{"id":1667,"date":"2020-08-06T16:05:58","date_gmt":"2020-08-06T13:05:58","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-nach-explosionen-menschen-machen-sich-gedanken-um-ihre-nachste-mahlzeit\/"},"modified":"2020-08-06T16:05:58","modified_gmt":"2020-08-06T13:05:58","slug":"libanon-nach-explosionen-menschen-machen-sich-gedanken-um-ihre-nachste-mahlzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-nach-explosionen-menschen-machen-sich-gedanken-um-ihre-nachste-mahlzeit\/","title":{"rendered":"Libanon nach Explosionen: &#8220;Menschen machen sich Gedanken um ihre n\u00e4chste Mahlzeit&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/c347f3a4-99cb-4dc2-8eba-43a881840ef5_w948_r1.77_fpx70_fpy81.jpg\" title=\"Der Hafen von Beirut nach den Explosionen: Jahrzehntelange Korruption\" alt=\"Der Hafen von Beirut nach den Explosionen: Jahrzehntelange Korruption\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Der Hafen von Beirut nach den Explosionen: Jahrzehntelange Korruption<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Elizabeth Fitt\/ SIPA\/ action press  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Kornspeicher Beiruts fasste zum Zeitpunkt der Explosionen 15.000 Tonnen Getreide. Er stand direkt am Hafen. Aufnahmen dieses Ortes zeigen heute Schutt und Asche. Dazwischen liegen Milliarden orangegelber K\u00f6rner. Was dort zwischen grauen Ruinen schimmert, waren Weizen, Mais, Gerste &#8211; Nahrung f\u00fcr 6,8 Millionen Menschen im Libanon.<\/p>\n<p>Bereits vor den verheerenden Explosionen steckte der Libanon in der Krise. Der gro\u00dfe Hafen in Beirut galt als Lebensader eines Landes, das den Gro\u00dfteil seiner Nahrung importieren muss. Das Terminal, durch das Korn ins Land kam, und die Verladestation wurden bei den Explosionen ebenfalls zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Noch knapp einen Monat reichen die Kornvorr\u00e4te f\u00fcr die Nation, teilte Libanons Wirtschaftsminister am Mittwoch mit. Man brauche aber Reserven f\u00fcr mindestens drei Monate, um sich gegen Notlagen abzusichern. Auch das Mehl reiche noch etwa eineinhalb Monate. Schiffe mit 28.000 Tonnen Weizen seien bereits unterwegs, etliche Importe m\u00fcssen jetzt neu organisiert werden.<\/p>\n<p>Auch Hans Bederski k\u00fcmmert sich als Landesdirektor der Hilfsorganisation World Vision um die Not im Libanon, seit zwei Jahren lebt er mit seiner Familie im Land. Er stand am Dienstagabend gegen 18 Uhr Ortszeit in seiner K\u00fcche in einem Au\u00dfenbezirk Beiruts. Neben ihm seine elfj\u00e4hrige Tochter. Bederski schnitt Zucchini, Pilze, Auberginen f\u00fcr das Abendessen. Doch dann knallte es.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie geht es Ihnen heute?<\/p>\n<p><strong>Bederski:<\/strong> Wir haben nach dem unglaublichen Knall ein Beben gesp\u00fcrt und dann von der Terrasse die Rauchschwaden gesehen. Seitdem k\u00fcmmere ich mich um unsere Mitarbeiter. Zum Gl\u00fcck sind nur zwei leicht verletzt. Nach der ersten Nacht ist die Stimmung extrem gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Die Explosionen haben den Haupthafen des Landes in Schutt und Asche gelegt. Was bedeutet das f\u00fcr den Import von Nahrungsmittel und Hilfsg\u00fctern?<\/p>\n<p><strong>Bederski: <\/strong>Die Lagerst\u00e4tten im Hafen sind zerst\u00f6rt und die Getreide dort sind verbrannt. Der Libanon ist abh\u00e4ngig von Lebensmittelimporten. Das Land f\u00fchrt bis zu 80 Prozent seines Bedarfs ein &#8211; Linsen, Trockenfr\u00fcchte, \u00d6l, sogar die Kichererbsen f\u00fcr Hummus kommen aus Russland und Kanada. Die lokale Weizenproduktion deckt zehn Prozent des nationalen Konsums. Durch den zerst\u00f6rten Hafen wird es starke Einschr\u00e4nkungen geben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die Regierung hat bereits angek\u00fcndigt, dass sie den zweiten Hafen im Libanon funktionsf\u00e4hig machen will. Importeure bef\u00fcrchten aber, dass es zu massiven Problemen bei den Lieferketten kommen wird.<\/p>\n<p><strong>Bederski: <\/strong>Der genannte Hafen liegt an der Grenze zu Syrien in der Stadt Tripoli. Aber er hat nur eine kleine Kapazit\u00e4t. Es wird Monate dauern, ihn so funktionsf\u00e4hig zu machen, dass ausreichend Lebensmittel durchkommen k\u00f6nnen. Die gesamte Importinfrastruktur muss neu aufgebaut werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> In welcher Lage hat die Katastrophe den Libanon getroffen?<\/p>\n<p><strong>Bederski:<\/strong> Der Libanon leidet seit Jahrzehnten unter Korruption. Nach dem B\u00fcrgerkrieg blieb die ethnische Identifizierung lange wichtiger als das Vorankommen des Landes. Seit Oktober 2019 haben wir eine Revolution miterlebt, die einen Regierungswechsel brachte. Kurz danach traf die finanzielle Krise das Land. Die Arbeitslosigkeit stieg, und auch die Lebenskosten. Dann kam die Pandemie. Die Einnahmen der B\u00fcrger haben sich auf ein Drittel ihres vorherigen Wertes reduziert. Und wir blicken harten Zeiten entgegen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Schon heute sterben Kinder an Hunger, Medikamente fehlen. Es gibt kaum noch Strom. Was wird sich noch \u00e4ndern?<\/p>\n<p><strong>Bederski:<\/strong> Viele Menschen werden anders essen. Sie werden entweder eine Mahlzeit auslassen oder ihre Mahlzeiten anders zusammenstellen &#8211; etwa Obst und Gem\u00fcse essen, das im Land angebaut wird, und es mit subventionierten Produkten auf Getreidebasis kombinieren. Bei vielen wird sich die Qualit\u00e4t der Nahrung verschlechtern. Die Regierung hat angek\u00fcndigt, dass sie die Mehlverk\u00e4ufe einschr\u00e4nken wird und ab sofort nur B\u00e4ckereien Zugang zu Mehl bekommen. F\u00fcr den Haushalt werden wir in naher Zukunft kein Mehl mehr haben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was muss man wissen, wenn man im Libanon einkaufen geht?<\/p>\n<p><strong>Bederski:<\/strong> Zwei Dinge: Alle Mehl- und Getreideprodukte sind preislich stabil und g\u00fcnstig, weil sie von der Regierung subventioniert werden &#8211; aber auch sie werden importiert. Die Preise f\u00fcr alle anderen Importe werden durch den Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt reguliert und sind extrem gestiegen. Eine Flasche \u00d6l, die Anfang des Jahres noch 1000 libanesische Pfund gekostet hat, kaufen wir jetzt f\u00fcr 5000 libanesische Pfund. Ein Becher Joghurt, der Labneh-Joghurt, den man hier so gern isst, kostete damals bei 2600 Pfund, heute kaufen wir es f\u00fcr 8000 Pfund &#8211; das sind rund 4,50 Euro.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Kann der Libanon selbst Landwirtschaft betreiben?<\/p>\n<p><strong>Bederski:<\/strong> Die landwirtschaftliche Gegend liegt im \u00f6stlichen Teil des Landes, die Bekaa-Ebene ist eigentlich eine sehr fruchtbare Gegend. Nur haben sich dort die meisten syrischen Fl\u00fcchtlinge angesiedelt. Selbst wenn das Land auf Selbstversorgung umspringen wollte, ginge das nicht so leicht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Im Libanon leben rund 1,5 Millionen syrische Fl\u00fcchtlinge, bezogen auf die Einwohnerzahl sind das mehr als in jedem anderen Land der Erde. Wie ist die Lage f\u00fcr diese besonders schutzbed\u00fcrftige Gruppe?<\/p>\n<p><strong>Bederski: <\/strong>Offiziell d\u00fcrfen syrische Fl\u00fcchtlinge keine Arbeit annehmen &#8211; es sei denn in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder bei der Abfallentsorgung. Die meisten hatten bereits vor Corona, vor den j\u00fcngsten Explosionen keinen Job. Was diese Menschen am h\u00e4rtesten trifft, sind die steigenden Lebenshaltungskosten. Die meisten Familien leihen sich Geld, um \u00fcber die Runden zu kommen. Sie sind im Durchschnitt mit 300 bis 800 US-Dollar verschuldet. Das wird noch steigen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Welchen Einfluss hat der Niedergang des Libanon auf das Nachbarland Syrien?<\/p>\n<p><strong>Bederski: <\/strong>Syrien ist zum Gro\u00dfteil sanktioniert. Alle Bankangelegenheiten und der Transfer von Geldern nach Syrien liefen \u00fcber den Libanon. Der finanzielle Sektor leidet daher stark unter unserer Krise. Hilfsorganisationen, die in Syrien arbeiten, haben ihre G\u00fcter zum Teil \u00fcber den Hafen in Beirut bezogen. \u00d6l und Sprit flie\u00dfen durch den Libanon. Durch die Explosionen wird sich die Versorgungslage in Syrien verschlechtern.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die Weltbank sch\u00e4tzt, dass jeder zweite Bewohner des Libanon bis Ende des Jahres unterhalb der Armutsgrenze leben wird. Experten gehen davon aus, dass drei Viertel der Bev\u00f6lkerung Ende 2020 von Lebensmittelspenden abh\u00e4ngen werden. Wie erleben Sie die libanesische Gesellschaft?<\/p>\n<p><strong>Bederski: <\/strong>Einmal ist da die Resignation. Viele denken an die Revolution im Oktober letzten Jahres zur\u00fcck. Sie erinnern sich an den Zusammenhalt, an den vollzogenen Regierungswechsel. Jetzt sp\u00fcren sie, dass Korruption weiter besteht, was ein Ohnmachtsgef\u00fchl ausl\u00f6st. Auf der anderen Seite haben die Menschen keine Kraft mehr, sich zu \u00fcberlegen, wie sie Korruption vernichten k\u00f6nnen. Sie machen sich nur noch Gedanken \u00fcber ihre n\u00e4chste Mahlzeit.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Der Hafen von Beirut nach den Explosionen: Jahrzehntelange Korruption Foto:\u2002Elizabeth Fitt\/ SIPA\/ action press Der gr\u00f6\u00dfte Kornspeicher Beiruts fasste zum Zeitpunkt der Explosionen 15.000 Tonnen Getreide. Er stand direkt am Hafen. Aufnahmen dieses Ortes zeigen heute Schutt und Asche. Dazwischen liegen Milliarden orangegelber K\u00f6rner. 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