{"id":145,"date":"2020-05-28T16:57:02","date_gmt":"2020-05-28T13:57:02","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fred-turner-ich-furchte-dass-die-menschen-den-maschinen-mehr-vertrauen-als-der-politik\/"},"modified":"2020-05-28T16:57:02","modified_gmt":"2020-05-28T13:57:02","slug":"fred-turner-ich-furchte-dass-die-menschen-den-maschinen-mehr-vertrauen-als-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fred-turner-ich-furchte-dass-die-menschen-den-maschinen-mehr-vertrauen-als-der-politik\/","title":{"rendered":"Fred Turner: &#8220;Ich f\u00fcrchte, dass die Menschen den Maschinen mehr vertrauen als der Politik&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/73dd1a8f-5185-4148-99f8-5150faceefd9_w948_r1.77_fpx45_fpy37.jpg\" title=\"Der Apple Park Campus im kalifornischen Cupertino\" alt=\"Der Apple Park Campus im kalifornischen Cupertino\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Der Apple Park Campus im kalifornischen Cupertino<\/p>\n<p> Sam Hall\/ Bloomberg\/ Getty Images <\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung und macht die gro\u00dfen US-Techfirmen zu Krisengewinnern. Fred Turner, 59, Professor f\u00fcr Kommunikation in Stanford und seit vielen Jahren ein ebenso prominenter wie skeptischer Beobachter des Silicon Valley, macht das gro\u00dfe Sorgen. Turner hat in seinem einflussreichen Buch &quot;From Counterculture to Cyberculture&quot; die Geburt von sp\u00e4teren Digitalgiganten wie <\/em><em>Apple<\/em><em> und <\/em><em>Google <\/em><em>aus dem Geist der anarchischen Hippie-Bewegung nachgezeichnet. Nun f\u00fcrchtet er, dass das Coronavirus die gesellschaftliche Akzeptanz von weitreichenden \u00dcberwachungstechnologien befl\u00fcgeln k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Turner, Sie gelten als eine Art Haushistoriker des Silicon Valley und beobachten die Digitalwirtschaft beinahe seit ihren Anf\u00e4ngen. Ist die Coronakrise ein Epochenbruch, der endg\u00fcltige Siegeszug der Digitalisierung? <\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Der Tech-Industrie bietet sich gerade die dunkle Gelegenheit, einige ihrer alten Utopien in die Tat umzusetzen. Das beobachte ich mit gro\u00dfer Sorge.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Welche Utopien meinen Sie?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Die Bestrebungen, ein umfassendes \u00dcberwachungssystem zu entwickeln, teils von Privatfirmen, teils von Regierungen. Akteure, die solche Datensysteme bauen, verkaufen sie an Staaten mit dem Versprechen, dass sie medizinische oder soziale Probleme l\u00f6sen. Das Coronavirus bietet jetzt den perfekten Vorwand, so etwas aggressiv voranzutreiben. Nun hei\u00dft es: &quot;S\u00fcdkorea hat das Virus in den Griff gekriegt, weil das Land \u00fcber seine B\u00fcrger viel mehr Daten sammelt als wir. Wir m\u00fcssen es genauso machen.&quot;<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Woran denken Sie genau? An die Tracing-App, an der Google und Apple mitarbeiten? An Peter Thiels Big-Data-Firma Palantir, die angeblich mit Washington zusammenarbeitet, um die Daten von Coronavirus-Tests zu sammeln?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Im Datenbusiness wittern gerade alle Morgenluft. Diverse Programme, die zu kommerziellen, scheinbar harmlosen Zwecken entwickelt wurden, k\u00f6nnen f\u00fcr staatliche \u00dcberwachungszwecke genutzt werden. Man denke nur an Gesichtserkennung, wo das schon begonnen hat. Tracking, also das Nachvollziehen und Auswerten unserer digitalen Spuren, ist bereits so allgegenw\u00e4rtig, dass wir es kaum noch wahrnehmen. Es erinnert alles sehr an 9\/11.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie vergleichen das Coronavirus mit den Anschl\u00e4gen des 11. September?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Die Anschl\u00e4ge auf die Twin Towers gaben der Bush-Regierung den perfekten Vorwand, um einen v\u00f6llig unn\u00f6tigen Krieg zu lancieren. Diese Pandemie ist der perfekte Vorwand, eine Art Big-Data-Gesellschaft zu schaffen, die wir nicht brauchen und die den autorit\u00e4ren Staat beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Das ist ein sehr pessimistischer Blick. Viele Menschen sch\u00e4tzen gerade jetzt die Zuverl\u00e4ssigkeit digitaler Kommunikationstechnologien wie etwa Zoom, die das Leben im Homeoffice erst erm\u00f6glichen. Sie sch\u00e4tzen die Lieferdienste von Amazon, die Kontaktnetze von Facebook, die Verl\u00e4sslichkeit ihrer Apple-Ger\u00e4te mehr denn je. Ihnen geht das anders?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Ein immer wiederkehrender Verf\u00fchrungsversuch in der Geschichte des Silicon Valley und der amerikanischen Tech-Industrie insgesamt ist das Versprechen, dass technologische Systeme gesellschaftliche Infrastrukturen ersetzen k\u00f6nnen. Dass mittels digitaler Technologien diverse soziale, politische, wirtschaftliche oder demokratische Defizite einged\u00e4mmt werden k\u00f6nnen. Verstehen Sie?<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ja. Aber die Frage war viel kleiner als ihre Antwort.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Ich komme auf Ihre Frage zur\u00fcck. Ich spreche von langfristigen Gefahren. Kurzfristig erleben wir, dass praktische Dienstleistungen wie Zoom es uns erlauben, trotz des Lockdowns miteinander in Kontakt zu bleiben. Das ist angenehm. Aber ich kann Ihnen auch sagen, dass es immer noch das Telefon g\u00e4be, h\u00e4tten wir das Internet nicht. Und vor dem Telefon gab es die Briefpost.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Worauf wollen Sie hinaus? Die heutige Arbeitswelt k\u00f6nnte doch unm\u00f6glich nur mit Telefon oder gar Briefpost funktionieren.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Ich meine das eher als Metapher. Das Bed\u00fcrfnis nach Kommunikation verlangt nicht notwendigerweise nach dem Internet. Allgemeiner gesprochen: Die Probleme, die wir haben, verlangen nicht notwendigerweise nach digitalen L\u00f6sungen. Aber genau das scheinen die Leute unter dem Eindruck der Coronakrise zu glauben. Und das macht mich nerv\u00f6s &#8211; vor allem mit Blick auf die USA. Wir haben in unserem Land eine ganze Reihe tiefgreifender Missst\u00e4nde: die Ungleichheit, den Rassismus, ein dysfunktionales politisches System. Es w\u00e4re fatal, wenn nun so bequeme Angebote wie Zoom die Leute glauben machen, dass die Digitalisierung f\u00fcr alles eine L\u00f6sung hat.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Es ist nicht mein Eindruck, dass die Menschen das glauben.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Aber das ist die Geschichte, die die Silicon-Valley-Firmen uns seit langer Zeit zu verkaufen versuchen. Das ist das altbekannte Mantra der Westk\u00fcsten-Utopia: &quot;Wir hier, wir sehen die Zukunft. Ihr da dr\u00fcben in Washington und Boston seid zu nah an Europa, ihr seid gefangen im Denken der alten Welt. Die Zukunft ist globale Vernetzung, ist Daten f\u00fcr alles, ist Kommunikation statt Politik.&quot; Die Coronakrise bietet die ideale Gelegenheit, diese utopische Vision glaubw\u00fcrdig erscheinen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ihre generellen Bedenken in Ehren, aber beim Tracing von Covid-19-F\u00e4llen, beim Auswerten und Organisieren der Testdaten k\u00f6nnen digitale Technologien doch tats\u00e4chlich sehr hilfreich sein.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Ich bezweifle nicht, dass es Anwendungsbereiche gibt, wo das Silicon Valley dem Staat behilflich sein kann. Aber diese Technologien d\u00fcrfen die Politik nicht ersetzen, sondern sollen ihr zu Diensten sein. Ich habe aber lange genug im Silicon Valley gelebt und geforscht, um zu wissen, dass seine Akteure davon ausgehen, dass wir den Staat eigentlich nicht brauchen. Dass wir mithilfe digitaler Technologien Koalitionen bilden k\u00f6nnen und Communitys, die sich selbst regulieren. Wir treffen uns auf Facebook, wir kommunizieren via Twitter, wir kommen alle zusammen. Wir m\u00fcssen nur unsere K\u00f6pfe und Gedanken zusammenstecken, und unsere politischen Konflikte verschwinden. Darin liegt die Idee, dass wir unsere hyperpolarisierten politischen Institutionen \u00fcberwinden k\u00f6nnen und letztlich nicht mehr brauchen. Seit ihren Anf\u00e4ngen geh\u00f6rte dieses Hirngespinst zur Techkultur an der Westk\u00fcste, die aus einer Gegenkultur erwachsen ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Dar\u00fcber haben Sie vor Jahren ein Buch geschrieben, &quot;From Counterculture to Cyberculture&quot;.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Apple produzierte 1984 den ber\u00fchmten Orwell-Werbeclip, dessen Pointe darin bestand, dass der Apple-Computer daf\u00fcr sorgt, dass das Jahr 1984 nicht so wird wie in Orwells dystopischem Roman &quot;1984&quot;. Der Macintosh befreit also die Menschen aus den F\u00e4ngen des Staates. Googles alter Leitspruch &quot;Don&#039;t be evil&quot; war ebenfalls gegen den Staat gerichtet, weil es seiner Logik nach die Staaten sind, die B\u00f6ses tun. Jetzt, da die Digitalisierung in immer weiteren Bereichen des Lebens Anwendung findet und da Zoom uns in der Krise hilft, f\u00fcrchte ich, dass die Menschen den Maschinen mehr vertrauen als der Politik. Sie denken: Die Technologie wird es schon richten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Die amerikanische Politik gibt in dieser Krise tats\u00e4chlich kein gutes Bild ab.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Unsere Regierung ist komplett \u00fcberfordert. Nicht wenige Amerikaner, mich eingeschlossen, schauen mit Neid auf Deutschland, auf Angela Merkel. Warum schaffen wir nicht, was Deutschland schafft? Warum kriegen wir die Tests nicht hin? Es ist besch\u00e4mend. Unser politisches System liegt darnieder. Amerika hat Deutschland 1945 die Demokratie gebracht, und ich glaube, es w\u00e4re langsam an der Zeit, dass Deutschland den USA die Demokratie wieder zur\u00fcckbringt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Guter Satz! Aber noch mal konkret: Wo sehen Sie Anzeichen, dass die Tech-Industrie versucht, den Staat zu ersetzen?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Ein Beispiel sind die Zehntausenden von Angestellten bei Twitter, Google, YouTube und vor allem bei Facebook, die die Inhalte der Nutzer nach Dingen absuchen, die gegen ihre Hausregeln versto\u00dfen. Was diese Content-Moderatoren so finden, ist oft nicht nur schockierend, sondern auf himmelschreiende Weise illegal. Das ist eine Aufgabe, die \u00fcblicherweise der Staat \u00fcbernimmt, die Polizei, das FBI.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Bei der Schulbildung verl\u00e4sst sich der Staat auf eine digitale Infrastruktur, die von privaten Konzernen betrieben wird. Und es gibt enorme Ungleichheiten beim Zugang.<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Richtig. Das erlebe ich selbst in meiner Stanford-Vorlesung. Da h\u00f6ren rund 90 Studenten zu, etwa 15 von ihnen haben keine stabile Internetverbindung. Und das ist Stanford! Ich m\u00f6chte nicht wissen, wie viele hunderttausend Kinder und Studenten im Moment keinen ordentlichen Zugang zum staatlichen Bildungsangebot haben. Auch hier sehe ich wieder die alte Silicon-Valley-Illusion am Werk, dass globale Kommunikationssysteme auf magische Weise den Informationstransfer f\u00fcr alle Menschen gew\u00e4hrleisten, schlicht weil digitale Signale theoretisch \u00fcberallhin reichen k\u00f6nnen. Tun sie aber nicht. Es ist erneut der Staat, der f\u00fcr eine Gleichheit der digitalen Lebensgrundlagen sorgen m\u00fcsste. Tut er aber nicht. Zumindest in diesem Land nicht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Andererseits k\u00f6nnte E-Voting die Ungerechtigkeiten im Wahlprozedere der USA l\u00f6sen, wo komplizierte Regeln die Wahlbeteiligung etwa von Schwarzen oder Latinos erschweren. W\u00fcrden Wahlen per Internet nicht die Diskriminierung bestimmter W\u00e4hlerschichten beseitigen?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Da bin ich entschieden anderer Meinung. Diese Systeme sind hochgradig unsicher. Ein digitalisierter Wahlprozess ist furchtbar einfach zu hacken. In der Theorie ist das ein sch\u00f6ner Gedanke: Jeder kann von zu Hause aus abstimmen. Aber es funktioniert nicht, und ich f\u00fcrchte, es wird auch nie funktionieren. Stellen Sie sich vor, was bei der Bush-Gore-Wahl von 2000 in Florida los gewesen w\u00e4re, wenn man keine physischen Abstimmungszettel zum Nachz\u00e4hlen gehabt h\u00e4tte. Bush gewann damals nach einer Nachz\u00e4hlung mit wenigen Hundert Stimmen Vorsprung.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wenn Big Tech uns nicht retten kann, was dann? Welche Kr\u00e4fte werden die Nach-Corona-Welt gestalten?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Was hei\u00dft retten? Was wollen wir retten, was vielleicht lieber nicht? M\u00f6glicherweise m\u00fcssen wir auf einen Lebensstil hinarbeiten, der sich stark von den Idealen der vergangenen 50 Jahre unterscheidet. Vielleicht kommen wir weg von der globalen Interkonnektivit\u00e4t, weg von Flugzeugen mit WiFi, die uns nonstop um die Erde fliegen und dabei das Klima belasten \u2013 hin zu einem neuen Lokalismus. Menschen und G\u00fcter w\u00fcrden weniger reisen, wir w\u00fcrden uns lokal ern\u00e4hren und lokal organisieren. Dabei k\u00f6nnten digitale Technologien enorm behilflich sein. Das ist die korrekte Reihenfolge: Wir m\u00fcssen uns zuerst fragen, in welcher Welt wir leben wollen, und danach entscheiden wir, welche Technologien uns auf diesem Weg helfen k\u00f6nnen. Nicht umgekehrt. <\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie kommen Sie derzeit pers\u00f6nlich zurecht mit der Lebensweise, die uns die Pandemie aufzwingt?<\/p>\n<p><strong>Turner:<\/strong> Oh, mein Leben ist wie geschaffen f\u00fcr das Coronavirus! Die meiste Zeit halte ich mich ohnehin allein in einem Zimmer auf, hier in Stanford, gemeinsam mit B\u00fcchern und einem Computer. Nun halte ich meine Vorlesungen eben online. Mir fehlt zwar der pers\u00f6nliche Austausch mit Studenten und Kollegen, aber im Gegensatz zu vielen anderen habe ich keine gro\u00dfen Opfer zu bringen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Der Apple Park Campus im kalifornischen Cupertino Sam Hall\/ Bloomberg\/ Getty Images Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung und macht die gro\u00dfen US-Techfirmen zu Krisengewinnern. Fred Turner, 59, Professor f\u00fcr Kommunikation in Stanford und seit vielen Jahren ein ebenso prominenter wie skeptischer Beobachter des Silicon Valley, macht das gro\u00dfe Sorgen. 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