{"id":16437,"date":"2022-11-26T16:30:59","date_gmt":"2022-11-26T13:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/inflation-und-armut-in-grosbritannien-frau-isaacs-kampf-gegen-die-armut\/"},"modified":"2022-11-26T16:30:59","modified_gmt":"2022-11-26T13:30:59","slug":"inflation-und-armut-in-grosbritannien-frau-isaacs-kampf-gegen-die-armut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/inflation-und-armut-in-grosbritannien-frau-isaacs-kampf-gegen-die-armut\/","title":{"rendered":"Inflation und Armut in Gro\u00dfbritannien: Frau Isaacs Kampf gegen die Armut"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Einsamkeit, Unsicherheit, Krankheit: Christine Isaacs aus Leeds wei\u00df, was es hei\u00dft, arm zu sein \u2013 seit der Inflation noch mehr. Doch die 69-J\u00e4hrige hat auch gemerkt, wie sich einiges \u00e4ndern lie\u00dfe.  <\/p>\n<p>Sie ist schon fr\u00fcher da. Zehn Minuten vor der Verabredung sitzt Christine Isaacs ruhig bei Costa Coffee in ihrer Nachbarschaft und wartet. Ihr Platz ist ganz hinten, hinter zwei Ecken, so als w\u00fcrde sie sich in einem Schneckenhaus verstecken. Dabei ist das Gegenteil geplant.<\/p>\n<p>Dem Treffen gingen viele Gespr\u00e4che voraus, immer wieder am Telefon, per Textnachricht. Im Sommer hat sie dem SPIEGEL schon einmal aus ihrem Leben erz\u00e4hlt. Isaacs ist ein herzlicher Mensch, ihr Blick ist warm, ihr fast gem\u00fctliches Englisch vom Leben im britischen Yorkshire gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Sie will erz\u00e4hlen, wie die Armut ihr Leben gepr\u00e4gt hat. Was es diesen Winter konkret hei\u00dft, arm zu sein. Und \u00fcber eine Idee, wie die Ungleichheit bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnte \u2013 auch andernorts.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat Isaacs oft \u00fcber ihre Erfahrungen gesprochen, auf B\u00fchnen, aber auch in Videos und in Diskussionsrunden. In ihrer Heimatstadt Leeds engagiert sie sich f\u00fcr die Poverty Truth Commission, eine Initiative, die daf\u00fcr sorgen will, dass Armut nicht l\u00e4nger nur ein Problem der Armen ist.<\/p>\n<p>Christine Isaacs ist 69 Jahre alt, hat drei Kinder, war fast immer alleinerziehend. Kein stabiles Einkommen. LS17 Lingfield Estate im Norden der Stadt, schwierige Gegend. Heute drei Enkel. 654 Pfund Rente im Monat, umgerechnet 760 Euro.<\/p>\n<p>Jahrelang hatte sie Angst, ihre Kinder nicht versorgen zu k\u00f6nnen, das Sorgerecht zu verlieren. Zugesetzt hat Isaacs neben gesundheitlichen Problemen vor allem die Erkenntnis, es nie aus diesem Leben rauszuschaffen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung der vergangenen Monate sei nicht gewesen, dass wieder das Geld fehlt, sagt Christine Isaacs. Sondern wie einsam die Unsicherheit sie mache. \u00bbIch kann heute ja noch nicht einmal sagen, ob ich das zu wenige Geld, das ich habe, sinnvoll nutze. Gas, Essen, Strom \u2013 alles wird irgendwie teurer, aber man wei\u00df nicht, wann und wie. Ich verliere den \u00dcberblick, und weil das so ist, verstecke ich mich meist, genau wie die Nachbarn.\u00ab<\/p>\n<h3>Nur wer vorab zahlt, bekommt Strom<\/h3>\n<p>Seit September \u00fcberweist ihr die Regierung Geld f\u00fcr die Stromrechnung, alle vier Wochen umgerechnet 76 Euro. Es ist mehr, als Isaacs bislang bezahlt hat, weniger als sie jetzt zahlt. Viel verbraucht Isaacs nicht, das Stromsparen musste ihr kein Wladimir Putin beibringen. Der Zuschuss deckt jetzt immerhin den Grundbedarf.<\/p>\n<p>Weil ihr Stromz\u00e4hler wie bei Millionen anderer Briten schon vor Jahren in einem Akt des vorsorgenden Sozialstaats mit einer Prepaid-Karte ausgestattet wurde, die sie selbst aufladen muss, kann Isaacs heute centgenau nachverfolgen, wie lange ihr Guthaben noch zum Duschen und Licht anmachen reicht. Nur wer vorab zahlt, bekommt Strom.<\/p>\n<p>Was die Probleme in ihrer Wohnung betreffe, komme sie irgendwie schon immer klar, sagt sie. Essen, Energie \u2013 \u00bban sich selbst kann man immer noch sparen, auch wenn es traurig macht\u00ab, sagt Isaacs. Wirklich schlimm sei jedoch, dass sie ihre Enkel wegen der Preisanstiege kaum noch besuchen k\u00f6nne, weil ihr das Geld f\u00fcr die Fahrten fehlt. \u00bbDas raubt mir die W\u00fcrde.\u00ab Einer von ihnen leide an Autismus, sagt sie. Wenn sie ihn l\u00e4nger als eine Woche nicht sehe, erkenne er sie kaum wieder. Jede Begegnung sei dann reiner Stress. Das letzte Mal hat sie ihn vor einem Monat getroffen.<\/p>\n<p>Manche Bewohner beschreiben Leeds als Ansammlung von D\u00f6rfern und Problemen. Eine deindustrialisierte Stadt im Norden Englands, ohne richtiges Zentrum und Ziel f\u00fcr die Zukunft. In der inzwischen h\u00fcbsch sanierten Innenstadt war Isaacs lange nicht mehr. \u00bbDie L\u00e4den dort haben keine Preisschilder im Fenster. Ich brauch da nicht reingehen\u00ab, sagt sie, \u00bbes ist f\u00fcr Studierende und Reiche.\u00ab Auch deshalb das Treffen bei einer Kaffeekette am Ortsrand. Vieles, sagt Isaacs, sei schon vor der Inflation nicht anders gewesen. \u00bbDa hat es nur keinen interessiert.\u00ab<\/p>\n<p>Der Prepaid-Stromz\u00e4hler im Flur ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie der Staat heute mit Armut umgeht. Hinzu kamen immer neue Konzepte bei der Arbeits- und Familienberatung, Fallmanager. \u00bbImmer weniger Zeit, immer l\u00e4ngere Briefe von den Beh\u00f6rden\u00ab, sagt Christine Isaacs. Ihr Leben ist nicht zuletzt ein Spiegel der neoliberalen Entwicklung der vergangenen 40 Jahre.<\/p>\n<p>Was in Gro\u00dfbritannien mit \u00bbThere&#039;s no such thing as society\u00ab und viel Druck von oben begann, setzt sich heute mit Diskussionen \u00fcber Hartz-IV-Sanktionen auch in Deutschland fort. F\u00f6rdern und Fordern. Es ging und geht im Umgang mit Armut und Ungleichheit oft um Eigenverantwortung und Effizienz, nicht um Empathie.<\/p>\n<p>Christine Isaacs hat lange offen dar\u00fcber gesprochen. Seit fast zehn Jahren offenbart sie ihr Leben anderen gegen\u00fcber, um zu zeigen, was es wirklich bedeutet, arm zu sein. Reden kann befreien. Doch Isaacs sagt, sie empfinde es zunehmend eher als Belastung.<\/p>\n<p>Beim Erz\u00e4hlen h\u00e4lt sie sich an der Tasse von Costa Coffee fest, so als k\u00f6nne sie ein Anker sein. Und als sie das Caf\u00e9 verl\u00e4sst, geht sie vorsichtig \u00fcber die Stra\u00dfe. Es wirkt so, als lie\u00dfen die vergangenen Wochen in ihr Zweifel aufkommen, ob sich wirklich etwas zum Guten ver\u00e4ndern l\u00e4sst. Und ob die Poverty Truth Commission \u00fcberhaupt etwas ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kommission treffen sich Armutsbetroffene, Gesch\u00e4ftsleute, Politikerinnen und Verwaltungsangestellte monatelang mehrmals. Erst geht es um die Lebensgeschichten Betroffener, dann um praktische L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Die Idee dahinter ist, prominente Menschen aus der Stadt nicht nur mit traurigen Geschichten, sondern konkreten Problemen zu konfrontieren. Unterst\u00fctzt werden die Teilnehmer von Kirchengemeinden und Stiftungen, Sozialarbeiter begleiten die Diskussionen.Die erste Gruppe in Leeds traf sich 2014, heute gibt es Ableger im ganzen Land.<\/p>\n<p>Der Bedarf scheint da. Gleichzeitig wirkt die Idee, arme Menschen mit Sachbearbeitern und Politikerinnen in einen Raum zu bringen, zun\u00e4chst pathetisch. Jeder Wahlkampf ist voll von Reden \u00fcber Respekt.<\/p>\n<h3>Ein \u00bbHumanifesto\u00ab f\u00fcr die Stadt<\/h3>\n<p>Doch Issacs erz\u00e4hlt, wie sie und die anderen Betroffenen in der Gruppe sich nach dem anf\u00e4nglichen Geplauder davon frei strampelten. Wie sie zu den Gastgebern wurden. Und die Aufmerksamkeit nutzten, um etwas zu ver\u00e4ndern. Es waren Forderungen, bei denen der Stadtrat im direkten Gespr\u00e4ch wenig entgegnen konnte. Einmal fragte ein Vater, warum er jedes Jahr neue Schuluniformen f\u00fcr seine T\u00f6chter kaufen m\u00fcsse. K\u00f6nne die Stadt sie nicht auch verleihen und weitergeben? Pl\u00f6tzlich ging es.<\/p>\n<p>Ein anderes Mal brachte eine Frau einfach ihre Beh\u00f6rdenpost mit. Ein Schreiben, 14 Seiten. Sie knallte es dem zust\u00e4ndigen Vertreter der Stadt hin und fragte: K\u00f6nnen Sie es mir erkl\u00e4ren? Er konnte es nicht. Inzwischen regelt eine Vorschrift, wie lang die Briefe der Beamten an ihre B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sein d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Es sind einfache, umsetzbare Anliegen. Am Ende stellte Christine Isaacs die gesammelten Ergebnisse mit einem Spieler der \u00f6rtlichen Rugbymannschaft im Stadtmuseum vor. Sie nannten es \u00bbHumanifesto\u00ab, ein Manifest f\u00fcr ein menschliches Miteinander. \u00bbBlaming \u203athe suits\u2039 does not make things better\u00ab, hei\u00dft es darin: \u00bbDen Anzugtr\u00e4gern die Schuld zu geben, macht die Dinge nicht besser.\u00ab<\/p>\n<p>Hinterher trotzten sie den Verantwortlichen das Versprechen ab, gleich weiterzumachen.<\/p>\n<p>So nutzt die Poverty Truth Commission die Methoden des um Effizienz bem\u00fchten Sozialstaats, um ihn jetzt selbst zu ver\u00e4ndern: stetig zuh\u00f6ren und Verbesserungsvorschl\u00e4ge machen. Lebenslanges Lernen f\u00fcr politisch Verantwortliche, wenn man so will. Wer k\u00f6nnte da schon Nein sagen?<\/p>\n<p>Christine Isaacs hat schon zweimal bei der Kommission mitgemacht, denn: Wie oft bekomme jemand wie sie das Geh\u00f6r des B\u00fcrgermeisters? Diese Erfahrung habe f\u00fcr sie Welten \u00fcberbr\u00fcckt. Und sie ist sich sicher, dass ihr Engagement in Leeds bereits etwas bewirkt hat. Und doch, sagt sie, habe nach all den Treffen auch eine bittere Erkenntnis gewartet: Soviel sie auch redete \u2013 am Ende ging es jedes Mal zur\u00fcck in ihr Leben im Schneckenhaus.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sie nicht los. Um die Unwuchten der britischen Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, reicht auch die Poverty Truth Commission nicht.<\/p>\n<p>Derzeit steht Gro\u00dfbritannien vor der l\u00e4ngsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen ist der Lebensstandard auf der Insel so stark zur\u00fcckgegangen wie zuletzt.             Doch w\u00e4hrend die Armut so rasant w\u00e4chst, geht es vor allem um noch h\u00e4rtere Einsparungen, anstatt um Hilfen. Auch in Leeds. Christine Isaacs und ihre Mitstreiterinnen haben darauf bereits eine Antwort: Sie planen derzeit die n\u00e4chste Kommission.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einsamkeit, Unsicherheit, Krankheit: Christine Isaacs aus Leeds wei\u00df, was es hei\u00dft, arm zu sein \u2013 seit der Inflation noch mehr. 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