{"id":1910,"date":"2020-08-17T08:29:06","date_gmt":"2020-08-17T05:29:06","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/alexander-lukaschenko-und-belarus-ein-verzweifelter-autokrat-versteht-sein-land-nicht-mehr\/"},"modified":"2020-08-17T08:29:06","modified_gmt":"2020-08-17T05:29:06","slug":"alexander-lukaschenko-und-belarus-ein-verzweifelter-autokrat-versteht-sein-land-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/alexander-lukaschenko-und-belarus-ein-verzweifelter-autokrat-versteht-sein-land-nicht-mehr\/","title":{"rendered":"Alexander Lukaschenko und Belarus: Ein verzweifelter Autokrat versteht sein Land nicht mehr"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/2aea59d4-a553-4e16-aae5-dcaca31d5772_w948_r1.77_fpx40.66_fpy54.97.jpg\" title=\"Alexander Lukaschenko bei seiner Rede in Minsk\" alt=\"Alexander Lukaschenko bei seiner Rede in Minsk\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Alexander Lukaschenko bei seiner Rede in Minsk<\/p>\n<p>  Foto:\u2002YAUHEN YERCHAK\/EPA-EFE\/Shutterstock  <\/figcaption><\/figure>\n<p>50.000 Menschen und mehr w\u00e4hnte Alexander Lukaschenko vor sich zu haben. Jedenfalls behauptete das der belarussische Autokrat, als er am Sonntag im Minsker Zentrum auf dem Unabh\u00e4ngigkeitsplatz vor seinen Anh\u00e4ngern sprach. Journalisten unabh\u00e4ngiger Medien kamen bestenfalls auf mehr als 10.000 Menschen. &quot;Es kann nicht mehr als 80 Prozent F\u00e4lschung geben&quot;, rief er aus. Es klang verzweifelt. Lukaschenko hatte sich mit mehr als 80 Prozent der Stimmen zum haushohen Wahlsieger erkl\u00e4ren lassen &#8211; und damit w\u00fctende Proteste losgetreten.<\/p>\n<p>Eine Woche ist die Wahl nun her, die man angesichts der massiven Manipulationen kaum als solche bezeichnen kann. Es ist eine Woche, in der Lukaschenko es geschafft hat, seine Gegner nach und nach zu vereinen, bis sich schlie\u00dflich so viele wie noch nie, \u00fcber 100.000 Menschen allein in Minsk, versammelten. Dazu kamen noch all die anderen Tausenden in den St\u00e4dten der Regionen. Das Kr\u00e4ftemessen auf der Stra\u00dfe hat Lukaschenko damit erst einmal verloren.<\/p>\n<p>Die Menschen sind l\u00e4ngst nicht mehr nur w\u00fctend \u00fcber dieses von ihnen als dreist empfundene Wahlergebnis. Sie sind erz\u00fcrnt \u00fcber die brutale Gewalt, mit denen Lukaschenko versuchte, zun\u00e4chst die Demonstranten zu brechen. Die Wut hat sich so um ein Mehrfaches potenziert, mit jedem Bild von H\u00e4matomen \u00fcbers\u00e4ten K\u00f6rpern und Berichten von Misshandlungen in sozialen und unabh\u00e4ngigen Medien wurde die Emp\u00f6rung im Land noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Dass sich Lukaschenko nicht bei den Opfern und den Angeh\u00f6rigen der Toten entschuldigte, nennt die Politologin Olga Dryndowa &quot;einen gro\u00dfen Fehler&quot;. Noch immer sitzen mehr als 5000 Menschen in Gef\u00e4ngnissen, von bis zu hundert Protestierenden ist der Verbleib unklar. Ob sie alle noch leben, ist fraglich. Dryndowa glaubt, dass Lukschenko mit seiner Rede sein Land weiter gespalten hat: &quot;Seine Botschaft war: Wir hier auf dem Platz sind die wahren Belarussen, wir sind daf\u00fcr da, den Staat vor all den anderen zu retten.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Die Frauen haben die Wende gebracht&quot;<\/h3>\n<p>Lange sei Lukaschenko ein Volkspr\u00e4sident gewesen. Das Volk jedoch ist ihm nun mehrheitlich abhanden gekommen. Und das liegt vor allem an den Belarussinnen. Sie zogen in Wei\u00df und mit Blumen in den H\u00e4nden auf die Stra\u00dfen, erst zu wenigen Hundert, dann zu Tausenden und umarmten Polizisten und M\u00e4nner der Sondereinheiten. Sie setzten so einen Kontrapunkt zu der Gewalt im Land \u2013 zu einem Pr\u00e4sidenten, der glaubte mit seinem Sicherheitsapparat wie noch vor zehn Jahren die St\u00e4rke der Gewalt aus\u00fcben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch es sind andere Zeiten, das hatten schon die Auftritte seiner Gegenkandidatin Swetlana Tichanowskaja und ihrer beiden Mitstreiterinnen gezeigt, f\u00fcr die Lukaschenko lange Zeit nur Spott \u00fcbrig hatte. &quot;Die Frauen haben die Wende gebracht, vorher standen meist M\u00e4nner den Sicherheitskr\u00e4ften gegen\u00fcber und hatten in den Auseinandersetzungen kaum eine Chance&quot;, sagte Dryndowa dem SPIEGEL.<\/p>\n<h3>Lukaschenkos Machtbasis schwindet<\/h3>\n<p>Lukaschenko wirkt nun schwer angeschlagen, in seiner sehr emotionalen Rede lie\u00df er seine Entt\u00e4uschung \u00fcber das Volk freien Lauf, welches das von ihm Erreichte nach den schwierigen neunziger Jahren nicht zu sch\u00e4tzen w\u00fcsste. Wenn man ihn, den ersten Pr\u00e4sident von Belarus, nun beseitige, bringe man auch das Land um seine Zukunft. Kein Belarus ohne ihn, so Lukaschenkos Gleichung. Ganz so, als w\u00e4re der Staat sein Besitz.<\/p>\n<p>Er mag sich noch von seinen Anh\u00e4ngern, vor allem Beamten und Bewohnern der Regionen, die er eigens heranfahren lie\u00df, als Batka (V\u00e4terchen) bejubeln lassen. Doch seine Machtbasis erodiert:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>In vielen <strong>wichtigen Staatsbetrieben<\/strong> haben die Arbeiter Streiks begonnen, am Montag sollen sie fortgesetzt werden. F\u00fcr Lukaschenko ist das heikel: &quot;Ohne diese Fabriken und Unternehmen geht die belarussische Wirtschaft pleite&quot;, sagt Dryndowa.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Mitarbeiter des <strong>Staatsfernsehens <\/strong>unterst\u00fctzten \u00f6ffentlich die Opposition, mehrere Journalisten k\u00fcndigten. Die Ansprache von Lukaschenko wurde nicht live \u00fcbertragen, daf\u00fcr berichteten Staatskan\u00e4le erstmals neutral \u00fcber die Proteste.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Lukaschenkos Regime hat inzwischen die Taktik ge\u00e4ndert: B\u00fcrgermeister versuchen mit den aufgebrachten Menschen zu reden. In Brest betonte der Stadtchef, dass auch er Ver\u00e4nderungen wolle, was die Menschen nur mit Buhrufen quittierten. L\u00e4ngst ist die Wut auf das ganze Machtsystem \u00fcbergesprungen. Es gibt erste Meldungen, dass Polizisten und Sicherheitskr\u00e4fte den Dienst quittieren. Wie viele es sind, ist schwer einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<h3>Versuchter Schulterschluss mit Putin<\/h3>\n<p>Lukaschenko macht derweil weiter einen Fehler nach dem anderen. EU-Vertreter verwehrte er die Einreise, womit er eine letzte M\u00f6glichkeit einer Kooperation ausschlug. Daf\u00fcr ersuchte Lukaschenko bei Wladimir Putin um Hilfe \u2013 das ganze wirkte wenig abgestimmt und kam einem Eingest\u00e4ndnis der Schw\u00e4che gleich.<\/p>\n<p>Die derzeitige Lage stelle &quot;nicht nur eine Bedrohung f\u00fcr Belarus&quot;, behauptete Lukaschenko. Es gehe also nicht nur um die &quot;Verteidigung&quot; von Belarus, sondern um die des Unionsstaates der beiden L\u00e4nder. Lukaschenko warnte wieder vor einem angeblichen Umsturz in seinem Land, Revolutionen und einer vermeintlichen Bedrohung von au\u00dfen.<\/p>\n<p>Mit solch einer Rhetorik hofft er wohl im Kreml Unterst\u00fctzung zu finden, wo man auf die Einmischung des Westens traditionell allergisch reagiert. Doch der \u00e4u\u00dferte sich bisher zumindest \u00f6ffentlich recht n\u00fcchtern. Lukaschenkos Rhetorik wurde mit keiner Silbe \u00fcbernommen, auch fand sich kein Wort der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Lukaschenko pers\u00f6nlich. Der behauptete, der russische Staatspr\u00e4sident habe ihm &quot;umfassende Hilfe zur Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit&quot; seines Landes zugesagt, sobald er darum ersuchen w\u00fcrde. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass dies aber nur der Fall w\u00e4re, wenn eine &quot;\u00e4u\u00dfere milit\u00e4rische Einmischung&quot; vorliege.<\/p>\n<h3>Warum Belarus nicht die Ukraine ist<\/h3>\n<p>Dass Putin sich jetzt milit\u00e4risch einmischen k\u00f6nnte wie in der Ukraine, halten die meisten Beobachter f\u00fcr unwahrscheinlich. Belarus sei nicht die Ukraine:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Weder Tichanowskaja noch eine ihrer Mitstreiterinnen hat einen EU- oder Nato-Beitritt Belarus&#039; geschweige denn ein Ende der Beziehungen zu Russland gefordert.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Auf keiner der bisherigen Demonstrationen waren EU-Flaggen zu sehen, wie damals 2013\/2014 in den ukrainischen St\u00e4dten.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>&quot;Belarus ist mehr verbunden mit Russland als irgendein anderes Land: freundschaftlich, famili\u00e4r, menschlich, historisch, kulturell, wirtschaftlich und finanziell&quot;, sagt die Politologin Dryndowa. &quot;Das Image des gro\u00dfen Nachbarlands ist eher positiv.&quot; Mit einem Einsatz f\u00fcr Lukaschenka w\u00fcrde Putin dieses Bild nur sch\u00e4digen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&quot;Moskau orientiert sich immer zur siegenden Seite&quot;, schreibt der Politologe Artjom Schrajbman in einer vielgeteilten Analyse auf Telegram. Und diese Seite sei &quot;auch nicht feindseliger&quot; als das Lukaschenko-Regime, &quot;das russische B\u00fcrger als Geisel nimmt&quot;. Er meint die 32 russischen S\u00f6ldner, die Minsk tagelang festhielt und als Beleg daf\u00fcr herhalten sollten, dass Moskau sich in den Wahlkampf eingemischt h\u00e4tte.<\/p>\n<h3>Wie Unzufriedenheit zur\u00fcckdrehen?<\/h3>\n<p>Es scheint so, als w\u00fcrde der Kreml nun vor allem abwarten, die Proteste als interne belarussische Angelegenheit behandeln, wie damals bei der &quot;samtenen Revolution&quot; 2018 in Armenien. &quot;Sicherlich wird Russland versuchen, politischen Einfluss zu nehmen&quot;, sagt Dryndowa. Sollte die EU den Dialog mit dem Oppositionskomitee von Tichanowskaja beginnen, h\u00e4lt sie es f\u00fcr &quot;w\u00fcnschenswert&quot;, wenn &quot;Moskau in den Prozess eingebunden wird, damit Belarus nicht zum Gegenstand geopolitischer Auseinandersetzungen wird&quot;.<\/p>\n<p>Wie es nun f\u00fcr Lukaschenko weitergeht? Sein Amt will Lukschenko so schnell nicht abgeben, das hat er sehr deutlich gemacht. Doch wie er sich aus eigener Kraft an der Macht halten will, ist unklar. &quot;Ich verstehe nicht, wie die F\u00fchrung darauf setzten kann, diese Unzufriedenheit zur\u00fcckzudrehen&quot;, sagte Schrajbman dem kremlkritischen Sender TV Rain. Es kommt nun vor allem darauf an, wie sich Polizei und Milit\u00e4r verhalten werden. Ob Lukaschenko am Montag die streikenden Mitarbeiter des Fahrzeugherstellers MZKT besuchen wird, wie noch am Wochenende angek\u00fcndigt, ist unklar. Sein Pressedienst war nicht erreichbar.<\/p>\n<p>Der Direktor des Staatsbetriebs hatte f\u00fcr Aufsehen gesorgt: Vor aufgebrachten Arbeitern hatte er erkl\u00e4rt, er habe f\u00fcr Lukaschenko gestimmt. Der aber habe die Wahl nicht gewonnen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Alexander Lukaschenko bei seiner Rede in Minsk Foto:\u2002YAUHEN YERCHAK\/EPA-EFE\/Shutterstock 50.000 Menschen und mehr w\u00e4hnte Alexander Lukaschenko vor sich zu haben. Jedenfalls behauptete das der belarussische Autokrat, als er am Sonntag im Minsker Zentrum auf dem Unabh\u00e4ngigkeitsplatz vor seinen Anh\u00e4ngern sprach. 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