{"id":18298,"date":"2023-02-15T12:36:40","date_gmt":"2023-02-15T09:36:40","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/ausbeutung-bei-der-ernte-fur-deutsche-supermarkte-warum-starb-joban-singh\/"},"modified":"2023-02-15T12:36:40","modified_gmt":"2023-02-15T09:36:40","slug":"ausbeutung-bei-der-ernte-fur-deutsche-supermarkte-warum-starb-joban-singh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/ausbeutung-bei-der-ernte-fur-deutsche-supermarkte-warum-starb-joban-singh\/","title":{"rendered":"Ausbeutung bei der Ernte f\u00fcr deutsche Superm\u00e4rkte: Warum starb Joban Singh?"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Er pfl\u00fcckte Kohlrabi f\u00fcr deutsche Superm\u00e4rkte: Joban Singh hatte sich hoch verschuldet, um nach Italien zu kommen. Dort arbeitete der Inder als Erntehelfer \u2013 ohne Papiere, f\u00fcr einen Hungerlohn. Bis er keinen Ausweg mehr sah.  <\/p>\n<p>Das Leben von Joban Jobandeep Singh endete so, wie er sich in seinen letzten Wochen gef\u00fchlt hatte: traurig und allein. Am 5. Juni 2020 meldete er sich morgens von der Arbeit ab. Er ging nicht zu dem Feld, auf dem er die vergangenen Monate fast t\u00e4glich Auberginen, Zucchini und Kohlrabi geerntet hatte. Seinen Kollegen sagte er, er f\u00fchle sich krank. Als sie gegen 9.30 Uhr wegen Regenwetters fr\u00fcher als geplant vom Feld zur\u00fcckkehrten, fanden sie ihn tot auf.<\/p>\n<p>Zwei Tage zuvor hatte er einem Vorarbeiter noch seinen Pass gegeben, in der Hoffnung, endlich einen Arbeitsvertrag zu erhalten. Schon damals m\u00fcssen ihn gro\u00dfe Sorgengeplagt haben. Kollegen sagen, er sei wie besessengewesen von seinen Schulden. Etwa 10.000 Euro soll er sich geliehen haben, um von Indien nach Italien zu kommen. Dem gegen\u00fcber stand ein Stundenlohn von vier bis f\u00fcnf Euro, die H\u00e4lfte des offiziellen Tariflohns. Gut 2000 Euro sollen Joban Singh zudem von seinem Lohn vorenthalten worden sein. Joban Singh arbeitete schwarz.<\/p>\n<p>Die Geschichte k\u00f6nnte hier zu Ende sein. W\u00e4re es ein Einzelfall. Doch die Ausbeutung hat System. Und das Sterben auch. Allein im vergangenen Jahr sollen sich in Italien mindestens vier Feldarbeiter mit \u00e4hnlichem Schicksal das Leben genommen haben. Der letzte von ihnen starb im Oktober. Der italienische Gewerkschaftsbund CGIL sch\u00e4tzt, dass landesweit etwa 400.000 Menschen in der Landwirtschaft ausgebeutet oder illegal besch\u00e4ftigtwerden.<\/p>\n<p>Was die Tagel\u00f6hner ernten, kommt in die Einkaufswagen Europas. Besonders Deutschland ist bekannt f\u00fcr seine Nachfrage nach g\u00fcnstigem Obst und Gem\u00fcse. Und der italienische Markt liefert. Auch Joban Singh erntete f\u00fcr deutsche Kunden: Die Produkte seines letzten Arbeitgebers landeten unter anderem bei Aldi Nord.<\/p>\n<p>Bevor Obst und Gem\u00fcse vom Feld in die Superm\u00e4rkte gelangen, werden sie bereits mehrfach weiterverkauft. Zwischenh\u00e4ndler organisieren die Lieferung von den Herkunftsl\u00e4ndern bis in die Lager gro\u00dfer Handelsunternehmen. Es sind oft Lieferketten der Verantwortungslosigkeit. So auch im Fall von Joban Singh.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn kommt es zu sp\u00e4t, doch seit dem 1. Januar dieses Jahres sollen deutsche Unternehmen mehr Verantwortung \u00fcbernehmen. Das sogenannte Lieferkettengesetz nimmt sie k\u00fcnftig st\u00e4rker in die Pflicht, wenn Menschenrechte verletzt und die Umwelt zerst\u00f6rt wird. Es ist ein politischer Erfolg, um den lange gerungen wurde. Doch angenommen, das Lieferkettengesetz w\u00e4re bereits fr\u00fcher in Kraft gewesen: H\u00e4tte es Joban Singh wirklich helfen k\u00f6nnen? Wer tr\u00e4gt die Verantwortung f\u00fcr sein Schicksal und das vieler anderer? Die italienischen Besitzer der Felder? Die europ\u00e4ischen Konsumenten? Deutsche Supermarktketten?<\/p>\n<p>Diese Geschichte ist eine Spurensuche, die in Italien beginnt, nach Indien und wieder zur\u00fcck bis nach Deutschland f\u00fchren wird.Sie beginnt dort, wo Joban Singhs Leben endete. Am Ortsrand von Sabaudia. Einer kleinen Stadt eineinhalb Stunden s\u00fcd\u00f6stlich von Rom. Im S\u00fcden der Provinz Latina, direkt am Meer.<\/p>\n<h3><strong>Der Ort der Ausbeutung<\/strong><\/h3>\n<p>Das Haus, in dem Singh die letzten Wochen lebte, steht noch heute wie unver\u00e4ndert da.Die tristen Geb\u00e4ude der ehemaligen Feriensiedlung Bella Farnia am Ortsrand von Sabaudia sind graue, verschmierte W\u00fcrfel. Viele sind \u00fcberbelegt, vor den Holzt\u00fcren t\u00fcrmt sich M\u00fcll. Einst verbrachten hier Familien ihren Urlaub. Heute dienen die Geb\u00e4ude vielen Erntehelfern als Unterk\u00fcnfte. Die meisten stammen aus Indien.<\/p>\n<p>Noch vor Sonnenaufgang sind die M\u00e4nner in der ganzen Region zu sehen. Die Schnellstra\u00dfe 148 f\u00fchrt von Rom ausgehend 109Kilometer nach S\u00fcden. Jeden Morgen verwandelt sie sich in Italiens l\u00e4ngsten Radweg. Die Erntehelfer kommen aus Seitenstra\u00dfen und Nachbarorten. Manche fahren t\u00e4glich mehrere Stunden mit Fahrr\u00e4dern auf die Felder. Abends wiederholt sich das Schauspiel. Die nach Norden fahrenden Lastwagen dr\u00fccken die Radfahrer jetzt fast in den Graben. Dass die Stra\u00dfe keine klaren Spurbegrenzungen hat, passt zu dem Gef\u00fchl, das man hier bekommt: Jeder muss schauen, wo er bleibt.<\/p>\n<p>Auch Joban Singh d\u00fcrfte oft auf der Stra\u00dfe gefahren sein. Die pontinische Ebene ist ein Zentrum der italienischen Landwirtschaft, auch im Winter ist das Klima warm genug f\u00fcr den Anbau. In den meisten Betrieben wird an mindestens sechs Tagen die Woche gearbeitet. Billige Arbeitskr\u00e4fte gibt es genug.<\/p>\n<p>Joban Singhs offenbarletzter Arbeitgeber ist die \u00bbCooperativa Agricola Di Girolamo\u00ab<strong>, <\/strong>einer der Gro\u00dfbauern der Region. 2020 machte das Unternehmen mit Gem\u00fcse 17 Millionen Euro Umsatz, ganz \u00fcberwiegend durch den Export. Singh erntete offensichtlich illegal f\u00fcr das Unternehmen, dessen Anw\u00e4lte bis heute jede Kenntnis des Falls abstreiten.             Ehemalige Kollegen und Mitbewohner best\u00e4tigten dem SPIEGEL jedoch, dass er dort gearbeitet hat und schildern teils detailliert, wie und von wem L\u00f6hne in bar ausgezahlt wurden. Sie best\u00e4tigen auch, dass die gezahlten Summen weit unter dem Tariflohn lagen \u2013 und Singh nicht der einzige illegal Besch\u00e4ftigte war.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des ausbeuterischen Systems ist der Name Girolamo kaum weiter wichtig. Entscheidend sind die Fragen, warum offenbar nie jemand diese Zust\u00e4nde \u00fcberpr\u00fcfte \u2013 und wie der junge Inder Joban Jobandeep Singh \u00fcberhaupt hier landete.<\/p>\n<p>In den vergangenen zehn Jahren wurden allein in der Provinz Latina insgesamt 47.550 Antr\u00e4ge f\u00fcr Saisonarbeitsvisa gestellt. Etwa 26.000 davon entfielen auf Inder, der Rest vor allem auf Menschen aus Bangladesch und Pakistan. Schon die Antr\u00e4ge wirken wie Lottoscheine, nur knapp 8000 wurden am Ende tats\u00e4chlich bewilligt. Grunds\u00e4tzlich ben\u00f6tigt jeder Erntehelfer einen zugesagten Arbeitsplatz, um nach Italien einreisen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das \u00bbBossi-Fini-Gesetz\u00ab ist eine Erfindung rechter Politiker. Es sollte daf\u00fcr sorgen, dass Migranten nur dann nach Italien einreisen k\u00f6nnen, wenn sie gerade n\u00fctzlich erscheinen. Tats\u00e4chlich sorgt es daf\u00fcr, dass italienische Arbeitgeber Menschen einstellen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Umgekehrt macht es Arbeitswillige von einem Unternehmen in einem fremden Land abh\u00e4ngig, das auch sie nicht kennen.<\/p>\n<p>Wer in Indien nach Arbeit im Ausland sucht, hat von dem Gesetz vermutlich nie geh\u00f6rt. Um ohne Sprach- oder Landeskenntnisse an einen italienischen Arbeitsvertrag zu kommen, wenden sich viele Arbeitssuchende deshalb an sogenannte Agenten. Viele von denen verlangen bis zu 15.000 Euro f\u00fcr ihre Dienstleistungen. Ein zwielichtiges Gesch\u00e4ft. \u00bbEs ist absurd zu glauben, dass ein solches System auf legale Weise funktionieren kann\u00ab, sagt der auf Migration spezialisierte Rechtsanwalt Francesco Mason. Das derzeitige Einwanderungsrecht sei geradezu eine Einladung an italienische Unternehmen und indische Vermittler, sich zu bereichern.<\/p>\n<p>Die Staatsanw\u00e4ltin Daria Monsurr\u00f2 geh\u00f6rt zu denjenigen, die gegen das System der Ausbeutung ank\u00e4mpfen. In ihrem B\u00fcro wirkt es, als w\u00fcrde sie bald erdr\u00fcckt von den Unmengen an Papieren und Dokumenten, die sich um sie herum stapeln. Seit 2015 sind in Latina 112 Verfahren wegen Menschenhandels und Beg\u00fcnstigung illegaler Migration anh\u00e4ngig. Dazu kommen 22 Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Monsurr\u00f2 selbst \u00fcbernimmt etwa einen neuen Fall pro Monat.<\/p>\n<p>Es sei \u00e4u\u00dferst schwierig, gen\u00fcgend Beweise zu beschaffen, um die F\u00e4lle vor Gericht zu bringen, sagt sie: \u00bbDie Zahlungen erfolgen in bar und ohne Quittung. Wir sind im Wesentlichen auf Abh\u00f6raktionen angewiesen.\u00ab Doch selbst damit ist es schwierig. Inzwischen w\u00fcrden die Gespr\u00e4che etwa zwischen beteiligten Menschenh\u00e4ndlern, korrupten Unternehmern und Vermittlern oft \u00fcber verschl\u00fcsselte Messenger gef\u00fchrt, nicht selten verwendeten die indischen Beteiligten einen besonderen Pandschabi-Dialekt. Und ihre Opfer, sagt Monsurr\u00f2, nannten die T\u00e4ter oft nur mit Spitznamen.<\/p>\n<p>Um welche Summen es geht, zeigt ein Urteil aus dem vergangenen Jahr: 13 Gesch\u00e4ftsleute und Vermittler wurden zu Geldstrafen von insgesamt 15 Millionen Euro verurteilt, weil sie Migranten gemeinsam ausgebeutet hatten. Auch Arbeitsinspektoren und Beamte sind immer wieder darin verwickelt, zwei stehen derzeit vor Gericht.<\/p>\n<h3><strong>Die Heimat der Verzweifelten<\/strong><\/h3>\n<p>Knapp 6000 Kilometer von Italienentfernt hadert die Familie von Joban Singh im Bundesstaat Pandschab bis heute mit ihrem Schicksal. Die Familie lebt in einer unauff\u00e4lligen Stadt im Norden Indiens. Seine Mutter Jaswinder wohnt noch immer im Haus, in dem er aufwuchs. Es hat zwei karge Zimmer, kleine Fenster. Sie teilt es sich mit ihrem j\u00fcngeren Sohn und dessen Familie. Joban war ihr \u00e4ltestes Kind. Mit 15 mussteer die Schule abbrechen, um als Tagel\u00f6hner zu arbeiten. \u00bbSein Vater war immer dagegen, dass er ins Ausland geht. Er hatte selbst zw\u00f6lf Jahre in Dubai gelebt\u00ab, erinnert sich die Mutter. \u00bbWir alle haben Joban gewarnt.\u00ab<\/p>\n<p>Der Gang ins Ausland hat im Pandschab Tradition. Landesweit ist es der Bundesstaat mit der zweith\u00f6chsten Auswanderungsrate. In vielen St\u00e4dten werben Wandgem\u00e4lde f\u00fcr ein Studium in der Ferne. Prunkvoll angemalte Wassertanks auf den D\u00e4chern zeigen, wer es in der weiten Welt zu etwas gebracht hat. Joban Singh hatte nie die Chance auf ein Studium, nur die Arbeitskraft seiner H\u00e4nde. Als sein Vater im Juni 2019 an einem Herzinfarkt starb, wurde er zum Hauptversorger der Familie.<\/p>\n<p>Woher sich Joban das Geld lieh, wei\u00df seine Mutter bis heute nicht vollst\u00e4ndig. Freunde und Bekannte gaben ihm etwas, \u00f6rtliche Geldverleiher ebenso. 7000 Euro steuerte offenbar ein Verwandter bei, der bereits in Italien lebte. Insgesamt soll Joban Singhetwa 10.000 Euro Schulden aufgenommen haben, um einmal ein besseres Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Es erschien ihm offenbar als der bestm\u00f6gliche Weg, um seine Familie zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h3><strong>Die Ausbeutung nach der Ausbeutung<\/strong><\/h3>\n<p>Als Joban Singh in Rom ankam, hatte er legale Papiere, aber keinen echtenArbeitgeber. Niemand wartete auf ihn, sein Arbeitsvertrag war gef\u00e4lscht. Pl\u00f6tzlich hatte er als ungelernter Hilfsarbeiter in einem fremden Land f\u00fcnfstellige Schulden und keinen Job. Er folgte den Ratschl\u00e4gen anderer Arbeitsmigranten, denen es \u00e4hnlich ging. So kam er in die ehemalige Feriensiedlung Bella Farnia. Nach sechs Monaten lief sein Visum ab, er blieb.<\/p>\n<p>Allein rund um Sabaudia sollen heute etwa 13.000 Inder leben. Vielleicht auch doppelt so viele. So genau wei\u00df es niemand. Sicher ist, dass die gut 20.000 landwirtschaftlichen Betriebe in der Region gut zu tun haben und offensichtlich zuverl\u00e4ssig Personal finden. 109 Millionen Euro betrug ihr Umsatz im Jahr 2021. Fast die H\u00e4lfte der Ernte ging nach Deutschland \u2013 wie der Kohlrabi, den Joban Singh schlie\u00dflich erntete.<\/p>\n<p>\u00bbDie hohen Schulden f\u00fcr die Einreise und die falschen Papiere sind die Grundlage f\u00fcr alles weitere Elend\u00ab, sagt Marco Omizzolo. Durch sie w\u00fcrden die Arbeitsmigranten schutzlos, verzweifelt, bereit zu jedem Job. \u00bbDanach folgt die zweite Ausbeutung.\u00ab Omizzolo arbeitet als Soziologe an der Universit\u00e4t La Sapienza in Rom. Und er ist Aktivist, Journalist und so etwas wie eine Ein-Mann-Gewerkschaft f\u00fcr Erntehelfer. Seit Jahren recherchiert er, wie Arbeitsmigranten in Italien ausgebeutet werden. Er organisierte eine Demonstration mit 5000 Arbeitsmigranten. Sein Engagement hat einen hohen Preis: Omizzolo lebt unter Polizeischutz. Wer ihn treffen will, wird an einen \u00f6ffentlichen Ort gelotst, dort von einem Auto abgeholt und schlie\u00dflich in eine private Wohnung gebracht.<\/p>\n<p>Das Forschungsinstitut Eurispes hat errechnet, dass sich die Gewinne der \u00bbAgromafia\u00ab unter anderem mit gepanschten Lebensmitteln und Ausbeutung in ganz Italien im Jahr 2019 auf mindestens 24,5 MilliardenEuro belief. Tendenz steigend. \u00bbWarum ist der Gewinn so hoch?\u00ab, fragt Omizzolo. \u00bbWeil die Ausbeutung von Einreise bis Ernte systematisch organisiert ist.\u00ab<\/p>\n<p>Und fast alle profitierten von dem System, sagt Omizzolo. Die Bauern erhielten problemlos g\u00fcnstige Arbeitskr\u00e4fte. Italiener m\u00fcssten sich wenig Sorgen machen, dass Inder ohne Aufenthaltsrecht ihnen den Job streitig machen.Indische Vermittler beuteten ihre Landsleute aus. Gro\u00dfh\u00e4ndler und Superm\u00e4rkte erhielten zuverl\u00e4ssig g\u00fcnstiges Obst und Gem\u00fcse. \u00bbAuch Sie und ich profitieren davon\u00ab, sagt Omizzolo. \u00bbNur die Erntehelfer nicht.\u00ab<\/p>\n<h3><strong>Der Versuch, etwas zu \u00e4ndern<\/strong><\/h3>\n<p>Der junge Mann, der nur Malhi genannt werden will, wei\u00df, was die Folgen sind. Er war ein Kollege von Joban Singh, gemeinsam standen sie f\u00fcr denselben Betrieb auf dem Feld. Zeit f\u00fcr Freundschaft hatten sie nicht, erinnert sich der 27-j\u00e4hrige Inder. \u00bbEs gibt Zehntausende Erntehelfer in diesem Land. Aber in Wahrheit sind wir alle allein\u00ab, sagt er. Auch Malhi kam \u00fcber einen Vermittler nach Italien und landete dann in Sabaudia. \u00bbEs ist nicht so, dass alle ohne Vertr\u00e4ge sind\u00ab, sagt er heute. \u00bbAber selbst mit einem Vertrag bezahlen sie dir zu wenig, lassen dich mehr arbeiten oder verweigern den Lohn. Wir sind Sklaven. Um dein Geld doch noch zu bekommen, arbeitest du immer weiter.\u00ab<\/p>\n<p>Malhi sagt, er habe geh\u00f6rt, dass Singh verzweifelt gewesen sei. Die Hoffnung, durch den indischen Vorarbeiter doch noch einen Arbeitsvertrag und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, sei illusorisch gewesen. \u00bbEs war vielleicht das n\u00e4chste Gesch\u00e4ft mit ihm. Mit seiner Hoffnung.\u00ab<\/p>\n<p>Malhi ist inzwischen Kronzeuge in einem Ermittlungsverfahren. Im Gegenzug f\u00fcr seine Aussage erhielt er die M\u00f6glichkeit, legal zu bleiben. Er arbeitet wieder auf dem Feld, aber mit Papieren. Um ihn zu sch\u00fctzen, ist sein Name ge\u00e4ndert, seine echte Identit\u00e4t ist dem SPIEGEL bekannt.<\/p>\n<p>Seit 2016 gibt es in Italien Gesetze gegen Ausbeutung, die selbst Marco Omizzolo \u00bbdie fortschrittlichsten in Europa\u00ab nennt. Sie seien die Grundlage f\u00fcr die Ermittlungen von Staatsanw\u00e4ltinnen wie Daria Monsurr\u00f2. Und doch w\u00fcrden sie meist nur strafrechtlich genutzt, nicht zum Schutz von Ausgebeuteten.<\/p>\n<p>Zudem \u00e4ndert das moderne Arbeitsrecht wenig am dysfunktionalen Einreisegesetz, den Folgen der \u00bbBossi-Fini\u00ab-Reform. Und am fehlenden Interesse derjenigen, die sp\u00e4ter das Obst und Gem\u00fcse verkaufen. In den 18 Monaten als illegaler Arbeiter auf dem Feld, sagt Malhi, habe er kein einziges Mal Vertreter ausl\u00e4ndischer Superm\u00e4rkte gesehen. Das Unternehmen, f\u00fcr das er und Joban Singh ernteten, wirbt mit seinen Standards. Es geht um Nachhaltigkeit, garantiert hohe Qualit\u00e4t, gesundes Gem\u00fcse und G\u00fctesiegel. \u00bbF\u00fcr Bio gibt es heute bunte Aufkleber, f\u00fcr unsere Arbeitsbedingungen nicht\u00ab, klagt Malhi.<\/p>\n<p>Dieses Ungleichgewicht sei kein Zufall, sagt Steffen Vogel von Oxfam. \u00bbWir beobachten, dass sich Superm\u00e4rkte hinter ihren Standards verstecken, obwohl sie wissen, wie l\u00fcckenhaft die Kontrollen sind.\u00ab<\/p>\n<p>Das Lieferkettengesetz schreibe zwar \u00bbangemessene\u00ab Ma\u00dfnahmen vor. \u00bbAber in seiner derzeitigen Form reicht die Verantwortung ohne konkrete Hinweise auf Missst\u00e4nde nur bis zum ersten Lieferanten. Aldi und Co. werden damit quasi zum Wegschauen eingeladen\u00ab, sagt Vogel. Die guten Ans\u00e4tze, die es gibt, reichen offensichtlich nicht weit genug. Gemeinsam mit der \u00bbInitiative Lieferkettengesetz\u00ab fordert Oxfam nun ein europ\u00e4isches Lieferkettengesetz, mit dem Betroffene auch Schadensersatz einklagen k\u00f6nnen, und zivilrechtliche Haftung f\u00fcr Unternehmen.<\/p>\n<p>Auch Marco Omizzolo k\u00e4mpft f\u00fcr mehr. \u00bbEs fehlt an europ\u00e4ischen Vereinbarungen. Die Lieferkette hat noch viel zu viele L\u00fccken.\u00ab F\u00fcr die Arbeitskr\u00e4fte forderter M\u00f6glichkeiten, ihre Besch\u00e4ftigung nachtr\u00e4glich zu legalisieren und sich gegen Missst\u00e4nde zu wehren. \u00bbEs ist im Interesse aller, dass sie bleiben. Es ist deshalb das Mindeste, sie mit W\u00fcrde und entsprechend unserer Gesetze zu behandeln.\u00ab<\/p>\n<p>Vielleicht, sagt Omizzolo, brauche es so etwas wie das Fairtrade-Siegel auch f\u00fcr die Nordhalbkugel. \u00bbDerzeit sehe ich allerdings nicht, dass dies gew\u00fcnscht ist.\u00ab<\/p>\n<p>Aldi schreibt in einer Stellungnahme, man habe bislang trotz der zahlreichen Medienberichte der vergangenen zweieinhalb Jahre in Italien keine Kenntnis von dem Fall. \u00bbWir nehmen diese Erkenntnisse zum Anlass, um die Vorw\u00fcrfe zu untersuchen\u00ab, hei\u00dft es. \u00bbSollten sich die Vorw\u00fcrfe best\u00e4tigen, w\u00fcrde das Verhalten des Erzeugerbetriebs gegen eine Reihe der von Aldi Nord klar an unsere Lieferanten kommunizierten Anforderungen, insbesondere unsere Forced Labour Policy, versto\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr die Familie von Joban Singh w\u00fcrde das wenig \u00e4ndern. Bis heute zahlen sie die Schulden ab, die er aufnahm, um in Europa zu arbeiten. F\u00fcr die \u00dcberf\u00fchrung seiner Leiche fehlte das Geld. Die Beerdigung ihres Sohnes erlebte seine Mutter nur per WhatsApp, die Asche wurde im Mittelmeer verstreut. Seine Spuren verloren sich vor Sabaudia.<\/p>\n<p><em>Hinweis: Die Recherche wurden in Teilen durch ein Stipendium des JournalismFund erm\u00f6glicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er pfl\u00fcckte Kohlrabi f\u00fcr deutsche Superm\u00e4rkte: Joban Singh hatte sich hoch verschuldet, um nach Italien zu kommen. Dort arbeitete der Inder als Erntehelfer \u2013 ohne Papiere, f\u00fcr einen Hungerlohn. 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