{"id":1675,"date":"2020-08-07T00:40:29","date_gmt":"2020-08-06T21:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/beirut-nach-der-katastrophe-leben-in-trummern-betroffene-berichten\/"},"modified":"2020-08-07T00:40:29","modified_gmt":"2020-08-06T21:40:29","slug":"beirut-nach-der-katastrophe-leben-in-trummern-betroffene-berichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/beirut-nach-der-katastrophe-leben-in-trummern-betroffene-berichten\/","title":{"rendered":"Beirut nach der Katastrophe: Leben in Tr\u00fcmmern &#8211; Betroffene berichten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/94e3abb7-2b68-4dd4-a4b2-c54e4c01963a_w948_r1.77_fpx49_fpy91.jpg\" title=\"Stra\u00dfe in Beirut: H\u00e4user von bis zu 300.000 Menschen besch\u00e4digt\" alt=\"Stra\u00dfe in Beirut: H\u00e4user von bis zu 300.000 Menschen besch\u00e4digt\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Stra\u00dfe in Beirut: H\u00e4user von bis zu 300.000 Menschen besch\u00e4digt<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>ANWAR AMRO\/ AFP<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zumindest waschen m\u00f6chte sich <strong>Ramzie Shamsaa<\/strong> irgendwann wieder. Das, sagt sie, sei gerade ihr dringlichster Wunsch.<\/p>\n<p>Die Explosion von Beirut hat den Wassertank auf ihrem Dach umgekippt und besch\u00e4digt, die Leitungen h\u00e4ngen abgerissen ins Leere. &quot;200 Dollar soll das kosten, hat mein Nachbar gesagt. So viel Geld habe ich nicht.&quot; Ramzie Shamsaa ist 69 Jahre alt, sie geh\u00f6rte schon vor dem Inferno von Dienstagabend zu den \u00c4rmsten ihres Viertels in der libanesischen Hauptstadt. Nun wurde ihr Bezirk Mar Mikhael schwer getroffen von der Druckwelle der Detonation.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren ist der Bezirk immer mehr vom Arbeiter- zum Ausgehviertel geworden, doch Shamsaa ist geblieben. Vor 30 Jahren war sie aus der syrischen Provinz Daraa mit ihrem Mann Fayiz hergezogen. &quot;Er war 20 Jahre \u00e4lter als ich, ist schon 2013 gestorben&quot;, sagt sie. Nach seinem Tod hat sie ihre zehn Jahre j\u00fcngere Schwester Alham zu sich geholt. Sie ist geistig behindert und leidet an Krebs. &quot;Vor Kurzem haben sie ihr eine Brust abgenommen und die Lymphknoten unter dem Arm, seitdem sind ihre Arme immer so stark geschwollen&quot;, erz\u00e4hlt Shamsaa.<\/p>\n<h3>&quot;Nur Angst, ganz viel Angst&quot;<\/h3>\n<p>Die Schwestern teilen sich Bad, K\u00fcche, Wohn- und ein Schlafzimmer in einem Hinterhofverschlag des Viertels. Am Dienstagabend sa\u00dfen sie auf dem Sofa. &quot;Erst fiel der Strom aus, und es gab ein Ger\u00e4usch, da bin ich raus vor die T\u00fcr. Dann kam der Knall.&quot;<\/p>\n<p>Scheiben gingen zu Bruch, die W\u00e4nde im Schlafzimmer sind gerissen, im Wohnzimmer ist ein Teil der Decke heruntergerissen. Eine dicke Staubschicht liegt \u00fcber allem. &quot;Wir hatten Gl\u00fcck. Allah hat uns besch\u00fctzt&quot;, sagt die Christin, die sich selbst als tiefgl\u00e4ubig bezeichnet. Neben ihr stehen Heiligenfiguren und ein Marienbild hinter einer gesplitterten Scheibe. <\/p>\n<p>Nach der Ersch\u00fctterung hatte sie &quot;nur Angst, ganz viel Angst&quot;, erz\u00e4hlt sie. Die Schwestern h\u00e4tten sich auf ihre Betten gesetzt, geschockt, die J\u00fcngere habe geschluchzt und gezittert. Shamsaa: &quot;Ich bin dann irgendwann wieder raus und habe angefangen zu putzen.&quot;<\/p>\n<p>Zwei Tage nach den Detonationen sei ihre Schwester nun bei Freunden in Zahl\u00e9 untergekommen, berichtet Ramzie Shamsaa. Sie harre aus und warte auf Hilfe: &quot;Woher die kommen soll, wei\u00df ich aber nicht.&quot; <\/p>\n<p>Die kleine Frau gibt an, nur bis zur f\u00fcnften Klasse die Schule besucht zu haben. Sie k\u00f6nne kaum ihren Namen schreiben. Seit Jahren sei sie auf Unterst\u00fctzung angewiesen. &quot;Von der Caritas haben wir immer Wasser und Lebensmittel bekommen&quot;, sagt sie. Bereits vor der Katastrophe war die Not im Libanon gro\u00df. Die Schwestern h\u00e4tten nur noch wenige Stunden Strom am Tag gehabt, seitdem gar keinen mehr, so Shamsaa. &quot;Ich sitze hier nun jede Nacht im Dunkeln, ungesch\u00fctzt.&quot;<\/p>\n<h3>Hunderttausende ohne Obdach<\/h3>\n<p>Seit der gro\u00dfen Explosion &#8211; die so stark wie ein Erdbeben der St\u00e4rke 3,5 war &#8211; leben rund 300.000 Beiruter ohne Obdach, zwischen Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Etwa 20 Gehminuten von der Wohnung der beiden Schwestern entfernt steht das Haus der <strong>Familie Chaou<\/strong>. Eigentlich ist es eine historische Villa, die Decken der Zimmer \u00fcber vier Meter hoch, die Mauern aus Sandstein, die Front zum Meer mit dem f\u00fcr Beirut charakteristischen Dreifachspitzbogen. &quot;Mein Urgro\u00dfvater hat dieses Haus 1875 gebaut&quot;, sagt Alain Chaou, der \u00e4lteste Sohn. <\/p>\n<p>Jetzt ist es nur noch Gerippe. Abgedecktes Dach, abgerissener Balkon, im Inneren die totale Zerst\u00f6rung. Auf der steilen Treppe liegen auch zwei Tage sp\u00e4ter Tr\u00fcmmer, dazwischen klebt getrocknetes Blut. &quot;Meine Mutter und ich waren zum Gl\u00fcck nicht hier, als es passiert ist&quot;, sagt Alain Chaou, &quot;aber mein Vater, der hat sich allein ins n\u00e4chste Krankenhaus geschleppt. Er hat einen Liter Blut verloren.&quot; Mittlerweile sei er wieder stabil. <\/p>\n<h3>Angst vor Pl\u00fcnderungen<\/h3>\n<p>\u00dcber das Geb\u00e4ude der Familie l\u00e4sst sich das wohl nicht sagen. Chaou f\u00fchrt in den zweiten Stock, den er sich zur Junggesellenwohnung und Gesch\u00e4ftsr\u00e4umen ausgebaut hatte. Dort, wo jetzt nur noch Tr\u00fcmmer sind, gab es einmal f\u00fcnf Zimmer. Unter den Resten der Decke h\u00e4ngen noch Bruchst\u00fccke einer Stuckrosette.<\/p>\n<p>&quot;Da vorne war mein Lager&quot;, sagt Alain Chaou. Er hat von hier aus ein Brautmodengesch\u00e4ft gef\u00fchrt. Ein Dutzend aufwendige, vollkommen verstaubte Kleider h\u00e4ngen noch an einer Stange. &quot;Sonst haben wir alles, was etwas wert war, rausgeholt&quot;, sagt der Sohn. Vor der T\u00fcr stehen noch Gurkenkonserven und Whiskeyflaschen. Es sei Vorsicht geboten in diesem Chaos, sagt Alain Chaou, im Restaurant gegen\u00fcber h\u00e4tten Diebe noch in der Nacht nach der Explosion den Tresor abtransportiert.<\/p>\n<p>Wie es jetzt weitergehen soll, wei\u00df auch Alain Chaou nicht: &quot;Vielleicht k\u00f6nnen wir erst mal bei den Nachbarn schlafen, die haben zumindest noch ein Dach \u00fcber sich.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Es gibt keine Zukunft mehr in diesem Land&quot;<\/h3>\n<p>Ein paar hundert Meter entfernt sitzt <strong>Francoise Shahwan<\/strong> im Salon seines Hauses. Wie bei den Chaous sind die Zimmer gro\u00dfz\u00fcgig geschnitten und mit herrlichen Blumenmusterkacheln ausgelegt. <\/p>\n<p>&quot;Da in dem Eckzimmer, das war zuletzt ein Lager, wurde ich vor 66 Jahren geboren&quot;, erz\u00e4hlt Francoise. Er ist das j\u00fcngste von vier Geschwistern. W\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs hat er ein paar Jahre in Johannesburg gelebt. &quot;Nat\u00fcrlich bereue ich, dass ich wiedergekommen bin. Nicht meinetwegen, aber wegen meiner Kinder. Es gibt doch keine Zukunft mehr in diesem Land.&quot;<\/p>\n<p>Shahwan habe seinen Lebensplan auf das alte Haus im Stadtteil Gemmayze ausgerichtet: &quot;Erst habe ich zwei meiner Geschwister abgefunden, f\u00fcr 400.000 Dollar, dann habe ich die Zimmer renoviert, das hat noch mal 100.000 gekostet.&quot; Bis zum Beginn der Wirtschaftskrise habe er die Zimmer an Studenten vermieten k\u00f6nnen &#8211; und eigentlich auch noch ein Hostel einrichten wollen.<\/p>\n<p>Aber die Studenten im Libanon haben kein Geld mehr beziehungsweise nur immer wertlosere Lira. Und Touristen werden Beirut wohl bis auf Weiteres meiden.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren h\u00e4tte Shahwan das Haus f\u00fcr mehrere Millionen an Investoren verkaufen k\u00f6nnen, sagt er. &quot;Die h\u00e4tten hier noch so einen h\u00e4sslichen Turm hingebaut, das wollte ich nicht.&quot;<\/p>\n<p>Francoise Shahwan hadert nicht, er wirkt auch nicht traurig. Als ihn sein junger Nachbar fragt, ob er Hilfe beim Aufr\u00e4umen brauche, winkt er ab: &quot;Ich lasse das jetzt erst mal alles so. Wollen wir doch erst mal sehen, was noch passiert im Libanon.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Stra\u00dfe in Beirut: H\u00e4user von bis zu 300.000 Menschen besch\u00e4digt Foto:\u2002 ANWAR AMRO\/ AFP Zumindest waschen m\u00f6chte sich Ramzie Shamsaa irgendwann wieder. Das, sagt sie, sei gerade ihr dringlichster Wunsch. 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