{"id":14516,"date":"2022-09-04T07:56:38","date_gmt":"2022-09-04T04:56:38","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/laos-wie-china-mit-seinem-seidenstrasen-projekt-seinen-einfluss-ausweitet\/"},"modified":"2022-09-04T07:56:38","modified_gmt":"2022-09-04T04:56:38","slug":"laos-wie-china-mit-seinem-seidenstrasen-projekt-seinen-einfluss-ausweitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/laos-wie-china-mit-seinem-seidenstrasen-projekt-seinen-einfluss-ausweitet\/","title":{"rendered":"Laos: Wie China mit seinem Seidenstra\u00dfen-Projekt seinen Einfluss ausweitet"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Ein von Peking gebauter Hochgeschwindigkeitszug soll aus Laos ein modernes, vernetztes Land machen \u2013 oder wird es vom gro\u00dfen Nachbarn in die Schuldenfalle getrieben? Kritiker sehen Parallelen zur Krise in Sri Lanka.<\/p>\n<p>Vor dem neuen Bahnhof treffen sie sich. M\u00fctter aus der Hauptstadt, mit S\u00e4uglingen auf dem Arm und Kleinkindern an der Hand, denen sie kleine Kappen als Schutz vor der Sonne aufgesetzt haben, und die die erste gemeinsame Reise antreten. Arbeiter, die ihre entfernt lebenden Familien besuchen, und noch nie zuvor in ihrem Leben mit dem Zug gefahren sind. Rentnerinnen aus Thailand, die f\u00fcrs verl\u00e4ngerte Wochenende ihre Rollk\u00f6fferchen gepackt haben, und jetzt, um ungef\u00e4hr sieben Uhr am Morgen, aus dem Bus steigen, der sie \u00fcber die Grenze gebracht hat ins Nachbarland, nach Laos.<\/p>\n<p>Ende Juli, etwas au\u00dferhalb von Vientiane, der Hauptstadt von Laos. Hier liegt, mitten im Nichts, der Bahnhof der Laos-China Railway Company. Das Geb\u00e4ude mit dem flachen, lang gezogenen Fl\u00fcgeldach ist die Wartehalle des neuen Highspeed-Zuges zwischen China und Laos. Die Station in Vientiane ist vorl\u00e4ufiger Start- und Endpunkt der Bahn.<\/p>\n<p>2016 waren die Bauarbeiten losgegangen, knapp sechs Jahre sp\u00e4ter, seit Dezember 2021, ist die Zugtrasse in Betrieb; \u00fcber 414 Kilometer, 167 Br\u00fccken und 75 Tunnel, durch T\u00e4ler und bergige W\u00e4lder, ziehen sich die Schienen von der chinesischen Provinz Yunnan \u00fcber die Grenze nach Laos bis hinunter zur HauptstadtVientiane, wo kurz hinter der Grenze schon Thailand beginnt.<\/p>\n<p>Eine Laotin vor dem Ticketschalter sagt, der alte Witz, den sich die Laoten stets \u00fcber sich selbst erz\u00e4hlt haben, gelte nicht mehr: N\u00e4mlich, dass die Abk\u00fcrzung \u00bbPDR\u00ab aus der \u00bbLao People&#039;s Democratic Republic\u00ab in Wahrheit eine abgek\u00fcrzte Beschreibung laotischer Gem\u00e4chlichkeit sei \u2013 \u00bbPlease Don&#039;t Rush\u00ab. Seit es den Schnellzug gebe, sagt sie, m\u00fcsse man sich etwas Neues einfallen lassen. Denn die Menschen in Laos, die seien seit Neuestem mit rasender Geschwindigkeit quer durchs Land unterwegs.<\/p>\n<p>Ein neuer Zug durch Laos ist nicht einfach ein neuer Zug durch Laos. Es ist die erste richtige Bahnstrecke, die das Land, das als eines der \u00e4rmsten in S\u00fcdostasien gilt, je hatte. Das kommunistische Laos mit seinen sieben Millionen Einwohnern wird dadurch von einem isolierten zu einem mit seinen Nachbarn vernetzten Land, kann \u00fcber die Schiene leichter Handel betreiben, mit Thailand im Westen und dem viel gr\u00f6\u00dferen China im Norden.<\/p>\n<p>Kritiker sehen in dem Zug jedoch ein Projekt, das sich Laos nicht leisten kann, und eine wirtschaftliche Krise heraufziehen, \u00e4hnlich der in Sri Lanka                                       . F\u00fcr sie stellt die Bahnstrecke einen weiteren gelungenen Schachzug Chinas dar, Nachbarl\u00e4nder in seine Abh\u00e4ngigkeit zu zwingen. Ihnen Bauvorhaben und Kredite aufzudr\u00e4ngen und sie so in eine Schuldenfalle zu locken, aus der sie sich nicht mehr befreien k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Bahnhofshalle bilden sich vier lange Reihen. Ticketkontrolle. Der Hochgeschwindigkeitszug bietet Platz f\u00fcr 720 Menschen, zweimal pro Tag verl\u00e4sst er den Bahnhof von Vientiane Richtung Norden. An diesem Tag ist der Zug mit den wei\u00df-blau-roten Streifen,den Farben der laotischen Flagge, ausverkauft. Die Kontrolle geht z\u00fcgig, die Passagiere steigen ein. Dreiersitzreihen links, Zweiersitzreihen rechts, \u00fcber eine Anzeigentafel an der Decke l\u00e4uft die Schrift in chinesischer, dann in laotischer, dann in englischer Sprache.<\/p>\n<p>7.30 Uhr, Abfahrt.<\/p>\n<p>Durchsage: \u00bbWer falsch sitzt, zahlt einen Aufpreis von 30 Prozent.\u00ab \u00bbBitte kein Toilettenpapier ins Klo werfen.\u00ab \u00bbDies ist ein Nichtraucherzug.\u00ab<\/p>\n<p>Ein chinesisches Paar nimmt Platz. Die beiden erz\u00e4hlen, dass sie seit Langem in Laos leben, und darauf warten, dass endlich die Grenze Richtung China wieder aufgeht, das sich seit der Pandemie komplett abschottet. Sie haben ihre Verwandten so lange nicht gesehen. Sie glauben, dass der Zug Laos viele Vorteile bringen werde. Import und Export. Laos habe ja, im Vergleich zu seinen Nachbarl\u00e4ndern, keinen Zugang zu einem Meer, das sei ein geografischer Nachteil, den die Bahnstrecke etwas aufheben k\u00f6nne. Sie glauben, dass viele Chinesen kommen werden, um in Laos zu investieren.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen, auf dem Weg in Richtung Norden, zieht die Landschaft stromaufw\u00e4rts des Mekongs vorbei. Gr\u00fcne T\u00e4ler mit Reisfeldern und Dschungel, dazwischen Fischweiher, schlammbraune \u00c4cker und geduckte vereinzelte H\u00e4user. Die H\u00fcgel links und rechts der Trasse werden h\u00f6her. Nach einer Stunde verschwindet der Zug st\u00e4ndig im n\u00e4chsten Dunkel, fast die H\u00e4lfte der Strecke f\u00fchrt in Tunneln durch die Berge.<\/p>\n<p>F\u00fcr China ist der Schnellzug durch Laos ein weiterer entscheidender Schritt seines Seidenstra\u00dfen-Projekts , einem breit angelegten Entwicklungsprogramm, im Jahr 2013 begonnen, \u00fcber das Peking seinen Einfluss vergr\u00f6\u00dfert. Es erschlie\u00dft sich \u00fcber Infrastrukturprojekte weltweit M\u00e4rkte, Handelskorridore, Zugang zu Ressourcen \u2013 in Afrika, Zentralasien, Europa. In s\u00fcdostasiatischen Staaten, gerade in Laos, ist der chinesische Einfluss besonders gro\u00df.<\/p>\n<p>F\u00fcr Laos hei\u00dft das erst einmal: China bietet dem Land mit seiner \u00bbNeuen Seidenstra\u00dfe\u00ab die M\u00f6glichkeit eines hochmodernen Zuges, den das Land aus eigener Anstrengung niemals h\u00e4tte bauen und betreiben k\u00f6nnen. Zwar investieren auch Japan, Vietnam oder Thailand in Laos. China ist insgesamt jedoch der gr\u00f6\u00dfte Kreditgeber \u2013 mit chinesischem Geld werden Wasserkraftwerke und Staud\u00e4mme auf dem Mekong unterst\u00fctzt, Projekte in Landwirtschaft, Bergbau, der Kautschukproduktion. Die Trasse des Schnellzugs, das bislang teuerste Infrastrukturprojekt, wurde von der Laos-China Railway Company gebaut, einem Joint Venture \u00fcberwiegend in chinesischer Hand. Die Pl\u00e4ne, die Maschinen, die Arbeiter, das Material: fast alles aus China.<\/p>\n<p>China hat mit dem Schnellzug eine Schneise durch ein anderes Land geschlagen \u2013 und damit seinen wirtschaftlich eher schwachen Westen angebunden; zun\u00e4chst bis nach Thailand, und potenziell dar\u00fcber hinaus: L\u00e4ngst gibt es konkrete Vorhaben, die Bahn weiterzubauen und anzuschlie\u00dfen bis hinunter in den S\u00fcden, ins wirtschaftsstarke Singapur mit seinem gro\u00dfen Containerhafen.<\/p>\n<p>Fragt man die Leute am Bahnsteig, was sie von dem Zug halten, dann sagen sie, dass sie vorher, wenn sie von einer Stadt in die andere wollten, auf Busse und Autos angewiesen gewesen seien.<\/p>\n<h3>Vier Stunden Zug statt 15 Stunden Bus<\/h3>\n<p>Noi, Laotin und Mutter von zwei Kleinkindern, sagt zum Beispiel, sie sei, als es den Zug noch nicht gab, auf schlechten, gef\u00e4hrlichen Stra\u00dfen unterwegs gewesen, oft ausgewaschen vom Regen, unbefahrbar durch Erdrutsche, Schlagl\u00f6cher und \u00dcberschwemmungen. Sie habe ihre Familie so gut wie nie besuchen k\u00f6nnen, erst recht nicht mit den Kindern. F\u00fcr Noi sind die Ticketpreise etwas teuer, erst vor Kurzem habe es eine weitere Erh\u00f6hung gegeben. Sie hat f\u00fcr ihr Ticket um gerechnet 16 Euro bezahlt, sie verdient etwas mehr als 100 Euro im Monat. Und au\u00dferdem seien die Fahrkarten schwer zu erwerben. Das Onlinesystem funktioniere noch immer nicht, man m\u00fcsse sich stundenlang in die Schlange vor den Schaltern stellen und hoffen, dass noch eine \u00fcbrig ist, wenn man drankommt. Aber ein paar Mal pro Jahr will Noi sich die Bahnreise k\u00fcnftig leisten, sagt sie.<\/p>\n<p>Ein anderer sagt, die Reise von Vientiane bis an die chinesische Grenze k\u00f6nne mit dem Auto 15 Stunden dauern, er habe das \u00f6fter erlebt. Der Zug, mit einer H\u00f6chstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern, \u00fcberbr\u00fcckt die Strecke in weniger als vier Stunden.<\/p>\n<p>Eine Gruppe junger M\u00e4nner hofft, dass der Frachtverkehr, der seit Neuestem auf den Schienen zwischen China und Laos hin- und hergeht, ihrem Land einen wirtschaftlichen Aufschwung beschwert und vor allem mehr Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Man muss aber auch sagen: China dr\u00e4ngt Laos durch den Zug in ein gro\u00dfes Problem. Die Kosten des Baus wurden zu Beginn auf sechs Milliarden US-Dollar berechnet, was damals etwa der H\u00e4lfte desBruttoinlandsprodukts von Laos entsprach. Zwar beteiligen sich beide L\u00e4nder an den Kosten. Dennoch sind die finanziellen Verpflichtungen f\u00fcr Laos erdr\u00fcckend.<\/p>\n<p>Laos nahm f\u00fcr das Projekt bei der chinesischen Export-Import-Bank einen Kredit von mehr als 400 Millionen US-Dollar auf, trat dem chinesischen Bauherrn zus\u00e4tzlich einen Streifen Landlinks und rechts der Zugtrasse ab. Sollte Laos seine Kredite nicht mehr bedienen k\u00f6nnen, sind der Zug und die Strecke in chinesischer Hand.<\/p>\n<p>Einige Beobachter sagen f\u00fcr Laos, angetrieben durch die Pandemie, die Ukrainekrise und die chinesischen Investitionen im Land, einen m\u00f6glichen wirtschaftlichen Kollaps voraus. Die Inflationsrate der laotischen W\u00e4hrung Kip ist auf dem h\u00f6chsten Stand seit zwei Jahrzehnten und trifft gerade jenes F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung, das unter der Armutsgrenze lebt. Im Mai wurden als Folge Treibstofflieferungen eingestellt, vor den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Die Staatsverschuldung des Landes lag 2021 bei 14,5 Milliarden Dollar, laut der Weltbank             entf\u00e4llt die H\u00e4lfte davon auf China.<\/p>\n<p>Um 8.25 Uhr kann man das erste Mal aussteigen, wenn der Zug den ersten Stopp erreicht, Vang Vieng, eine kleine Stadt, die vor der Pandemie voll war von Rucksackreisenden, die sich dort den Nam Song River hinuntertreiben lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Man kann sitzen bleiben bis zur Endhaltestelle in Boten, der n\u00f6rdlichsten Stadt von Laos, die der Zug um elf Uhr und nach mehr als 400 gefahrenen Kilometern erreicht. Bis auf Weiteres passieren nur G\u00fcterz\u00fcge die Grenze nach China.<\/p>\n<p>Boten war einmal so etwas wie das letzte laotische Dorf vor der chinesischen Grenze, mit ein paar Hundert Einwohnern. Vor 20 Jahren wuchs der Ort; chinesische Investoren machten aus ihm eine Stadt der Casinos und Hotels, eine Wirtschaftszone in chinesischer Hand, in der die Uhren sich nach der chinesischen Zeitzone richten, in der Mandarin gesprochen wird. Durch den neuen Zug soll Boten, zwischenzeitlich abgewirtschaftet, neuen Glanz erfahren.<\/p>\n<p>Oder man steigt, wie die allermeisten an diesem Tag, um 9.24 Uhr aus, in Luang Prabang. Ein h\u00fcgeliger Ort direkt am Mekong, wo sich in manchen Stra\u00dfen 30 Tempel hintereinander reihen. Ber\u00fchmt ist vor allem der Wat Xieng Thong, wo Buddhistinnen undBuddhisten in traditionellen Kleidern bei den Morgenprozessionen Klebereis, gekochte Eier und Reiskekse an die M\u00f6nche spenden.<\/p>\n<p>Die Frau mit ihrem S\u00e4ugling steigt aus, die thail\u00e4ndische Rentnerinnengruppe, auch ein paar Backpacker aus Europa.<\/p>\n<p>Luang Prabang, das als ein Unesco-Welterbe z\u00e4hlt, ist ein guter Ort, um \u00fcber die Chancen der neuen Bahnstrecke zu sprechen, und \u00fcber die Gefahren. Der Mitarbeiter in der Tourismusbeh\u00f6rde, wo ausschlie\u00dflich die chinesische Zeitung \u00bbChina Daily\u00ab ausliegt, sagt zum Beispiel, er hoffe, dass bald, wenn China die Grenzen \u00f6ffnet, viele chinesische Reisende mit dem Zug kommen. Zwei Coronajahre lang sei Luang Prabang ein einsamer Ort gewesen, viele Menschen h\u00e4tten ihre Gesch\u00e4fte aufgeben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aber dann sagt er, und das ist der Grund, warum er in diesem Text anonym bleiben will, dass er sich auch Sorgen mache. Dass er in Luang Prabang geboren und sich nicht sicher sei, wie gut der kleine Ort die k\u00fcnftigen Touristenmassen verkrafte. Er erz\u00e4hlt von einem Staudamm auf dem Mekong, von Drittl\u00e4ndern finanziert und auf laotischem Territorium errichtet. 2018 st\u00fcrzte der Damm in sich zusammen. Es gab Tote, es gab Tausende, die ihr Zuhause verloren. Seitdem habe er das Gef\u00fchl: Es sei schlecht, wenn Laos in all diesen Projekten so wenig Mitsprache und Kontrolle habe. Wenn andere L\u00e4nder seine Heimat benutzen wie einen Acker, dessen Ernte man einfahren kann. Der n\u00e4chste Mekong-Damm, sagt der Tourismusbeh\u00f6rdler, werde nur 25 Kilometer vor Luang Prabang geplant, der Geldgeber sei China.<\/p>\n<p>Er frage sich jetzt oft: Wer ist zust\u00e4ndig, wenn auf der Bahnstrecke ein Ungl\u00fcck passiert? Nach Angaben des laotischen Bauministeriums soll die Bahn bereits nach 23 Jahren aus den roten Zahlen  sein. Aber, fragt sich der Mann, die Details der Vertr\u00e4ge seien intransparent, niemand in der laotischen Bev\u00f6lkerung wisse Genaueres. Was, wenn die Rechnung nicht aufgeht, weil die Pandemie noch einmal zuschl\u00e4gt, die chinesische Grenze weiter zu bleibt und Reisen wieder unm\u00f6glich wird? Oder wenn die Leute sich die Tickets nicht mehr leisten k\u00f6nnen? Hat das irgendjemand einkalkuliert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein von Peking gebauter Hochgeschwindigkeitszug soll aus Laos ein modernes, vernetztes Land machen \u2013 oder wird es vom gro\u00dfen Nachbarn in die Schuldenfalle getrieben? 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