{"id":19654,"date":"2023-04-15T07:56:33","date_gmt":"2023-04-15T04:56:33","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/zu-gast-bei-putschisten\/"},"modified":"2023-04-15T07:56:33","modified_gmt":"2023-04-15T04:56:33","slug":"zu-gast-bei-putschisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/zu-gast-bei-putschisten\/","title":{"rendered":"Zu Gast bei Putschisten"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Bis zum n\u00e4chsten Mai will die Bundeswehr ihren letzten gro\u00dfen Auslandseinsatz beenden und tausend M\u00e4nner und Frauen aus Mali abziehen. Doch spielt die Regierung in Bamako mit?  <\/p>\n<p>Der Chef des Generalstabs kontrolliert an diesem Freitagmorgen pers\u00f6nlich die Ehrengarde, die im Hof des Verteidigungsministeriums angetreten ist. Es ist kurz nach acht in Malis Hauptstadt Bamako, und das Thermometer arbeitet sich langsam, aber unerbittlich den 41 Grad entgegen, die es am Mittag erreichen wird.<\/p>\n<p>Beherzt schmettert die Milit\u00e4rkapelle einen morgendlichen Marsch, als der General die Front abschreitet. Hinter ihm l\u00e4uft ein Offizier, der im Takt der Musik einen gewaltigen S\u00e4bel schwingt. Der General ist unzufrieden, er bleibt stehen, raunzt einen Soldaten an, weil der seine Kalaschnikow falsch h\u00e4lt. Ein Offizier aus seiner Entourage zuppelt mit wei\u00dfen Handschuhen an der Uniform des Mannes. Dann ist alles bereit. Der Gast aus Deutschland kann kommen.<\/p>\n<p>Boris Pistorius wird von seinem Amtskollegen begr\u00fc\u00dft. Der malische Verteidigungsminister ist Mitte 40, ein hochgewachsener, schlanker Oberst, der bei den Special Forces gedient hat. Er empf\u00e4ngt seinen Gast im Kampfanzug, einen leichten Schal um den Hals geschlungen.<\/p>\n<p>Sadio Camara ist einer von f\u00fcnf Obersten, die sich 2020 in Mali an die Macht geputscht haben. Mit dreien von ihnen wird Pistorius an diesem Freitag reden \u2013 \u00fcber die Rolle deutscher Soldaten in Mali. Mit Camara am Morgen, dem Territorialminister am Vormittag und Staatspr\u00e4sident Assimi Go\u00efta am Nachmittag.<\/p>\n<h3>Beobachter r\u00e4tseln, wer in Mali tats\u00e4chlich die F\u00e4den in der Hand h\u00e4lt<\/h3>\n<p>Westliche Beobachter r\u00e4tseln, wer den f\u00fcnf Offizieren in Mali tats\u00e4chlich die F\u00e4den in der Hand h\u00e4lt. Ist es der Pr\u00e4sident, wof\u00fcr einiges spricht, oder ist es in Wahrheit einer der vier anderen Oberste, die alle in etwa gleich alt sind?<\/p>\n<p>Auch Pistorius wird diese Frage am Ende des Tages nicht beantworten k\u00f6nnen. Aber er und die anderen Deutschen in seiner Delegation bekommen bei ihren Gespr\u00e4chen an diesem Freitag zumindest eine Ahnung davon, wie das Regime in Mali derzeit tickt.<\/p>\n<p>In Gao, im Norden des Landes, sind immer noch etwa tausend deutsche Soldaten stationiert. Ihr Abzug ist beschlossene Sache, sp\u00e4testens im Mai n\u00e4chsten Jahres soll der letzte gro\u00dfe Auslandseinsatz der Bundeswehr beendet sein.<\/p>\n<p>Seit dem 23. Dezember d\u00fcrfen die deutschen Heron-Aufkl\u00e4rungsdrohnen in Gao nicht mehr fliegen. Die malische Regierung verweigert die Genehmigung oder beantwortet die Anfragen der Deutschen erst gar nicht. Ohne die Drohnenfl\u00fcge aber macht die Beteiligung an der Uno-Friedensmission MINUSMA keinen Sinn mehr, denn genau das ist der Auftrag, den die Bundeswehr \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Alle anderen westlichen L\u00e4nder haben ihre Soldaten bereits abgezogen oder sind wie die Briten oder Schweden kurz davor. Die Deutschen sind die letzten, die noch die Stellung halten. Weil die Putsch-Regierung in Bamako Neuwahlen immer weiter herausschiebt und gleichzeitig Waffen und Milit\u00e4rhilfe aus Moskau bezieht, gilt das riesige westafrikanische Land in Europa kaum noch als satisfaktionsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Wie also ticken die Machthaber in Bamako? Um das herauszubekommen, ist Pistorius in die malische Hauptstadt gereist, zusammen mit seiner sozialdemokratischen Parteifreundin, Entwicklungsministerin Svenja Schulze. Denn klar ist, dass Berlin mit der malischen Regierung weiter zusammenarbeiten muss. Sonst k\u00f6nnte der Abzug der Bundeswehr in den n\u00e4chsten Monaten zum Desaster werden.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzliche Vorbehalte gegen die Deutschen scheint es in Mali nicht zu geben, das wird schnell klar. Verteidigungsminister Camara, berichten sp\u00e4ter mehrere Gespr\u00e4chsteilnehmer, spricht zwar so leise, dass er kaum zu verstehen ist. Er sieht seinen Gespr\u00e4chspartnern nicht in die Augen und blickt lieber auf den Tisch.<\/p>\n<p>Seine Botschaft an diesem Freitagmorgen aber ist klar. Die Deutschen sind willkommen in Mali, und es w\u00e4re gut, wenn sie auch in Zukunft mit Bamako zusammenarbeiten w\u00fcrden. Dann allerdings bilateral und nicht mehr im Rahmen der Uno-Mission. \u00bbMultilateral ist schei\u00dfegal\u00ab, sagt ein malischer Offizier in tadellosem Deutsch schon vor dem Treffen und lacht.<\/p>\n<h3>Der Territorialminister outet sich als Labskaus-Liebhaber<\/h3>\n<p>Der Territorialminister wird sich sp\u00e4ter als Labskaus-Liebhaber outen, und an der Deutschenfreundlichkeit von Staatspr\u00e4sident Go\u00efta gibt es ohnehin kaum einen Zweifel. Als junger Offizier lernte er 2008 am Bundessprachenamt in H\u00fcrth Deutsch und absolvierte Lehrg\u00e4nge an der Logistikschule der Bundeswehr in Osterholz-Scharmbeck und am George C. Marshall Zentrum in Garmisch-Partenkirchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Putschregierung sind die Franzosen der Gegner und nicht die Deutschen. Den ehemaligen Kolonialherren scheinen die Oberste jede B\u00f6sartigkeit zuzutrauen. Nach schweren Auseinandersetzungen mit Bamako hat Paris seine Truppen zwar vollst\u00e4ndig abgezogen, aber im Stab der Uno-Mission dienen immer noch franz\u00f6sische Offiziere.<\/p>\n<p>Damit steht MINUSMA f\u00fcr die Regierung in Bamako unter Generalverdacht. Die Deutschen haben nach den Gespr\u00e4chen den Eindruck, dass es den Maliern ganz recht w\u00e4re, wenn die Mission schleichend auslaufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Warum aber dann die Zusammenarbeit ausgerechnet mit den Russen? Weil niemand sonst die Waffen geliefert habe, die man im Kampf gegen die Terroristen und die bewaffneten Banden im Land dringend brauche, das ist die Botschaft der Oberste. Auch und vor allem die Europ\u00e4er nicht. Wer in Not sei, greife eben nach jedem Strohhalm.<\/p>\n<h3>Der neueste Trend ist das \u00bbCownapping\u00ab<\/h3>\n<p>Es ist ein Argument, das sich schwer entkr\u00e4ften l\u00e4sst. Die Sicherheitslage in Mali ist katastrophal. Islamistische Terrorkommandos bedrohen weite Teile des Landes, und bewaffnete Gangster-Banden terrorisieren die Bev\u00f6lkerung. Der neueste Trend ist das \u00bbCownapping\u00ab, also der organisierte Rinderdiebstahl. Mit der Folge, dass sich nun auch noch die Rinderz\u00fcchter bewaffnen.<\/p>\n<p>Weil die Europ\u00e4er der malische Armee keine Waffen liefern wollen, f\u00fcllen jetzt die Russen diese L\u00fccke, mit Waffen und S\u00f6ldnern der ber\u00fcchtigten Wagner-Truppe. Aber auch ihr Stern scheint schon zu sinken, denn die Sicherheitslage hat sich seitdem nicht gebessert, auch weil die Russen vor keinem Massaker zur\u00fcckschrecken.<\/p>\n<p>F\u00fcr Pistorius und Svenja Schulze ist das eine schwierige Gemengelage. Einerseits will man auf Distanz zu den Putschisten gehen, auf der anderen Seite aber nach sechs Jahrzehnten guter Zusammenarbeit nicht einfach die Segel streichen. Und so beteuert die Entwicklungsministerin, dass man auch nach dem Abzug der Bundeswehr in Mali aktiv bleiben werde. Schlie\u00dflich sei milit\u00e4rischer Schutz in Einsatzl\u00e4ndern die gro\u00dfe Ausnahme und nicht die Regel.<\/p>\n<p>Pistorius kann nach dem Treffen mit seinem Amtskollegen immerhin einen kleinen Erfolg verk\u00fcnden. \u00bbDie malische Seite hat mir dankenswerterweise jede Unterst\u00fctzung zugesagt beim R\u00fcckzug unserer Streitkr\u00e4fte\u00ab, sagt er. Der zust\u00e4ndige General aus dem Verteidigungsministerium werde schon bald wieder nach Mali reisen, um die R\u00fcckzugspl\u00e4ne der Deutschen offenzulegen.<\/p>\n<p>Denen steht in den kommenden Monaten eine logistische Herausforderung besonderer Art bevor. Etwa 1.500 Containerladungen mit Material m\u00fcssen von Gao nach Deutschland gebracht werden. Das Verteidigungsministerium hat angeordnet, dass aus Sicherheitsgr\u00fcnden 85 Prozent davon ausgeflogen werden sollen. Der Rest wird \u00fcber Land in gesicherten Konvois nach Niamey im benachbarten Niger gebracht.<\/p>\n<h3>Pro Woche k\u00f6nnen etwa 35 Container ausgeflogen werden \u2013 wenn alles gut geht<\/h3>\n<p>Pro Woche k\u00f6nnen etwa 35 Container ausgeflogen werden \u2013 wenn alles gut geht. Bisher ging aber selten alles gut. Wegen der extremen Wetterbedingungen in Gao sind zur Regenzeit oft tagelang keine Fl\u00fcge m\u00f6glich. Aber noch schlimmer ist die B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Alle Fl\u00fcge m\u00fcssen bei MINUSMA beantragt werden, dort werden die Antr\u00e4ge gepr\u00fcft, genehmigt und wieder an die Deutschen zur\u00fcckgeschickt. Die \u00fcbermitteln sie dem Au\u00dfenministerium in Bamako, der malischen Luftwaffe und der Luftfahrtbeh\u00f6rde. Luftwaffe und Luftfahrtbeh\u00f6rde aber d\u00fcrfen die Anfrage nur bearbeiten, wenn vorher das Au\u00dfenministerium zugestimmt hat. Mit etwas Gl\u00fcck ist die Prozedur in 21 Tagen erledigt.<\/p>\n<p>Dem Gl\u00fcck muss manchmal ein wenig nachgeholfen werden. Wenn der Abzug der Bundeswehr bis Mai n\u00e4chsten Jahres tats\u00e4chlich gelingen soll, gibt es also gute Gr\u00fcnde, die Putsch-Oberste in Bamako bei Laune zu halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zum n\u00e4chsten Mai will die Bundeswehr ihren letzten gro\u00dfen Auslandseinsatz beenden und tausend M\u00e4nner und Frauen aus Mali abziehen. Doch spielt die Regierung in Bamako mit? 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