0308r die Familie sei dieser Prozesstag &quot;sehr schmerzlich&quot; gewesen, gibt der Sprecher der L\u00fcbckes am Nachmittag bekannt. Erneut seien die schrecklichen Details aus der Tatnacht zur Sprache gekommen, dennoch seien die &quot;vertiefenden Erl\u00e4uterungen des Gest\u00e4ndnisses&quot; relevant f\u00fcr das Verfahren. F\u00fcr die Familie stehe nun fest, dass die beiden Angeklagten die Tat &quot;aus ihrem Hass heraus seit Langem gemeinsam geplant&quot; haben.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Angeklagter Ernst mit Verteidigern: Fragen der Hinterbliebenen beantwortet Foto:\u2002POOL \/ REUTERS Blasser als an den bisherigen Verhandlungstagen kann Stephan Ernsts Miene nicht sein. Und doch betritt er an diesem Tag den Gerichtssaal mit auffallend aschfahlem Gesicht, als sei ihm noch elender zumute als ohnehin schon. 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