{"id":192,"date":"2020-05-30T21:49:19","date_gmt":"2020-05-30T18:49:19","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-nachrufe-fullen-die-amerikanischen-zeitungen-wenn-die-toten-reden\/"},"modified":"2020-05-30T21:49:19","modified_gmt":"2020-05-30T18:49:19","slug":"corona-nachrufe-fullen-die-amerikanischen-zeitungen-wenn-die-toten-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-nachrufe-fullen-die-amerikanischen-zeitungen-wenn-die-toten-reden\/","title":{"rendered":"Corona-Nachrufe f\u00fcllen die amerikanischen Zeitungen: Wenn die Toten reden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/10b4e4ea-383a-4f9a-bf76-9d011e6875aa_w948_r1.77_fpx60.66_fpy55.jpg\" title=\"Seitenweise Kurznachrufe im &quot;Boston Globe&quot;: Virtuelle Gedenkw\u00e4nde, die den Opfern ein Gesicht geben\" alt=\"Seitenweise Kurznachrufe im &quot;Boston Globe&quot;: Virtuelle Gedenkw\u00e4nde, die den Opfern ein Gesicht geben\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Seitenweise Kurznachrufe im &quot;Boston Globe&quot;: Virtuelle Gedenkw\u00e4nde, die den Opfern ein Gesicht geben<\/p>\n<p> Brian Snyder\/ REUTERS <\/figcaption><\/figure>\n<p>Walter Mallin, 97, aus Connecticut \u00fcberlebte 1941 den Angriff auf Pearl Harbor. Valentina Blackhorse, 28, eine Navajo-Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin aus New Mexico, tr\u00e4umte davon, eines Tages ihren Stamm anzuf\u00fchren. Caitlin Whisnant, 18, aus Illinois stand kurz vor dem Highschool-Abschluss. Yu Lihua, 90, aus Maryland schrieb Dutzende chinesische B\u00fccher und liebte Menthol-Zigaretten.<\/p>\n<p>Vier Namen. Vier Leben. Vier von inzwischen mehr als 101.000 Amerikanern, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind.<\/p>\n<p>Sie w\u00e4ren anonym geblieben, in der Statistik untergegangen. H\u00e4tten US-Journalisten sie nicht gew\u00fcrdigt, mit liebevollen Kurznachrufen, wie sie in den USA gerade in vielen Medien erscheinen. &quot;In der Isolation ist das unsere einzige Verbindung zu diesen Leuten, selbst wenn sie Fremde sind&quot;, sagt Adam Steinberg, der bei der &quot;Washington Post&quot; f\u00fcr die Coronaportr\u00e4ts zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>Die Welle der Covid-19-Todesf\u00e4lle ebbt zwar auch in den USA, dem zahlenm\u00e4\u00dfig am schlimmsten betroffenen Land, langsam ab. Doch mittlerweile kennt rund jeder siebte Amerikaner ein Opfer der Pandemie. Das Leid offenbart sich vor allem in diesen wachsenden Sammlungen von Mini-Nachrufen &#8211; virtuelle Gedenkw\u00e4nde, die den nationalen Verlust verbildlichen und den Opfern ein Gesicht geben.<\/p>\n<p>Die &quot;Washington Post&quot; nennt ihre Gedenkrubrik denn auch &quot;Faces of the Dead&quot; (Untertitel: &quot;So lebten sie &#8211; und das ging verloren, als sie starben&quot;). Sie begann als Feature \u00fcber &quot;The First 1000&quot;, mittlerweile sind es Hunderte Namen. Darunter James Mahoney, 62, ein pensionierter Notarzt, der eigens f\u00fcr Coronakranke noch einmal antrat, um zu helfen, und Annie Glenn, 100, die Witwe von John Glenn, dem ersten Amerikaner im All.<\/p>\n<p>Die &quot;New York Times&quot; &#8211; die diese Woche 1000 Namen auf die Titelseite stellte &#8211; hat ihre regul\u00e4ren Corona-Nachrufe &quot;Those We&#039;ve Lost&quot; betitelt, um &quot;den menschlichen Verlust von Covid-19 zu vermitteln&quot;. Sie \u00e4hneln den &quot;Portraits of Grief&quot;, jener preisgekr\u00f6nten Serie aus fast 2000 Kurzportr\u00e4ts von Opfern der 9\/11-Anschl\u00e4ge. Nur ist diesmal die Zahl der Toten &quot;nicht endlich&quot; wie vor 19 Jahren, wie der verantwortliche Redakteur Dan Wakin erkl\u00e4rt: &quot;Sie starben nicht alle an einem einzigen hellen, blauen Morgen.&quot;<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Corona-Projekte gibt es landesweit. Ob bei der &quot;Seattle Times&quot; (&quot;Lives Remembered&quot;), der &quot;Chicago Tribune&quot; (&quot;In Memoriam&quot;), der &quot;Tampa Bay Times&quot; (&quot;The Floridians lost to the coronavirus&quot;) oder dem &quot;Philadelphia Inquirer&quot; (&quot;The People We&#039;ve Lost&quot;). Die &quot;Detroit Free Press&quot; ruft ihre Leser auf, per Google-Formular neue Namen, Fotos und Erinnerungen f\u00fcr ihre Corona-Sektion &quot;Remembrances&quot; einzureichen.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen fu\u00dft auf der anglo-amerikanischen Tradition der &quot;<em>obituaries<\/em>&quot;. Anders als die kargen deutschen Todesanzeigen sind das ausf\u00fchrliche Nachrufe &#8211; nicht nur auf Prominente, sondern auch auf Normalb\u00fcrger. &quot;Der erste in den amerikanischen Kolonien wurde 1704 im &#039;Boston News-Letter&#039; ver\u00f6ffentlicht&quot;, sagt der Historiker Nigel Starck. Er habe &quot;die Gottesfurcht&quot; von Jane Treat gelobt, der Enkelin eines Vizegouverneurs, die &quot;mit der Bibel in der Hand&quot; vom Blitz getroffen worden sei. &quot;Wir haben diesen Brauch beibehalten&quot;, so Starck.<\/p>\n<p>&quot;Nachrufe sind ultimative investigative Berichte&quot;, sagt &quot;Post&quot;-Ressortchef Steinberg, der nebenher Pr\u00e4sident der Society of Professional Obituary Writers ist, des Weltverbands der Nachrufverfasser. Diese Praxis wird seit jeher schon an US-Journalistenschulen gepflegt. Die Columbia University, an der auch Steinberg studiert hat, lehrt &quot;<em>obits<\/em>&quot; zum Beispiel als literarische Kunstform, die alle Facetten eines Lebens kondensiert.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Zeitungen in den USA und Kanada haben eigene Nachrufressorts. F\u00fcr Promis und Politiker werden die W\u00fcrdigungen noch vor ihrem Ableben vorbereitet. Manchmal \u00fcberlebt der Gew\u00fcrdigte so den Autor: Der Nachruf der &quot;Washington Post&quot; auf Fidel Castro stammte von J.Y. Smith, der selbst neun Jahre zuvor verstorben war.<\/p>\n<p>Die Pandemie hat nun zu einem neuen Nachrufboom gef\u00fchrt. &quot;Wir werden \u00fcberflutet&quot;, sagt Steinberg, der sich die Arbeitslast mit drei Redakteuren und mehreren Freelancern teilt. Auch die &quot;New York Times&quot; hat Autoren aus anderen Ressorts abgezogen, die &quot;Chicago Tribune&quot; sogar 19 Reporter f\u00fcr die Corona-Nachrufe verpflichtet. &quot;Wir sind bereit, noch mehr Leute ins Team zu holen&quot;, sagte Managing Editor Chrissy Taylor zu CNN.<\/p>\n<p>Denn die bewegenden Corona-Portr\u00e4ts treten an die Stelle der hier sonst \u00fcblichen Rituale kollektiver Trauer, die zurzeit nicht m\u00f6glich sind &#8211; M\u00e4rsche, Mahnwachen, Messen. &quot;In diesen Tagen sehnen wir uns nach emotionaler Connection&quot;, sagt Steinberg. &quot;Die Nachrufe zeigen die Menschen hinter den Zahlen. Sie gehen einem ans Herz. Sie illustrieren einen gr\u00f6\u00dferen Kontext: Sie geben uns ein Gef\u00fchl der nationalen Gemeinschaft &#8211; dass wir alle zusammen leiden.&quot;<\/p>\n<p>Der Mangel an offizieller Trauer fiel besonders auf, als die USA diese Woche die Marke von 100.000 Toten \u00fcberschritt. &quot;Das Ableben dieser 100.000 Menschen&quot;, schrieb Kolumnist Marc Fisher, &quot;hinterlie\u00df einen seltsam geringen Eindruck in einem Land, das seine Gefallenen immer ehrt.&quot; Selbst Pr\u00e4sident Donald Trump ignorierte den Moment, bis auf einen lapidaren Tweet &#8211; er spielt die Corona-Zahlen sowieso lieber herunter. <\/p>\n<p>Dabei markiert jede Zahl ein Schicksal. Shon Myers, 43, ein Fischer, der wegen Corona einen R\u00fcckfall in die Drogensucht erlitt. Margit Buchhalter Feldman, 90, eine Holocaust-\u00dcberlebende, die als Teenager im KZ Bergen-Belsen gefangen war. Wilford und Mary Kepler, 94 und 92, die 73 Jahre lang verheiratet waren. Sie starben nur Stunden nacheinander.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Seitenweise Kurznachrufe im &quot;Boston Globe&quot;: Virtuelle Gedenkw\u00e4nde, die den Opfern ein Gesicht geben Brian Snyder\/ REUTERS Walter Mallin, 97, aus Connecticut \u00fcberlebte 1941 den Angriff auf Pearl Harbor. Valentina Blackhorse, 28, eine Navajo-Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin aus New Mexico, tr\u00e4umte davon, eines Tages ihren Stamm anzuf\u00fchren. Caitlin Whisnant, 18, aus Illinois stand kurz vor dem Highschool-Abschluss. 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