{"id":18918,"date":"2023-03-14T12:40:32","date_gmt":"2023-03-14T09:40:32","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/norwegen-feministische-ausenpolitik-muss-nicht-pazifistisch-sein\/"},"modified":"2023-03-14T12:40:32","modified_gmt":"2023-03-14T09:40:32","slug":"norwegen-feministische-ausenpolitik-muss-nicht-pazifistisch-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/norwegen-feministische-ausenpolitik-muss-nicht-pazifistisch-sein\/","title":{"rendered":"Norwegen: \u00bbFeministische Au\u00dfenpolitik muss nicht pazifistisch sein\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Schweden hat sie j\u00fcngst abgeschafft, Deutschland f\u00fchrt sie erst ein \u2013 Norwegen legt in seiner Au\u00dfenpolitik schon lange einen Fokus auf Frauenrechte. Eine Friedensforscherin sagt, was sich daraus lernen l\u00e4sst.  <\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> In Ihrem Land geh\u00f6rt das Thema l\u00e4ngst zum politischen Alltag, in Deutschland wurde die feministische Au\u00dfenpolitik erst vor wenigen Tagen offiziell etabliert. Was w\u00fcrden Sie der deutschen Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock empfehlen, um damit erfolgreich zu sein?<\/p>\n<p><strong>Torunn Tryggestad:<\/strong> Die wichtigste Lektion ist allen Beteiligten zuzuh\u00f6ren. Als die damalige schwedische Au\u00dfenministerin Margot Wallstr\u00f6m 2014 eine feministische Au\u00dfenpolitik ank\u00fcndigte, passierte das sehr spontan nach ihrem Amtsantritt. Danach gab es monatelang Streit, was das \u00fcberhaupt bedeuten soll. So wie ich es mitbekomme, wurde das in Deutschland anders angegangen. Es wurde viele Monate \u00fcberlegt, verschiedene Expertinnen und Experten konnten sich einbringen, auch im Ausw\u00e4rtigen Amt. In der Diskussion wurde Bezug auf die Erfahrungen aus anderen L\u00e4ndern genommen, auch aus Norwegen. Das hat mich sehr gefreut. Diese Weitsicht d\u00fcrfte auch beim diplomatischen Personal die Akzeptanz deutlich erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Und was bedeutet \u00bbfeministische Au\u00dfenpolitik\u00ab jetzt aus Ihrer Sicht?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Feministische Au\u00dfenpolitik ist nach meinem Verst\u00e4ndnis nicht Au\u00dfenpolitik nur f\u00fcr Frauen. Es ist viel mehr eine Politik, die alle Interessen ber\u00fccksichtigt und versucht, ansonsten marginalisierte Menschen st\u00e4rker in den Blick zu nehmen. Feministische Au\u00dfenpolitik m\u00f6chte also mehr Menschen ansprechen und nicht weniger.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Hat es sie \u00fcberrascht, dass Deutschland jetzt auch diesen Schwerpunkt setzt?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>In der Vergangenheit hat sich Deutschland in Fragen bez\u00fcglich der Gleichstellung der Geschlechter und Frauenrechten in der Au\u00dfenpolitik nicht besonders lautstark ge\u00e4u\u00dfert. Mir ist zuletzt eher aufgefallen, dass Deutschland immer sehr kurzfristig gehandelt hat, wenn es ein Zeichen setzen wollte. Bei einer Resolution f\u00fcr Frauenrechte im Uno-Sicherheitsrat sind die deutschen Vertreter vor einigen Jahren beispielsweise sehr forsch aufgetreten, um sie durchzusetzen. Manchmal braucht es einen Bulldozer, um etwas zu erreichen. Die Deutschen sind das gerne. Aber solch ein Auftreten irritiert auch und zerst\u00f6rt Vertrauen in der internationalen Zusammenarbeit. Ich halte es f\u00fcr gut, dass die neue Bundesregierung jetzt l\u00e4ngerfristig plant. Das sendet das Signal an andere L\u00e4nder, dass dieser Ansatz auch f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Nationen relevant geworden ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>W\u00e4hrend Deutschland es erst einf\u00fchrt, wurde das Konzept von der neuen Regierung in Schweden, die erstmals auch von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten unterst\u00fctzt wird, gerade wieder einkassiert. Ist feministische Au\u00dfenpolitik wirklich mehr als Eigenwerbung linksliberaler Regierungen?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Nat\u00fcrlich ist das ein Schlagwort, das vor allem sozialdemokratischen und progressiven Parteien gef\u00e4llt. Aber in Norwegen haben die Ideen dahinter partei\u00fcbergreifend Unterst\u00fctzung gefunden. Und der Ansatz wurde jahrelang auch von einer konservativen Au\u00dfenministerin vertreten, die damit sehr erfolgreich war. Ich habe das gerade erst mit meinem Team untersucht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was haben Sie herausgefunden?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>AlsIne Eriksen S\u00f8reide 2017 Au\u00dfenministerin wurde, war sie in Norwegen die erste Frau im Amt. Dass sie davor im Verteidigungsministerium war, hat ihr sicherlich geholfen. Ihr Schwerpunkt lag auch auf Sicherheitspolitik. Von Feminismus hat sie nie geredet.Dennoch: Sie hat mehr Frauen zu Botschafterinnen gemacht und daf\u00fcr gesorgt, dass mehr Frauen bei Friedensverhandlungen dabei sind. Au\u00dferdem hat sie erwirkt, dass Frauen auch im Uno-Sicherheitsrat beteiligt sind, wenn es um Sicherheitsfragen geht.Unterm Strich war das klar feministisch.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie selbst haben dem norwegischen Au\u00dfenministerium einst dabei geholfen, die Diskussion in Norwegen zu etablieren. Wie kam es damals dazu?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Unser Institut wurde 2006 gebeten, erstmals einen Aktionsplan f\u00fcr die St\u00e4rkung von Frauenrechten in der Au\u00dfenpolitik zu entwerfen. Norwegen war nach D\u00e4nemark das weltweit zweite Land, das sich daf\u00fcr interessierte. Zuvor hatten feministische Gruppen das jahrelang gefordert, auch in der Entwicklungspolitik wurde das Thema immer wichtiger. Aber im Au\u00dfenministerium gab es dazu nicht gen\u00fcgend Know-how. Inzwischen wird der f\u00fcnfte Aktionsplan vorbereitet, mittlerweile erstellt das Ministerium ihn selbst. Offensichtlich hat sich unser Ansatz in den vergangenen 17 Jahren bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Ist es nur Zufall, dass das Konzept in den nordischen L\u00e4ndern zuerst aufkam?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Wir sind vergleichsweise kleine Nationen. Die Nordeurop\u00e4er sind zwar in vielen Bereichen f\u00fchrend, wir haben viel Wohlstand, gute Bildung. Aber au\u00dfenpolitisch k\u00f6nnten wir uns nicht mit milit\u00e4rischer St\u00e4rke behaupten. Wir sind also auf verl\u00e4ssliche Regeln angewiesen. Es ist deshalb in unserem eigenen Interesse, dass wir auf Frieden und Gleichberechtigung setzen und daran arbeiten, internationale Vereinbarungen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in diese Richtung zu bewegen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wo hat denn dieser Ansatz in Norwegen bislang f\u00fcr Verbesserungen gesorgt?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Zuallererst bei uns selbst. Inzwischen wird beinahe die H\u00e4lfte der norwegischen Botschaften von Frauen gef\u00fchrt. Auch in der diplomatischen Ausbildung werden Frauen heute besser gef\u00f6rdert, wir gewinnen viel mehr talentierte junge Absolventinnen f\u00fcr unsere Arbeit als noch vor einigen Jahren. Das Thema selbst ist heute im Au\u00dfenministerium l\u00e4ngst quer durch alle Abteilungen etabliert, nicht mehr nur in der Entwicklungszusammenarbeit.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Und international?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Norwegen arbeitet viel hinter den Kulissen, vermittelt bei Friedensverhandlungen, schl\u00e4gt neue Formulierungen f\u00fcr internationale Vereinbarungen vor, die Frauenrechte st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen. In Kolumbien haben wir beispielsweise geholfen, den Friedensvertrag mit der Farc durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Norwegen hat feministische Au\u00dfenpolitik in S\u00fcdamerika eingesetzt?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Ja! Wenn Rebellengruppen entwaffnet werden, geht es meist nur um M\u00e4nner. Sie legen die Waffen nieder und bekommen daf\u00fcr Geld, vielleicht etwas Land. Viele Mitglieder der Farc-Guerilla warenaber Frauen. W\u00e4hrend der K\u00e4mpfe waren sie weitgehend gleichberechtigt, es gab f\u00fcr sie also wenig zu gewinnen, als sie ins zivile Leben zur\u00fcckkehren sollten. Viele waren von ihren Familien versto\u00dfen worden. W\u00e4hrend der K\u00e4mpfe waren Familiengr\u00fcndungen verboten. Nicht wenige Frauen hatten nach dem Waffenstillstand aber den Wunsch, doch noch eine Familie zu gr\u00fcnden. Wir haben daf\u00fcr gesorgt, dass es neben den klassischen Angeboten zus\u00e4tzlich auch medizinische Unterst\u00fctzung f\u00fcr werdende M\u00fctter gab und sie ansonsten gleichberechtigt behandelt wurden. Das alles hat den Frieden gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Seit dem vergangenen Jahr eskaliert einKrieg in Europa. Der russische Angriff auf die Ukraine hat viele Gewissheiten zerst\u00f6rt. Statt um Verst\u00e4ndigung mit Putin geht es jetzt um Waffenlieferungen und nukleare Abschreckung. Ist in Zeiten des Krieges \u00fcberhaupt noch Platz f\u00fcr solche Konzepte?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Situation von Frauen gerade sehr viel Aufmerksamkeit findet. Vergewaltigungen und andere Formen von sexualisierter Gewalt wurden fr\u00fch systematisch erfasst. Pr\u00e4sident Selenskyj spricht das Thema regelm\u00e4\u00dfig an. Auch die westlichen Partner und EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen haben sich fr\u00fch f\u00fcr den Schutz von Frauen und Kindern eingesetzt. Ich frage deshalb umgekehrt: Wann, wenn nicht im Krieg, sollte man \u00fcber die Situation von Frauen diskutieren?<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>F\u00fcr Feministinnen waren Gewalt und bestimmte Vorstellungen von M\u00e4nnlichkeit lange eng verkn\u00fcpft \u2013 der Krieg erschien vielen als schlimmste Zuspitzung m\u00e4nnlicher Gewaltanwendung. Jetzt geht es fast t\u00e4glich um Waffenlieferungen und Aufr\u00fcstung. Wie passt das alles zusammen?<\/p>\n<p><strong>Tryggestad: <\/strong>Sie haben Recht, dass das ein Widerspruch ist. Die feministische Au\u00dfenpolitik kommt letztlich aus der Friedensbewegung. Aber jetzt sehen wir, dass es selbst in Europa Konflikte gibt, in denen man sich mit Waffen wehren muss, um seine Grundrechte zu verteidigen. Feministische Au\u00dfenpolitik muss nicht pazifistisch sein. F\u00fcr viele Aktivistinnen ist das sicherlich eine Zumutung. Ich glaube aber, dass diese Diskussion wichtig ist. Und auch bei Waffenlieferungen muss man fragen, wie sie eingesetzt werden und an wen sie gehen. Wer bestimmt dar\u00fcber und was sind die Ziele im Krieg? Entscheiden auch Frauen oder wieder nur M\u00e4nner?<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die deutsche Au\u00dfenministerin nannte das k\u00fcrzlich \u00bbRealfeminismus\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Tryggestad:<\/strong>Den Begriff kannte ich noch nicht. Aber ich glaube nicht, dass Feministinnen bislang unrealistisch waren. Viel mehr haben sie doch schon immer angeprangert, was sonst oft vergessen oder einfach geleugnet wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweden hat sie j\u00fcngst abgeschafft, Deutschland f\u00fchrt sie erst ein \u2013 Norwegen legt in seiner Au\u00dfenpolitik schon lange einen Fokus auf Frauenrechte. 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