{"id":1697,"date":"2020-08-07T20:07:38","date_gmt":"2020-08-07T17:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-swetlana-tichanowskaja-die-frau-die-alexander-lukaschenko-herausfordert\/"},"modified":"2020-08-07T20:07:38","modified_gmt":"2020-08-07T17:07:38","slug":"belarus-swetlana-tichanowskaja-die-frau-die-alexander-lukaschenko-herausfordert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-swetlana-tichanowskaja-die-frau-die-alexander-lukaschenko-herausfordert\/","title":{"rendered":"Belarus: Swetlana Tichanowskaja, die Frau, die Alexander Lukaschenko herausfordert"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ded0a997-db1a-42d1-ae9f-86aae31c9d99_w948_r1.77_fpx55_fpy59.jpg\" title=\"Swetlana Tichanowskaja vor Anh\u00e4ngern in Brest: &quot;Sweta! Sweta!&quot;\" alt=\"Swetlana Tichanowskaja vor Anh\u00e4ngern in Brest: &quot;Sweta! Sweta!&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Swetlana Tichanowskaja vor Anh\u00e4ngern in Brest: &quot;Sweta! Sweta!&quot;<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Sergei Grits\/ AP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>&quot;Sweta, Sweta&quot;, rufen Tausende, als Swetlana Tichanowskaja endlich in einem Wald bei Brest ankommt und auf die B\u00fchne steigt. Nur dort darf ihre Versammlung stattfinden, weit weg vom Zentrum der Stadt an der polnischen Grenze. Trotzdem sind rund 18.000 Menschen gekommen, haben geduldig auf sie gewartet. Auf dem Weg wurde Tichanowskajas Team von Polizisten angehalten.<\/p>\n<p>Die 37-J\u00e4hrige winkt in die Menge. Sie ist die einzige wirkliche Oppositionskandidatin, die f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl in Belarus zugelassen wurde. Im Takt der Musik schwenkt Tichanowskaja ihre H\u00e4nde, wie Videobilder unabh\u00e4ngiger Medien zeigen. Aus den Boxen ert\u00f6nt die belarussische Fassung des Liedes &quot;Mauern&quot;. Gemeinsam singen sie den Refrain: <em>&quot;Zerst\u00f6r die Mauern des Gef\u00e4ngnisses! Wenn du dich nach Freiheit sehnst, nimm sie dir!&quot; <\/em>Den Song stimmten schon die Anh\u00e4nger der Bewegung Solidarno\u015b\u0107 (Solidarit\u00e4t) in Polen an, bis nach Jahren das kommunistische Regime fiel.<\/p>\n<p>In Belarus ist das Lied zur Oppositionshymne geworden, in einem Sommer, der vielen Menschen Hoffnung auf lang ersehnte Ver\u00e4nderungen macht. 26 Jahre ist Alexander Lukaschenko schon an der Macht. Jetzt will sich der autorit\u00e4re Pr\u00e4sident ein sechstes Mal zum Sieger der Pr\u00e4sidentschaftswahl erkl\u00e4ren lassen. Bis Sonntagabend wird abgestimmt. Tichanowskaja sagt: &quot;Nach 26 Jahren kann man die Macht verlieren. Der Pr\u00e4sident ist ein angestellter Mitarbeiter.&quot; Sie meint Angestellter des belarussischen Volkes.<\/p>\n<h3>\u00dcber 60.000 Menschen in Minsk<\/h3>\n<p>Lukaschenko sieht sich dagegen als den einzig wahren Pr\u00e4sidenten von Belarus. Unabh\u00e4ngige Meinungsumfragen hat er verbieten lassen. Lange versuchte er, sich als &quot;Batka&quot; (V\u00e4terchen) seines Volkes zu inszenieren. Ein Bild, das mit der Wirklichkeit wenig gemein hat: \u00dcber Wochen leugnete er das Coronavirus, was den Verdruss der Menschen noch weiter steigerte.<\/p>\n<p>Viele sind m\u00fcde angesichts des Stillstands im Land, der Dauerwirtschaftskrise und Korruption der Eliten, den ewigen Warnungen vor angeblichen Umsturzpl\u00e4nen, zuletzt beschuldigte er Russland, am Donnerstag die USA. Mehr und mehr trauen sich die Belarussen, ihre Kritik offen zu zeigen, auf die Stra\u00dfe zu gehen, wie Blogger und Journalisten auch aus den Regionen berichten.<\/p>\n<p>In der Hauptstadt Minsk versammelten sich in der vergangenen Woche rund 63.000 Menschen laut der Menschenrechtsorganisation Wjasna, um Tichanowskaja zu sehen. &quot;Beispiellos&quot; in der belarussischen Geschichte nennt der Minsker Politologe Artjom Schraibman die Demonstration.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne wirkt die zur\u00fcckhaltend wirkende Frau angesichts der klatschenden Massen \u00fcberw\u00e4ltigt, so als ob sie es selbst nicht fassen kann. &quot;Wir sind m\u00fcde, geduldig zu sein, m\u00fcde zu schweigen, m\u00fcde, Angst zu haben&quot;, ruft sie den jubelnden Menschen zu.<\/p>\n<h3><strong>Mutter, Hausfrau &#8211; Heldin?<\/strong><\/h3>\n<p>Tichanwoskajas Geschichte erinnert an die einer Heldin. Sie stammt aus Mikaschewitschi, einer 12.000-Einwohner-Kleinstadt im S\u00fcden des Landes, und ist in einfachen Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen, der Vater arbeitete als Fahrer, die Mutter als K\u00f6chin in einer Schulkantine. Dorthin sei Tichanowskaja immer gekommen, damit ihre Mutter ihre Hausaufgaben \u00fcberpr\u00fcfen konnte, erz\u00e4hlt eine ehemalige Kollegin der Mutter. Als &quot;bescheiden&quot; und &quot;scheu&quot; beschreibt sie Tichanowskaja damals. Die Schule schloss sie mit Auszeichnung ab. Ihre Klassenlehrerin nennt sie &quot;verantwortungsbewusst&quot;, eine Bezeichnung, die auch immer wieder Freiwillige ihres Wahlteams in Gespr\u00e4chen w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die studierte P\u00e4dagogin und \u00dcbersetzerin wollte nie in die Politik, nie auf B\u00fchnen gro\u00dfe Reden halten. Sie k\u00fcmmerte sich in den vergangenen Jahren um den Haushalt und ihre beiden Kinder. Ihr Mann Sergej Tichanowskij fuhr durch die meist \u00e4rmlichen Regionen und gab den unzufriedenen Menschen in seinen Videos eine Stimme. Als der Videoblogger und Lukaschenko-Kritiker nicht zur Wahl zugelassen und sp\u00e4ter inhaftiert wurde, trat sie an seine Stelle.<\/p>\n<p>Nun sieht sie sich als \u00dcbergangspolitikerin, die ihren Platz r\u00e4umen will, wenn ihr Mann wieder freikommt. &quot;Ich will nicht an die Macht&quot;, sagt sie und verspricht bei ihrem Sieg demokratische Neuwahlen in sechs Monaten zu organisieren. &quot;Ich will nur meinen Mann und meine Kinder zur\u00fcck und wieder meine Frikadellen braten.&quot;<\/p>\n<h3><strong>Ein Herz, eine Faust, ein Victoryzeichen<\/strong><\/h3>\n<p>Sie hat sich mit zwei Frauen verb\u00fcndet, die \u00c4hnliches erlebt haben:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p><strong>Weronika Zepkalo,<\/strong> Ehefrau von Walerij Zepkalo. Der Ex-Diplomat und ehemalige Leiter des Belarus Hi-Tech Park wollte zur Wahl antreten, er ist inzwischen mit den beiden Kindern nach Moskau geflohen;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Maria Kolesnikowa,<\/strong> Musikerin, Kulturmanagerin und Leiterin des Wahlb\u00fcros von Wiktor Babariko. Der ehemalige Bankier war lange der beliebteste Kandidatenanw\u00e4rter, er sitzt wie Tichanowskij wegen fadenscheiniger Verfahren in Haft.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&quot;Tichanowskaja hat etwas geschafft, was es vorher nicht gab: Sie hat die Opposition vereint, bindet neue und alte Kr\u00e4fte der Bewegung ein&quot;, sagt Analyst Schraibman.<\/p>\n<p>&quot;Wmeste&quot;, zusammen, steht unter dem Logo der Frauen, darauf sind ihre Symbole zu sehen: ein Herz (Kolesnikowa: &quot;Wir lieben&quot;), eine Faust (Tichanowskaja: &quot;Wir k\u00f6nnen&quot;) und ein Victoryzeichen (Zepkalo: &quot;Wir werden gewinnen&quot;). Ein ausgefeiltes Wahlprogramm haben sie nicht. Es ist Grundlegendes, das die Frauen fordern: die Freilassung aller politischen Gefangenen, faire Abstimmungen und eine Begrenzung der Amtszeiten des Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>&quot;Drei arme M\u00e4dchen&quot; nannte Lukaschenko die Frauen, die nicht verst\u00fcnden, was sie da im Auftrag machen w\u00fcrden. Er deutet immer wieder an, dass die Opposition von &quot;Kr\u00e4ften&quot; geleitet w\u00fcrde, was die Frauen bestreiten. Zuletzt \u00e4u\u00dferte er sich erneut abf\u00e4llig \u00fcber Tichanowskaja: &quot;Wor\u00fcber w\u00fcrden wir mit ihr debattieren? Es gibt nichts zu besprechen. Sie hat gerade erst gute Frikadellen gemacht, die Kinder gef\u00fcttert.&quot;<\/p>\n<p>Lange hat Lukaschenko seine Gegnerinnen untersch\u00e4tzt, Aussagen wie &quot;Frauen seien nicht als Pr\u00e4sidentin geeignet&quot; quittiert Tichanwoskaja mit einem sp\u00f6ttischen L\u00e4cheln.<\/p>\n<h3>Lukaschenko hat die Rivalin erst bel\u00e4chelt &#8211; jetzt wird er nerv\u00f6s<\/h3>\n<p>Dass er die Kandidatin inzwischen ernst nimmt, sieht man nicht nur an seinen absch\u00e4tzigen Kommentaren. Die Frauen k\u00f6nnen kaum noch auftreten. In einigen St\u00e4dten wurden auf Pl\u00e4tzen Baustellen &quot;er\u00f6ffnet&quot;, auf denen die Frauen Versammlungen anmeldeten; in Minsk stellten die Beh\u00f6rden eine eigene B\u00fchne in jenem Park auf, in dem sie Donnerstag sprechen wollten. Kurzerhand k\u00fcndigten sie ihre Teilnahme an einer st\u00e4dtischen Veranstaltung in einem Park von Minsk an. Vorgelassen wurden die Frauen zwar nicht, aber Tausende ihrer Unterst\u00fctzer kaperten die Veranstaltung, riefen &quot;Geh weg&quot;, gemeint war Lukaschenko. Zwei Tontechniker solidarisierten sich, spielten unter Jubel den Perestroika-Song &quot;Ver\u00e4nderungen&quot; von Wiktor Tsoj. Sie wurden festgenommen und m\u00fcssen f\u00fcr zehn Tage in Haft &#8211; &quot;wegen geringf\u00fcgigen Rowdytums und Widerstands gegen die Verf\u00fcgung eines Beamten\u201d.<\/p>\n<p>In Tichanowskaja w\u00fcrden viele Menschen den Wandel sehen, den sie selbst vollzogen haben oder durchmachen, sagt der Minsker Politologe Alexander Dobrowolskij. &quot;Sie spricht die Menschen an, weil sie nicht schweigt, dabei ihre Zweifel und ihre Gef\u00fchle nicht verbirgt, sondern offen dar\u00fcber spricht&quot;, sagt er. &quot;Und sie ist nicht leicht unterzukriegen.&quot;<\/p>\n<p>Mitte Juni hatte es so ausgesehen, als w\u00fcrde Tichanowskaja aufgeben, unter Tr\u00e4nen erz\u00e4hlte sie in einem Video, dass sie Drohungen erhalten habe, ihr Tochter und Sohn genommen werden sollten. Doch dann brachte sie ihre Kinder in ein EU-Land und machte weiter. Nicht einfach so &#8211; sie beriet sich, auch mit Bloggern und Politologen wie Dobrowolskij.<\/p>\n<h3>&quot;Jeden Morgen Angst&quot;<\/h3>\n<p>Tichanowskaja wirkte angesichts des Zuspruchs zuletzt immer selbstsicherer: &quot;Ich hatte wirklich Angst, auch jetzt wache ich jeden Morgen mit Angst auf&quot;, rief sie in Brest. &quot;Aber ich nehme meinen Willen zusammen, balle meine Faust und gehe voran bis zum Sieg.&quot;<\/p>\n<p>Nur ob und wann der kommt, wei\u00df niemand.<\/p>\n<p>Tichanowskaja hat dazu aufgerufen, ausschlie\u00dflich am Sonntag, dem Hauptwahltag, abzustimmen. Schon jetzt berichten unabh\u00e4ngige Beobachter von F\u00e4lschungen, mehrere wurden abgef\u00fchrt. Wahlbeobachter der Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind nicht im Land. Die drei Frauen wollen, dass die Menschen ihre Stimmen per Foto \u00fcber eine unabh\u00e4ngige Internetplattform ver\u00f6ffentlichen, so ihre Stimmen &quot;verteidigen&quot;.<\/p>\n<p>Doch was dann? Werden die Menschen demonstrieren? Wird sich Tichanowskaja anschlie\u00dfen und damit riskieren, auch in einem der KGB-Gef\u00e4ngnisse zu landen?<\/p>\n<p>Lukaschenko hatte schon 2010 Proteste niederschlagen lassen. Vieles deutet darauf hin, dass er dieses Mal auch bereit ist, das zu tun. Er k\u00fcndigte bereits mehrmals an, hart gegen Demonstranten vorgehen zu wollen. Tichanowskajas Appelle scheinen damit zu verhallen. Sie sagt: &quot;Wir wollen keinen Maidan, keinen Krieg, sondern nur freie und faire Wahlen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Swetlana Tichanowskaja vor Anh\u00e4ngern in Brest: &quot;Sweta! Sweta!&quot; Foto:\u2002Sergei Grits\/ AP &quot;Sweta, Sweta&quot;, rufen Tausende, als Swetlana Tichanowskaja endlich in einem Wald bei Brest ankommt und auf die B\u00fchne steigt. Nur dort darf ihre Versammlung stattfinden, weit weg vom Zentrum der Stadt an der polnischen Grenze. 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