{"id":18644,"date":"2023-03-02T16:46:28","date_gmt":"2023-03-02T13:46:28","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/energiewende-in-belgien-wie-burger-den-hohen-strompreisen-trotzen\/"},"modified":"2023-03-02T16:46:28","modified_gmt":"2023-03-02T13:46:28","slug":"energiewende-in-belgien-wie-burger-den-hohen-strompreisen-trotzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/energiewende-in-belgien-wie-burger-den-hohen-strompreisen-trotzen\/","title":{"rendered":"Energiewende in Belgien: Wie B\u00fcrger den hohen Strompreisen trotzen"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Rasant steigende Strompreise lassen viele Verbraucher nach Alternativen suchen. In Belgien bieten Energiegenossenschaften erfolgreich gr\u00fcnen Strom zum kleinen Preis \u2013 und nutzen gleichzeitig der Nachbarschaft.  <\/p>\n<p>Ein dreist\u00f6ckiges Haus mit 13 Zimmern, hohe R\u00e4ume, eingerichtet im Art-d\u00e9co-Stil. Alte Buntglasfenster, Holzschnitzereien, expressionistische Kunst. Hier, in der belgischen Stadt Eeklo, lebt Bernadette Vandercammen, 67, gemeinsam mit ihrem Mann. Ihre Energiekosten f\u00fcr das gro\u00dfz\u00fcgige Haus: 170 Euro im Monat. Es ist weniger als die H\u00e4lfte dessen, was sieinzwischen mit ihrem alten Vertragzahlen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Dass die steigenden Energiepreise dem Renterehepaar nicht zu schaffen machen, liegt nicht nur an den gut isolierenden, schweren weinroten Vorh\u00e4ngen in ihrem Wohnzimmer und ihrem sparsamen Heizen im Winter. \u00bbDas macht Ecopower\u00ab, sagt Vandercammen und l\u00e4chelt in den gro\u00dfen Raum. Ihr Mann nickt.<\/p>\n<p>Die beiden sind Mitglied in Belgiens gr\u00f6\u00dfter Energiegenossenschaft, gemeinsam mit 65.000 anderen Haushalten. Sie produziert und liefert ihren Mitgliedern gr\u00fcne Energie zum Selbstkostenpreis. Verglichen mit den Branchenriesen ist Ecopower zwar ein Zwerg \u2013 aber ein popul\u00e4rer. Im vergangenen Jahr wollten dreimal mehr Menschen beitreten als versorgt werden k\u00f6nnen. Inzwischen gibt es einen Aufnahmestopp.<\/p>\n<p>Ihre Wurzeln hat die Genossenschaft in Eeklo, Vandercammens Heimatstadt im Norden von Flandern. Das \u00bbEco\u00ab im Namen stand einst f\u00fcr die \u00f6kologischen \u00dcberzeugungen der Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder. Inzwischen lie\u00dfe sich der Name aber auch problemlos als \u00f6konomische Stromerzeugung \u00fcbersetzen. In der derzeitigen Energiekrise bieten Ecopower und andere Genossenschaften Verl\u00e4sslichkeit. W\u00e4hrend andere spekulieren, panisch Preise erh\u00f6hen oder Kunden rauswerfen, bieten sie weiterhin g\u00fcnstigen Strom aus erneuerbaren Quellen an.<\/p>\n<p>\u00bbWir machen langfristige Vertr\u00e4ge\u00ab, erkl\u00e4rt Jan de Pauw, der als Projektentwickler bei Ecopower arbeitet, die Prinzipien. \u00bbWir versorgen nur unsere Mitglieder, zu einem verl\u00e4sslichen Preis, ohne gro\u00dfen Gewinn.\u00ab Das Gesch\u00e4ft ist \u00fcberschaubar, meist regional, kein multinationales Business. Der Strom von Ecopower stammt komplett aus eigener Erzeugung. Viele Kunden leben in Sichtweite der Windturbinen und Solarzellen, von denen sie mit Energie versorgt werden.<\/p>\n<p>Belgien ist heute Vorreiter in diesem Bereich. Die Bedingungen hier seien gut, nach D\u00e4nemark habe man die europaweit besten Voraussetzungen f\u00fcr Windenergie, sagt de Pauw bei einer Besichtigung. Er zeigt \u00fcber die weiten Felder. Viel Wind von der Nordsee, flaches Land. Doch es gibt auch noch andere Gr\u00fcnde. \u00bbIch selbst wollte einfach nicht mehr, dass mein Geld jeden Monat an einen franz\u00f6sischen Konzern geht\u00ab, sagt de Pauw.<\/p>\n<p>Der belgische Staat ist gespalten in das franz\u00f6sischsprachige Wallonien und das Niederl\u00e4ndisch sprechende Flandern. Die Unterschiede haben das regionale Selbstbewusstsein gepr\u00e4gt, vieles wird heute vor Ort selbst gemacht und geregelt. Im Zweifel auch die Produktion von gr\u00fcnem Strom. Dem Rest Europas k\u00f6nnte das relativ egal sein, doch de Pauw ist \u00fcberzeugt, hier zeigen zu k\u00f6nnen, wie universelle Probleme gel\u00f6st werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Denn gegen die Windr\u00e4der, die seine Genossenschaft hier aufstellen lie\u00df, gab es kaum Proteste. De Pauw hat es genau nachz\u00e4hlen lassen. \u00bbZehn mal weniger\u00ab Beschwerden habe es gegen die Vorhaben von Ecopower gegeben, wenn man es mit konventionellen Projekten vergleiche, sagt er. Und: \u00bbAuch diejenigen, die gar nicht mitmachen, akzeptieren den Ausbau.\u00ab<\/p>\n<h3>Gewinne f\u00fcr die Gemeinde statt f\u00fcr einen Gro\u00dfkonzern<\/h3>\n<p>Als \u00bbNimby\u00ab werden diejenigen beschrieben, die in den vergangenen Jahren den Ausbau erneuerbarer Energien regelm\u00e4\u00dfig blockierten. Es steht f\u00fcr: \u00bbNot in my backyard\u00ab \u2013 nicht in meinem Hinterhof. In Bayern haben die Beschwerden dazu gef\u00fchrt, dass der Ausbau von Windr\u00e4dern heute praktisch unm\u00f6glich ist. In Eeklo wurden unterdessen dreimal neue Windr\u00e4der errichtet, zuletzt waren es gleich 14 Anlagen. Inzwischen wird in Eeklo mehr gr\u00fcne Energie produziert, als der Ort verbraucht.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung der Nachbarschaft sei aber nicht einfach fl\u00e4mische Folklore, sagt de Pauw. Die B\u00fcrger w\u00fcssten, dass sich der Ausbau f\u00fcr alle im Ort lohne. \u00bbWir machen einfach das bessere Angebot.\u00ab<\/p>\n<p>Um seinen Ansatz zu unterstreichen, zeigt er im Windpark auf zwei baugleiche Anlagen, die in 120 Metern H\u00f6he ruhig surrend ihre Rotoren drehen. \u00bbWas ist der Unterschied?\u00ab, fragt de Pauw mit ausgestrecktem Arm. Dann antwortet er gleich selbst: \u00bbDas eine Windrad n\u00fctzt nur dem Konzern, dem es geh\u00f6rt. Das andere ist von uns, und wir beteiligen die Menschen hier j\u00e4hrlich mit 10.000 Euro.\u00ab<\/p>\n<h3>20 Jahre derselbe Grundpreis<\/h3>\n<p>Um die Bev\u00f6lkerung von seiner Genossenschaft zu \u00fcberzeugen, organisierte er mehrere Monate lang B\u00fcrgerversammlungen, erkl\u00e4rte das Konzept, fragte nach Sorgen. Am Ende einigten sich Ecopower und Eeklo auf ein gemeinsames Konzept: F\u00fcr jedes Windrad zahlen die Betreiber j\u00e4hrlich je 5000 Euro in einen lokalen Fonds f\u00fcr Klimaschutz und ebenso viel in einen f\u00fcr die Nachbarschaft. Zus\u00e4tzlich bezahlt Ecopower der Stadt 20 Jahre lang einen Ingenieur, der sich vor Ort um die Energiewende und den Aufbau eines Fernw\u00e4rmenetzes k\u00fcmmern soll. Dieser Ingenieur ist de Pauw selbst.<\/p>\n<p>Alles zusammen kostet die Genossenschaft nicht viel, hilft aber der Gemeinde. In den vergangenen Jahren war der Strom von Ecopower mit diesem Konzept etwas g\u00fcnstiger als \u00d6kostrom konventioneller Anbieter. Es war ein \u00d6komodell, kein Sparangebot. Seitdem die Strompreise rasant gestiegen sind, ist es aber beides. W\u00e4hrend die gro\u00dfen Anbieter ihre Preise teils verdreifachten, erh\u00f6hte die Genossenschaft nur moderat die Preise f\u00fcr die Infrastruktur und ihre Verwaltung. Der Grundpreis f\u00fcr die Energie aus jedem Windrad muss dagegen nur die Baukosten und sp\u00e4ter den Unterhalt decken. Er bleibt so 20 Jahre lang gleich.<\/p>\n<p>Bob D\u2019Haeseleer hat als damaliger stellvertretender B\u00fcrgermeister von Eeklo den Aufstieg der Genossenschaft fast zehn Jahre verfolgt. \u00bbF\u00fcr unsere Gemeinde\u00ab, sagt er heute, \u00bbwar Ecopower ein Gl\u00fccksfall. Sie haben uns viele destruktive Diskussionen erspart und uns als Stadt mehr Einnahmen gebracht als konventionelle Anbieter.\u00ab Im Stadtrat sei das Beteiligungskonzept zum Ausbau der Windr\u00e4der damals ohne eine Gegenstimme beschlossen worden.<\/p>\n<p>Inzwischen weht in Eeklo jedoch ein anderer Wind. Bauern streiten sich darum, wer sein Grundst\u00fcck an einen Windradbetreiber verkaufen kann. Das geplante genossenschaftliche Fernw\u00e4rmenetz mit dem Gro\u00dfkonzern Veolia kommt nicht voran. Und die Stromkonzerne, die mit Ecopower die Konzession f\u00fcr den Windpark bekamen, zahlten anders als versprochen nichts in die lokalen Fonds ein, sagt D\u2019Haeseleer. Doch w\u00e4hrend es in Eeklo hakt, wird die Idee der Energiegenossenschaft im Rest Europas zunehmend popul\u00e4rer.<\/p>\n<p>Die EU-Kommission will seit 2019 Energiegenossenschaften zu einer weiteren S\u00e4ule der Stromversorgung ausbauen. Die Argumente in Br\u00fcssel sind dieselben wie in Eeklo: mehr Unterst\u00fctzung vor Ort, mehr Beteiligung der B\u00fcrger, ein verantwortungsvoller Umgang mit Energie.<\/p>\n<p>Ecopower organisiert inzwischen den europ\u00e4ischen Dachverband vergleichbarer Organisationen, innerhalb weniger Jahre hat sich ihre Zahl vervielfacht. Auch in Spanien, Gro\u00dfbritannien oder Deutschland organisieren sich jetzt Interessierte, um regional gemeinsam Energie zu erzeugen. Neben den richtigen Genossenschaften gibt es auch immer mehr sogenannte FinCoops \u2013 junge Energieunternehmen, die Kunden mit gen\u00fcgend Kapital profitorientiert beteiligen.<\/p>\n<p>\u00bbTrotz aller Erfolge m\u00fcssen wir realistisch sein\u00ab, sagt Jan de Pauw. \u00bbWir sind eine weitere S\u00e4ule. Eine sehr wichtige. Aber wir k\u00f6nnen und wollen erst einmal nicht den gesamten Energiemarkt \u00fcbernehmen.\u00ab Derzeit versorgen Genossenschaften gerade einmal zwei Prozent der Haushalte in Belgien. Der Anteil d\u00fcrfte in den kommenden Jahren jedoch weiter steigen, eine Beteiligung von Kooperativen ist bei neuen Projekten inzwischen gesetzlich verankert.<\/p>\n<p>In einem Modellprojekt der EU bekommen derzeit 100 bed\u00fcrftige Familien statt Kostenzusch\u00fcssen selbst Genossenschaftsanteile. Die Ecopower-Kunden seien doppelt so sparsam wie der Rest, sagt de Pauw, die Beteiligung erm\u00f6gliche vielleicht den Austausch von Tipps, Hinweise auf einen bewussteren Umgang mit Energie.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Projekt der kommenden Jahre wird jedoch ein anderes. Vor der belgischen K\u00fcste will Ecopower zusammen mit 32 anderen belgischen Genossenschaften erstmals auch Offshore-Windenergie erzeugen. Die 240 geplanten Windr\u00e4der w\u00e4ren mit einer Leistung von je 15 Megawatt etwa achtmal st\u00e4rker als die in Eeklo. Derzeit l\u00e4uft die Ausschreibung, die Genossenschaften wollen sich mit 450 Millionen Euro an einem Konsortium beteiligen. Sollte der Plan aufgehen, entst\u00fcnde ein Park, der Strom f\u00fcr 800.000 Haushalte produziert.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bernadette Vandercammen sind andere Dinge an der Energiegenossenschaft bedeutender. \u00bbMir ist nur wichtig, dass der Gewinn bei uns hier in Eeklo bleibt\u00ab, sagt sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rasant steigende Strompreise lassen viele Verbraucher nach Alternativen suchen. In Belgien bieten Energiegenossenschaften erfolgreich gr\u00fcnen Strom zum kleinen Preis \u2013 und nutzen gleichzeitig der Nachbarschaft. 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