{"id":1742,"date":"2020-08-09T22:19:19","date_gmt":"2020-08-09T19:19:19","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/amazon-so-lasst-sich-der-us-konzern-entmachten\/"},"modified":"2020-08-09T22:19:19","modified_gmt":"2020-08-09T19:19:19","slug":"amazon-so-lasst-sich-der-us-konzern-entmachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/amazon-so-lasst-sich-der-us-konzern-entmachten\/","title":{"rendered":"Amazon: So l\u00e4sst sich der US-Konzern entmachten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/32f153d4-7dfe-47aa-acc2-31b92980e005_w948_r1.77_fpx16_fpy55.jpg\" title=\"Amazon-Paketbote (in New York)\" alt=\"Amazon-Paketbote (in New York)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Amazon-Paketbote (in New York)<\/p>\n<p>  Foto:\u2002SPENCER PLATT\/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor Kurzem passierte mir etwas ziemlich Peinliches: Ich war tief in eine Recherche zu Schwarzarbeit im Umfeld von Amazon eingetaucht und hatte dar\u00fcber ein wenig das Zeitgef\u00fchl verloren. Pl\u00f6tzlich fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, f\u00fcr meinen Sohn ein Geschenk zu kaufen. Ich \u00f6ffnete, ohne nachzudenken, die Amazon-App, scrollte die Angebote f\u00fcr 6-12-J\u00e4hrige durch und bestellte einen Detektivkoffer, lieferbar zum Mittag des folgenden Tages.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wunderte ich mich \u00fcber mich selbst. Wie kann man sich nur so widerspr\u00fcchlich verhalten? Warum geht das \u00fcberhaupt? Und was macht das mit uns und unserer Gesellschaft?<\/p>\n<p>Es gibt offenbar recht viele Menschen, die sich ab und zu so benehmen wie ich:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Es gibt <strong>Einzelh\u00e4ndler<\/strong>, die dank Amazon ihren Absatz vervielfacht haben &#8211; und sich gleichzeitig in Medien dar\u00fcber auslassen, wie sehr sie sich von dem Konzern ausgequetscht f\u00fchlen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Es gibt <strong>Kunden<\/strong>, die sich \u00fcber die Ver\u00f6dung der Innenst\u00e4dte oder Amazons fragw\u00fcrdige Steuersparmethoden emp\u00f6ren \u2013 und das neue Scartkabel dann doch schnell bei Amazon Prime bestellen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Und bei der eingangs erw\u00e4hnten Recherche traf ich einen <strong>Paketboten<\/strong>, der sich \u00fcber unseri\u00f6se Subfirmen von Amazon aufregte und von diesen gleichzeitig Schwarzgeld kassierte.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Psychologen sprechen in solchen F\u00e4llen von kognitiver Dissonanz: einem scheinbar unaufl\u00f6sbaren Widerspruch, der meist mit qu\u00e4lenden Gef\u00fchlen einhergeht, zum Beispiel mit Scham oder Schuld. Ein beliebter psychischer Abwehrmechanismus gegen solche Emotionen ist die sogenannte Rationalisierung: Man rechtfertigt das eigene, oft als unmoralisch empfundene Verhalten mit rational wirkenden Beweggr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Manche Einzelh\u00e4ndler sagen: Sie h\u00e4tten keine Wahl; an Amazon f\u00fchre nun mal kein Weg vorbei. Manche Kunden sagen, ihre paar Bestellungen fielen doch kaum ins Gewicht, es brauche politische L\u00f6sungen gegen Mitarbeiterausbeutung oder Innenstadtver\u00f6dung. Der Paketbote sagte, er habe f\u00fcr sein Schwarzgeld doch hart gearbeitet.<\/p>\n<p>All das ist anteilig wahr. Das Problem ist nur: Wir neigen dazu, mit solchen Teilwahrheiten andere, weniger schmeichelhafte Teilwahrheiten vor uns selbst und anderen zu verstecken. Motive wie Profitstreben, Tr\u00e4gheit oder pers\u00f6nliche Vorteilnahme zum Beispiel.<\/p>\n<p>Das funktioniert nicht nur bei Amazon. Auch beim klimasch\u00e4dlichen Fliegen, beim Rauchen, beim Fleischkonsum oder bei irgendeiner anderen Verhaltensweise, die einem selbst und\/oder der Allgemeinheit schadet, rationalisieren wir. Mittlerweile m\u00fcssen wir nicht einmal mehr eigene Ausfl\u00fcchte erfinden. Es gibt Maschinen, die uns das abnehmen &#8211; zum Beispiel Amazons intelligenter Lautsprecher Alexa.<\/p>\n<p>Rationalisierungen sind also gesellschaftlich durchaus anerkannt. Hilfreich sind sie trotzdem nicht. Denn sie verhindern, dass wir uns mit unseren Scham- und Schuldgef\u00fchlen auseinandersetzen. Dass wir also genauer ergr\u00fcnden, welche Verhaltensweisen welchen pers\u00f6nlichen Werten widersprechen. Und dann differenziert entscheiden, an welchen Stellen wir unser Handeln verfeinern &#8211; und an welchen Stellen wir die Anspr\u00fcche an uns selbst herunterschrauben.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe mich nach meinem Detektivkoffer-Malheur f\u00fcr folgenden Umgang mit Amazon entschieden: Ich werde dort nur noch vergriffene B\u00fccher und seltene Ersatzteile bestellen. Alles andere nicht mehr. Denn der Konzern scheint mir die Gesellschaft momentan viel mehr zu belasten als zu bereichern. Besonders deutlich zeigt sich das in der Zustellerbranche.<\/p>\n<p>Ex-Ver.di-Chef Frank Bsirske hat den deutschen Logistiksektor einmal als teils &quot;mafi\u00f6s&quot; bezeichnet, weil Firmen regelm\u00e4\u00dfig Schwarzarbeit und Ausbeutung von Mitarbeitern nachgewiesen werden. Amazon mag solch illegale Praktiken ablehnen. Doch als weltgr\u00f6\u00dfter Logistiker st\u00f6\u00dft der Konzern zwangsl\u00e4ufig Prozesse an, die die Schieflage der Branche versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Amazons hohe Anspr\u00fcche an den Kundenservice setzen weitgehend den Branchenstandard. Und der besagt: Pakete m\u00fcssen immer schneller und g\u00fcnstiger zum Empf\u00e4nger kommen. Personalaufwand und Kostendruck versch\u00e4rfen sich dadurch. Um im Wettbewerb noch mitzuhalten, greifen Logistiker teils auf unseri\u00f6se Subfirmen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist Aufgabe des Staates, das mit Gesetzen, Kontrollen und Strafen zu unterbinden. Zumindest was die Gesetze angeht, hat der Staat bereits vern\u00fcnftige Regeln erlassen. Doch der Paketboom, den Amazon mit ausgel\u00f6st hat, tr\u00e4gt dazu bei, dass die Politik bei der Durchsetzung dieser Regeln an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Das rasch wachsende Geflecht aus Zehntausenden Kleinstfirmen l\u00e4sst sich kaum umfassend kontrollieren \u2013 selbst dann nicht, wenn die Zahl der zust\u00e4ndigen Zollbeamten, wie geplant, in den kommenden Jahren deutlich steigt. Es w\u00e4re also falsch, sich hier nur auf den Staat zu verlassen.<\/p>\n<p>Nachhaltig eind\u00e4mmen l\u00e4sst sich solch Wildwuchs wohl nur, wenn auch die Gesellschaft aktiver wird. Wenn mehr Kunden es als Qualit\u00e4tskriterium ans\u00e4hen, Pakete von steuerzahlenden, fair entlohnten Boten geliefert zu bekommen &#8211; und die Zusteller andernfalls sanktionierten.<\/p>\n<p>Bislang scheint nur ein kleiner Teil der Gesellschaft sozial verantwortungsvoll zu konsumieren. Sollte sich irgendwann eine kritische Masse so benehmen, w\u00fcrden Amazon und seine Zustellerpartner wohl in eine sozial vertr\u00e4glichere Rolle gezwungen. Der US-Konzern w\u00fcrde ein St\u00fcck weit entmachtet.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil habe beschlossen, das zu unterst\u00fctzen. Sollte ich irgendwann den Eindruck gewinnen, dass Amazon die Gesellschaft st\u00e4rker bereichert als belastet, werde ich dort gern wieder mehr einkaufen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Amazon-Paketbote (in New York) Foto:\u2002SPENCER PLATT\/ AFP Vor Kurzem passierte mir etwas ziemlich Peinliches: Ich war tief in eine Recherche zu Schwarzarbeit im Umfeld von Amazon eingetaucht und hatte dar\u00fcber ein wenig das Zeitgef\u00fchl verloren. Pl\u00f6tzlich fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, f\u00fcr meinen Sohn ein Geschenk zu kaufen. 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