{"id":18202,"date":"2023-02-11T07:30:10","date_gmt":"2023-02-11T04:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-erdbeben-trifft-die-ohnehin-traumatisierte-bevolkerung\/"},"modified":"2023-02-11T07:30:10","modified_gmt":"2023-02-11T04:30:10","slug":"syrien-erdbeben-trifft-die-ohnehin-traumatisierte-bevolkerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/syrien-erdbeben-trifft-die-ohnehin-traumatisierte-bevolkerung\/","title":{"rendered":"Syrien: Erdbeben trifft die ohnehin traumatisierte Bev\u00f6lkerung"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">In Syrien treffen die Erdbeben eine bereits vom Krieg traumatisierte Bev\u00f6lkerung. Menschen verfallen in Panik oder erstarren im Schock. Die ohnehin schon schwierige Katastrophenhilfe wird noch komplizierter.  <\/p>\n<p>Als sie das erste Beben sp\u00fcrte, nahm Mariam* ihre Tochter in den Arm und rannte los. Barfu\u00df und ohne Kopftuch eilte sie die Treppen hinunter, deren Stufen wackelten, drei Stockwerke bis zum Erdgeschoss. Ihr Mann trug den gemeinsamen Sohn, die Familie irrte ziellos durch die Stra\u00dfen von Aleppo. \u00dcberall waren Menschen, die nicht wussten, wohin. Es regnete und war bitterkalt. Dann bebte die Erde erneut, und ein ganzes Geb\u00e4ude st\u00fcrzte unweit von Mariams Haus ein. Sie geriet in Panik.<\/p>\n<p>So beschreibt Mariam, die ihren richtigen Namen nicht nennen m\u00f6chte, das Erlebte. Sie meldet sich aus der nordsyrischen Stadt Aleppo via Sprachnachrichten, weil die Verbindung f\u00fcr Anrufe zu schlecht ist. \u00bbDrei Stunden lang ist keine Hilfe gekommen\u00ab, sagt sie, die Menschen h\u00e4tten versucht, mit blo\u00dfen H\u00e4nden ihre Liebsten aus den Tr\u00fcmmern zu retten. Mariam \u00fcbermittelt die Nachrichten aus ihrer Wohnung, sie ist zur\u00fcckgekehrt, trotz Rissen im Geb\u00e4ude, trotz Einsturzgefahr: All das sei immer noch besser als der Regen und die K\u00e4lte auf der Stra\u00dfe, sagt sie.<\/p>\n<h3>Behindern Sanktionen die Hilfe?<\/h3>\n<p>Mariam lebt im S\u00fcden von Aleppo im Stadtteil Salahuddin, der einst in Rebellenhand war. Viele H\u00e4user wurden von Luftangriffen oder M\u00f6rsergranaten besch\u00e4digt, ehe das Regime von Pr\u00e4sident Baschar al-Assad Ende 2016 ganz Aleppo zur\u00fcck unter seine Kontrolle brachte.<\/p>\n<p>Mariam ist die ganze Zeit vor Ort geblieben. \u00bbJa, es gab Luftangriffe, ja, es gab Granatenbeschuss, aber unsere finanzielle Situation war schlecht. Wir konnten nirgendwo hingehen\u00ab, sagt sie. F\u00fcr sie hatte das f\u00fcrchterliche Folgen: Sie habe ihren \u00e4ltesten Sohn und eine Tochter durch eine Bombenexplosion im Krieg verloren.<\/p>\n<p>Seither hat sich die Lage in Aleppo beruhigt \u2013 doch wirklich vorbei war der Krieg nie, der Wiederaufbau lie\u00df auf sich warten, etwas weiter im Norden des Landes wird immer noch gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Und dann kam die Erdbebenkatastrophe, \u00fcber Nacht geschah, wof\u00fcr der Krieg Jahre gebraucht hat: Es gab Tausende Tote und Verletzte, Hunderte zerst\u00f6rter Geb\u00e4ude. Noch immer gibt es keine endg\u00fcltigen Opferzahlen, noch immer drohen weitere Geb\u00e4ude einzust\u00fcrzen, gerade jene, die schon vorher im Krieg besch\u00e4digt wurden.<\/p>\n<p>Der andauernde Konflikt erschwert die Hilfe f\u00fcr die Menschen in Syrien. An Orten unter Kontrolle des Assad-Regimes, wie Aleppo, sind Strom und Benzin knapp, der von Krieg, Wirtschaftskrisen und Korruption ausgeh\u00f6hlte Staat liegt am Boden. Der Pr\u00e4sident des Syrischen Roten Halbmondes, der dem Regime nahesteht, forderte eine Aufhebung der internationalen Sanktionen, um die humanit\u00e4re Hilfe in Gebieten unter Kontrolle der Regierung zu erleichtern. Allerdings ist sie ohnehin von den Sanktionen ausgenommen. Dennoch k\u00f6nnen die Handelsbeschr\u00e4nkungen die Hilfe indirekt erschweren. So f\u00fchren etwa Banken kaum Transaktionen von und nach Syrien durch \u2013 aus Angst, unwissentlich mit einer sanktionierten Partei in Ber\u00fchrung zu kommen. Das wiederum behindert die Lieferketten und die Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen mit lokalen Firmen. Immer wieder sollen auch korrupte syrische Funktion\u00e4re G\u00fcter f\u00fcr den eigenen Profit abgezweigt haben.<\/p>\n<h3>\u00bbEs f\u00fchlte sich an wie der Weltuntergang\u00ab<\/h3>\n<p>Immerhin sind Flugzeuge mit Hilfslieferungen aus Russland, Algerien, Iran, Irak oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, also L\u00e4ndern die diplomatische Beziehungen zum Regime halten, im Regierungsgebiet gelandet. Und im Gegensatz zu den USA, die nicht mit dem syrischen Regime kooperieren wollen, hat die EU Hilfsbereitschaft signalisiert, nachdem Damaskus zum ersten Mal offiziell um Unterst\u00fctzung gebeten hatte.<\/p>\n<p>In den Rebellengebieten in Nordwestsyrien hingegen warten die Menschen immer noch auf Hilfe. Dorthin gelangten Hilfsg\u00fcter in den letzten Jahren nur \u00fcber einen einzigen Grenz\u00fcbergang via T\u00fcrkei. Die anderen Grenz\u00fcberg\u00e4nge waren geschlossen, aufgrund des Widerstands des Assad-Regimes und seiner russischen Verb\u00fcndeten im Uno-Sicherheitsrat. Das Regime m\u00f6chte, dass humanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr alle Gebiete Syriens \u00fcber Damaskus verteilt wird, alles andere verletze die Souver\u00e4nit\u00e4t Syriens. Doch haben die syrischen Beh\u00f6rden Lieferungen f\u00fcr Rebellengebiete immer wieder systematisch behindert \u2013 mit dem Ziel, sie auszuhungern.<\/p>\n<p>Im Moment gelangt aber auch via T\u00fcrkei fast nichts nach Syrien \u2013 wegen besch\u00e4digter Stra\u00dfen und Infrastruktur und auch deshalb, weil die T\u00fcrkei selbst enormen Bedarf hat. Manche internationalen Hilfsorganisationen sind zudem zur\u00fcckhaltend, weil Islamisten Teile der Rebellengebiete kontrollieren.<\/p>\n<p>Nun sollen wohl weitere Grenz\u00fcberg\u00e4nge von t\u00fcrkischer Seite ge\u00f6ffnet werden. Am Donnerstag konnten erste Lastwagen mit Hilfsg\u00fctern die Grenze passieren. Ismail Alabdullah von den Wei\u00dfhelmen, einer syrischen Rettungsorganisation in den Gebieten der Opposition, sagt, es fehle an Ausr\u00fcstung, um die Opfer zu bergen. Und die von Krieg, Blockaden und gezielten Luftangriffen arg in Mitleidenschaft gezogenen Krankenh\u00e4user seien komplett \u00fcberfordert mit den Tausenden Verletzten: \u00bbDie Zeit l\u00e4uft uns davon.\u00ab<\/p>\n<p>Es ist schwierig, mit Betroffenen in Syrien zu sprechen. Lokale Kontakte berichten von Menschen unter Schock, orientierungslos und unf\u00e4hig, mit der Wucht dieses Ereignisses fertigzuwerden \u2013 nach Krieg, Verfolgung und Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Kifah Khalil Sido ringt am Telefon um Worte. Sie stammt wie Mariam aus Aleppo, doch die 53-J\u00e4hrige ist vor zehn Jahren nach Afrin nahe der t\u00fcrkischen Grenze geflohen. Ihre Stimme klingt br\u00fcchig, immer wieder stockt sie im Gespr\u00e4ch. Sie habe zehn Familienmitglieder verloren, sagt sie. Ihre Kinder seien unauffindbar. \u00bbMein Mann und ich haben wie durch ein Wunder \u00fcberlebt. Wir haben keine Hilfe bekommen, wir sind unterwegs und wissen nicht, wohin\u00ab, sagt Sido. Sie h\u00e4lt inne, schweigt. Dann sagt sie mit zitternder Stimme: \u00bbEs f\u00fchlte sich an wie der Weltuntergang.\u00ab<\/p>\n<h3>Von der Welt im Stich gelassen<\/h3>\n<p>Den Menschen fehlen die Worte, und doch m\u00f6chten sie, dass die internationale Gemeinschaft von ihrer Lage endlich Kenntnis nimmt. Sie f\u00fchlen sich im Stich gelassen, schon seit langer Zeit. \u00bbBitte teile der Welt mit, was geschieht\u00ab, sagt Suhail Abu Dschubran, 49. Der Psychotherapeut und Krankenpfleger lebt ebenfalls als Gefl\u00fcchteter in Afrin und meldet sich per Telefon \u2013 urspr\u00fcnglich stammt er aus Daraa im S\u00fcden Syriens, dort, wo einst 2011 der Aufstand gegen das Regime begonnen hatte. Abu Dschubran hat viel gesehen und viel durchgemacht, er hat den Aufstand mit der Kamera dokumentiert, musste 2018 im Norden Zuflucht suchen, nachdem das Regime den S\u00fcden zur\u00fcckerobert hatte. Trotz all der Jahre Krieg und Vertreibung, sagt Abu Dschubran, habe er so etwas Schreckliches noch nie erlebt.<\/p>\n<p>\u00bbIch sehe Menschen, die mit sich selbst sprechen, als ob sie verr\u00fcckt geworden w\u00e4ren, als ob sie den Verstand verloren h\u00e4tten\u00ab, sagt Abu Dschubran. Er habe Nervenzusammenbr\u00fcche gesehen, Anzeichen von Depressionen, Kinder, die erstarrt seien und sich nicht mehr bewegen k\u00f6nnten. Er hat Psychologie studiert, er kennt die Symptome und die Fachbegriffe daf\u00fcr. Trotzdem sucht auch er verzweifelt nach Worten: \u00bbIch kann nicht beschreiben, was nach diesen Beben mit der Psyche der Menschen hier geschieht.\u00ab<\/p>\n<p><em>*Name ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Syrien treffen die Erdbeben eine bereits vom Krieg traumatisierte Bev\u00f6lkerung. Menschen verfallen in Panik oder erstarren im Schock. Die ohnehin schon schwierige Katastrophenhilfe wird noch komplizierter. 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