{"id":1333,"date":"2020-07-22T12:00:43","date_gmt":"2020-07-22T09:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/pflegekrafte-und-corona-mediziner-hermann-reichenspurner-fordert-20-prozent-mehr-gehalt\/"},"modified":"2020-07-22T12:00:43","modified_gmt":"2020-07-22T09:00:43","slug":"pflegekrafte-und-corona-mediziner-hermann-reichenspurner-fordert-20-prozent-mehr-gehalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/pflegekrafte-und-corona-mediziner-hermann-reichenspurner-fordert-20-prozent-mehr-gehalt\/","title":{"rendered":"Pflegekr\u00e4fte und Corona: Mediziner Hermann Reichenspurner fordert 20 Prozent mehr Gehalt"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f14fecca-d84d-4194-8ced-aafb13b9814c_w948_r1.77_fpx66.52_fpy49.98.jpg\" title=\"Patient an Beatmungsger\u00e4t: &quot;Mensch Meier, das leisten unsere Pflegekr\u00e4fte jeden Tag.&quot;\" alt=\"Patient an Beatmungsger\u00e4t: &quot;Mensch Meier, das leisten unsere Pflegekr\u00e4fte jeden Tag.&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Patient an Beatmungsger\u00e4t: &quot;Mensch Meier, das leisten unsere Pflegekr\u00e4fte jeden Tag.&quot;<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Peter Kneffel\/ DPA  <\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie sind wir aus Sicht einer der gr\u00f6\u00dften Kliniken Europas bisher durch die Coronavirus-Krise gekommen?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Es wurden die guten wie die schlechten Seiten unserer Krankenh\u00e4user schonungslos offengelegt. Zun\u00e4chst das Positive: Vielen d\u00e4mmert jetzt, dass wir in Deutschland im Vergleich mit unseren Nachbarl\u00e4ndern ein sehr gutes Gesundheitssystem haben. Wir waren aufgrund der Qualit\u00e4t der Intensivmedizin wahrscheinlich so gut auf diese Krise vorbereitet wie kein anderes Land.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Und das Negative?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Was nicht gut lief und l\u00e4uft: Es geht nicht nur um die reine Kapazit\u00e4t, also etwa Intensivbetten, sondern auch darum, dass wir ausreichend Pflegekr\u00e4fte haben, um die Patienten in diesen Betten auch gut zu betreuen. Wir haben schon zu normalen Zeiten Engp\u00e4sse. Aber in einer solchen Krise hat das eine ganz andere Dimension.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was haben Sie erlebt?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Das Pflegepersonal musste w\u00e4hrend der Krise unglaublich schwer schuften. Man darf nicht vergessen, wie hart die Arbeit in diesen Zeiten ist. Die Covid-Patienten sind extrem aufwendig zu pflegen. Man tr\u00e4gt eine Schutzkleidung, eine FFP2-Maske, die ziemlich furchtbar zu tragen ist, davor noch ein Plexiglasvisier. Und mit dieser Montur muss k\u00f6rperliche Schwerstarbeit geleistet werden, es geht ja schlie\u00dflich um Intensivpatienten. Die m\u00fcssen gehoben, gewendet, gedreht oder sauber gemacht werden. Ich selbst habe mal erlebt, wie einem der Schwei\u00df in dieser Montur runterl\u00e4uft. Da denkt man sich dann: &quot;Mensch Meier, das leisten unsere Pflegekr\u00e4fte jeden Tag.&quot;<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Es hie\u00df \u00fcberall, wir h\u00e4tten zu wenige Beatmungsger\u00e4te. War das gar nicht das entscheidende Problem?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>V\u00f6llig richtig. Es ist ganz viel \u00fcber Intensivbetten und \u00fcber angeblich fehlende Beatmungsger\u00e4te geredet worden. Die wichtigere Frage nach ausreichend Pflegekapazit\u00e4ten wurde nur sehr selten gestellt, weil Politiker und die meisten &quot;Spezialisten&quot; nicht wissen, wie ein Krankenhaus funktioniert. Auf dem H\u00f6hepunkt der Pandemie haben wir alle Pflegekr\u00e4fte mobilisiert, die wir hergeben konnten &#8211; vom OP, vom Herzkatheterlabor und von \u00fcberall sonst. Mit unserem Intensivpflegepersonal allein h\u00e4tten wir schon die erste Welle nicht bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>In Fernsehserien wird gern das Bild verbreitet, dass sich das Pflegepersonal eher um die emotionalen Wehwehchen der Patienten k\u00fcmmert.<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Das ist eine absolute Farce. Es geht eigentlich nur darum, welche Schwester mit welchem Arzt flirtet, was f\u00fcr ein Niveau! Das spiegelt \u00fcberhaupt nicht die Realit\u00e4t wider, schon gar nicht die auf einer Intensivstation. Auch auf einer Normalstation herrscht viel Druck. Zwei, drei Pflegekr\u00e4fte sind im Schichtdienst, und die betreuen da in einer Nacht um die 20 Patienten. Es bleibt keine Zeit, \u00fcber \u00c4rzte zu l\u00e4stern. Es fehlt das Personal an allen Ecken.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Haben wir denn wirklich einen Pflegekr\u00e4ftemangel oder einfach zu viele Krankenhausbetten? <\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Es stimmt, dass wir in Deutschland mehr Krankenhausbetten haben im Vergleich mit europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass England immer damit geprotzt hat, dass sie \u00fcber das zentral gesteuerte System des Gesundheitssystems NHS mit viel weniger Betten auskommen w\u00fcrden. Da kann ich nur sagen: Das hat die Pandemie nicht best\u00e4tigt. Betten allein z\u00e4hlen nicht, es geht vor allem um das Personal. F\u00fcr mich sind deshalb zwei Punkte wichtiger: Wie kann man die Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Pflege verbessern, und wie kommt sie zu einer besseren Bezahlung?<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Bei Forderungen nach mehr Gehalt werden die Kostentr\u00e4ger sofort zur\u00fcckfragen: Wer soll das bezahlen?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Es muss nat\u00fcrlich refinanziert werden. Ich denke, es geht um eine Gehaltserh\u00f6hung von mindestens 20 Prozent, und die k\u00f6nnen die Krankenh\u00e4user unter keinen Umst\u00e4nden allein stemmen. Das geht nur \u00fcber die Krankenkassen, und die werden h\u00f6here Beitragss\u00e4tze von den Versicherten brauchen. Aber wir sprechen da \u00fcber zumutbare Erh\u00f6hungen f\u00fcr den Einzelnen. Kosten d\u00fcrfen kein Totschlagargument sein, denn sonst haben wir das Problem, dass wir in naher Zukunft einfach keine Pflege mehr haben in dem Ma\u00dfe, wie wir sie brauchen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Warum nicht bei den \u00c4rzten sparen und es den Pflegekr\u00e4ften geben?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Ganz offen und ehrlich gesprochen: Das \u00e4rztliche Gehalt ist in Deutschland fast \u00fcberall tariflich und in meinen Augen gut geregelt. Ein Assistenzarzt verdient nicht die Welt, aber ausreichend. Bei den Chef\u00e4rzten sind die Geh\u00e4lter limitiert worden, niemand verdient da mehr grenzenlos. Ein Arzt kann sich auch in Hamburg oder M\u00fcnchen die Miete leisten. In der Pflege ist das ganz anders. Jemand, der heute als Pflegekraft in Hamburg anf\u00e4ngt, hat vielleicht 2800 Euro brutto. Das Gehalt steigt erst, wenn man Schichtzulagen bekommt, im OP oder auf der Intensivstation arbeitet. So weit muss man aber erst mal kommen. Der Grundtarif in der Pflege ist dringend verbesserungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Oft hei\u00dft es ja, die Wertsch\u00e4tzung sei entscheidend. In der Coronakrise ist f\u00fcr Pflegepersonal geklatscht worden, es gab eine Einmalzahlung f\u00fcr Corona-Helden, und in vielen Talkshows war das Thema Pflegekr\u00e4ftemangel pr\u00e4sent. Was muss neben der besseren Bezahlung noch passieren?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Wertsch\u00e4tzung ist manchmal sehr einfach und passiert trotzdem zu wenig. Bei uns im Herzzentrum sind es Kleinigkeiten, wir reden vom Gr\u00fc\u00dfen und vom Bedanken. Pflegekr\u00e4fte sind mit uns \u00c4rzten absolut auf Augenh\u00f6he. Das ist ein Beruf, ohne den wir v\u00f6llig machtlos w\u00e4ren. Sie k\u00f6nnen weder als Arzt auf Station noch im OP noch auf einer Intensivstation irgendwas ausrichten ohne die Pflege. Ich predige das vom Chefarzt bis zum Assistenzarzt jeden Tag.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Das sieht nicht jeder Arzt im Alltag so wie Sie.<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Mancher Arzt macht den Fehler zu glauben, dass er automatisch ein besseres Wissen zur Behandlung des Patienten habe, nur weil er Medizin studiert hat. Dabei steckt jeder Intensivpfleger mit 15 Jahren Berufserfahrung einen jungen Assistenzarzt in die Tasche. Ich finde, ein Medizinstudent sollte ein halbes Jahr Pfleget\u00e4tigkeiten nachweisen m\u00fcssen, bevor er in den Arztberuf gehen darf. Das haben \u00fcbrigens viele \u00c4rzte in meiner Generation so gemacht, auch um sich ihr Studium zu finanzieren.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>In den vergangenen 25 Jahren wurden in Deutschland rund 625.000 Pflegekr\u00e4fte ausgebildet, davon haben aber sch\u00e4tzungsweise 335.000 den Beruf verlassen. Liegt das nur an den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung oder hat das auch andere Gr\u00fcnde?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Oft sind es Kinder und der Wunsch, sich um sie zu k\u00fcmmern. Aber es gibt auch viele, die den Pflegeberuf verlassen, weil sie mit den Arbeitsbedingungen nicht einverstanden sind und weil es ihnen einfach zu viel wird. Pflege ist ein so anstrengender Beruf, dass manche Alternativen suchen und dann zum Beispiel bei einer Krankenversicherung oder in der Pharmaindustrie arbeiten, wo sie auch besser bezahlt werden. Spricht man dann nach einiger Zeit mit den Aussteigern, h\u00f6re ich oft, dass sie die Patienten vermissen. Sie sagen dann, dass sie gern geblieben w\u00e4ren, wenn sie besser bezahlt worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>In Krankenh\u00e4usern geht es dem Pflegepersonal ja noch vergleichsweise gut. In Heimen oder in der ambulanten Pflege ist die Bezahlung ja oft \u00fcbler. Was kann man dagegen tun?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Das muss genauso angegangen werden. Aber ich kenne die genaue Situation in diesen Bereichen zu wenig.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>W\u00fcrden Sie heute jungen Menschen noch empfehlen, in die Krankenpflege zu gehen?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Absolut. Der Beruf ist nicht das Problem, es sind wie gesagt die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung. \u00c4rzte und andere Berufsgruppen haben starke Gewerkschaften, die sich um ihre Belange k\u00fcmmern. In der Pflege vermisst man das einfach. Pflegedirektionen sind oft in einer Doppelrolle. Ihr Herz schl\u00e4gt f\u00fcr die Pflege, aber sie m\u00fcssen auch das Wohl des Hauses im Blick haben, weil sie im Vorstand in Verantwortung stehen. Hier sehe ich uns \u00c4rzte in der Pflicht. Wir haben einen objektiveren Blick auf die Probleme und m\u00fcssen uns hinter die Pflege stellen und f\u00fcr unsere Kollegen eintreten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Kann sich das Verh\u00e4ltnis nicht schon bald umkehren durch Digitalisierung? \u00c4rztliche Aufgaben k\u00f6nnten schneller durch kluge Software ersetzt werden als pflegerische Kompetenzen.<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Ja, das kann sein, aber die pflegerische Komponente, also auch die menschliche Seite, wird man nicht so einfach durch einen Computer ersetzen k\u00f6nnen. Die wird immer bestehen bleiben. Ich sehe es eher so: Der Pflege kommt auch im Zeitalter der Digitalisierung sogar eine besondere Bedeutung zu.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sind Patienten in Deutschland zu arztgl\u00e4ubig und wollen ihr Leid lieber \u00c4rzten klagen als Pflegekr\u00e4ften?<\/p>\n<p><strong>Reichenspurner: <\/strong>Das ist schon richtig. Aber auch da gibt es einen Wandel. Patienten fragen Pflegekr\u00e4fte mehr und mehr auch Medizinisches. Die Pflegekr\u00e4fte sehen sie st\u00e4ndig, den Arzt nur zwei, drei Mal am Tag. Letztlich steht und f\u00e4llt das aber alles damit, dass \u00c4rzte und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Krankenh\u00e4usern das Pflegepersonal anst\u00e4ndig behandeln und respektieren. Dann werden sie automatisch auch von den Patienten als kompetente Ansprechpartner ernst genommen.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Patient an Beatmungsger\u00e4t: &quot;Mensch Meier, das leisten unsere Pflegekr\u00e4fte jeden Tag.&quot; Foto:\u2002Peter Kneffel\/ DPA SPIEGEL: Wie sind wir aus Sicht einer der gr\u00f6\u00dften Kliniken Europas bisher durch die<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1334,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1333","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1333","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1333"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1333\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1334"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}