{"id":157,"date":"2020-05-28T16:57:13","date_gmt":"2020-05-28T13:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/larry-kramer-zum-tod-des-aktivisten-und-dramatikers-wutend-bis-zum-schluss\/"},"modified":"2020-05-28T16:57:13","modified_gmt":"2020-05-28T13:57:13","slug":"larry-kramer-zum-tod-des-aktivisten-und-dramatikers-wutend-bis-zum-schluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/larry-kramer-zum-tod-des-aktivisten-und-dramatikers-wutend-bis-zum-schluss\/","title":{"rendered":"Larry Kramer: Zum Tod des Aktivisten und Dramatikers &#8211; W\u00fctend bis zum Schluss"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/1dbbe1f0-6990-479a-81ce-4315a0942ac6_w948_r1.77_fpx46.72_fpy50.jpg\" title=\"Larry Kramer bei einem Auftritt in New York im Jahr 1987: getrieben von Resultaten .\" alt=\"Larry Kramer bei einem Auftritt in New York im Jahr 1987: getrieben von Resultaten .\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Larry Kramer bei einem Auftritt in New York im Jahr 1987: getrieben von Resultaten<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p> Catherine McGann\/ Getty Images <\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Lieblingswort von Larry Kramer, der jetzt mit 84 gestorben ist, war &quot;Nein&quot;. Er schmetterte es allen entgegen, die nicht sehen wollten, wie zu Beginn der Achtzigerjahre in den USA eine Krankheit eine ganze Community ausradierte: In der Doku &quot;Larry Kramer in Love and Anger&quot; wird der amerikanisch-j\u00fcdische Autor, Aktivist, Dramatiker sehr deutlich. Er gibt hier drei Menschen die Schuld an der HIV\/Aids-Pandemie: Ed Koch, dem damaligen B\u00fcrgermeister von New York; Abraham Michael Rosenthal, bis 1988 Chefredakteur der &quot;New York Times&quot; und Pr\u00e4sident Ronald Reagan.<\/p>\n<p>Kramer hatte keine Probleme damit, Menschen als M\u00f6rder zu bezeichnen, weil sie sich nicht um die Belange von &quot;Schwuchteln&quot; k\u00fcmmern w\u00fcrden, er prangerte sie alle an: die Pharmaindustrie, die Politik. Er verschonte niemanden, auch nicht seine eigene Community.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum er immer und immer wieder als &quot;kompliziert&quot; beschrieben wurde oder auch als &quot;beleidigend&quot;, wie es in dem Nachruf der &quot;New York Times&quot; steht. Und ja: Kramer war sicherlich kein einfacher Mann, aber seine Wut, seine Trauer nicht zu verstecken, sondern sie politisch zu nutzen &#8211; das war vielleicht einer seiner gr\u00f6\u00dften Verdienste. Die Wut war sein Motor, sie trieb ihn an, und Larry Kramer war w\u00fctend, immer, er blieb es bis ins hohe Alter.<\/p>\n<h3>Universit\u00e4tsjahre und Umzug nach London<\/h3>\n<p>Der 1935 im US-Bundesstaat Connecticut geborene Kramer hasste seinen Vater, einen Anwalt, weil er ihn als &quot;Sissy&quot; bezeichnete. Er besuchte die Eliteuniversit\u00e4t Yale, studierte Englische Literatur, f\u00fchlte sich aber einsam als schwuler Mann an der Universit\u00e4t. Er unternahm dort einen Suizidversuch und begann sp\u00e4ter eine Therapie. In den Sechzigerjahren zog Kramer nach London, um in der Filmbranche zu arbeiten. Sein \u00e4lterer Bruder Arthur war neben seinem Partner sein Anker, gemeinsam k\u00e4mpften sie daf\u00fcr, in Yale die Larry Kramer Initiative f\u00fcr <em>Lesbian and Gay Studies<\/em> zu initiieren.<\/p>\n<p>Seinen Durchbruch als Drehbuchschreiber hatte Kramer mit dem Film &quot;Liebende Frauen&quot;, er wurde f\u00fcr seine Arbeit f\u00fcr einen Oscar nominiert. 1978 ver\u00f6ffentlichte Kramer seinen ersten Roman &quot;Faggots&quot; (deutsch: &quot;Schwuchteln&quot;) &#8211; und l\u00f6ste damit Kontroversen aus: Kramer beschrieb in seinem Buch eine Gay Community in New York, die von Drogen, Hedonismus und promiskem Sex besessen ist, w\u00e4hrend seine Hauptfigur nach Liebe sucht. &quot;Faggots&quot; war f\u00fcr Kramer eine pers\u00f6nliche Angelegenheit, das Buch hatte gr\u00f6\u00dftenteils autobiografische Z\u00fcge, weil Kramer selbst zu der Zeit nicht verstehen konnte, warum der Mann, den er liebte, nicht mit ihm zusammen sein wollte. Kramer selbst bekam ihn dann schlie\u00dflich im Gegensatz zu seiner Hauptfigur: Er lebte mit David Webster seit 1994 zusammen, beide heirateten 2013.<\/p>\n<h3>Die Kontroverse um seinen Roman<\/h3>\n<p>Kramers Roman wurde von der eigenen Community als Verrat angesehen, weil er in der Zeit nach den befreienden Stonewall-Protesten moralisierend argumentierte, indem er Sex nicht als politischen Akt verstand. Er brachte wieder Scham in den Raum zur\u00fcck, so die Kritik. Die einzig queere Buchhandlung in Manhattan bot das Buch dann auch nicht an. Kramer selbst stand immer zu seinem Werk und der Haltung, dass es in der Gay Community einen Mangel an Moral gab.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter tauchten die ersten Berichte einer Krankheit auf, die vor allem schwule M\u00e4nner betraf. Kramer gr\u00fcndete mit anderen die &quot;Gay Men&#039;s Health Crisis&quot; (GMHC). Gemeinsam mit 200 Angestellten bot die Initiative Hilfe f\u00fcr Einzelpersonen und Familien an und Unterst\u00fctzung in juristischen und medizinischen Fragen. 1983 schrieb Kramer seinen ber\u00fchmten Essay &quot;1.112 und weiter steigend&quot; (&quot;1,112 and counting&quot;).<\/p>\n<p>Darin forderte er die queere Community auf, sich nicht mehr der Promiskuit\u00e4t hinzugeben &#8211; was einige als Art Warnung verstanden, w\u00e4hrend andere wieder den ewigen Moralapostel Kramer vor sich sahen. Ein Streit zwischen den Gr\u00fcndungsmitgliedern sorgte f\u00fcr Kramers Ausschluss, weil er immer wieder das politische System attackierte, das die GMHC finanziell unterst\u00fctzen sollte. Seine Erfahrungen bei GMHC verarbeitete Kramer in dem Theaterst\u00fcck &quot;A Normal Heart&quot;, das zu einem Erfolg und 2014 von Ryan Murphy f\u00fcr HBO verfilmt wurde.<\/p>\n<p>Kramer war immer getrieben von Resultaten, er wollte Dinge ver\u00e4ndern. Seine Rede in einem Community-Center 1987 gilt als Geburtsstunde des Aktivismus-Kollektivs &quot;Act Up&quot;, das, so Kramer, aus &quot;Wut und Protest&quot; gegr\u00fcndet wurde. In einem Interview sagte Kramer 2003: &quot;Ich war nicht interessiert an abgehobenen Theorien. Resultate. Wie bekommen wir diese beschissenen Medikamente?&quot; Bei Act Up brachten demnach alle das ein, was sie wussten, lernten etwa zivilen Ungehorsam als politisches Instrument durch die Black Community. Zu Act Ups ber\u00fchmtesten Aktionen z\u00e4hlt zum Beispiel das Verstreuen von Asche von an Aids-Komplikationen Verstorbenen vor dem Wei\u00dfen Haus. Dank dem Druck von Act Up kamen 1996 die ersten HIV-Proteaseinhibitoren, die zur Behandlung von Infektionen verwendet wurden, auf den Markt.<\/p>\n<h3>&quot;Wir d\u00fcrfen keine Kr\u00fcmel akzeptieren<em>&quot;<\/em><\/h3>\n<p>F\u00fcr Kramer, der selbst HIV-positiv war und an Hepatitis B litt, h\u00f6rte der Kampf aber nie auf. Er bekam als einer der ersten HIV-positiven Menschen eine Lebertransplantation. In Retrospektive sah er, der immer auf Resultate hin arbeitete, Act Up nicht als Erfolgsgeschichte. Auf dem 20. Jahrestreffen von Act Up im Jahr 2007 erinnerte Kramer in seiner Rede &quot;We are not crumbs, we must not accept crumbs&quot; (deutsch: <em>Wir sind keine Kr\u00fcmel, wir d\u00fcrfen keine Kr\u00fcmel akzeptieren<\/em>) gewohnt deutlich daran: &quot;Wir sagen nicht mehr fickt euch, fickt euch, fickt euch&quot;. Er blieb der Mittelfinger der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Kramer ging es in seiner Rede nicht nur darum, die j\u00fcngere Generation wieder zu reaktivieren, sondern auch darum, eine Geschichtsschreibung aufrechtzuerhalten: &quot;Gays sind niemals einbezogen in die Geschichte von irgendwas&quot;. \u00dcber 40 Jahre arbeitet Kramer an einer zweiteiligen Chronik \u00fcber die Geschichte queerer Menschen in den USA. Zuletzt schrieb er an einem Theaterst\u00fcck \u00fcber Covid-19.<\/p>\n<p>Nun ist Kramer im Alter von 84 Jahren gestorben. In dem St\u00fcck &quot;The Normal Heart&quot; sagt der homosexuelle Aktivist Ned Weeks, den Kramer an sich selbst angelehnt hat: &quot;Das ist, wie ich in Erinnerung bleiben will. Als einer der M\u00e4nner, die den Krieg gewonnen haben.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Larry Kramer bei einem Auftritt in New York im Jahr 1987: getrieben von Resultaten . Catherine McGann\/ Getty Images Das Lieblingswort von Larry Kramer, der jetzt mit 84 gestorben ist, war &quot;Nein&quot;. 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