{"id":1856,"date":"2020-08-14T19:52:14","date_gmt":"2020-08-14T16:52:14","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-festgenommene-demonstranten-nach-der-wahl-misshandelt-werden\/"},"modified":"2020-08-14T19:52:14","modified_gmt":"2020-08-14T16:52:14","slug":"belarus-wie-festgenommene-demonstranten-nach-der-wahl-misshandelt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-festgenommene-demonstranten-nach-der-wahl-misshandelt-werden\/","title":{"rendered":"Belarus: Wie festgenommene Demonstranten nach der Wahl misshandelt werden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/e7f01308-1f72-4e0e-98e9-244422af2bc9_w948_r1.77_fpx36_fpy50.jpg\" title=\"Ein ehemaliger Gefangener zeigt die Wunden nach seiner Haft in Minsk\" alt=\"Ein ehemaliger Gefangener zeigt die Wunden nach seiner Haft in Minsk\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ein ehemaliger Gefangener zeigt die Wunden nach seiner Haft in Minsk<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Sergei Grits \/ AP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Alesja*sieht noch, wie Beamte einer Omon-Sondereinheit mit Schlagst\u00f6cken auf ihren Mann einpr\u00fcgeln. Iwan* liegt mit anderen auf der Stra\u00dfe an einer Br\u00fccke in Minsk, h\u00e4lt die H\u00e4nde \u00fcber den Kopf verschr\u00e4nkt. Alesja ruft noch: &quot;Das ist mein Mann!&quot;, dann schlagen vermummte Sicherheitskr\u00e4fte auf sie ein, sto\u00dfen sie in einen Gef\u00e4ngnistransporter.<\/p>\n<p>Sechs Tage ist das her. Ihren Mann hat Alesja seitdem nicht mehr gesehen. Es war der Abend, an dem sich der autorit\u00e4re Machthaber Alexander Lukaschenko erneut zum Sieger der Pr\u00e4sidentschaftswahl ausriefen lie\u00df, einer offensichtlich manipulierten Abstimmung.<\/p>\n<p>Sie und ihr Mann seien mit Freunden nach einer Demonstration im Taxi unterwegs nach Hause gewesen, als sie von Beamten der inneren Sicherheit aus dem Wagen gezerrt wurden, berichtet Alesja. Sie selbst hatte Gl\u00fcck: Sie sei stundenlang im Gef\u00e4ngnistransporter durch die Stadt gefahren und dann freigelassen worden.<\/p>\n<p>Wo ihr Mann jetzt genau ist, kann Alesja nur erahnen. Sie wirkt gefasst am Telefon: &quot;Ich kann jetzt nicht schwach sein, kann einfach nicht mehr weinen&quot;, sagt sie. Alesja vermutet ihn im Gef\u00e4ngnis bei Schodina, 60 Kilometer nord\u00f6stlich von Minsk. Bekannte haben seinen Namen auf einer der vielen Listen gefunden, die Freiwillige handschriftlich f\u00fchren und \u00fcber Telegram-Gruppen teilen.<\/p>\n<h3><strong>Hunderte warten auf ihre Angeh\u00f6rigen<\/strong><\/h3>\n<p>Seit der Nacht steht die 25-J\u00e4hrige in Schodsina vor dem Tor des Gef\u00e4ngnisses. Hunderte seien vor Ort, schreibt sie und schickt Fotos von Menschenmengen. Es sind Familienangeh\u00f6rige und Freunde, sie haben Wasser, Essen und Medikamente dabei, hoffen, ihre M\u00e4nner und Frauen, Kinder und Freunde endlich in die Arme schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Der Innenminister Jurij Karajew hatte am Donnerstagabend verk\u00fcndet, dass viele der Festgehaltenen freikommen sollen.<\/p>\n<p>Mehr als 6700 Menschen haben die Einsatzkr\u00e4fte seit Sonntag bei Protesten festgenommen. Verwandte und Freunde wissen oft immer noch nicht, wo die Festgenommenen sind, wie es ihnen geht. Bilder verschiedener TV-Sender zeigten, wie M\u00fctter und Ehefrauen auch vor dem Polizeigeb\u00e4ude in der Okrestina-Stra\u00dfe in Minsk ausharren, viele weinen, halten sich in den Armen.<\/p>\n<p>Auch Alesja wartete zun\u00e4chst dort, stundenlang. In der Hoffnung, dass jemand ihr sagen w\u00fcrde, ob ihr Mann dort ist.<\/p>\n<p>Alesja rief \u00fcberall an, bei Polizeistationen, beim Ermittlungskomitee, bei Gerichten, in Krankenh\u00e4usern, bei Menschenrechtlern. Keine Spur von Iwan.<\/p>\n<h3><strong>Mitgefangener berichtet \u00fcber Misshandlungen<\/strong><\/h3>\n<p>In der Nacht zu Mittwoch dann endlich ein Anruf. &quot;Ihr Mann sitzt in Okrestina&quot;, habe jemand gesagt. Es ist Igor, er sa\u00df mit Iwan nicht nur im Gef\u00e4ngnistransporter, sondern auch drei Tage lang in einer Zelle. Der 27-J\u00e4hrige sei zu f\u00fcnf Tagen Haft verurteilt worden, es gehe ihm den Umst\u00e4nden nach gut, habe Igor ihr gesagt. Er selbst habe blaue Flecken an R\u00fccken und Beinen, eine gebrochene Rippe.<\/p>\n<p>In Belarus mehren sich ersch\u00fctternde Berichte von Menschen, die erz\u00e4hlen, wie sie in Gefangenentransportern, auf Polizeistationen und in Haftanstalten gezielt misshandelt werden (Lesen Sie hier auf Deutsch, was der Reporter der russischen Internetseite Znak Nikita Telishenko in Haft erlebte). Der SPIEGEL hat mit f\u00fcnf Betroffenen gesprochen.<\/p>\n<p>29 Mann seien sie in einer Zelle f\u00fcr eigentlich sechs Inhaftierte gewesen, berichtet der Mitgefangene von Alesjas Mann dem SPIEGEL am Telefon. &quot;Es f\u00fchlte sich an, als ob wir ersticken w\u00fcrden.&quot; Eine L\u00fcftung habe es nicht gegeben, nur ein kleines Fenster, es sei sehr hei\u00df gewesen.<\/p>\n<p>&quot;Wenn den Beamten langweilig war, kamen sie rein, schlugen den Erstbesten und gingen wieder&quot;, erz\u00e4hlt Igor. Bei der Ankunft h\u00e4tten die M\u00e4nner stundenlang im Hof auf Knien auf dem Beton ausharren m\u00fcssen, die Arme \u00fcber dem Kopf verschr\u00e4nkt, dabei waren ihr H\u00e4nde mit Kabelbinder fixiert. &quot;Wer sich irgendwie bewegte, wurde verpr\u00fcgelt.&quot; Beamte h\u00e4tten geschrien: &quot;Du verf\u2026Tier, ruhig liegen! Du verf\u2026 Schwuler, ich werde dir beibringen, f\u00fcr wen man abstimmt.&quot;<\/p>\n<p>Zu essen habe es nichts gegeben, all die drei Tage lang, sagt Igor. Wasser konnte nur aus einem Hahn in der Zelle getrunken werden. &quot;Doch den haben sie tags\u00fcber auch oft abgestellt. Oder nur hei\u00dfes Wasser angestellt.&quot;<\/p>\n<p>Einer der Mitgefangenen hatte einen Splitter einer Blendgranate im Bein, in der Nebenzelle sa\u00df eine schwangere Frau, der es nicht gut ging, sagt Igor. &quot;Sie baten um einen Arzt, doch der kam nie.&quot; Der Frau habe man geantwortet: &quot;Das ist normal, wenn man schwanger ist, kotz in die Toilette.&quot;<\/p>\n<p>Dimitrij wurde am Montag bei Protesten von Gummigeschossen getroffen und festgenommen. Schon da h\u00e4tten Beamte auf ihn eingepr\u00fcgelt, sagt der 35-J\u00e4hrige. Sp\u00e4ter auf einer Polizeistation in Minsk droschen f\u00fcnf maskierte Polizisten auf ihn gemeinsam ein, wieder und wieder, &quot;ich dachte, ich \u00fcberlebe das nicht.&quot; Die Beamten seien so brutal gegen ihn und andere Festgenommene vorgegangen, dass er sich kaum noch regen konnte, sagt Dimitrij. Die Verletzten wurden schlie\u00dflich in ein Krankenhaus gebracht. Sein K\u00f6rper ist voller H\u00e4matome, wie Fotos zeigen, die er schickt.<\/p>\n<p>Von einer &quot;H\u00f6lle&quot; und st\u00e4ndiger Angst spricht Irina Krawez, sie sa\u00df drei Tage in Okrestina ein. Die Frauen h\u00e4tten sich ausziehen m\u00fcssen und seien dreimal durchsucht worden. Sp\u00e4ter seien 36 Frauen in eine Zelle f\u00fcr vier Menschen gesteckt worden, sagt sie. Die W\u00e4rter h\u00e4tten die Frauen angeschrien und ihnen gedroht: &quot;Ihr Ratten, Lukaschenko gef\u00e4llt euch nicht, wir werden euch schon zeigen, f\u00fcr wen man stimmt&quot;, so berichtet die 49-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p>&quot;Immer wieder haben die W\u00e4rter die Zellent\u00fcr ge\u00f6ffnet, Eimer mit Wasser auf uns gesch\u00fcttet und geschrien: &#039;Willkommen in einem toleranten Land, ihr Tiere.&#039;&quot; Das Wasser habe sich auf dem Boden gesammelt. &quot;Wir standen in der N\u00e4sse, es wurde schw\u00fcl, bei der Hitze fiel es uns noch schwerer zu atmen&quot;, sagt Irina Krawez. &quot;Wir hielten uns gegenseitig, damit keine umkippt.&quot; St\u00e4ndig wechselten die Frauen ihre Positionen in der Zelle, damit sie sich reihum kurz hinlegen und ausruhen konnten.<\/p>\n<h3><strong>Kein Zugang zu Anw\u00e4lten &#8211; wegen Corona<\/strong><\/h3>\n<p>Ihren Anwalt habe sie nicht sehen d\u00fcrfen, sagt Irina Krawez. Offizieller Grund: die Corona-Pandemie. Sie will gegen ihre Verurteilung und Behandlung klagen, spricht von Folter: Wie die wilden Tiere h\u00e4tten sich die Beamten verhalten, auch noch Freude daran gehabt, so ihr Eindruck. Das Innenministerium bestreitet die Misshandlungen von Gefangenen.<\/p>\n<p>Irina Krawez war vor einem Wahllokal in Minsk festgenommen worden. Sie glaubt, die F\u00fchrung lasse nun Hunderte Inhaftierte frei, weil es einfach keinen Platz mehr in den Haftanstalten gibt und sie ihn f\u00fcr die kommenden Tage brauchen. &quot;Die Menschen werden ja weiter demonstrieren.&quot; Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja, die sich als Gewinnerin der Wahl sieht, hat aus ihrem Exil in Litauen die B\u00fcrgermeister aufgerufen, Versammlungen am Wochenende zuzulassen. Sie forderte abermals ein Ende der Gewalt in Belarus.<\/p>\n<h3>&quot;Gezielte Kampagne der Einsch\u00fcchterung und Dem\u00fctigung&quot;<\/h3>\n<p>Amnesty International spricht inzwischen von systematischer Folter der Festgenommenen bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen, \u00fcber die auch eine junge Frau berichtete. &quot;All die Misshandlungen &#8211; das sind keine Einzelf\u00e4lle besonders brutaler Beamter&quot;, sagt Alexander Artemjew, der gerade f\u00fcr die Menschenrechtsorganisation in Belarus war. &quot;Das ist von ganz oben, von der F\u00fchrung genehmigt, eine gezielte Kampagne der Einsch\u00fcchterung und Dem\u00fctigung gegen Demonstranten und ihre Angeh\u00f6rigen.&quot; Lukaschenko hatte Protestierende immer wieder verunglimpft, als &quot;Kriminelle&quot; und &quot;Betrunkene mit Drogen&quot; beschimpft.<\/p>\n<p>Alesja findet dieses Menschenbild einfach nur respektlos. &quot;Wir wollen einen Wandel in diesem Land, daf\u00fcr demonstrieren wir friedlich, ohne Alkohol.&quot; Ihr Mann Iwan hat ihr ausrichten lassen, sie solle zu Hause bleiben. Sie geht trotzdem weiter demonstrieren, versammelt sich mit Tausenden Frauen in Minsk. &quot;Wie kann ich daheim bleiben, angesichts dieser Gewalt, dieser Ungerechtigkeit?&quot;, fragt sie. &quot;Wir wollen endlich Freiheit.&quot;<\/p>\n<p><em>*Auf Bitten der Angeh\u00f6rigen von Iwan, die Angst um seine Sicherheit haben, wurden alle Namen der Familie anonymisiert, dem SPIEGEL sind sie bekannt.<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ein ehemaliger Gefangener zeigt die Wunden nach seiner Haft in Minsk Foto:\u2002Sergei Grits \/ AP Alesja*sieht noch, wie Beamte einer Omon-Sondereinheit mit Schlagst\u00f6cken auf ihren Mann einpr\u00fcgeln. Iwan*<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1857,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1856","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1856"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1856\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}