{"id":15031,"date":"2022-09-26T15:15:54","date_gmt":"2022-09-26T12:15:54","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/weibliche-sterilisation-die-weltweit-haufigste-verhutungsmethode\/"},"modified":"2022-09-26T15:15:54","modified_gmt":"2022-09-26T12:15:54","slug":"weibliche-sterilisation-die-weltweit-haufigste-verhutungsmethode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/weibliche-sterilisation-die-weltweit-haufigste-verhutungsmethode\/","title":{"rendered":"Weibliche Sterilisation: Die weltweit h\u00e4ufigste Verh\u00fctungsmethode"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Nicht Kondom oder Pille, sondern weibliche Sterilisation ist f\u00fcr L\u00e4nder wie Indien das effizienteste Mittel der Geburtenkontrolle. Mancherorts werden die Eingriffe wie am Flie\u00dfband durchgef\u00fchrt \u2013 teils mit fatalen Folgen.  <\/p>\n<p>25 Euro, damit sie nie wieder schwanger werden: So viel Geld erhalten Frauen in Indien umgerechnet von ihrer Regierung, wenn sie sich sterilisieren lassen. Es ist als Kompensation f\u00fcr Reisekosten und Lohnausf\u00e4lle gedacht \u2013 aber auch als Anreiz. Seit den Siebzigerjahren versucht Indiens Regierung auf diese Weise, das Bev\u00f6lkerungswachstum zu senken.<\/p>\n<p>Mit Erfolg: Die weibliche Sterilisation ist inzwischen die meistgenutzte Verh\u00fctungsmethode im Land \u2013 und die Geburtenrate ist signifikant gesunken. Fast 30 Prozent der indischen Frauen im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter gaben 2019 an, sterilisiert zu sein. 17 Prozent verwenden andere Verh\u00fctungsmethoden; 45 Prozent gaben an, gar nicht zu verh\u00fcten bzw. keinen Bedarf zu haben; acht Prozent w\u00fcrden gern verh\u00fcten, haben aber keinen Zugang zu entsprechenden Mitteln.<\/p>\n<p>Und Indien ist keine Ausnahme: Weltweit verh\u00fcten mehr Frauen mittels Sterilisation als mit Kondomen oder der Pille. Es ist die am h\u00e4ufigsten angewandte Verh\u00fctungsmethode \u2013 nicht zuletzt, weil sie in bev\u00f6lkerungsreichen L\u00e4ndern wie Indien und China weitverbreitet ist. Allein 2019 lie\u00dfen sich nach Sch\u00e4tzungen der Vereinten Nationen mehr als 200 Millionen Frauen weltweit sterilisieren.<\/p>\n<p>In China, in Puerto Rico, aber auch in den USA und Kanada lag der Anteil an sterilisierten Frauen zuletzt zwischen 18 und 31 Prozent,zeigt eine Metaanalyse im Rahmen des \u00bbGlobal Burden of Disease\u00ab-Projekts der Weltbank, die im Magazin \u00bbThe Lancet\u00ab ver\u00f6ffentlicht             wurde.Das liegt vor allem daran, dass andere Verh\u00fctungsmethoden in diesen L\u00e4ndern oft nicht verf\u00fcgbar oder zu teuer sind. Und dass sich M\u00e4nner weltweit nur selten sterilisieren lassen.<\/p>\n<p>Weil Frauen deshalb oft die Wahlfreiheit fehle und der Eingriff beispielsweise in Indien aus politischen Gr\u00fcnden gef\u00f6rdert wird, sehen Expertinnen ihn kritisch: \u00bbF\u00fcr die Politik ist Verh\u00fctung vor allem ein Mittel zur Kontrolle von Bev\u00f6lkerungswachstum\u00ab, sagt Mona, eine Forscherin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programm f\u00fcr nachhaltige Entwicklung der Observer Research Foundation in Delhi arbeitet. Aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden f\u00fchrt sie keinen Nachnahmen.<\/p>\n<p>In Indien ist die Zahl der Kinder pro Frau zwischen 1971 und 2016 von 5,2 auf 2,3 gesunken \u2013 eine positive Entwicklung aus Sicht der Regierung.Die Politik vergesse angesichts dieserZahlen aber, was Sterilisation f\u00fcr viele Frauen bedeute, kritisiert Mona.<\/p>\n<p>Der Eingriff, bei dem durch eine Operation die Eileiter durchtrennt oder ver\u00f6det werden, kann in der Regel nicht r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Au\u00dferdem ist er mit gr\u00f6\u00dferen medizinischen Risiken verbunden als andere Methoden.\u00bbVerh\u00fctungsmittel sollen nicht nur funktionieren. Sie m\u00fcssen auch sicher und praktisch sein und ihre Anwendung darf die Menschen nicht entw\u00fcrdigen\u00ab, sagt die indische Wissenschaftlerin.<\/p>\n<h3>Sterilisationen wie am Flie\u00dfband<\/h3>\n<p>Weil das nicht garantiert ist, stehen die staatlich gef\u00f6rderten Sterilisationsprogramme Indiens immer wieder in der Kritik. Der Staat finanziert neben dem Bonus f\u00fcr die Frauen n\u00e4mlich auch die meisten Kliniken, in denen die Operation vorgenommen wird. Vor allem im l\u00e4ndlichen Raum sind das laut der Forscherin oft sogenannte Massensterilisationszentren. Immer wieder gibt es Berichte, wonach Frauen dort wie am Flie\u00dfband sterilisiert werden und den Eingriff aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung nicht \u00fcberleben.<\/p>\n<p>2016 hat das indische Verfassungsgericht daher in einem Urteil die Regierung angewiesen, alle Sterilisationszentren zu schlie\u00dfen. Zuvor waren innerhalb von drei Jahren mehr als 300 Frauen in den Einrichtungen gestorben. Indischen Medien zufolge sind solche Kliniken dennoch weiterhin in Betrieb.<\/p>\n<p>Bis heute ist weibliche Sterilisation f\u00fcr die indische Regierung die effizienteste Art der Geburtenkontrolle. Hinzu kommt, wie Mona sagt: \u00bbFamilienplanung ist in Indien Frauensache\u00ab, Kampagnen f\u00fcr Verh\u00fctungsmittel w\u00fcrden sich fast ausschlie\u00dflich an Frauen richten und obwohl die finanzielle Kompensation f\u00fcr Vasektomien meistens h\u00f6her ist als f\u00fcr weibliche Sterilisationen, ist der Eingriff kaum verbreitet.<\/p>\n<p>Das hat auch historische Gr\u00fcnde. In der Zeit des nationalen Ausnahmezustandes zwischen 1975 und 1977 wurden in Indien innerhalb k\u00fcrzester Zeit Millionen M\u00e4nner zwangssterilisiert. Seitdem sind Vasektomien auch politisch ein Tabuthema. \u00bb\u00dcber m\u00e4nnliche Sterilisation wird kaum gesprochen\u00ab, sagt Mona, \u00bbteilweise liegt das an der Geschichte, aber es gibt auch ein gesellschaftliches Stigma, dass der Eingriff einen Mann in seiner M\u00e4nnlichkeit und seiner \u203aStandfestigkeit\u2039 besch\u00e4digt.\u00ab<\/p>\n<p>Dass Vasektomien stigmatisiert sind und Verh\u00fctung vor allem ein Frauenthema ist, kann man weltweit beobachten.<\/p>\n<p>\u00bbDie Popularit\u00e4t von weiblicher Sterilisation ist ein Indikator f\u00fcr Armut und f\u00fcr einen mangelnden Zugang zu guter Gesundheitsversorgung\u00ab, sagt Laura Briggs, Professorin f\u00fcr internationale Gesundheitsversorgung und Reproduktionspolitik an der Universit\u00e4t Massachusetts Amherst. \u00bbSterilisation ist oft nur dann die beste Verh\u00fctungsmethode, wenn die Umst\u00e4nde sie dazu machen.\u00ab<\/p>\n<p>Das gelte beispielsweise auch f\u00fcr die USA. Dort seien immer mehr Menschen von Armut und schlechter medizinischer Versorgung betroffen. \u00bbWenn regelm\u00e4\u00dfige Arzttermine f\u00fcr verschreibungspflichtige Verh\u00fctungsmittel nicht m\u00f6glich sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel h\u00f6her, dass ich mich f\u00fcr eine Methode entscheide, bei der es nur einen Termin braucht.\u00ab<\/p>\n<p>Wie wirkm\u00e4chtig soziale und historische Umst\u00e4nde sind, zeigt sich in Puerto Rico. Das Land hat seit Jahren die weltweit h\u00f6chste Sterilisationsquote. \u00bbFrauen in Puerto Rico sind so vertraut mit dem Eingriff, dass er dort nur \u203aLa Operaci\u00f2n \u2013 die Operation\u2039 genannt wird\u00ab, sagt Iris Lopez, Professorin f\u00fcr die Puerto Ricanische Diaspora und Sterilisationsmissbrauch am City College in New York City.<\/p>\n<p>Die Kolonisierung der Insel durch die USA hat daran einen gro\u00dfen Anteil. Bis in die Siebzigerjahre wurde ein Drittel der Frauen auf Puerto Rico im Rahmen eines US-finanzierten Programms sterilisiert. Aus Sicht Washingtons waren die Entwicklungsprobleme der lateinamerikanischen Insel vor allem auf die hohe Geburtenrate zur\u00fcckzuf\u00fchren. Viele der betroffenen Frauen wurden nicht ausreichend aufgekl\u00e4rt und hielten die Operation f\u00fcr reversibel, anderen wurde der Eingriff aufgezwungen.<\/p>\n<p>Nicht nur die Folgen des Sterilisationsprogramms wirken bis heute nach. US-amerikanische Pharmafirmen testeten in den F\u00fcnfzigerjahren in hohen Dosen den Pillenwirkstoff Progesteron auf Puerto Rico. \u00bbViele Frauen wurden damals krank und litten unter Nebenwirkungen\u00ab, sagt Iris Lopez. Die Pille und andere moderne Verh\u00fctungsmethoden h\u00e4tten deshalb lange einen schlechten Ruf gehabt.<\/p>\n<p>Erst seit Mitte der 2000er-Jahre geht der Anteil der Sterilisationen auf Puerto Rico langsam zur\u00fcck. Hohe Kosten, B\u00fcrokratie und eine mangelnde Infrastruktur erschweren den Menschen aber immer noch den Zugang zu anderen Verh\u00fctungsmitteln. F\u00fcr Iris Lopez stellt sich noch eine andere Frage: \u00bbK\u00f6nnen wir in einem kolonialen Kontext, in dem Sterilisation so lange als einzige Methode gef\u00f6rdert wurde, \u00fcberhaupt von einer freien Entscheidung sprechen?\u00ab<\/p>\n<h3>Grenze zur Zwangssterilisation verschwimmt<\/h3>\n<p> \u00bbEinverst\u00e4ndnis ist bei weiblichen Sterilisationen oft eine Grauzone\u00ab, sagt die indische Forscherin von der Observer Research Foundation. In Indien seien vor allem arme Frauen aus niedrigeren Kasten oder mit geistigen Einschr\u00e4nkungen betroffen. \u00bbDie Frauen werden gar nicht ausreichend aufgekl\u00e4rt, um eine informierte Entscheidung treffen zu k\u00f6nnen\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>Auch in anderen L\u00e4ndern trifft es h\u00e4ufig sozial benachteiligte Frauen: Der Eingriff wird dann oft im Anschluss an Geburten mit Kaiserschnitt vorgenommen, dann, wenn die Frauen ersch\u00f6pft sind und kaum widersprechen k\u00f6nnen. Manchmal durchtrennen die \u00c4rzte auch einfach den Eileiter, solange der Bauchraum der Frau noch ge\u00f6ffnet ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den USA Zwangssterilisationen gerichtlich angeordnet werden k\u00f6nnen, berichten in Kanada bis heute vor allem Ureinwohnerinnen, dass sie gegen ihren Willen sterilisiert werden, obwohl die Praxis gegen kanadisches Recht verst\u00f6\u00dft. Eine betroffene Frau gab f\u00fcr einen Untersuchungsbericht des kanadischen Parlaments zu Protokoll: \u00bbMir war \u00fcberhaupt nicht klar, was mit mir gemacht wurde, bis ich mich in einer Fruchtbarkeitsklinik untersuchen lie\u00df, um herauszufinden, warum ich nicht schwanger wurde. Mir wurde dann gesagt, dass meine Geb\u00e4rmutter teilweise entfernt worden ist.\u00ab<\/p>\n<p>Die Dominanz von weiblicher Sterilisation erkl\u00e4ren solche \u00dcbergriffe aber nicht. Iris Lopez h\u00e4lt die Diskussion um m\u00f6gliche Ursachen f\u00fcr polarisiert \u2013 Frauen w\u00fcrden entweder als v\u00f6llig freie Individuen oder als Opfer ihrer Umst\u00e4nde gesehen. Die Wahrheit liegt f\u00fcr Lopez dazwischen: \u00bbFrauen versuchen, unter repressiven Umst\u00e4nden die f\u00fcr sie beste Entscheidung zu treffen.\u00ab<\/p>\n<p>Laura Briggs sieht das \u00e4hnlich: Solange Staaten den Zugang zu bestimmten Verh\u00fctungsmitteln erschweren und Menschen mit den Kosten f\u00fcr Arzttermine, mit der Kinderbetreuung und mit der Sorgearbeit alleinlie\u00dfen, seien wirklich freie Entscheidungen in Verh\u00fctungsfragen nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p><em>Transparenzhinweis: Ein Teil der hier verarbeiteten Daten stammt aus einer Metaanalyse f\u00fcr das \u00bbGlobal Burden of Disease\u00ab-Projekt, die von der Bill &amp; Melinda Gates Foundation finanziert wurde.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht Kondom oder Pille, sondern weibliche Sterilisation ist f\u00fcr L\u00e4nder wie Indien das effizienteste Mittel der Geburtenkontrolle. Mancherorts werden die Eingriffe wie am Flie\u00dfband durchgef\u00fchrt \u2013 teils mit fatalen Folgen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15032,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-15031","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15031","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15031"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15031\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15032"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}