{"id":1677,"date":"2020-08-07T02:57:59","date_gmt":"2020-08-06T23:57:59","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-emmanuel-macron-verbrudert-sich-mit-den-wutenden\/"},"modified":"2020-08-07T02:57:59","modified_gmt":"2020-08-06T23:57:59","slug":"libanon-emmanuel-macron-verbrudert-sich-mit-den-wutenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-emmanuel-macron-verbrudert-sich-mit-den-wutenden\/","title":{"rendered":"Libanon: Emmanuel Macron verbr\u00fcdert sich mit den W\u00fctenden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/4162825e-2d5c-4a67-9fc8-07ecec5f7371_w948_r1.77_fpx33.34_fpy50.jpg\" title=\"Macron winkt im Stadtzentrum von Beirut den Demonstranten zu\" alt=\"Macron winkt im Stadtzentrum von Beirut den Demonstranten zu\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Macron winkt im Stadtzentrum von Beirut den Demonstranten zu<\/p>\n<p>  Foto:\u2002POOL\/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Es sagt eigentlich alles \u00fcber die Lage der libanesischen Nation, dass sich nach der Katastrophe vom Dienstag als erster ein ausl\u00e4ndischer Politiker auf den Stra\u00dfen Beiruts zeigte: Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron zog durch die Stra\u00dfen der versehrten libanesischen Hauptstadt Beirut, aus deren Tr\u00fcmmern noch immer Leichen geborgen werden. Die Bilder seines Besuchs m\u00fcssten so manchen Staatschef neidisch machen: Tausende Menschen empfingen Macron teils wie einen Retter, manche beschimpften ihn auch, es war eine seltsame Mischung aus Triumphzug und Spie\u00dfrutenlauf. Der Franzose war der einzige Politiker, der sich den Menschen \u00fcberhaupt zeigte.<\/p>\n<p>Wenn Libanons f\u00fchrende Politiker einen \u00e4hnlichen Spaziergang durch ihre Stadt unternehmen wollten, m\u00fcssten sie in diesen Tagen wohl um ihre Sicherheit f\u00fcrchten. Sie werden von den B\u00fcrgern \u2013 zu Recht \u2013 daf\u00fcr verantwortlich gemacht, dass der Staat zerf\u00e4llt, die Wirtschaft zerst\u00f6rt ist und der Libanon schon vor der Katastrophe vom Dienstag auf dem Weg zum &quot;failed state&quot; war. Die Libanesen wissen, dass diese Elite schuld ist an der gewaltigen Explosion, die den Hafen von Beirut und seine n\u00e4here Umgebung zerst\u00f6rt und weite Teile der Stadt schwer besch\u00e4digt hat; &quot;Foreign Policy&quot; verglich die Explosion gar mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die 1986 ebenfalls f\u00fcr den Zerfall eines Systems stand:\u2008der Sowjetunion. Libanons Pr\u00e4sident Aoun sei &quot;ein M\u00f6rder&quot;, schrien w\u00fctende Menschen Macron entgegen, sie forderten eine &quot;Revolution&quot; und den &quot;Sturz des Regimes&quot;. Und riefen dem franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten zu:\u2008&quot;Sie sind unsere einzige Hoffnung!&quot; Macron sch\u00fcttelte sp\u00e4ter dem libanesischen Pr\u00e4sidenten wegen Corona nicht die Hand \u2013 umarmte aber eine Frau in der Menge. Das hatte gro\u00dfe Symbolkraft.<\/p>\n<h3>Frankreich organisiert die Geberkonferenz<\/h3>\n<p>Macron hat sich mit seinem Besuch in Beirut einen Auftritt beschert, an den er sich wohl auch selbst noch lange erinnern wird: Wann ist zuletzt ein Politiker mit solchen Emotionen und Hoffnungen begr\u00fc\u00dft worden? In seiner franz\u00f6sischen Heimat k\u00f6nnte er ein solches Bad in einer Menge kaum nehmen, seine Beliebtheit h\u00e4lt sich in Grenzen. Im Libanon dagegen sehen viele Menschen in ihm offensichtlich einen Heilsbringer, eine Gegenfigur zu ihren eigenen korrupten, verfeindeten Politikern\u2002\u2013 insbesondere im mehrheitlich christlichen Viertel Gemmayzeh, das er besuchte. Selbstverst\u00e4ndlich sehen das l\u00e4ngst nicht alle Menschen im Land so. Ein Grund f\u00fcr die Misere des Libanon ist, dass er politisch und konfessionell zutiefst gespalten ist.<\/p>\n<p>Frankreich war hier einst Kolonialmacht, es gibt tiefe kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen zwischen Frankreich und dem Libanon. Macron hat, um diese Geschichte wissend, seinen Besuch genutzt, um Frankreich in der Stunde der Katastrophe Gewicht zu verschaffen. Auf der Stra\u00dfe gab er den Menschen Versprechungen ab: Er werde den politischen Kr\u00e4ften im Land &quot;einen neuen politischen Pakt&quot; vorschlagen, im Gegenzug f\u00fcr Milliardenhilfen \u2013 und im September wiederkehren. Einer Frau, die ihm laut vorhielt, dass er sich mit Warlords treffe, rief er entgegen:\u2008&quot;Ich bin nicht hier, um denen zu helfen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen!&quot;. Seine Botschaft war: Hilfsgelder werde es nur geben, wenn die Regierenden massive Reformen zustimmten. Frankreich will eine internationale Geberkonferenz organisieren, die Hilfe organisieren, die ins Land kommt und daf\u00fcr sorgen, dass sie \u00fcber Nichtregierungsorganisationen gelenkt wird und direkt bei den Menschen ankommt \u2013 nicht bei den Politikern.<\/p>\n<p>Die Gefahr ist einerseits gro\u00df, dass Macron mit seinem Auftritt unrealistische Hoffnungen weckt. Wie soll Frankreich, wie soll die Europ\u00e4ische Union eine Elite stoppen, die den Staat seit Jahrzehnten pl\u00fcndert und damit schon im vergangenen Jahr eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise ausgel\u00f6st hat? Wie soll das Kn\u00e4uel entwirrt werden, das die Machtstruktur des Libanon ist? Alle Posten im Staat werden nach Konfessionen verteilt, unter Schiiten, Sunniten und Christen. Die von Iran finanzierte, m\u00e4chtige Hisbollah-Miliz bildet einen Staat im Staate. Seit vergangenem Jahr fordern Demonstranten in zunehmend gewaltt\u00e4tigen Protesten eine Revolution und eine Entmachtung der Hisbollah. Macron wei\u00df sicherlich, dass er dieses System nicht beseitigen kann.<\/p>\n<h3>Macron muss Frankreichs Einfluss nutzen<\/h3>\n<p>Dennoch ist Macrons mutiger Auftritt begr\u00fc\u00dfenswert, sein Tatendrang n\u00f6tig. Gerade aus Deutschland wird Frankreich gerne sp\u00f6ttisch internationale Gro\u00dfmannssucht unterstellt \u2013 und nat\u00fcrlich ist Macrons Auftritt auch damit zu erkl\u00e4ren, dass es zu Hause immer noch gut ankommt, wenn der Pr\u00e4sident in den ehemaligen Kolonien eine starke Figur abgibt. Doch in erster Linie ist es ein starkes Signal aus Europa, dass Macron so schnell ins Land gereist ist und sich an die Seite der Bev\u00f6lkerung stellt \u2013 gegen die verhassten Eliten, von denen viele seit Jahrzehnten Frankreich eng verbunden sind und Zweitwohnsitze in Paris besitzen. Frankreich pflegt seit Jahrzehnten enge Beziehungen zu libanesischen Politikern und \u00fcbt informellen Einfluss im Land aus. Den kann und muss Macron nun nutzen.<\/p>\n<p>Frankreich ist der einzige EU-Staat, der \u00fcber echten geopolitischen Ehrgeiz verf\u00fcgt und ihn immer wieder offen zeigt \u2013 manchmal fehlgeleitet, wie die j\u00fcngsten Alleing\u00e4nge in Libyen zeigen. Doch immerhin hat Macron \u00fcberhaupt au\u00dfenpolitischen Gestaltungswillen und keine Scheu davor, als Europ\u00e4er eine F\u00fchrungsrolle zu \u00fcbernehmen. Davon k\u00f6nnte sich Deutschland auch etwas abschauen. Denn Europa ist einem zunehmend instabilen Mittelmeerraum umringt von aggressiven Mittelm\u00e4chten, die jede Gelegenheit ergreifen, die sich ihnen er\u00f6ffnet. Die EU h\u00e4lt sich vornehm zur\u00fcck oder zeigt sich uneinig \u2013 Iran, die T\u00fcrkei, die Vereinigten Arabischen Emirate und Russland schaffen dagegen in Syrien, Libyen oder im Jemen Fakten.<\/p>\n<p>Auch im Libanon sind viele M\u00e4chte ineinander verkeilt, insbesondere Iran und Saudi-Arabien stehen sich hier gegen\u00fcber. Doch ihre Legitimit\u00e4t ist durch die katastrophale Lage des Landes im Moment schwer besch\u00e4digt. Frankreich ist im Land zwar auch kein neutraler Vermittler, sondern Teil des jahrzehntealten Kr\u00e4ftemessens \u2013 aber gerade deswegen ist es so wichtig, dass Macron nun klar Position bezogen hat und zeigt, dass er den Staat stabilisieren will. Das ist eine Aufgabe nicht nur f\u00fcr Macron, sondern f\u00fcr alle Europ\u00e4er: Sie haben im Moment mit der internationalen Hilfe einen Hebel in der Hand: Sie k\u00f6nnen die Lage nutzen, um dem Land zu helfen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss als erstes nun den Einwohnern der Stadt dringend geholfen werden, deren Wohnungen zerst\u00f6rt und verw\u00fcstet wurden, die unter Hunger, Stromausfall und Corona leiden. Es geht f\u00fcr die EU um sehr viel: Ein Kollaps des Libanon h\u00e4tte gravierende Folgen. In einer Region, in der ein Staat nach dem anderen zerf\u00e4llt, darf Libanon nicht der n\u00e4chste sein. Dieser br\u00f6selnde Staat hat schon Millionen Fl\u00fcchtlinge aus Syrien aufgenommen. Eine neue Fl\u00fcchtlingswelle aus dem Nahen Osten w\u00e4re nicht verkraftbar.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Macron winkt im Stadtzentrum von Beirut den Demonstranten zu Foto:\u2002POOL\/ REUTERS Es sagt eigentlich alles \u00fcber die Lage der libanesischen Nation, dass sich nach der Katastrophe vom Dienstag als erster ein ausl\u00e4ndischer Politiker auf den Stra\u00dfen Beiruts zeigte: Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron zog durch die Stra\u00dfen der versehrten libanesischen Hauptstadt Beirut, aus deren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1678,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1677","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1677","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1677"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1677\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1678"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}