{"id":155,"date":"2020-05-28T16:57:12","date_gmt":"2020-05-28T13:57:12","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polio-impfung-das-madchen-mit-dem-indien-die-kinderlahmung-besiegte\/"},"modified":"2020-05-28T16:57:12","modified_gmt":"2020-05-28T13:57:12","slug":"polio-impfung-das-madchen-mit-dem-indien-die-kinderlahmung-besiegte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polio-impfung-das-madchen-mit-dem-indien-die-kinderlahmung-besiegte\/","title":{"rendered":"Polio-Impfung: Das M\u00e4dchen, mit dem Indien die Kinderl\u00e4hmung besiegte"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/cfc6f9bc-7402-471e-b959-8168a634035d_w948_r1.77_fpx49_fpy57.jpg\" title=\"Geheilt:\u00a0Poliopatientin Rukhsar mit ihrem Vater (2015)\" alt=\"Geheilt:\u00a0Poliopatientin Rukhsar mit ihrem Vater (2015)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p><strong>Geheilt:<\/strong> Poliopatientin Rukhsar mit ihrem Vater (2015)<\/p>\n<p> Sanjit Das\/ Panos\/ DER SPIEGEL <\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Abdul Shah an einem Abend im Januar 2011 nach Hause kommt, ist das Virus schon da. Shah hat den ganzen Tag Stoffe bestickt und sie an Unterh\u00e4ndler in Kalkutta \u00fcbergeben, 50 Kilometer von seinem Dorf entfernt, das so klein ist, dass es noch nicht einmal einen Namen tr\u00e4gt. Er sitzt auf dem Boden seiner H\u00fctte, vor sich seine Tochter Rukhsar Khatoon, 18 Monate alt, die im Laufe des Tages erst Durchfall und dann Fieber bekam.<\/p>\n<p>Abdul Shah wei\u00df nicht, wie hoch ihre Temperatur ist, aber sie ist hoch. Beunruhigt ist der Vater noch nicht, nicht mehr als sonst. Rukhsar ist h\u00e4ufig krank, ein Sorgenkind. Seit ihrer Geburt isst sie weniger als andere Kinder, w\u00e4chst langsamer, schl\u00e4ft schlechter. Manchmal wirkt das Kind so zerbrechlich wie eine Glaskugel.<\/p>\n<p>Der Vater ahnt nicht, dass zu diesem Zeitpunkt der K\u00f6rper des M\u00e4dchens bereits mit einem Virus k\u00e4mpft, das sich rasend schnell in ihm vermehrt. Erst in der Speiser\u00f6hre, sp\u00e4ter im Magen, dann im Darm. Von dort wandert es ins R\u00fcckenmark, den Ort, durch den die Nerven laufen.<\/p>\n<p>Als das Fieber sinkt, beginnt die L\u00e4hmung. Mit 18 Monaten, einem Alter, in dem andere Kinder l\u00e4ngst laufen, h\u00f6rt Rukhsar damit auf. Und jetzt, Tage sp\u00e4ter, tr\u00e4gt der Vater seine Tochter zu der kleinen Krankenstation im Dorf. Da h\u00e4ngt Rukhsars Bein schon schlaff und fremd an ihrem K\u00f6rper, als w\u00e4re ein Faden an einer Marionette gerissen.<\/p>\n<p>Der Arzt fragt den Vater: &quot;Abdul, hast du dein Kind gegen Polio impfen lassen?&quot; Abdul Shah bekommt Angst. Polio. Kinderl\u00e4hmung. Er wei\u00df, was das bedeutet. Immer wieder kommen Impftrupps in sein Dorf, klopfen an jede T\u00fcr, verabreichen jedem Kind zwei Tropfen Schluckimpfung. Doch Rukhsar erschien ihm jedes Mal zu schwach; als einziges seiner Kinder hat er sie nie impfen lassen. Abdul sch\u00fcttelt den Kopf. Der Arzt legt ein R\u00f6hrchen mit Rukhsars Stuhlprobe in eine Styroporbox und sendet es gek\u00fchlt nach Kalkutta.<\/p>\n<p>An jenem Januartag im Jahr 2011 beginnt am \u00e4u\u00dfersten Rand Indiens das Ende einer Seuche, verursacht durch das Virus namens Polio. Abdul Shahs Tochter wird nicht sterben, sie wird leben. Und nach ihr wird kein weiterer Mensch in Indien an der Kinderl\u00e4hmung erkranken. Es wird das Ende eines Kampfes sein, \u00fcber den sp\u00e4ter nicht nur in Indien gesprochen werden wird; nicht nur in Mumbai, Kalkutta oder Delhi, sondern auch in Genf, Karatschi oder Atlanta. \u00dcber Rukhsar Khatoon, die letzte Poliopatientin Indiens.<\/p>\n<h3>In Impfstoff ertr\u00e4nkt<\/h3>\n<p>Schon wenige Tage nachdem der Arzt die Stuhlprobe verschickt hat, trifft im Untergeschoss eines Tennisklubs in Delhi, 1300 Kilometer entfernt, die Nachricht ein, dass sich ein M\u00e4dchen in einem kleinen Dorf ohne Namen mit dem Poliovirus infiziert hat. Das Labor meldet, der Vater habe das Kind nicht impfen lassen.<\/p>\n<p>An einem Seiteneingang des Khanna-Tennisstadions in Delhi, drei, vier Treppenstufen hinunter, f\u00fchrt eine T\u00fcr noch Jahre sp\u00e4ter hinein ins indische Poliob\u00fcro der Weltgesundheitsorganisation WHO. Eine nationale \u00dcberwachungsstation, in deren Eingangsbereich ein speckiges Ledersofa steht, dar\u00fcber eine Girlande: &quot;Merry Christmas&quot;. Im Hauptraum ist Plastiktisch an Plastiktisch, Mensch an Mensch gereiht. M\u00e4nner in Anzug und Krawatte vor Computern, Tunnelblick auf Tabellen, sie werten aus, klicken auf digitale Karten, analysieren. Die Daten aller Polioverdachtsf\u00e4lle des Landes laufen hier zusammen. Die Republik Indien, ausgebreitet auf Bildschirmen, unterteilt in Gitternetze.<\/p>\n<p>Als die Meldung \u00fcber die positive Probe am 7. Februar 2011 eintrifft, hat ein Mann namens Hamid Jafari Dienst. F\u00fcr ihn und sein Team ist die Meldung eine Entt\u00e4uschung. Das M\u00e4dchen Rukhsar ist die erste Poliopatientin in jenem Jahr. Nur 42 Krankheitsf\u00e4lle gab es im Vorjahr in Indien. 2009 waren es noch 741. Die Virenj\u00e4ger hatten gedacht, das Biest erlegt zu haben. Und jetzt: Alarm.<\/p>\n<p>Hamid Jafari arbeitet seit 2007 als technischer Chef der Polio-Ausrottungskampagne in Indien. Ein pakistanischer Kinderarzt, ausgebildet an renommierten Seucheninstituten und Eliteuniversit\u00e4ten in den USA, der gleich erkennt, welches Risiko Rukhsars Infektion bedeutet: Ihr Dorf liegt nur wenige Kilometer entfernt von der Howrah Station, einem der gr\u00f6\u00dften Bahnh\u00f6fe Indiens. Einem Ort, an dem die Lautsprecherdurchsagen wie ein einziger, nie endender Satz klingen; an dem jeden Tag 1,3 Millionen Passagiere ein- und aus- und umsteigen. Sollte es noch weitere ungeimpfte Menschen in Rukhsars Dorf geben, Leute, die das Virus weitertragen, dann kann es von hier aus durch ganz Indien reisen. In den Westen nach Mumbai, nach Jaipur im Norden oder nach Chennai im S\u00fcden. Dann w\u00fcssten die Seuchenj\u00e4ger am Ende wieder nicht, wo sich das Virus aufh\u00e4lt, das k\u00f6nnte den Kampf gegen Polio um Jahre zur\u00fcckwerfen.<\/p>\n<p>Normalerweise dauert es mehrere Wochen, bis eine Impfkampagne organisiert ist. Jafari und sein Team brauchen daf\u00fcr sechs Tage. Die Helfer impfen: in Rukhsars Dorf, in allen Nachbard\u00f6rfern, bis an den Rand von Kalkutta, in Bahnh\u00f6fen, H\u00fctten und Kiosken, auf M\u00e4rkten, in Schulbussen; sie stoppen Motorr\u00e4der und Autos.<\/p>\n<p>Egal woher Rukhsar das Virus bekommen hat: Die Impftropfen sollen verhindern, dass es sich weiterverbreitet. Sp\u00e4ter wird Jafari sagen, sie h\u00e4tten die Inder in dem Impfstoff ertr\u00e4nkt.<\/p>\n<h3>Die Initiative der Rotarier<\/h3>\n<p>Es ist eine der am schnellsten durchgef\u00fchrten Aktionen gegen eine Virusattacke in der Geschichte der Medizin. Mit einem bombastischen Erfolg: Damit ein Land von der WHO als poliofrei deklariert werden kann, darf dort drei Jahre lang kein neuer Fall von Polio mehr auftreten. Die indische Regierung bekommt die Urkunde am 27. M\u00e4rz 2014 \u00fcberreicht. Es ist der wichtigste Meilenstein im Kampf gegen das Virus.<\/p>\n<p>Der Mensch hat viele Schlachten gegen Krankheiten und ihre Erreger geschlagen. Gegen die Pest, HIV, Tuberkulose oder Tetanus. Gegen all die Grippeviren, die Herpesplagen, die Masern, Diphtherie und Ebola. Oft hat er sie gewonnen, die Schlachten. Den Krieg aber konnte er nur ein einziges Mal f\u00fcr sich entscheiden. Am 8. Mai 1980 erkl\u00e4rte die WHO die Pocken f\u00fcr ausgerottet. Ausgerottet bedeutet: Solange die Erde sich dreht und der Mensch darauf existiert, so lange kann nie wieder jemand daran erkranken. Und jetzt, bald, k\u00f6nnte das mit Polio ein zweites Mal gelingen.<\/p>\n<p>Es ist eine Geschichte dar\u00fcber, wie der Mensch etwas in Ordnung bringt. Wie 194 Nationen erfolgreich miteinander kooperieren, sich nicht nur ein gemeinsames Ziel setzen, sondern es auch erreichen: Russland, die USA, Griechenland, China, Deutschland, Tansania. Papua-Neuguinea. Nordkorea. Luxemburg. Reiche Industrienationen, arme Entwicklungsl\u00e4nder. Christen, Hindus, Juden, Muslime. Demokratien und Diktaturen. L\u00e4nder im Krieg und im Frieden. Es ist ein St\u00fcck Medizingeschichte, die lange vor Rukhsars Geburt, vor der letzten Poliopatientin Indiens, begonnen hat, 30 Jahre zuvor \u2013 mit einem einfachen Anruf.<\/p>\n<p>Im April 1979 hob der Chef f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung infekti\u00f6ser Krankheiten im US-amerikanischen Gesundheitsministerium, John Sever, den H\u00f6rer ab. Am anderen Ende der Leitung war der Pr\u00e4sident des Dachverbands aller Rotary Clubs weltweit. Er habe, sagte der Rotarier, in &quot;Reader&#039;s Digest&quot; gelesen, dass die Ausrottung der Pocken nur ein bisschen mehr kosten w\u00fcrde als zwei Seeschiffe. Er erz\u00e4hlte, dass sich Rotary verst\u00e4rkt im Gesundheitswesen engagieren m\u00f6chte. Und dann kam die Frage: ob es Krankheiten gebe, deren Ausrottung John Sever f\u00fcr realistisch halte?<\/p>\n<p>Sever erbat sich damals Bedenkzeit \u2013 und rief einen befreundeten Wissenschaftler an, Albert Sabin, den Mann, der in den F\u00fcnfzigerjahren die Polioschluckimpfung entwickelt hatte, die es m\u00f6glich machte, Kinder ohne Nadelstich vor dem Virus zu sch\u00fctzen. Gerade einmal vier Cent kostete eine Dosis, zwei s\u00fc\u00dfe Tropfen.<\/p>\n<p>In jenem Jahr, 1979, hatten die gro\u00dfen Industrienationen Polio schon fast vollst\u00e4ndig zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, doch in den Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00fctete die Krankheit weiter. Ein Virus, das zu blanker Panik in der Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt hatte, in Deutschland, den USA, Frankreich, Schweden. Das Kinder, eben noch kerngesund, binnen wenigen Tagen zu Kr\u00fcppeln machte, Tausende in die Eiserne Lunge gezwungen hatte, jene Unterdruckkammern, in denen Patienten lagen, um nicht qualvoll zu ersticken. Es hat Menschen gegeben, die harrten 30 Jahre so aus, bevor sie doch am Virus starben.<\/p>\n<p>Ein scheu\u00dflicher Erreger \u2013 mit einem Schwachpunkt: Polio kann sich nur in Menschen vermehren, nicht in Tieren. In der freien Natur besteht es etwa zwei Tage. Also kann Polio verschwinden, wenn man weltweit jeden Menschen impft, bis das Virus keinen Wirt mehr findet. Eine gro\u00dfartige Chance, eine irrwitzige Herausforderung.<\/p>\n<h3>Von 70 Millionen auf nahezu Null<\/h3>\n<p>2015 sagt John Sever, der Mann, der damals im US-Gesundheitsministerium arbeitete: &quot;Meine Empfehlung war klar. Wenn es m\u00f6glich sein sollte, ein weiteres Virus auszurotten, dann musste es Polio sein.&quot; Und so war es am Anfang noch keine Regierung und kein Staatenbund, die das Ziel fassten, Polio auszurotten. Sondern ein privater Klub reicher Menschen namens Rotary mit einer gro\u00dfen Idee.<\/p>\n<p>Auch wegen der Bedenken \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe dauert es noch weitere neun Jahre, bis die WHO im Mai 1988 die Resolution WHA41.28 erl\u00e4sst: die Ausrottung des Poliovirus, weltweit. Dazu wird die Global Polio Eradication Initiative gegr\u00fcndet, ein Zusammenschluss aus Rotary, der WHO, dem Kinderhilfswerk Unicef und der US-amerikanischen Gesundheitsbeh\u00f6rde CDC. Es ist einer der gr\u00f6\u00dften internationalen Zusammenschl\u00fcsse \u00f6ffentlicher und privater Partner in der Geschichte der Seuchenbek\u00e4mpfung.<\/p>\n<p>Im Jahr null der globalen Polioausrottung, 1988, haben 350.000 Menschen in 125 L\u00e4ndern Kinderl\u00e4hmung. Weil man sch\u00e4tzt, dass pro Erkranktem rund 200 Menschen mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, ohne selbst zu erkranken, liegen die tats\u00e4chlichen Infektionszahlen 1988 viel h\u00f6her \u2013 bei etwa 70 Millionen. Eine Zahl, die in den folgenden Jahren rapide sinkt. Bereits 1994 meldet die WHO Nord- und S\u00fcdamerika als poliofrei. 1997 Australien, gro\u00dfe Teile S\u00fcdostasiens. 1998 Europa. Selbst China hat seit dem Jahr 2000 keinen Poliofall mehr registriert.<\/p>\n<p>Von urspr\u00fcnglich 125 L\u00e4ndern waren bis zur Erkrankung des indischen M\u00e4dchens Rukhsar Khatoon nur vier L\u00e4nder daran gescheitert, die Kinderl\u00e4hmung zu tilgen: Pakistan, Afghanistan, Nigeria \u2013 und Indien. Ein Land, das immer als Schicksalsort im Kampf gegen Polio galt.<\/p>\n<p>Denn Resolutionen der WHO sind nichts weiter als ein Versprechen. Rechtlich bindend k\u00f6nnen sie angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Aufgaben nicht sein. Die indische Regierung braucht sieben Jahre, bis sie 1995 beschlie\u00dft, ihren Teil des Versprechens vollst\u00e4ndig einzul\u00f6sen. Damals z\u00e4hlt das Land noch 3142 Polioneuerkrankungen mit Symptomen und knapp 630.000 Infektionen \u2013 etwa die H\u00e4lfte der Poliof\u00e4lle weltweit. Eine globale Bedrohung, denn jeder Reisende aus Indien konnte das Virus theoretisch in sich tragen. Immer wieder kam es vereinzelt zu Polioausbr\u00fcchen in L\u00e4ndern, die schon frei vom Virus waren. In Kriegsgebieten, wo die Impfquote gesunken war, aber beispielsweise auch einmal in den Niederlanden \u2013 in einer Gruppe von Impfverweigerern. Jedes Mal war das Virus eingeschleppt worden, und oft konnte gezeigt werden, dass es aus Indien stammte.<\/p>\n<h3>&quot;Ich habe einen gro\u00dfen Fehler gemacht&quot;<\/h3>\n<p>Als die indische Regierung nach Rukhsars Infektion die Urkunde mit dem Siegel &quot;poliofrei&quot; \u00fcberreicht bekommt, bedeutet das: Endspurt im globalen Anti-Polio-Kampf. Und: weiterzittern. Denn das Nachbarland Pakistan bekommt seine Polioausbr\u00fcche nicht in den Griff. Bis heute grassiert dort \u2013 und weiterhin im Nachbarland Afghanistan, au\u00dferdem in Nigeria \u2013 die Kinderl\u00e4hmung als Seuche.<\/p>\n<p>Seit 2000 gibt es den Polio Eradication Heroes Fund. Er unterst\u00fctzt Hinterbliebene finanziell. Wenn Hamid Jafari, der indische Poliobek\u00e4mpfer, erkl\u00e4ren m\u00f6chte, wieso sich der Kampf lohnt, erz\u00e4hlt er davon, wie er am Anfang der Impfprogramme in die Slums seines Heimatlands gegangen ist. Ein Kind kroch auf dem Boden, deformiert von Polio. Ein Begleiter von Jafari fragte die Mutter: &quot;Wie hei\u00dft dein Sohn?&quot; Die Frau antwortete: &quot;Der da? Dem haben wir keinen Namen gegeben.&quot; Und darauf, sagt Jafari, k\u00f6nne man nichts mehr sagen, sondern nur noch handeln.<\/p>\n<p>Als Indien im M\u00e4rz 2014 offiziell f\u00fcr poliofrei erkl\u00e4rt wurde, erschien ein Schneider im Dorf der kleinen Rukhsar und ihrer Eltern. Er kleidete sie alle neu ein. Dann fuhren sie nach Delhi, in einem Schnellzug mit Klimaanlage, und wurden einen Tag lang wie Touristen durch die Stadt kutschiert. Am zweiten Tag wurden sie zu der Veranstaltung gebracht, auf der die Regierung Indiens die Urkunde &quot;poliofrei&quot; \u00fcberreicht bekommen sollte.<\/p>\n<p>Vertreter von Rotary waren da, von Unicef, der WHO. Rukhsars Vater Abdul Shah erkannte den Bollywoodstar Salman Khan. Es gab ein B\u00fcfett, von dem Shah sagt, er habe noch nie so viel Speisen auf einmal gesehen und trotzdem nur einen Teller H\u00fchnchen f\u00fcr die ganze Familie genommen. Dann wurde die Familie auf eine B\u00fchne gebeten, und Abdul sch\u00fcttelte die Hand eines Mannes, der ihn fragte: &quot;Abdul, wieso hattest du dein Kind nicht geimpft?&quot; Sp\u00e4ter sagten sie ihm, dass das der Pr\u00e4sident Indiens gewesen sei. Abdul Shah sch\u00e4mte sich.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick findet er, dass die vielen Besuche der Fremden, der Journalisten, der Politiker und \u00c4rzte, in seinem Heimatdorf eine Strafe seien; aber eine, die er verdient habe. Er sagt: &quot;Ich habe einen gro\u00dfen Fehler gemacht, weil ich meine Tochter nicht habe impfen lassen.&quot; Abdul Shah ist ber\u00fchmt geworden, weil er seine Tochter nicht geimpft hat. Manchmal, sagt er, f\u00fchle er sich wie ein Idiot.<\/p>\n<p><em>Dieser Text erschien zuerst in DER SPIEGEL 36\/2015.<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Geheilt: Poliopatientin Rukhsar mit ihrem Vater (2015) Sanjit Das\/ Panos\/ DER SPIEGEL Als Abdul Shah an einem Abend im Januar 2011 nach Hause kommt, ist das Virus schon da. 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