{"id":1730,"date":"2020-08-09T07:43:50","date_gmt":"2020-08-09T04:43:50","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-in-peru-viele-tote-weil-sauerstoff-fehlt\/"},"modified":"2020-08-09T07:43:50","modified_gmt":"2020-08-09T04:43:50","slug":"coronavirus-in-peru-viele-tote-weil-sauerstoff-fehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-in-peru-viele-tote-weil-sauerstoff-fehlt\/","title":{"rendered":"Coronavirus in Peru: Viele Tote, weil Sauerstoff fehlt"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/eab75e47-4e1d-4d73-b2e6-3cd894d93dee_w948_r1.77_fpx32.89_fpy49.99.jpg\" title=\"Beisetzung eines Corona-Opfers in Arequipa\" alt=\"Beisetzung eines Corona-Opfers in Arequipa\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Beisetzung eines Corona-Opfers in Arequipa<\/p>\n<p>  Foto:\u2002JOSE SOTOMAYOR JIMENEZ\/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Es war ein Wettrennen mit der Zeit, und das schlimmste war dieser verflixte Feiertag. Perus Tag der Unabh\u00e4ngigkeit, der 28. Juli, ein Dienstag. Yovana Valencias Vater war an Covid-19 erkrankt, und er brauchte dringend Sauerstoff. Doch wegen des Feiertags waren alle Gesch\u00e4fte geschlossen.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen war bereits einer ihrer Br\u00fcder an diesem verdammten Virus gestorben, er war Metzger auf einem Markt in Lima. M\u00e4rkte gelten in Peru als besonders risikoreich, dort hatte er sich vermutlich angesteckt. &quot;Er konnte nicht l\u00e4nger zu Hause bleiben&quot;, sagt Valencia. &quot;Er hatte eine gro\u00dfe Familie zu ern\u00e4hren.&quot;<\/p>\n<p>Jetzt waren sie noch sechs Geschwister, f\u00fcnf in Peru und Yovana in Deutschland. Sie ist studierte Ingenieurin, gerade macht sie eine Fortbildung bei SAP, zusammen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Kind lebt sie in Mannheim. Doch seit Tagen war sie in Gedanken bei ihrem Vater in Arequipa, ihrer Geburtsstadt im S\u00fcden Perus. Jeden Tag hing sie am Telefon und versuchte, eine Sauerstoffflasche f\u00fcr ihn aufzutreiben.<\/p>\n<p>Sauerstoff ist rar in Arequipa. Morgens um drei, wenn es noch dunkel ist, stehen die ersten Leute in der eisigen K\u00e4lte vor der Firma an, die die Flaschen f\u00fcllt. Knapp 500 Euro kostet eine F\u00fcllung, die Flasche muss man mitbringen, sie kostet auf dem Schwarzmarkt umgerechnet 1.500 Euro pro St\u00fcck. Eine Flasche reicht f\u00fcr zwei Tage.<\/p>\n<p>Zwei Firmen dominieren den Markt f\u00fcr medizinischen Sauerstoff in Peru, Linde aus Deutschland und Air Products aus den USA. Doch die Produktion reicht nicht aus. Normalerweise werden im Land 60 Tonnen t\u00e4glich konsumiert, w\u00e4hrend der Pandemie habe sich der Bedarf verf\u00fcnffacht, so Gesundheitsminister Victor Zamora. Die Regierung hat deshalb beschlossen, eine eigene Fabrik zu errichten, doch bis dahin werden Wochen oder Monate vergehen. Unterdessen bl\u00fcht der Schwarzmarkt.<\/p>\n<p>Selbst in den Krankenh\u00e4usern ist Sauerstoff knapp. &quot;Zuerst werden die j\u00fcngeren Patienten versorgt&quot;, sagt Valencia. Es gibt statistisch gesehen 2,3 Intensivbetten f\u00fcr 100 000 Einwohner, weit weniger als von den Vereinten Nationen empfohlen. &quot;In der jetzigen Situation m\u00fcssen wir umfassend bewerten, welcher Patient in kritischem Zustand potenziell heilbar ist und welcher eher nicht&quot;, sagte Jes\u00fas Valverde, Pr\u00e4sident der peruanischen Gesellschaft f\u00fcr Intensivmedizin, der Deutschen Welle. Valencias Vater war 80.<\/p>\n<h3>Die Menschen k\u00f6nnen sich die Isolierung nicht leisten<\/h3>\n<p>Eigentlich hatten sie das Virus gut im Griff in Peru, bereits im M\u00e4rz hatte Pr\u00e4sident Mart\u00edn Vizcarra einen strengen Lockdown verh\u00e4ngt, eine der h\u00e4rtesten Quarant\u00e4nen Lateinamerikas. Doch nach einigen Wochen wuchs der Druck, die Restriktionen zu lockern. Die meisten Peruaner sind arm, sie m\u00fcssen raus zum Arbeiten, ins B\u00fcro, aufs Feld, auf die Stra\u00dfe oder auf den Markt, so wie Valencias Bruder.<\/p>\n<p>Ende Juni hob die Regierung den Lockdown schrittweise auf, obwohl die Zahlen drastisch stiegen. 433.100 F\u00e4lle meldete das Gesundheitsministerium am Dienstag, 4250 mehr als am Vortag. 19.811 Menschen sind an Covid-19 gestorben, 197 mehr als am Vortag. Heute liegt Peru bei den Coronatoten in S\u00fcdamerika nach Brasilien an zweiter Stelle. Arequipa ist eine der am st\u00e4rksten betroffenen St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Mehr als eine Million Einwohner leben hier auf \u00fcber 2000 Meter H\u00f6he am Rand der Hochanden. Die Stadt ist Unesco-Weltkulturerbe, die &quot;wei\u00dfe Stadt&quot; nennt man sie auch; viele koloniale Geb\u00e4ude sind aus wei\u00dfem Vulkangestein. Auf dem prachtvollen Hauptplatz, der &quot;Plaza de Armas&quot;, dr\u00e4ngen sich normalerweise Touristen, die von hier aus das nahe &quot;Tal der Kondore&quot; besuchen oder Bergtouren unternehmen. Jetzt sieht man vor allem verzweifelte Menschen auf der Suche nach Sauerstoff.<\/p>\n<p>Valencias Eltern wohnen zusammen mit einem ihrer Br\u00fcder und dessen Familie in einem zweist\u00f6ckigen Haus. &quot;Fr\u00fcher befand sich das Grundst\u00fcck zwischen \u00c4ckern auf dem Land&quot;, erinnert sie sich. &quot;In den vergangenen Jahren wurde es von der Stadt geschluckt&quot;. Ihr Vater arbeitete in einer Brauerei, er wusch dort die Autos der Manager. &quot;Er hat seinen Job geliebt&quot;, sagt sie. &quot;Wenn er die Wagen zum Waschen fuhr, hat er sich wie der Firmenchef pers\u00f6nlich gef\u00fchlt&quot;.  <\/p>\n<p>Seit seiner Pensionierung lebte er von der Rente, er konnte sich sogar ein Auto leisten. &quot;Er litt keine Not&quot;, sagt Valencia. Ihre Br\u00fcder arbeiten auf dem Bau, einer ist Maurer, ein anderer bel\u00e4dt Lastwagen mit Steinen, einer verdingt sich als Clown auf Kinderfesten. &quot;Wir waren arm, aber gl\u00fccklich.&quot;<\/p>\n<h3>\u00dcberf\u00fcllte Krankenh\u00e4user<\/h3>\n<p>Als ihr Bruder in Lima an Covid-19 erkrankte, ging ihr Vater aus Angst vor Ansteckung nicht mehr aus dem Haus, die Mutter zog zu Verwandten. &quot;Er war fit f\u00fcr sein Alter, nur der Blutdruck war etwas hoch&quot;, sagt die Tochter. Dreimal hatte er sie bereits in Deutschland besucht, im April wollte er wieder zu ihr reisen, das Ticket hatte sie bereits gekauft. Doch der Flug war wegen Corona gestrichen worden.<\/p>\n<p>Die ersten Symptome versp\u00fcrte er am Donnerstag, f\u00fcnf Tage vor dem Nationalfeiertag. &quot;Wir wissen nicht, wie er sich angesteckt hat&quot;, sagt Valencia. &quot;Er hatte Fieber wie bei einer starken Erk\u00e4ltung.&quot;<\/p>\n<p>Ein Bekannter, der als Arzt arbeitete, machte einen Schnelltest, er war negativ. Doch als die Atemnot zunahm, lie\u00dfen sie seine Lunge r\u00f6ntgen, sie war voll von kleinen wei\u00dfen Punkten, ein typisches Covid-19-Symptom. Valencia rief eine Freundin an, die im Krankenhaus arbeitet. &quot;Bringt ihn nicht her, wir haben keinen Platz&quot;, sagte sie.<\/p>\n<p>In ihrer Verzweiflung gaben ihre Br\u00fcder ihm verschiedene Medikamente, darunter Paracetemol gegen das Fieber und ein Mittel, das eigentlich zur Bek\u00e4mpfung von Parasiten eingesetzt wird, aber in Peru den Ruf hat, auch gegen Corona zu wirken. Sie kauften ein Ger\u00e4t, mit dem sich die Sauerstoffs\u00e4ttigung der Lunge messen l\u00e4sst. Gleichzeitig machte sich Valencia telefonisch auf die Suche nach Sauerstoffflaschen.<\/p>\n<p>Sie telefonierte alle Gesch\u00e4fte ab, ver\u00f6ffentlichte Nachrichten in den sozialen Medien. Schlie\u00dflich meldete sich \u00fcber Facebook eine Bekannte, die in Chile lebt. Ihre Mutter in Arequipa hatte vorsorglich mehrere Flaschen gekauft, weil sie an Corona erkrankt war, aber sie war genesen und brauchte sie nicht mehr. Sie erstand vier Flaschen f\u00fcr umgerechnet 6000 Euro und \u00fcberwies das Geld. Eine F\u00fcllung w\u00fcrde f\u00fcr zwei Tage reichen.<\/p>\n<h3>&quot;Ich habe mich so machtlos gef\u00fchlt&quot;<\/h3>\n<p>Einer von Valencias Br\u00fcdern holte die Flaschen ab, sie bekamen sie, obwohl die Banken wegen des Nationalfeiertags geschlossen waren, sie atmeten auf. Doch als sie am n\u00e4chsten Tag die Sauerstoffs\u00e4ttigung seiner Lunge ma\u00dfen, lag sie bei nur 56 Prozent. &quot;Da haben wir entschieden: Jetzt muss er ins Krankenhaus.&quot;<\/p>\n<p>Ihre Br\u00fcder trugen ihn ins Auto, auch die Sauerstoffflaschen hievten sie in den Wagen. Sie seien zu dem staatlichen Krankenhaus Honorio Delgado gerast, berichtet Valencia. &quot;Mein Vater war krankenversichert, die Beitrage wurden immer bezahlt, er hatte Anrecht auf eine Behandlung.&quot; Doch es war zu sp\u00e4t. Alfonso Valencia Flores starb in seinem Auto vor dem Krankenhaus. Es war Mittwoch, der 29. Juli, 19 Uhr. Einen Tag nach dem Nationalfeiertag. Am Sonntag w\u00e4re er 81 Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>&quot;Ich habe mich so machtlos gef\u00fchlt&quot;, sagt seine Tochter in Deutschland. &quot;Ich hatte das Geld \u00fcberwiesen, wir hatten die Flaschen, aber es war zu sp\u00e4t&quot;.<\/p>\n<p>Am Tag nach dem Tod ihres Vaters meldete sich eine Cousine. Ein Freund ganz im S\u00fcden des Landes sei schwer an Covid-19 erkrankt und auf dem Weg nach Arequipa. Sie suche dringend eine Sauerstoffflasche.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Beisetzung eines Corona-Opfers in Arequipa Foto:\u2002JOSE SOTOMAYOR JIMENEZ\/ AFP Es war ein Wettrennen mit der Zeit, und das schlimmste war dieser verflixte Feiertag. Perus Tag der Unabh\u00e4ngigkeit, der 28. Juli, ein Dienstag. Yovana Valencias Vater war an Covid-19 erkrankt, und er brauchte dringend Sauerstoff. Doch wegen des Feiertags waren alle Gesch\u00e4fte geschlossen. 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