{"id":1870,"date":"2020-08-15T12:27:59","date_gmt":"2020-08-15T09:27:59","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/minsk-die-umarmungsstrategie-der-demonstranten\/"},"modified":"2020-08-15T12:27:59","modified_gmt":"2020-08-15T09:27:59","slug":"minsk-die-umarmungsstrategie-der-demonstranten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/minsk-die-umarmungsstrategie-der-demonstranten\/","title":{"rendered":"Minsk: Die Umarmungsstrategie der Demonstranten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/fa9acd81-38e7-41b1-8152-b9313b46d974_w948_r1.77_fpx66.81_fpy44.98.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>  Foto:\u2002Natalia Fedosenko \/ imago images\/ITAR-TASS  <\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"caps\">Minsk wirkt derzeit wie eine Stadt, die aus einem b\u00f6sen Traum erwacht ist. Eine heitere Stimmung scheint in der belarussischen Hauptstadt zu herrschen, als h\u00e4tte es die Polizeigewalt und die Brutalit\u00e4t der vergangenen Woche nicht gegeben.<\/p>\n<p>Im Zentrum, auf dem Unabh\u00e4ngigkeitsplatz, sind am Freitagabend einige Tausend junge Menschen zusammengekommen, zu neuen Protesten gegen die manipulierte Wiederwahl von Pr\u00e4sident Alexander Lukaschenko. Auff\u00e4llig viele Frauen sind darunter, manche haben sich Blumenkr\u00e4nze aufgesetzt. Man steht in Gr\u00fcppchen auf dem gro\u00dfen Platz, viele haben sich vor dem Parlament hingesetzt. Es gibt weder Reden noch Lautsprecher noch sichtbare Organisatoren. Wenn nicht skandiert oder gesungen wird, dann herrscht friedliche Stille \u00fcber dem Platz.<\/p>\n<p>&quot;Wir sind in Frieden gekommen!&quot;, ruft die Menge manchmal, oder &quot;Armee und Volk gemeinsam&quot;, oder sogar: &quot;Wir lieben euch!&quot; Das gilt den Uniformierten in Helm und Maske, die in zehn Meter Abstand von der Menge auf den Stufen des Parlaments stehen. Es sind nur wenige Dutzend, und \u00fcberhaupt ist im gesamten Zentrum fast keine Polizei zu sehen. Nicht nur die Protestierenden, auch die F\u00fchrung des Landes um den Autokraten Alexander Lukaschenko versucht sich derzeit offenbar in Deeskalation. Als am Nachmittag klar wurde, dass die Sicherheitskr\u00e4fte die Protestierenden nicht vertreiben wollen, wurden sie sogar von Frauen umarmt. In den Guckl\u00f6chern ihrer Schilde stecken Blumen.<\/p>\n<h3>Kontrast zu den grausamen Misshandlungen<\/h3>\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiger Kontrast zu den Festnahmen &#8211; nach offiziellen Angaben 6700 Menschen -, die es zuvor gegeben hat, zu den grausamen Misshandlungen und Dem\u00fctigungen im Polizeigewahrsam. Und es kann nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der grundlegende Konflikt im Land nicht beigelegt ist. Autokrat Lukaschenko, seit 26 Jahren an der Macht, hat sich einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Wahlsieg zuschreiben lassen, und an diesem Freitagnachmittag best\u00e4tigt die Zentrale Wahlkommission das v\u00f6llig unglaubhafte Wahlergebnis: 80,1 Prozent f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten, nur zehn Prozent f\u00fcr die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja, die ins Exil gezwungen wurde. <\/p>\n<p>&quot;Ich kenne fast niemand, der f\u00fcr Lukaschenko gestimmt hat&quot;, sagt Inga Lyssaja. Die Englischlehrerin ist mit 56 Jahren deutlich \u00e4lter als der Durchschnitt auf dem Platz und erinnert sich, wie schon 2010 auf demselben Unabh\u00e4ngigkeitsplatz W\u00e4hlerproteste niedergeschlagen wurden. Damals funktionierte Lukaschenkos Taktik: so viel Angst einzufl\u00f6\u00dfen, dass auf Jahre hinaus wieder Ruhe herrscht. Auch Lyssaja wurde nach den Protesten zum KGB vorgeladen, der belarussischen Staatssicherheit. Diesmal, sagt sie, scheint die Taktik von damals nicht mehr zu funktionieren &#8211; &quot;jedenfalls m\u00f6chte ich das glauben.&quot;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind an diesem Freitagabend weniger Menschen auf dem Platz als damals, am Wahlabend 2010. Aber die Proteste haben daf\u00fcr diesmal das ganze Land erfasst, und in mehreren Gro\u00dfbetrieben wurde f\u00fcr Montag ein Streik angek\u00fcndigt.<\/p>\n<h3>&quot;Mein ganzer R\u00fccken ist blau&quot;<\/h3>\n<p>Zehn Autominuten s\u00fcdwestlich vom Parlament ist die Gewalt der vergangenen Tage noch f\u00f6rmlich zu sp\u00fcren. Vor einer Gef\u00e4ngnismauer mit Stacheldraht stehen zwei Schlangen &#8211; junge M\u00e4nner vor allem, viele haben sich gegen die k\u00fchle Abendluft Decken umgeworfen. Manche haben gr\u00fcn-blaue Flecken im Gesicht. Es sind Protestierer oder wahllos festgenommene Passanten, die in den beiden Arrestanstalten hinter der Mauer festgehalten und dann wieder freigelassen wurden. Jetzt warten sie darauf, ihre Habseligkeiten abholen zu d\u00fcrfen. &quot;Mein ganzer R\u00fccken ist blau&quot;, sagt der 36 Jahre alte Oleg, &quot;ich musste auf allen vieren herumkriechen und wurde dabei geschlagen.&quot; Das Gef\u00e4ngnis an der Okrestina-Stra\u00dfe ist ber\u00fcchtigt. Ab und zu \u00f6ffnet sich eine der beiden T\u00fcren. Ein verzweifelter Vater best\u00fcrmt den Gef\u00e4ngnisoffizier, wo sein Sohn sei. Noch immer gibt es keine verl\u00e4sslichen Listen, wer wo einsitzt. Und an diesem Tag wird niemand mehr freigelassen.<\/p>\n<p>Aber es gibt Hilfe: An die hundert Freiwilligen haben in dem Park vor den Arrestanstalten eine kleine Zeltstadt aufgebaut. F\u00fcr die Freigelassenen und f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen gibt es Wasser und Esspakete und Hygieneartikel, psychologische Hilfe, juristischen Rat, \u00e4rztliche Versorgung.<\/p>\n<h3>Gespr\u00e4che mit einem Polizeioffizier<\/h3>\n<p>Der Kfz-Mechaniker Andrej, 33, hat selbst in der Okrestina-Stra\u00dfe eingesessen, sie haben ihm mit Kn\u00fcppeln auf die Nieren geschlagen, jetzt will er selbst helfen und Entlassene umsonst nach Hause fahren. &quot;Nieren wachsen nach&quot;, sagt er l\u00e4chelnd. F\u00fcnf Tage hat Andrej in mehreren Arrestgef\u00e4ngnissen verbracht, &quot;Hooliganismus&quot;, also P\u00f6belei, wird ihm vorgeworfen.<\/p>\n<p>Seine Frau Viktoria erz\u00e4hlt: &quot;Wir waren in der Stadt, an unseren wei\u00dfen Armb\u00e4ndern konnte man uns als Anh\u00e4nger der Opposition erkennen. Es war noch am Tag vor der Wahl, und ich ging auf die Sonderpolizei zu, die am Weg stand, und sagte ihnen: &quot;Wir lieben euch!&quot; Das war gut gemeint, ich wollte deeskalieren. Aber dann haben sie Andrej gesagt: &#039;Deine Frau hat eine lockere Zunge&#039;, und haben ihn mitgenommen.&quot;<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter, am Freitagabend auf dem Unabh\u00e4ngigkeitsplatz, scheint die Deeskalation besser zu funktionieren. Die meisten Protestierer sind nach Hause gegangen, die anderen r\u00e4umen sorgf\u00e4ltig Papier- und Blumenreste weg, einige haben einen Polizeioffizier in Gespr\u00e4che verwickelt. &quot;Ich will doch mein Land nicht verlassen!&quot;, sagt ein Jurastudent h\u00f6flich und verzweifelt zugleich. &quot;Was l\u00e4uft denn falsch in unserem Land?&quot;, h\u00e4lt der Offizier unger\u00fchrt dagegen. &quot;Es wird gelogen!&quot;, ruft einer dazwischen. Als die letzten Sicherheitskr\u00e4fte von den Stufen abgezogen werden, ruft die Menge: &quot;Bravo!&quot; und klatscht. Es ist in diesen Tagen in Minsk schon ein Lob wert, wenn man als friedlicher Demonstrant nicht verpr\u00fcgelt wird.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Foto:\u2002Natalia Fedosenko \/ imago images\/ITAR-TASS Minsk wirkt derzeit wie eine Stadt, die aus einem b\u00f6sen Traum erwacht ist. 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