{"id":1572,"date":"2020-08-02T07:10:52","date_gmt":"2020-08-02T04:10:52","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-peru-wie-ein-deutscher-arzt-das-virus-im-urwald-bekampft\/"},"modified":"2020-08-02T07:10:52","modified_gmt":"2020-08-02T04:10:52","slug":"corona-in-peru-wie-ein-deutscher-arzt-das-virus-im-urwald-bekampft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-peru-wie-ein-deutscher-arzt-das-virus-im-urwald-bekampft\/","title":{"rendered":"Corona in Peru: Wie ein deutscher Arzt das Virus im Urwald bek\u00e4mpft"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f277e828-a3ca-41af-a8ac-cde9108aa687_w948_r1.77_fpx44_fpy47.jpg\" title=\"Die Tucunar\u00e9-Klinik am R\u00edo Chambira: den Fluss mit Stahlseilen blockiert\" alt=\"Die Tucunar\u00e9-Klinik am R\u00edo Chambira: den Fluss mit Stahlseilen blockiert\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Die Tucunar\u00e9-Klinik am R\u00edo Chambira: den Fluss mit Stahlseilen blockiert<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Dirk Albanus\/ Freundeskreis Indianerhilfe e.V.<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Albanus, das Einzugsgebiet Ihrer Klinik ist gro\u00df: Es reicht f\u00fcnf Stunden Bootsfahrt flussabw\u00e4rts bis 16 Stunden flussaufw\u00e4rts. Wie haben Sie den Indigenen, die dort leben, die Virusgefahr erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Das lief \u00fcber Funk, das ist das einzige Kommunikationsmittel. Es gibt morgens und abends feste Zeiten, zu denen die Urarina in ihren D\u00f6rfern am Funkger\u00e4t sitzen. Mithilfe unserer \u00dcbersetzer haben wir den Dorfvorstehern versucht zu erkl\u00e4ren, was ein Virus ist und wie sie sich davor sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Wir baten darum, die Information an die Dorfbewohner weiterzugeben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Hat das funktioniert?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Die Urarina haben ein anderes Krankheitsbild als wir. Sie glauben, dass Krankheiten von sozialem Fehlverhalten ausgel\u00f6st werden oder von einem b\u00f6sen Fluch, den jemand anderes sendet. Sie sehen Krankheit als eine Art Strafe. Ein Beispiel: Die Urarina glauben an die Mutter des Walds. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, darf der Vater in dieser Zeit nicht jagen oder B\u00e4ume f\u00e4llen, weil die Mutter des Walds sonst b\u00f6se wird und dem Neugeborenen eine Krankheit schicken kann.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie leben die Urarina?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Urspr\u00fcnglich lebten die Urarina als umherziehende J\u00e4ger und Sammler. Mittlerweile verteilen sie sich auf etwa 40 D\u00f6rfer, in denen zwischen 50 und 200 Personen leben. Es sind gr\u00f6\u00dfere Familienverb\u00e4nde. Die H\u00fctten aus Holz stehen auf Stelzen und sind mit Palmenbl\u00e4ttern gedeckt. Sie sind offen und haben nur einen Boden, keine W\u00e4nde. Man lebt offen und kriegt immer alles mit. Nachts werden Moskitonetze aufgespannt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ihnen war es besonders wichtig, dass das Virus gar nicht erst zu den Urarina kommt. Wie wollten Sie das verhindern? <\/p>\n<p><strong>Albanus: <\/strong>Wir haben darauf hingewirkt, dass die Indigenen an zwei Stellen Sperren im Fluss errichtet haben. Sie haben ein Stahlseil \u00fcber den Fluss gespannt, an einer Stelle haben sie auch Baumst\u00e4mme ins Wasser gelassen, damit die offizielle Quarant\u00e4ne in Peru auch zu einer praktischen Isolation des Flussbeckens wird. Durch die Sperren wurden insbesondere die gro\u00dfen Boote der Flussh\u00e4ndler an der Durchfahrt gehindert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie haben also versucht, das Virus auszusperren. Hat das funktioniert? <\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Bis Anfang Juni ist den ganzen Tag kaum ein Boot an der Klinik vorbeigefahren, h\u00f6chstens mal ein kleines Kanu. Aber heute wissen wir, dass das Virus dennoch bei uns angekommen ist. Die ersten F\u00e4lle oberer Atemwegsinfektionen sind Ende Juni aufgetreten, auch ich lag zwei Tage mit Fieber im Bett. Zum Zeitpunkt der Infektion konnten wir das noch nicht nachweisen, denn wir haben Antik\u00f6rper-Schnelltests, die fr\u00fchestens zwei Wochen nach der Infektion positiv werden und sich daher nicht f\u00fcr die Akutdiagnostik eignen. Jetzt wissen wir: Hier auf unserer Flussinsel haben alle schon Corona durchgemacht, ich auch. Erfreulicherweise hat es keine schweren F\u00e4lle gegeben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie ist das Virus denn zu Ihnen gelangt, wenn doch der einzige Verkehrsweg, der Fluss, gesperrt war?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Die Quarant\u00e4ne in Peru wurde am 30. Juni offiziell beendet, da mussten die Indigenen den Fluss freigeben. Aber es gab auch vorher ein paar Schlaumeier, die den Fluss heruntergefahren sind, um im Dorf an der M\u00fcndung in den R\u00edo Mara\u00f1on einkaufen zu gehen. Die Urarina mit ihren Kanus und kleinen Au\u00dfenbordern waren noch mobil. Noch schlimmer war, dass der peruanische Staat den Armen &#8211; wenngleich in guter Absicht &#8211; eine finanzielle Unterst\u00fctzung in bar ausgezahlt hat. Die Abholung fand zum Teil au\u00dferhalb unseres Flusses statt, in D\u00f6rfern mit offiziellen Corona-F\u00e4llen. Da gab es keine soziale Distanzierung oder andere Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen. Der Versuch, sich abzuschotten, hat definitiv nicht funktioniert, das k\u00f6nnen wir heute sagen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Besonders schlimm soll die Situation in der Provinzhauptstadt Iquitos sein.<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Die Infektionszahlen in Iquitos sind so hoch gewesen, dass dort jetzt mutma\u00dflich eine Durchseuchung von \u00fcber 70 Prozent erreicht ist und damit Herdenimmunit\u00e4t herrscht. Die Quarant\u00e4ne wurde in der gesamten Provinz aufgehoben, die Gegend wurde inoffiziell als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Jetzt rollt die Welle entlang der Fl\u00fcsse in das Umland. Wir hatten eine kleine Chance, den Fluss dichtzumachen und so lange zu warten, bis der Sturm vor\u00fcber und das Virus nicht mehr pr\u00e4sent ist. Aber jetzt wird es sich hier verbreiten wie alle anderen gr\u00f6\u00dferen Infektionskrankheiten in der Vergangenheit auch.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Haben alle infizierten Indigenen in Ihrem Umfeld Symptome gezeigt? <\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Wir leben hier mit mehreren Indigenen zusammen, die f\u00fcr die Klinik arbeiten, die haben wir alle getestet. Die Erwachsenen haben meist bis zu vier Tage Fieber gehabt und sich richtig krank gef\u00fchlt, so wie ich. Aber ihre Kinder waren h\u00e4ufig asymptomatisch.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie erkl\u00e4ren Sie das?<\/p>\n<p><strong>Albanus: <\/strong>Wir hatten anfangs zwei Hypothesen: Entweder w\u00fcrde die Krankheit hier einen schwereren Verlauf nehmen als in Europa, weil die Immunsysteme der Indigenen nicht vorbereitet sind. Oder sie w\u00fcrde schw\u00e4cher verlaufen, weil es so viele junge Menschen gibt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Heute denken wir, dass die Altersstruktur entscheidend ist, deshalb gibt es prozentual weniger schwere F\u00e4lle. Die Urarina sind sehr jung. Ich bin mit meinen 32 Jahren in einem Alter, wo man hier schon bald Gro\u00dfvater sein k\u00f6nnte. Es ist nicht un\u00fcblich, dass die Indigenen mit 15 ihre ersten Kinder bekommen. Es gibt hier sehr viele Kinder, aber sehr wenig alte Menschen. Dass Leute \u00e4lter werden als 60 ist ungew\u00f6hnlich. In den n\u00e4chsten Wochen wird sich zeigen, wie viele schwere F\u00e4lle es gibt. Bislang haben wir von keinem Todesfall geh\u00f6rt. Das wird sich mit Sicherheit irgendwann \u00e4ndern. Vor allem in weit entfernten D\u00f6rfern bekommt man das oft nicht sofort mit. Manchmal erz\u00e4hlen uns die Indigenen auch nicht, wenn jemand gestorben ist. Sie empfinden Scham, weil sie den Patienten nicht zu uns gebracht haben.<\/p>\n<p> <strong>SPIEGEL: <\/strong>W\u00e4ren Sie denn f\u00fcr schwere F\u00e4lle ger\u00fcstet? <\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Wir sind hier im Dschungel gut aufgestellt, vielleicht punktuell sogar besser als in den beiden Krankenh\u00e4usern in Iquitos. Dort gab es eine derart hohe Anzahl an Krankheitsf\u00e4llen, dass eine geordnete Versorgung von Patienten aufgrund von Personal- und Materialmangel nicht m\u00f6glich war. Notf\u00e4lle wurden nicht mehr angenommen, nicht einmal ein Herzinfarkt. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch. Bekannte schickten uns Fotos, auf denen zu sehen war, wie die Leute in den G\u00e4ngen gestapelt wurden. Die Versorgung mit Sauerstoff war nicht ausreichend, es gab keine Intensivbetten. Wir dagegen haben vor Kurzem einen Sauerstoffgenerator bekommen, den wir schon vor Corona bestellt hatten. Damit kann man Kleinkinder und S\u00e4uglinge, die schwere Lungenentz\u00fcndungen haben, sehr gut behandeln. Wenn schwere F\u00e4lle auftreten, k\u00f6nnen wir ihnen Sauerstoff verabreichen, auch f\u00fcr schwere Corona-F\u00e4lle wird uns das helfen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Tragen die Indigenen Schutzmasken und halten sie Abstand?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Masken gibt es in den D\u00f6rfern \u00fcberhaupt nicht. Es w\u00fcrde auch nicht funktionieren, da sie die Notwendigkeit von Masken nicht sehen w\u00fcrden. Selbst wenn sie sie tr\u00fcgen, g\u00e4ben sie sich gegenseitig die H\u00e4nde und griffen sich dann unter der Maske an die Nase, weil es juckt. Wir haben da selbst bei unseren Mitarbeitern Schwierigkeiten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Woran liegt das?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Sie h\u00f6ren zwar aufmerksam zu, wenn man das erkl\u00e4rt, verhalten sich dann hinterher aber so, als ob sie es nicht geh\u00f6rt h\u00e4tten. Das ist in der ganzen Region so, nicht nur bei den Urarina. Es scheint ja selbst in Deutschland punktuell schwer vermittelbar zu sein, wie wir in den Medien sehen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Verabreichen Sie auch Hydroxychloroquin gegen Covid-19?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Peru hat in seiner Not verf\u00fcgt, dass Corona mit Hydroxychloroquin und Azythromycin behandelt werden soll. Die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft wei\u00df, dass das nicht funktioniert. Hinzu kommt, dass es schwere Nebenwirkungen erzeugen kann. Wir benutzen es zur Behandlung der hier weit verbreiteten Malaria. W\u00fcrden wir es f\u00fcr Corona verwenden, k\u00f6nnten wir die zahlreichen Malaria-F\u00e4lle nicht mehr behandeln, da es nicht f\u00fcr beides reicht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Nehmen die Indigenen denn eigene Mittel?<\/p>\n<p><strong>Albanus:<\/strong> Unsere Medizin und die Naturheilkunde existieren nebeneinander. H\u00e4ufig probieren die Indigenen zuerst ihre traditionelle Medizin aus. Es gibt Heilpflanzen, es gibt heilende Ges\u00e4nge, und es gibt Saugungen, das ist sehr verbreitet. Wo es schmerzt, saugt der Schamane, um das B\u00f6se aus dem K\u00f6rper zu holen. Wir haben es selbst noch nicht beobachtet, aber die Stellen sehen dann aus wie ein Knutschfleck; daher wissen wir, dass das geschieht. Wenn das nicht funktioniert, kommen die Patienten zu uns.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie wirkt sich die Coronakrise auf die soziale Lage der Indigenen aus? Gibt es mehr Armut, weil die Wirtschaft nicht l\u00e4uft?<\/p>\n<p><strong>Albanus: <\/strong>Die Urarina waren vorher nominell arm und werden es auch nach Corona noch sein, doch das ist eine nicht vollst\u00e4ndig treffende Beschreibung. In vielen Bereichen sind sie sehr reich, an Kultur und Freiheit zum Beispiel. Sie essen haupts\u00e4chlich, was sie selbst angebaut oder gejagt haben. W\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne haben Seife und Gewehrpatronen gefehlt, die einzigen essenziellen Importg\u00fcter, denn mittlerweile wird nicht mehr mit dem Blasrohr und Pfeilgift gejagt wie fr\u00fcher. Vermutlich wurde also etwas weniger Fleisch gegessen. Unterern\u00e4hrung ist dennoch vor Corona wie aktuell weitverbreitet, vor allem bei kleinen Kindern. Gerade deshalb wird der Fokus unserer Arbeit f\u00fcr die n\u00e4chsten eineinhalb Jahre auf der Mutter-Kind-Gesundheit liegen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Die Tucunar\u00e9-Klinik am R\u00edo Chambira: den Fluss mit Stahlseilen blockiert Foto:\u2002 Dirk Albanus\/ Freundeskreis Indianerhilfe e.V. 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