{"id":18075,"date":"2023-02-05T21:16:42","date_gmt":"2023-02-05T18:16:42","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/mexiko-stadt-immer-mehr-amerikaner-verdrangen-die-einheimischen\/"},"modified":"2023-02-05T21:16:42","modified_gmt":"2023-02-05T18:16:42","slug":"mexiko-stadt-immer-mehr-amerikaner-verdrangen-die-einheimischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/mexiko-stadt-immer-mehr-amerikaner-verdrangen-die-einheimischen\/","title":{"rendered":"Mexiko-Stadt: Immer mehr Amerikaner verdr\u00e4ngen die Einheimischen"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Mexiko-Stadt ist einer der beliebtesten Orte weltweit f\u00fcr Expats, vor allem junge Amerikaner fliehen vor hohen Mieten in ihrer Heimat hierher \u2013 in diese Richtung sind die Grenzen offen. Die Einheimischen sind sauer.  <\/p>\n<p>Isabelle Joy Abbitt \u00f6ffnet ihre T\u00fcr, perfektgeschminkt, in einem knallroten Strickkost\u00fcm und kupferfarbenen Vintage-High-Heels. Im Juni 2020 fuhr die Amerikanerin in ihrem Toyota von Los Angeles nach Mexiko-Stadt, 15 Tage Roadtrip, ihr Umzug. \u00bbEs war genau der richtige Moment\u00ab, sagt sie, \u00bbich war ungebunden und hatte keine Lust mehr auf Lockdown.\u00ab Das Leben in Kalifornien, erkl\u00e4rt sie, habe sie sattgehabt, immer ging es nur ums \u00bbAbnehmen und Aufspritzen\u00ab, die Angespanntheit der Leute habe genervt, das Funktionieren-M\u00fcssen. \u00bbHier ist die Atmosph\u00e4re einfach lockerer und kreativer.\u00ab<\/p>\n<p>Abbitt, 27, ist Fotografin, Schauspielerin und Model. Ihr Geld verdient sie nun mit Werbespots f\u00fcr amerikanische Firmen, die in Mexiko drehen, gestern war sie beim Casting f\u00fcr Dr. Pepper. In L.A. sei alles so kommerziell, f\u00fcr jede Idee brauche man ein Budget. \u00bbHier kann ich einfach mit Freunden um die H\u00e4user ziehen, Spa\u00df haben und Filme machen.\u00ab<\/p>\n<p>Mexiko-Stadt ist der neue Sehnsuchtsort f\u00fcr junge Menschen aus aller Welt, vor allem US-Amerikaner zieht es hierher. Zus\u00e4tzlich zu den 1,6 Millionen Amerikanern, die offiziell in Mexikoleben, kamen in den vergangenen Jahren Zehntausende mit einem Touristenvisum in die Hauptstadt.<\/p>\n<p>Das Wetter ist angenehm, der Flat White mit Mandelmilch in den hippen Vierteln schon \u00fcberall erh\u00e4ltlich, die Mieten aber noch \u00fcberschaubar, sofern man nicht in Pesos bezahlt wird. In New York sind diese Zeiten l\u00e4ngst vorbei, in Berlin auch schon. Es ist die Stunde von Mexiko City. Hier lassen sich noch Tr\u00e4ume erf\u00fcllen: Eine Galerie gr\u00fcnden, eine Wohnung kaufen, in den Tag hineinleben.<\/p>\n<p>Abbitt hat sich ihre eigene kleine Welt geschaffen, eine Zweizimmerwohnung gemietet im beliebten Roma. Sie hat alles mit Vintage-M\u00f6beln aus den 1970er-Jahren eingerichtet. An ihrem K\u00fchlschrank kleben Pin-up-Girls und Frida Kahlo. 500 Euro kostet die Wohnung monatlich, die Miete hat sie f\u00fcr ein Jahr im Voraus bezahlt. \u00bbIch hasse Mitbewohner\u00ab, sagt sie. Hier kann sie sich das Alleinsein leisten. Alle sechs Monate muss Abbitt ausreisen, um ihr Visum zu erneuern. Ihr Plan: \u00bbIch will f\u00fcr immer bleiben.\u00ab<\/p>\n<p>Mexiko-Stadt belegt auf der Liste der \u00bblebenswertesten St\u00e4dte f\u00fcr Expats weltweit\u00ab inzwischen Platz drei \u2013 beliebter sind nur noch Dubai und Valencia in Spanien. In den Caf\u00e9s der Viertel Roma und Condesa sitzen zugewanderte Menschen vor ihren MacBooks, man spricht Englisch. Aus Mexiko kommen nur die Kellnerinnen und die sorgsam in Frauchens Hoodiegeh\u00fcllten Nackthunde der Rasse Xoloitzcuintle, oder kurz Xolo.<\/p>\n<p>Claudia Sheinbaum, die linke B\u00fcrgermeisterin von Mexiko-Stadt, hat den Zustrom zum Programm erkl\u00e4rt, will ihr Regierungsgebiet zur \u00bbHauptstadt f\u00fcr kreativen Tourismus\u00ab machen. Daf\u00fcr kooperiert sie im Rahmen einer Kampagne sogar mit dem Immobilienportal Airbnb. Die Nachfrage nach kurzzeitigen Vermietungen ist 2022 rasant angestiegen.<\/p>\n<p>Es ist der immer gleiche Kreislauf der Gentrifizierung: Nach den K\u00fcnstlern kommen die Gesch\u00e4ftemacher und Makler. VieleEinheimische m\u00fcssen gehen.<\/p>\n<p>Jorge Rosano etwa, 38, Fotok\u00fcnstler, muss im M\u00e4rz nach zw\u00f6lf Jahren aus seiner Wohnung in Roma ausziehen. \u00bbDas Vorderhaus ist schon komplett an Ausl\u00e4nder vermietet\u00ab, erkl\u00e4rt er, \u00bbsie zahlen bis zu doppelt so viel.\u00ab Unter Vermietern sei ein regelrechter Goldrausch ausgebrochen. \u00bbMeine Freunde sind im Grunde alle von Verdr\u00e4ngung betroffen.\u00ab<\/p>\n<p>W\u00fctende Einwohnerinnen und Einwohner werfen B\u00fcrgermeisterin Sheinbaum vor, eine Art \u00bbmodernen Kolonialismus\u00ab zu f\u00f6rdern. Sie bef\u00fcrchten, dass die Preise weiter steigen und beklagen die Verwandlung ganzer Viertel in Expat-Blasen. In Condesa kann man bereits problemlos zw\u00f6lf Dollar f\u00fcr ein Sandwich ausgeben. \u00bbGringo go home\u00ab, steht \u2013 in englischer Sprache und Coca-Cola Schrift \u2013 auf Graffitis an Laternenmasten.<\/p>\n<p>Wer in Dollar verdient, steigert seine Kaufkraft mit einem Umzug nach Mexiko immens. Die Zugezogenen, die im Homeoffice f\u00fcr US-Firmen arbeiten oder digitale Inhalte f\u00fcr Kunden in aller Welt produzieren, verdienen ein Vielfaches der Einheimischen.<\/p>\n<p>An einem Mittwochmorgen wartet Isai Flores, 32, vor dem \u00bbFour Points by Sheraton\u00ab-Hotel. Zwar f\u00e4hrt er viele Ausl\u00e4nder durch die Gegend, sein Tagessatz allerdings betr\u00e4gt gerade mal 35 Dollar. Er tr\u00e4umt von Las Vegas, wo er mal illegal auf dem Bau gearbeitet hat \u2013 f\u00fcr 400 Dollar am Tag. \u00bbAuf der Baustelle waren nur Latinos, den Job will kein anderer machen\u00ab, sagt er. Deswegen versteht er nicht so ganz, warum man ihn jenseits der Grenze nicht haben will. Er hofft auf eine neue Chance, in die USA zu kommen. \u00bbF\u00fcr sie ist es so einfach und f\u00fcr uns so kompliziert\u00ab, sagt er und f\u00fcgt vers\u00f6hnlich hinzu: \u00bbSie k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr. Das ist eben das System.\u00ab<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Mexikanern in den USA nennen sich die US-Amerikaner in Mexiko-Stadt nicht Migranten, sondern \u00bbexpats\u00ab oder eben \u00bbdigital nomads\u00ab. Sie m\u00fcssen keine gef\u00e4hrliche W\u00fcste durchwandern, um ins Nachbarland zu gelangen, oder jahrelang Papierkram zusammentragen, nur um dann doch abgewiesen zu werden. Stattdessen leben sie scheinbar in einer Welt der offenen Grenzen \u2013 die Vorzugsbehandlung beginnt direkt am Flughafen: Bei der Passkontrolle sortiert ein Soldat der Nationalgarde aus der langen Warteschlange Menschen mit europ\u00e4ischen oder US-Dokumenten heraus und bringt sie an einen anderen Schalter, wo es schneller geht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Eingewanderten von der gro\u00dfartigen \u00bbWillkommenskultur\u00ab schw\u00e4rmen, beklagen viele Mexikanerinnen und Mexikaner \u00bbmalinchismo\u00ab, die Tendenz, Ausl\u00e4nder gegen\u00fcber den eigenen Landsleuten zu bevorzugen. Der Begriff f\u00fchrt geradewegs zur\u00fcck in die koloniale Vergangenheit: La Malinche, eine indigene Frau, geboren im Jahr 1500, war die Sklavin und Geliebte des spanischen Eroberers Hernando Cort\u00e9z. Sie \u00fcbersetzte und verhandelte f\u00fcr ihn \u2013 und half letztlich, das Aztekenreich zu erobern.<\/p>\n<p>Rund 500 Jahre sp\u00e4ter sitzt Magdalena Jensen, 36, im Caf\u00e9 Quentin im hippen Viertel Roma in Mexiko-Stadt. Sie floh nicht vor Bandengewalt, Naturkatastrophen oder politischer Verfolgung, sondern vor dem britischen \u00bbNanny-Staat\u00ab. Die Amerikanerin hat lange in London gelebt, kurz vor dem Lockdown suchte sie das Weite. \u00bbIch brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun oder lassen soll.\u00ab Freiheit sei ihr das Wichtigste. \u00bbMexiko scheint die einzige gro\u00dfe Wirtschaftsmacht weltweit zu sein, die heute noch den Wert der Freiheit priorisiert\u00ab, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<p>In London arbeitete Jensen in der Musikindustrie, alles war hektisch und stressig. Nun ist sie CEO eines von ihr selbst gegr\u00fcndeten Consulting-Unternehmens, das Onlinecoaching und Mediation anbietet. Ihre \u00bbWork-Life-Balance\u00ab sei viel besser hier \u2013 aber auch die medizinische Versorgung, wenn man privat bezahlt. Zudem sei das Land familienfeindlich; sie plant ein Baby. Und in der U-Bahn f\u00fchle sie sich sicherer als in New York.<\/p>\n<p>\u00bbKlar\u00ab, sagt sie, \u00bbpassieren in dieser Weltregion auch viele krasse Sachen.\u00ab Aber sie m\u00f6ge Abenteuer. Sogar ein klein wenig Korruption geh\u00f6rt f\u00fcr Jensen irgendwie dazu, macht den Alltag einfacher.<\/p>\n<p>\u00bbKojoten\u00ab, so nennt man die Schlepper, die Migrantinnen und Migranten aus Lateinamerika \u00fcber die US-Grenze bringen. Das kostet, je nachdem, ob man etwa bereit ist, einen Rucksack voller Drogen zu transportieren, bis zu 20.000 Dollar pro Person \u2013 und endet trotzdem oft mit einer Abschiebung oder Schlimmerem.<\/p>\n<p>Auch die Amerikaner in Mexiko-Stadt arbeiten mit sogenannten Kojoten. In diesem Fall sind es Anw\u00e4lte mit besonders guten Verbindungen ins Migrationsministerium. F\u00fcr l\u00e4ppische rund 800 Dollar l\u00e4sst sich so der Weg zur Aufenthaltsgenehmigung beschleunigen.<\/p>\n<p>Jensen ist auch im Besitz einer solchen, auf die Umst\u00e4nde m\u00f6chte sie nicht n\u00e4her eingehen. Nat\u00fcrlich sei sie sich ihrer Privilegien bewusst. Sie glaubt allerdings, dass mittelfristig auchdie Standards und L\u00f6hne der Einheimischensteigen w\u00fcrden. Mexiko-Stadt sei eben gerade in einer ruckeligen \u00dcbergangsphase. \u00bbAber es ist doch v\u00f6llig normal, dass in einer gro\u00dfen Metropole viele Leute aus aller Welt leben.\u00ab<\/p>\n<p>An einem Mittwochabend im Januar stehen rund 15 junge Menschen in einem wei\u00df get\u00fcnchten Raum mit hohen Decken, an der Wand h\u00e4ngen abstrakte Gem\u00e4lde, die tropischen Regenwald zeigen. Die Vorstellungsrunde beginnt: Eine mexikanische Skateboard-Influencerin ist dabei, ein Banker aus Hongkong, ein Immobilienportal-Manager aus Boston, Ross aus Seattle ist Business Broker, Conor aus Kalifornien Spezialist f\u00fcr digitales Marketing, Kathleen,urspr\u00fcnglich aus Russland, Wellness-Coach und Entwicklerin eines Kakaodrinks mit Powerpilzen.<\/p>\n<p>Bei \u00bbArt\/Works\u00ab, einem Hybrid aus Galerie und Co-Working-Space, kostet der Wochenpass 60 Dollar und ist damit f\u00fcr viele Einheimische unerschwinglich. \u00bbWir versuchen trotzdem einen inklusiven Raum zu schaffen\u00ab, sagt Studiomanagerin Anna Laura Hafner. Sie b\u00f6ten etwa kostenlose Kunst-Workshops an oder eben Networking-Treffen, bei denen auch Mexikanerinnen und Mexikaner willkommen sind.<\/p>\n<p>Hafner, 35, bemalt im Keller von \u00bbArt\/Works\u00ab eine Lederjacke mit gelben Sternchen f\u00fcr eine Vintage-Kollektion, die sie verkaufen will. Die Bilder vom Regenwald im oberen Stockwerk stammen ebenfalls von ihr. Sie sind nach einer Costa-Rica-Reise entstanden, die sie unternahm, um ihre \u00bbpsychische Gesundheit zu verbessern und festgefahrene Denkmuster zu durchbrechen\u00ab. Die Kost\u00fcmdesignerin kommt aus Woodstock, New York.<\/p>\n<p>Als immer mehr reiche New Yorker in die Catskills zogen, beschleunigt durch die Pandemie, konnte sie sich dort nichts mehr leisten. \u00bbMan muss jetzt mindestens 100.000 Dollar im Jahr verdienen\u00ab, sagt sie, wohl wissend, dass sie nun zur Gentrifizierung einer anderen Stadt beitr\u00e4gt. Sie ist mit einem mexikanischen K\u00fcnstler zusammen, mit dem sie jetzt zeitweise gemeinsam in ihrer Wohnung lebt. Sein Studio vermieten sie w\u00e4hrenddessen f\u00fcr rund das Dreifache des Mietpreisesauf Airbnb. \u00bbIch bin gleichzeitig Opfer und T\u00e4ter.\u00ab<\/p>\n<p>Hafner vermisst den Wald in ihrer Heimat. Au\u00dferdem w\u00fcrde sie ihren Freund gern ihren Eltern vorstellen. Aber das ist schwierig. Er br\u00e4uchte ein Touristenvisum f\u00fcr die USA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mexiko-Stadt ist einer der beliebtesten Orte weltweit f\u00fcr Expats, vor allem junge Amerikaner fliehen vor hohen Mieten in ihrer Heimat hierher \u2013 in diese Richtung sind die Grenzen offen. 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