{"id":17656,"date":"2023-01-18T17:26:37","date_gmt":"2023-01-18T14:26:37","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/energiekrise-in-portugal-eltern-mussen-entscheiden-wer-frieren-soll\/"},"modified":"2023-01-18T17:26:37","modified_gmt":"2023-01-18T14:26:37","slug":"energiekrise-in-portugal-eltern-mussen-entscheiden-wer-frieren-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/energiekrise-in-portugal-eltern-mussen-entscheiden-wer-frieren-soll\/","title":{"rendered":"Energiekrise in Portugal: \u00bbEltern m\u00fcssen entscheiden, wer frieren soll\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">In kaum einem Land Westeuropas frieren diesen Winter so viele Menschen in ihren Wohnungen wie in Portugal. Der Wissenschaftler Jo\u00e3o Pedro Gouveia kennt die Ursachen \u2013 und m\u00f6gliche L\u00f6sungen.  <\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Herr Gouveia, zu Beginn eine ganz grunds\u00e4tzliche Frage: Wie w\u00fcrden Sie Energiearmut definieren?<\/p>\n<p><strong>Jo\u00e3o Pedro Gouveia: <\/strong>F\u00fcr mich geh\u00f6ren dazu mehrere Dinge. Das offensichtlichste ist, dass jemand nicht in der Lage ist, ausreichend zu heizen. Aber es geht auch um andere Formen von Energienutzung: Dass man es sich leisten kann, die eigene Wohnung ausreichend zu beleuchten oder zu kochen. Entscheidend ist nicht nur, ob man sich Energie leisten, sondern auch, ob man sein Zuhause so isolieren kann, dass W\u00e4rme drin bleibt. Das alles kann man nat\u00fcrlich in Zahlen messen, so wie andere Formen von Armut. Aber mir ist wichtig zu zeigen, dass es nicht nur ums Frieren im Winter geht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Diese Klarstellung erscheint auch deshalb wichtig, weil Portugal in Mitteleuropa eigentlich eher mit zuverl\u00e4ssigem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturenassoziiert wird. Doch laut EU leiden nur wenige L\u00e4nder so stark unter Energiearmut wie Ihres. Warum ist das eine so gro\u00dfe Herausforderung?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Zuerst einmal sind hohe Energiekosten nicht nur bei K\u00e4lte ein Problem \u2013 sondern genauso bei Hitze, wenn Sie st\u00e4ndig k\u00fchlen m\u00fcssen. Dazu kommen historisch besondere Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr sorgen, dass wir so viel schlechter dastehen als etwa die Menschen in Spanien oder Italien: Portugal war bis in die Siebzigerjahre arm und isoliert. Die Bausubstanz ist deshalb oft bis heute sehr einfach und nicht besonders solide. Seitdem gab es eine rasante Aufholjagd in fast allen Bereichen der Gesellschaft, die dazu gef\u00fchrt hat, dass in wenigen Jahrzehnten Millionen Menschen in die urbanen Zentren zogen. Vielfach wurde schnell und billig gebaut. Bis 1990 gab es keinerlei Isolierungsvorschriften. Das alles f\u00fchrt dazu, dass heute 80 Prozent der Wohngeb\u00e4ude schlecht oder sehr schlecht isoliert sind. Und fehlende Isolierung ist das gr\u00f6\u00dfte Problem, wenn es um effizientes Heizen geht. Wer billig baut, muss teuer heizen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Welche Folgen hat das f\u00fcr die Betroffenen?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Ohne ausreichende W\u00e4rme werden sie schneller krank, ihre Lebensqualit\u00e4t nimmt ab und sie k\u00f6nnen weniger gut arbeiten. Viele Menschen haben sich daran gew\u00f6hnt, dass sie nur noch einen Raum im Haus beheizen k\u00f6nnen. Energiearmut sorgt jedes Jahr f\u00fcr Hunderte oder Tausende Tote.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Jetzt \u00fcbertreiben Sie aber.<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Leider nein. Die wiederkehrende K\u00e4lte f\u00fchrt zu gesundheitlichen Problemen, dazu kommen Emissionen aus \u00d6fen und alten Kaminen \u2013 die Menschen leben also jahrelang unter ungesunden Bedingungen. Das Problem: Wir halten diese Umst\u00e4nde f\u00fcr normal. Wer in Portugal im Winter ein Haus betritt,sagt oft schon sp\u00f6ttisch zur Begr\u00fc\u00dfung: Drau\u00dfen war es w\u00e4rmer als hier! Und leider stimmt das h\u00e4ufig.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie sehr versch\u00e4rfen der Ukrainekrieg und der Klimawandel das Problem?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Wir sind zwar bei der Energie nicht von Russland abh\u00e4ngig. Aber die steigenden Preise sorgen daf\u00fcr, dass viele Leute in diesem Winter sparen m\u00fcssen. An der Heizung geht es meist leichter als beim Essen oder beim Auto. In den vergangenen Wochen hat ausgerechnet das Winterwetter daf\u00fcr gesorgt, dass die Energieversorgung kurzfristig etwas leichter wurde.Noch im Sommer hatten wir eine der schlimmsten D\u00fcrren unserer Geschichte. Jetzt regnet es seit Wochen, und die Staubecken sind wieder randvoll, Stromerzeugung ist also aktuell kein Problem. Langfristig werden die Probleme aber nat\u00fcrlich zunehmen und wir geh\u00f6ren ja bereits jetzt zu den L\u00e4ndern, die am st\u00e4rksten von Energiearmut betroffen sind.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Warum wurden die Ursachen nicht fr\u00fcher angegangen, wenn es ein so verbreitetes Problem ist?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Es fehlt nicht nur an Bewusstsein daf\u00fcr, sondern auch an greifbaren L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Viele Menschen haben schlicht keine Ahnung, welche Energieeffizienzklasse ihr Haus hat und wie man sie verbessern k\u00f6nnte. Wenn man sie fragt, was ihr gr\u00f6\u00dftes Problem ist, sagen sie: die Strompreise. Vielen Handwerkern fehlt das Wissen, wie moderne Isolierung heute aussieht. Das h\u00f6ren wir \u00fcbrigens genauso aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Die Folge: Wir drehen den Ofen auf, anstatt das Dach abzudichten. In Zeiten des Klimawandels und der Energieknappheit geht das nicht mehr lange gut.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie haben mit Ihrem Team jahrelang Daten dazu gesammelt und Betroffene Menschen in ganz Portugal interviewt. Was haben Sie dabei gelernt?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Viele Familien m\u00fcssen sich im Winter \u00fcberlegen, welche R\u00e4ume sie \u00fcberhaupt heizen. Eltern m\u00fcssen dann entscheiden, wer frieren soll. Oft wird ein Elektro-Ofen ins Kinderzimmer gestellt, damit es zumindest dort etwas warm ist. Diese Ger\u00e4te waren schon immer Stromfresser, aber in der heutigen Zeit ist der Energieverbrauch nicht mehr zu rechtfertigen. Doch viele Radiatoren erzeugen pro Nacht sieben bis acht Euro Stromkosten. Wir haben festgestellt, dass viele Menschen das nur vage wissen. Sie denken oft, dass Strom nachts automatisch billiger ist. Aber das ist schon lange nicht mehr der Fall und h\u00e4ngt vom Tarif ab. Energiearmut ist also auch eine Bildungsfrage. Nicht zuletzt gibt es schlie\u00dflich ein Stadt-Land-Gef\u00e4lle. In vielen Regionen leben heute viel weniger Menschen als fr\u00fcher. Auch das erh\u00f6ht den Pro-Kopf-Verbrauch, viele alte Menschen m\u00fcssen pl\u00f6tzlich allein ein ganzes Haus unterhalten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Der EU-Wiederaufbauplan hat daf\u00fcr gesorgt, dass energetische Sanierungen teils gro\u00dfz\u00fcgig bezuschusst werden. Kann so das Problem gel\u00f6st werden?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Die portugiesische Regierung hat zwei Programme aufgesetzt, um die EU-Mittel zu verteilen. Das erste ist allgemein f\u00fcr Renovierungsarbeiten. Es ist sehr beliebt, weil das Geld direkt ausgezahlt wird und einen Gro\u00dfteil der Kosten ersetzt, aber leider nutzen viele Menschen es nur, um W\u00e4rmepumpen zu installieren oder die Fenster auszutauschen. Auch Solarzellen sind beliebt, weil jeder leicht versteht, wie sie funktionieren. Das ist alles nachvollziehbar, n\u00fctzt aber f\u00fcr den Winter wenig, wenn die Isolierung schlecht bleibt. \u00dcber das zweite Programm werden Gutscheine f\u00fcr Energiesanierungen an Menschen mit geringen Einkommen verteilt. Der Plan war, dass f\u00fcnf Jahre j\u00e4hrlich 20.000 Gutscheine ausgegeben werden. Inzwischen sind wir im zweiten Jahr \u2013 und es wurden insgesamt noch nicht einmal 10.000 Sanierungen angesto\u00dfen. Das ist eine sehr ern\u00fcchternde Nachricht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie beraten die Regierung und sind in verschiedenen europ\u00e4ischen Gremien aktiv. Haben Sie eine Idee, wie es besser ginge?<\/p>\n<p><strong>Gouveia: <\/strong>Wir sollten die Gutscheine st\u00e4rker auf lokaler Ebene verteilen. Um die Menschen direkter zu erreichen und praktische Anlaufstellen zu schaffen, haben wir bereits in den Zentren einiger Ortschaften Container aufgestellt. Dort erhalten die Leute Tipps zu ihrer Stromrechnung, Hilfe bei F\u00f6rderantr\u00e4gen oder eine kostenlose Energieberatung f\u00fcr ihren Haushalt.In diesen Gemeinden funktioniert es inzwischen besser. Aber es gibt immer noch viele H\u00fcrden. Wie in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern besitzen in Portugal die meisten Menschen die Wohnung, in der sie leben. Sie alle einzeln anzusprechen, ist eine Mammutaufgabe. Es wird wohl Jahrzehnte dauern, unsere Wohnh\u00e4user zu sanieren. Trotz aller Probleme habe ich aber auch Hoffnung: Wir werden immer wieder gezwungen zu schauen, welche Konzepte am besten sind. Dadurch k\u00f6nnen wir Kompetenzen aufbauen und das Wissen um moderne Isolierung breit streuen. F\u00fcr unser demokratisches Miteinander kann das eine Chance sein.<\/p>\n<p><em>Anmerkung der Redaktion: In einer fr\u00fcheren Version des Textes waren die Stromkosten f\u00fcr Radiatoren pro Stunde angegeben. Tats\u00e4chlich gemeint waren die Kosten pro Nacht. Wir haben die Stelle korrigiert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In kaum einem Land Westeuropas frieren diesen Winter so viele Menschen in ihren Wohnungen wie in Portugal. Der Wissenschaftler Jo\u00e3o Pedro Gouveia kennt die Ursachen \u2013 und m\u00f6gliche L\u00f6sungen. 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