{"id":1683,"date":"2020-08-07T09:18:42","date_gmt":"2020-08-07T06:18:42","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/china-und-sein-corona-comback-zweifel-an-den-wirtschaftsdaten\/"},"modified":"2020-08-07T09:18:42","modified_gmt":"2020-08-07T06:18:42","slug":"china-und-sein-corona-comback-zweifel-an-den-wirtschaftsdaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/china-und-sein-corona-comback-zweifel-an-den-wirtschaftsdaten\/","title":{"rendered":"China und sein Corona-Comback: Zweifel an den Wirtschaftsdaten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/fe1bd87d-a66a-40ae-8fb6-3d83a7065009_w948_r1.77_fpx38.95_fpy49.85.jpg\" title=\"Skyline von Peking\" alt=\"Skyline von Peking\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Skyline von Peking<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Qianlong\/ Qianlong &#8211; Imaginechina\/ AP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Aufstieg Chinas zur f\u00fchrenden Wirtschaftsmacht ist gut dokumentiert: Mehr als vier Jahrzehnte praktisch ununterbrochenen Wachstums haben das Land auf Augenh\u00f6he mit den USA katapultiert &#8211; und nebenbei Hunderte Millionen Chinesen aus tiefer Armut befreit.<\/p>\n<p>Selbst in der Weltwirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 schnurrte der chinesische Wirtschaftsmotor fast unbeeindruckt weiter. Mit Wachstumsraten \u00fcber neun Prozent schob das Land die Weltwirtschaft fast im Alleingang wieder an. Nach dem Corona-Schock richten sich wieder viele Erwartungen an China: F\u00fchrt es die Weltwirtschaft ein zweites Mal aus dem Abgrund?<\/p>\n<p>Das offizielle Peking hat seine Antwort schon gegeben, eine Art zackiges &quot;Ja, klar!&quot; in Form der amtlichen Wachstumsrate. Zwischen April und Juni ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt demnach schon wieder um<br \/>3,2 Prozent gewachsen, w\u00e4hrend zeitgleich Europa und die USA mehr als 10 Prozent Minus meldeten.<\/p>\n<h3>Kann das wirklich sein?<\/h3>\n<p>In Paris sitzt Thanh-Long Huynh im B\u00fcro seiner Firma und geht der Frage nach, ob man dieses Daten glauben kann. Er hat Karriere als Investmentbanker gemacht, bei der Gro\u00dfbank Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale und als Hedgefonds-Manager. 2012 hat er sich selbst\u00e4ndig gemacht, QuantCube hei\u00dft sein Start-up. 50 Mitarbeiter besch\u00e4ftigt das Unternehmen. Sein Gesch\u00e4ftsmodell ist es, ein unabh\u00e4ngiges Bild von der derzeitigen Lage der chinesischen Wirtschaft zu erstellen &#8211; und diese Daten dann an Banken und Investoren zu verkaufen.<\/p>\n<p>Huynhs Firma kooperiert mit der franz\u00f6sischen Raumfahrtagentur und wertet Satellitenaufnahmen aus, die Hinweise auf die tats\u00e4chliche Bauaktivit\u00e4t schlie\u00dfen. Seine Analysten verfolgen die Routen von 80.000 Frachtern, von denen viele chinesische H\u00e4fen anlaufen. Sie \u00fcberwachen auch, wie schmutzig die Luft in den Industrierevieren gerade ist &#8211; ein wichtiger Hinweis auf die Auslastung der Betriebe.<\/p>\n<p>Das Urteil von QuantCube zu Chinas Blitz-Comeback ist eindeutig: Kann nicht sein. Huynh sagt, es sei angesichts der beobachteten wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit &quot;schlicht unm\u00f6glich, dass China schon wieder gewachsen ist&quot;.<\/p>\n<p>Huynh st\u00fctzt sich dabei auf mehrere Indikatoren, die seine Firma entwickelt hat. Dazu geh\u00f6rt ein Handels-Index. Er basiert auf Frachtdaten der gro\u00dfen See- und Flugh\u00e4fen &#8211; und verharrt trotz des offiziellen Aufschwungs mit minus 7,6 Prozent weiter tief im negativen Bereich. Eine \u00dcberraschung sei das nicht, die Nachfrage von Chinas wichtigsten Handelspartnern in Europa und Nordamerika sei weiter niedrig, so Huynh.<\/p>\n<p>Noch drastischer f\u00e4llt die Differenz zu den offiziellen Angaben beim Arbeitsmarkt aus. Die Zahl der offenen Stellen ist laut QuantCube deutlich geringer als von Peking gemeldet &#8211; ein Zeichen f\u00fcr ein Andauern der wirtschaftlichen Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Der dritte Index misst den wichtigen privaten Konsum. Und auch der zeigt noch keine vollst\u00e4ndige Erholung.<\/p>\n<p>Huynh sagt, er k\u00f6nne derzeit noch keine einzige makro\u00f6konomische Kennziffer erkennen, die nicht unter ihrem Vorjahreswert liege. Wenn aber alle Komponenten im negativen Bereich liegen, &quot;kann die Wirtschaftsleistung insgesamt nicht im Plus sein&quot;. Auch dann nicht, wenn man das zweite Quartal mit dem sehr schwachen ersten Quartal vergleiche.<\/p>\n<p>Die Unzuverl\u00e4ssigkeit der chinesischen Wirtschaftsdaten hat bereits in der Vergangenheit dazu gef\u00fchrt, dass \u00d6konomen und Analysten eigene Berechnungen angestellt haben, um ein realistischeres Bild der Entwicklung zu bekommen. Julian Evans-Pritchard zum Beispiel, er ist China-Experte beim Analysehaus Capital Economics mit Sitz in Singapur.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig schickt er an seine Kunden Berichte mit Zahlenkolonnen und Grafiken, die einen besseren Eindruck von der wahren Lage in China geben sollen: Wie hoch ist der Stromverbrauch? Wie viele Staus gibt es in den gro\u00dfen St\u00e4dten? Oft finden sich in solchen Kennziffern Hinweise, die in den offiziellen Wachstumsdaten verschleiert werden. Als vor einigen Jahren etwa dem chinesischen Bausektor die Puste ausging, schlug sich das in der offiziell vermeldeten Wachstumsrate kaum nieder &#8211; hinterlie\u00df aber zum Beispiel deutliche Spuren beim Zementverbrauch.<\/p>\n<p>Evans-Pritchard sch\u00e4tzt die Lage in China etwas anders ein als das QuantCube-Team von Huynh. Es sei nicht so, dass die chinesischen Wachstumszahlen frei erfunden seien. Die offiziellen Daten h\u00e4lt er allerdings ebenfalls f\u00fcr gesch\u00f6nt. &quot;Wir sch\u00e4tzen die Daten zur <em>nominalen <\/em>Wirtschaftsentwicklung f\u00fcr relativ verl\u00e4sslich ein&quot;, sagt er. Allerdings: \u00dcberall auf der Welt werden die Wirtschaftsdaten dann korrigiert um einen <em>Deflator<\/em>, der etwa die Preisentwicklung ber\u00fccksichtigt, um das <em>reale Wirtschaftswachstum<\/em> zu beziffern.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es eigentlich internationale Standards, die in China allerdings offenbar nicht ber\u00fccksichtigt werden, jedenfalls seit einigen Jahren. &quot;Bis 2012 war das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Deflator und der Verbraucherinflation ziemlich stabil&quot;, sagt Evans-Pritchard. Seit acht Jahren aber ist das nicht mehr so und Analysten haben Schwierigkeiten, Pekings Rechnung vom nominalen Bruttoinlandasprodukt zum realen nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Die Daten werden wom\u00f6glich frisiert, damit China seine selbst gesteckten Wachstumsziele doch erreicht. Das ist seit einigen Jahren immer schwieriger geworden, weil Chinas gemessene Wachstumsraten geringer werden. Die Kommunistische Partei hatte sich aber das Ziel gesetzt, die Wirtschaftskraft zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist ein f\u00fcr eine gro\u00dfe Volkswirtschaft v\u00f6llig anormaler Wirtschaftsverlauf: Konjunkturzyklen scheint es &#8211; zumindest laut den offiziellen Statistiken &#8211; in China in den vergangenen Jahren praktisch nicht gegeben zu haben. Die Wachstumsraten schwankten kaum. Auff\u00e4llig ist auch: W\u00e4hrend andere Industrienationen immer mal wieder Korrekturen an ersten Wachstumssch\u00e4tzungen ver\u00f6ffentlichen, ist das seit 2012 in China kaum noch der Fall. Das deutet laut Analyst Evans-Pritchard &quot;auf Manipulationen im Hintergrund hin&quot;.<\/p>\n<p>Capital Economics hat deshalb einen eigenen Index entwickelt, genannt <em>China Activity Proxy (CAP)<\/em>. Anders als die offiziellen Wachstumsraten zeigt er deutlich, dass das Auf und Ab der Konjunkturzyklen auch in China gilt. Und: Das reale Wachstum der Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren demnach stets deutlich geringer ausgefallen, als von Peking verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Das gilt auch in der Coronakrise. Laut offiziellen Angaben ist Chinas Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres um 6,8 Prozent geschrumpft. Laut der Berechnungen von Capital Economics lag das Minus aber bei mehr als 10 Prozent. Und der Aufschwung im zweiten Quartal ist offenbar geringer ausgefallen, als die von Peking behaupteten Plus 3,2 Prozent. Julian Evans-Pritchard kommt auf weniger als 2 Prozent.<\/p>\n<p>Es geht dabei um mehr als blo\u00dfe Zahlenklauberei: China ist ein gewichtiger Faktor f\u00fcr die Weltwirtschaft &#8211; und gerade in Deutschland sind viele Firmen abh\u00e4ngig vom Handel mit Fernost. Manchmal wenden sie sich dabei auch an Philipp Hauber, er ist Forscher am Institut f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel (IfW) und verfolgt die Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft genau. Seine Prognosen flie\u00dfen dann ein in die Konjunkturprognose f\u00fcr Deutschland, das besonders stark vom Handel mit China profitiert.<\/p>\n<p>China gl\u00e4tte den Konjunkturzyklus auff\u00e4llig, sagt auch Hauber. Dass die offiziellen Zahlen die konjunkturellen Schwankungen nicht besonders gut abbilden &quot;zeigt zum Beispiel der tiefe Abschwung der chinesischen Wirtschaft 2015\/2016&quot;, sagt Hauber. Damals habe es eine &quot;richtige Delle&quot; im Au\u00dfenhandel mit China gegeben. In den offiziellen Wachstumszahlen war das aber kaum ablesbar. Das IfW berechnet deshalb ebenfalls alternative Indikatoren.<\/p>\n<p>Allerdings: Ausgerechnet in der aktuellen Krise deutet sich wom\u00f6glich ein Umdenken in China an. Die Beh\u00f6rden haben &#8211; vor einem Jahr noch undenkbar &#8211; im ersten Quartal ohne Umschweife einger\u00e4umt, dass Chinas Wirtschaft massiv eingebrochen ist. Erstmals sind sie auch von ihrem offiziellen Wachstumsziel abger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Damit ist auch der politische Druck gesunken, dieses Ziel zu erreichen &#8211; und sei es durch Manipulation.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Skyline von Peking Foto:\u2002Qianlong\/ Qianlong &#8211; Imaginechina\/ AP Der Aufstieg Chinas zur f\u00fchrenden Wirtschaftsmacht ist gut dokumentiert: Mehr als vier Jahrzehnte praktisch ununterbrochenen Wachstums haben das Land auf Augenh\u00f6he mit den USA katapultiert &#8211; und nebenbei Hunderte Millionen Chinesen aus tiefer Armut befreit. 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