{"id":1726,"date":"2020-08-09T03:28:41","date_gmt":"2020-08-09T00:28:41","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-proteste-in-stuttgart-politische-esoterik\/"},"modified":"2020-08-09T03:28:41","modified_gmt":"2020-08-09T00:28:41","slug":"corona-proteste-in-stuttgart-politische-esoterik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-proteste-in-stuttgart-politische-esoterik\/","title":{"rendered":"Corona-Proteste in Stuttgart: Politische Esoterik"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/1ad3146a-8735-4bd3-9a84-8c59e9fe97ed_w948_r1.77_fpx55.01_fpy31.04.jpg\" title=\"Umschlagbild von Antoine de Saint-Exup\u00e9rys Buch &quot;Der kleine Prinz&quot; : &quot;Ich liebe Sonnenunterg\u00e4nge sehr&quot;\" alt=\"Umschlagbild von Antoine de Saint-Exup\u00e9rys Buch &quot;Der kleine Prinz&quot; : &quot;Ich liebe Sonnenunterg\u00e4nge sehr&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Umschlagbild von Antoine de Saint-Exup\u00e9rys Buch &quot;Der kleine Prinz&quot; : &quot;Ich liebe Sonnenunterg\u00e4nge sehr&quot;<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Karl Rauch Verlag\/ picture alliance\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Erde hat viele Propheten erlebt, irrlichternde und weise. Und manchmal auch solche, die auf den ersten Blick g\u00e4nzlich harmlos wirken. Beim &quot;Tag der Freiheit&quot; in Berlin trat am vergangenen Wochenende ein Mann auf die B\u00fchne, mit wuscheligem Haar, in T-Shirt und in kurzen Hosen. Er sprach von &quot;Frieden und Wahrheit&quot;, erz\u00e4hlte, dass er meditiere und forderte seine Zuh\u00f6rer schlie\u00dflich auf, es ihm gleichzutun: &quot;Mit der Hand auf dem Herzen.&quot; Denn die Herzenergie sei die st\u00e4rkste Energie, die es gebe.<\/p>\n<p>Es klang ein bisschen so, als ob er aus dem &quot;Kleinen Prinzen&quot; zitierte. &quot;Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar&quot; hatte der Fuchs in Antoine de Saint-Exup\u00e9rys weltber\u00fchmtem Buch zu dem kleinen Prinzen gesagt. Der Satz hat sich l\u00e4ngst verselbstst\u00e4ndigt. Er steht f\u00fcr den Gegenpol zum herrschenden Rationalismus. F\u00fcr das Irrationale, oder in etwas milderer Form, die sanfte Weisheit der Poesie. Daf\u00fcr, dass die Gef\u00fchle die Macht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Es waren allerdings sehr ungute Gef\u00fchle, die den Redner in Berlin umtrieben: Der Verdacht, dass in diesem Land etwas ganz grunds\u00e4tzlich nicht stimme, dass die politische Klasse dem Volk die Freiheit raube \u2013 und das unter dem Vorwand einer Pandemie, die sie sich mehr oder weniger ausgedacht hat. Der Name des Redners ist Michael Ballweg. Er ist der Gr\u00fcnder der Stuttgarter Initiative Querdenken711, einer der Gruppen, die den Protest gegen die Corona-Politik der Bundesregierung vorantreiben. Am Samstag haben sie in Stuttgart zu einer neuerlichen Demonstration aufgerufen, dem &quot;Fest f\u00fcr Freiheit und Frieden&quot;.<\/p>\n<h3>Die Hippies heim ins Reich holen<\/h3>\n<p>Schaut man sich die Webseiten von Ballwegs Querdenken711 an oder von anderen Organisationen, die bei den Corona-Protesten vorne dabei sind, der &quot;Wir-Partei&quot;, oder &quot;Widerstand 2020&quot;, dann wirken auch die so harmlos, als w\u00e4ren sie f\u00fcr ein Bioladenpublikum gedacht: Da ist von &quot;Achtsamkeit&quot; die Rede, von &quot;liebevollem Miteinander&quot;. Da ist ein Schwarm Fische zu sehen, ein Sonnenuntergang, der kleinste gemeinsame optische Nenner aller Tr\u00e4umer. Wie sagte schon der kleine Prinz? &quot;Ich liebe Sonnenunterg\u00e4nge sehr&quot;.<\/p>\n<p>Die Berliner Demonstranten hingegen riefen &quot;Merkel weg!&quot;, als Ballweg zu ihnen sprach. Denn der &quot;Tag der Freiheit&quot; war ja doch keine spirituelle Veranstaltung. Es war ein \u00f6ffentlicher Kampftag, eine Demonstration des Systemverdrusses. Ein Ereignis, bei dem sich zeigte, dass die R\u00e4nder weiter erodieren und etwas Neues entsteht: eine politische Esoterik, die Rechte und einstmals Gr\u00fcne verbinden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&quot;Merkel muss weg&quot;, das war bislang ein Slogan, der von der Rechten skandiert wurde. Und in Berlin waren die Insignien der Rechten offensichtlich: Reichsflaggen in Schwarz-Wei\u00df-Rot, das nordische Kreuz.<\/p>\n<p>Ballweg selbst sagte der &quot;Berliner Zeitung&quot; k\u00fcrzlich, er habe sich bereits mehrfach von Rechten und Nazis distanziert. Doch es gibt etliche Vordenker der Rechten, die von der Querfront tr\u00e4umen: \u00dcber die Lager hinweg vereint f\u00fcr den Umsturz der Verh\u00e4ltnisse. Es kann nur in ihrem Sinne sein, auch die Hippies heim ins Reich zu holen. Es w\u00e4re weniger abwegig, als es auf den ersten Blick scheint: Das Tr\u00e4umerische, das Irrationale, das magische Denken und die Rechte waren in der deutschen Kulturgeschichte lange Zeit unheilbringend verbunden.<\/p>\n<h3>&quot;St\u00e4hlerne Romantik&quot; der Nazis<\/h3>\n<p>Thomas Mann hat in seinem ber\u00fchmten, 1918 erschienenen Buch &quot;Betrachtungen eines Unpolitischen&quot; zwischen der Zivilisation des Westens und der Kultur der Deutschen unterschieden. Er bezog sich dabei auf den Philosophen Friedrich Nietzsche. Bei Nietzsche ging es um &quot;das Apollinische&quot; und &quot;das Dionysische&quot;, mythengest\u00e4ttigt, der Gott des Lichts auf der einen Seite, auf der anderen der des Rauschs und des Wahns. Darunter machte es Nietzsche nicht. Er hatte ja auch den &quot;\u00dcbermenschen&quot; popul\u00e4r gemacht, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine gewisse Rolle spielen sollte. Rational, so folgerte Mann, seien die Westm\u00e4chte. Das Deutsche Reich folge einer anderen Tradition, dem irrationalen Denken der Romantik.<\/p>\n<p>Nun war die deutsche Romantik in erster Linie eine kulturgeschichtliche Epoche des 19. Jahrhunderts. Doch sie hat den im Bildungsb\u00fcrgertum herrschenden Zeitgeist noch in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts gepr\u00e4gt \u2013 und damit auch die Politik.<\/p>\n<p>Von Nietzsche f\u00fchrt eine Linie zu esoterischen, mystisch t\u00f6nenden Autoren wie dem Dichter Stefan George. Und von dessen J\u00fcngern schlie\u00dflich zu den Nazis. Goebbels sprach von der &quot;st\u00e4hlernen Romantik&quot; des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg war das magische Denken diskreditiert, vom Wahn wollten die Deutschen nun f\u00fcrs Erste nichts mehr wissen. Der linke Kulturwissenschaftler Georg Luk\u00e1cs nannte Hitler den Testamentsvollstrecker Nietzsches. Franz-Josef Strau\u00df&#039; ber\u00fchmter Spruch &quot;Konservativ hei\u00dft, an der Spitze des Fortschritts marschieren&quot;, war nur auf den ersten Blick paradox. Er stand daf\u00fcr, dass sich die Christdemokratie vom deutschen Sonderweg verabschiedet hatte, dass ihre Politik rational war.<\/p>\n<p>All diejenigen, die f\u00fcr derartigen Rationalismus weniger \u00fcbrig hatten, wechselten mit der Zeit das politische Lager. In Westdeutschland fanden sie ihre politische Heimat bei den Gr\u00fcnen. Sie waren das Korrektiv zu einem Rationalismus, der technokratisch geworden war, naturfeindlich.<\/p>\n<p>Wesensz\u00fcge des irrationalen, magischen Denkens \u00fcberlebten in der Kunst von Joseph Beuys, der mit dem Schamanismus kokettierte und der die Gr\u00fcnen mitbegr\u00fcndet hatte. An Walddorfschulen, bei Hom\u00f6opathen, bei den Demeter-Bauern und in der wachsenden Esoterikszene. Und erst recht bei den Impfgegnern und Verschw\u00f6rungstheoretikern. Die Gr\u00fcnen nahmen viele Tr\u00e4umer auf und auch etliche Spinner. Doch so lange die sich auf Flugbl\u00e4ttern austauschten und nicht \u00fcber Social Media, solange sie noch gegen Stuttgart-21 demonstrierten und nicht gegen Covid-19, fielen die Freaks nicht allzu sehr auf.<\/p>\n<h3>Von der Imagination zur Halluzination<\/h3>\n<p>Dass sich nun, gerade im gr\u00fcn-regierten Baden-W\u00fcrttemberg, der esoterische, irrationale Teil der Bev\u00f6lkerung neuen politischen Bewegungen zuwendet, ist eigentlich nur konsequent. Hier verk\u00f6rpern die Gr\u00fcnen den Staat. Wer dem Staat misstraut \u2013 und das haben viele Gr\u00fcnen-W\u00e4hler traditionell getan \u2013 kann die Partei nicht mehr w\u00e4hlen. So verliert nach der Sozialdemokratie und der Christdemokratie die dritte der die Bundesrepublik tragenden Parteien ihre Bindungskraft am politischen Rand. Das System br\u00f6ckelt weiter.<\/p>\n<p>Auf der Rechten k\u00f6nnten die politisch heimatlos gewordenen Esoteriker durchaus Gesinnungsgenossen finden. Auch Bj\u00f6rn H\u00f6cke ist Romantiker. Anschlussf\u00e4hig f\u00fcr so manchen Corona-Leugner aber ist ein gewisser Teil der Rechten wohl gar nicht seiner Kernkompetenzen wegen: der Fremdenfeindlichkeit, der Sehnsucht nach dem Autorit\u00e4ren. Und auch nicht allein aufgrund der entschiedenen Gegnerschaft zur Bundesregierung. Sondern weil sich auf beiden Seiten die gef\u00fchlten Wahrheiten durchsetzen. In einer Weltsicht, in der das entfesselte Irrationale kein Korrektiv im Realen mehr findet.<\/p>\n<p>Wenn aber allein die Imagination das Handeln bestimmt, ist es zur Halluzination nicht mehr allzu weit. Und zunehmend schwinden die verbindlichen Tatsachen, auf die eine Gesellschaft sich gr\u00fcndet.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Umschlagbild von Antoine de Saint-Exup\u00e9rys Buch &quot;Der kleine Prinz&quot; : &quot;Ich liebe Sonnenunterg\u00e4nge sehr&quot; Foto:\u2002Karl Rauch Verlag\/ picture alliance\/ dpa Die Erde hat viele Propheten erlebt, irrlichternde und weise. Und manchmal auch solche, die auf den ersten Blick g\u00e4nzlich harmlos wirken. 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