{"id":18376,"date":"2023-02-18T22:24:30","date_gmt":"2023-02-18T19:24:30","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/myanmar-nach-dem-putsch-protokoll-aus-dem-bewaffneten-widerstand\/"},"modified":"2023-02-18T22:24:30","modified_gmt":"2023-02-18T19:24:30","slug":"myanmar-nach-dem-putsch-protokoll-aus-dem-bewaffneten-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/myanmar-nach-dem-putsch-protokoll-aus-dem-bewaffneten-widerstand\/","title":{"rendered":"Myanmar nach dem Putsch: Protokoll aus dem bewaffneten Widerstand"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Junge Frauen und M\u00e4nner in Myanmar schlie\u00dfen sich der bewaffneten Guerilla an, um die Freiheit ihres Landes zu verteidigen. Hier berichtet ein Ehepaar \u00fcber das Kampftraining im Dschungel und das Leben im Untergrund.  <\/p>\n<p>Thura Yair Naung ist 23 Jahre alt, und seine Leidenschaft sind Computerspiele. Er tr\u00e4umte davon, ein Team aus professionellen Gamern zu bilden und gemeinsam bei internationalen Turnieren anzutreten. Wenn er einmal genug Geld zusammen haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Papa ist 21 Jahre alt, die j\u00fcngste Tochter ihrer Eltern. Vor vier Jahren beendete sie die Schule, wollte studieren. Papa lernte Thura kennen, sie verliebten sich ineinander. Kamen zusammen, zwei Menschen, gerade so erwachsen, tr\u00e4umten die Tr\u00e4ume Anfang 20-J\u00e4hriger.<\/p>\n<p>Doch dies ist nicht die Geschichte von Tr\u00e4umen, sondern eine davon, was Krieg mit Tr\u00e4umen macht.<\/p>\n<p>Thura und Papa leben in Myanmar. Im Februar 2021 hatte sich dort die Junta zur\u00fcck an die Macht geputscht, die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi eingesperrt und den Ausnahmezustand verh\u00e4ngt. Der Putsch beendete Jahre der \u00d6ffnungin dem s\u00fcdostasiatischen Land, eine Phase, in der es so aussah, als w\u00fcrde in Myanmar auf Jahrzehnte von Konflikten, wechselnder Milit\u00e4rregime, K\u00e4mpfe ethnischer Minderheiten nun endlich mehr Demokratie folgen.<\/p>\n<p>Anfangs protestierten die Menschen in den St\u00e4dten des Landes friedlich gegen das Milit\u00e4r. Dann ging die Junta gewaltsam gegen die Demonstrierenden vor, folterte, sperrte ein, schoss Teenagern in den Kopf. Das war, so beschreiben es viele, der Moment, in dem aus friedlichem Dagegenhalten ein gewaltsamer Widerstand wurde: Im Untergrund formierte sich eine Armee aus Freiwilligen, die versteckt in den W\u00e4ldern ein Milit\u00e4rtraining absolvieren, unterst\u00fctzt von den Truppen der ethnischen Minderheiten, die jahrelange Erfahrung in der Auseinandersetzung mit dem myanmarischen Regime haben.<\/p>\n<p>Teil dieses bewaffneten Widerstands, der sogenannten People&#039;s Defense Forces (PDFs), sind Thura und Papa. Inzwischen gibt es laut der International Crisis Group             Hunderte Gruppen solcher PDFs im ganzen Land.<\/p>\n<p>Hier erz\u00e4hlen Papa und Thura abwechselnd davon, was es hei\u00dft, zum ersten Mal eine Waffe in der Hand zu halten, statt sich an der Uni einzuschreiben. Die beiden geben seltene Einblicke in den Alltag der Guerilla und erz\u00e4hlen, wie schwer es ist durchzuhalten.<\/p>\n<p><strong>Thura:<\/strong> \u00bbMeine erste Aufgabe im Trainingscamp vor zwei Jahren war es, Toiletten zu bauen. Alles war darauf ausgelegt, uns Neue st\u00e4rker zu machen. 300 Frauen und M\u00e4nner, die meisten so Mitte zwanzig, fingen mit mir in der Einheit an. Wir standen um vier Uhr auf, von halb f\u00fcnf bis sechs: Ausdauerl\u00e4ufe. Dann Fr\u00fchst\u00fcck. Ab acht Milit\u00e4r\u00fcbungen. Nachmittags Kampfstrategie. Dann wieder Milit\u00e4r\u00fcbung. Dann Abendessen, um acht gingen wir schlafen. Die Mahlzeiten bestanden aus Bohnen, Bambussprossen und Reis. Es gab nicht gen\u00fcgend Waffen f\u00fcr uns alle. Alles war improvisiert.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Papa: <\/strong>\u00bbIch hatte an meinem ersten Tag im Camp meine Periode, war geschw\u00e4cht. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen. Ich trainierte wie die M\u00e4nner. Wir rannten viele, viele Runden um unser Camp. \u00dcbten Schie\u00dfen. Machten Bauch\u00fcbungen, damit unser Rumpf stabil ist und wir m\u00f6glicher Folter durch das Milit\u00e4r besser gewachsen sind. Dieses Bauchtraining geht so: Andere Soldatinnen treten dir mit den F\u00fc\u00dfen in den Magen. Du musst den Bauch anspannen, damit dich die Schl\u00e4ge nicht verletzen. Am Ende des ersten Tages war ich total geschafft, hatte starke Schmerzen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Thura:<\/strong> \u00bbPapa war in einem anderen Teil der Gruppe, das war hart f\u00fcr mich. Wir sahen uns selten. Wenn ich ehrlich bin, habe ich viele Tage nur durchgehalten, weil ich wusste, dass meine Freundin auch hier ist. Ich sah sie manchmal in Pausen, oder morgens bei dem Drill. Dann habe ich ihr kurz auf die Schulter geklopft und gesagt, dass sie es schafft.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Papa:<\/strong> \u00bbWarum,fragte ich mich, bin ich eine K\u00e4mpferin geworden? Warum mache ich das alles mit? Warum setzen junge Menschen in Myanmar ihr Leben aufs Spiel? Nach dem Putsch habe ich gesehen, wie das Milit\u00e4r Jugendliche auf offener Stra\u00dfen erschossen hat. W\u00e4hrend eines friedlichen Protests auf den Stra\u00dfen Yangons. Da war mir klar: Ich muss etwas tun, ich muss das Land verteidigen, das meine Heimat ist.\u00ab<\/p>\n<p><em>Thura und Papa haben nach ihrer Ausbildungszeit in einem der Camps geheiratet. Sie sind jetzt in derselben Einheit, im Karen State im Osten Myanmars. Papa als Sanit\u00e4terin, Thura an der Waffe. 17 Kameraden seien gestorben. Ein Soldat sei von einer Rakete getroffen worden. Thura erz\u00e4hlt, er habe unter Schock gestanden, w\u00e4hrend er seinen Freund in den letzten Minuten seines Lebens begleitete.<\/em><\/p>\n<p><strong>Thura: <\/strong>\u00bbIch dachte erst, er w\u00fcrde schlafen. Aber er war tot. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. Auch nicht darauf, was es hei\u00dft, zum ersten Mal an der Front zu sein. Bei mir war das am 14. Dezember 2021, das vergesse ich nie. Wir hatten zu wenige Uniformen, zu wenig Ausr\u00fcstung. Das Milit\u00e4r startete einen Angriff auf das Dorf Lay Kay Kaw im Karen State. Dort halten sich viele Oppositionelle auf. Ich war mittendrin. Dieses K\u00e4mpfen \u2026 daran kann ich mich nicht gew\u00f6hnen.\u00ab<\/p>\n<p><em>Es ist ein asymmetrischer Konflikt: Dort die 300.000 Mann starke Armee, jahrelang ausgebildet, ausger\u00fcstet mit Waffen aus China und Russland. Auf der anderen Seite junge M\u00e4nner und Frauen, die zum ersten Mal etwas von Kriegsstrategie h\u00f6ren. Nach Sch\u00e4tzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAP wurden seit dem Putsch bereits 2900 Menschen get\u00f6tet und 17.000 festgenommen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Papa:<\/strong> \u00bbIm Widerstand zu sein bedeutet, dass das Leben jederzeit zu Ende gehen kann. Du triffst eine Soldatin w\u00e4hrend des Tages, isst mit ihr, sprichst mit ihr. In der Nacht darauf kann sie bereits bei einem Luftangriff get\u00f6tet werden. Das ist nun mein Alltag.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Thura:<\/strong> \u00bbImmer wenn ich kurz davor bin, alles hinzuwerfen, denke ich an alle Kameraden, die schon gestorben sind. Ich w\u00fcrde sie betr\u00fcgen, w\u00fcrde ich gehen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Papa:<\/strong> \u00bbNur einmal war ich kurz davor aufzugeben. Das war, als meine Mutter starb. Sie wurde krank, nachdem ich die Familie verlassen hatte, um zu k\u00e4mpfen. Ich hatte st\u00e4ndig das Gef\u00fchl, sie allein gelassen zu haben. Als sie starb, war ich in einem Teil des Landes stationiert, wo ich keinen Handyempfang hatte. Als ich wieder ins Internet konnte, las ich die Nachricht. Meine Mutter war bereits seit drei Monaten tot. Ich hatte keine M\u00f6glichkeit, mich von ihr zu verabschieden. Es f\u00fchlt sich an, als h\u00e4tte ich alles verloren, bis heute.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Thura:<\/strong> \u00bbIch habe mich ver\u00e4ndert, bin st\u00e4rker und \u00e4lter geworden. Es macht mich traurig, nicht das zu machen, was ich noch vor ein paar Jahren vorhatte. Wer will schon k\u00e4mpfen? Aber ich versuche, diesen Gef\u00fchlen so wenig Raum wie m\u00f6glich zu geben. Ich verdr\u00e4nge das.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Papa:<\/strong> \u00bbDas Milit\u00e4r hat starke Waffen. W\u00e4hrend wir Runden rennen um unsere Camps im Dschungel. Wir waren bis vor zwei Jahren Sch\u00fclerinnen, Studenten. Aber ich glaube daran, dass der Widerstand immer st\u00e4rker wird. Uns tr\u00e4gt dieser unbedingte Wille, dass die Revolution gelingt. Daf\u00fcr opfern wir unser Leben. Wir wollen keine Milit\u00e4rregierung mehr. Das haben wir alles schon gehabt. Wir wollen keine Diktatur. Der bewaffnete Widerstand ist die einzige Option, die uns geblieben ist.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Thura:<\/strong> \u00bbWir haben alles verloren, unsere Freiheit, unser Leben, wie es war. Wir haben nichts mehr zu verlieren.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Frauen und M\u00e4nner in Myanmar schlie\u00dfen sich der bewaffneten Guerilla an, um die Freiheit ihres Landes zu verteidigen. Hier berichtet ein Ehepaar \u00fcber das Kampftraining im Dschungel und das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18377,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-18376","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18376"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18376\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18376"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18376"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}