{"id":1321,"date":"2020-07-21T23:17:05","date_gmt":"2020-07-21T20:17:05","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/terroranschlag-in-halle-prozessauftakt-in-magdeburg\/"},"modified":"2020-07-21T23:17:05","modified_gmt":"2020-07-21T20:17:05","slug":"terroranschlag-in-halle-prozessauftakt-in-magdeburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/terroranschlag-in-halle-prozessauftakt-in-magdeburg\/","title":{"rendered":"Terroranschlag in Halle: Prozessauftakt in Magdeburg"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/28a6a463-abac-4a72-8223-575ed7f4f254_w948_r1.77_fpx38.67_fpy50.jpg\" title=\"Der Angeklagte Stephan Balliet wird in Magdeburg in den Gerichtssaal gef\u00fchrt\" alt=\"Der Angeklagte Stephan Balliet wird in Magdeburg in den Gerichtssaal gef\u00fchrt\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Der Angeklagte Stephan Balliet wird in Magdeburg in den Gerichtssaal gef\u00fchrt<\/p>\n<p>  Foto:\u2002ArcheoPix\/ imago images\/Christian Grube  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Es ist der erste Verhandlungstag im gr\u00f6\u00dften Saal des Magdeburger Landgerichts, als Stephan Balliet, ehemaliger Chemiestudent aus Benndorf nahe Halle, zum ersten Mal im echten Leben wissentlich denjenigen Menschen begegnet, die er nach eigenem Bekunden f\u00fcr die Wurzel allen \u00dcbels, vor allem seines eigenen \u00dcbels, h\u00e4lt: Juden. <\/p>\n<p>\u00dcberlebende seines Anschlags auf die Synagoge von Halle sitzen ihm im Verfahren vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Naumburg gegen\u00fcber, viele junge Menschen sind darunter. Einige lesen in der Heiligen Schrift, bis der selbsternannte Verteidiger des wei\u00dfen Europas den Saal betritt. 52 Menschen waren in der Synagoge, als Balliet mit seinen acht selbstgebastelten Schusswaffen und diversen Sprengs\u00e4tzen an der stabilen Holzt\u00fcr des Gotteshauses scheiterte. 23 Nebenklage-Anw\u00e4lte sind im Saal, darunter die Vertreter der Angeh\u00f6rigen der beiden Toten Jana L. und Kevin S. und auch die beiden Br\u00fcder, in deren &quot;Kiez-D\u00f6ner&quot; Stephan B. &quot;Musels&quot; t\u00f6ten wollte, nachdem ihm der Massenmord in der j\u00fcdischen Gemeinde nicht gelungen war.<\/p>\n<p>Balliet sitzt sehr aufrecht zwischen seinen beiden Verteidigern, den Kopf kahlrasiert, so wie bei seinem Feldzug, den er mit einer Helmkamera filmte und live ins Netz stellte, nach eigenem Bekunden, um Nachahmer zu gewinnen. Dazu ein Pamphlet mit der Aufforderung: &quot;Kill all Jews&quot;. Unverwandt schaut er in die Kameras der Reporter. F\u00fcr die Menschen, die er so sehr hasst, hat er kaum einen Blick.<\/p>\n<p>Die Tat hatte international Aufsehen erregt: ein Deutscher, der in Kampfmontur eine Synagoge \u00fcberf\u00e4llt, um m\u00f6glichst viele Juden zu t\u00f6ten &#8211; die New York Times hat einen Prozessbeobachter entsandt, Tageszeitungen wie Israel Hayom, das Algemeen Dagblad, die J\u00fcdische Allgemeine, die Neue Z\u00fcrcher Zeitung, das Schweizerische Radio. Das Justizministerium hat 300.000 Euro f\u00fcr dieses Verfahren bereitgestellt, 43 Nebenkl\u00e4ger werden vertreten von 21 Anw\u00e4lten, alles wird f\u00fcr Nebenkl\u00e4ger simultan gedolmetscht, auf Russisch, Polnisch, T\u00fcrkisch und Englisch \u2013 auch eine Rabbinerin und ein Rabbiner aus den USA waren unter den Synagogenbesuchern.<\/p>\n<p>Bundesanwalt Kai Lohse braucht 45 Minuten, um die Anklage vorzulesen: Zweifacher Mord und versuchter Mord in neun F\u00e4llen, mit insgesamt 68 Betroffenen. Hinzu kommen: Friedensgef\u00e4hrdende Hetze, Holocaustleugnung, gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung, Volksverhetzung, r\u00e4uberische Erpressung, Gef\u00e4hrdung im Stra\u00dfenverkehr. Nach einem Feuergefecht mit der Polizei streifte Balliet in einem geraubten Taxi einen Passanten, stie\u00df mit einem anderen Taxi zusammen und knallte schlie\u00dflich frontal in einen Lastwagen. Ende der Verfolgungsjagd, gut anderthalb Stunden, nachdem er zum ersten Mal an der Synagogent\u00fcr ger\u00fcttelt hatte.<\/p>\n<p>Balliet will vor Gericht reden, daran l\u00e4sst er keinen Zweifel. Die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens stellt die erste Frage: &quot;Erz\u00e4hlen Sie uns etwas \u00fcber Ihr Leben, damit wir Sie kennenlernen. Wie war Ihre Kindheit?&quot; \u2013 &quot;Das ist unwichtig&quot;, herrscht Balliet sie an. &quot;Ob das unwichtig ist oder nicht, liegt in meinem Ermessen&quot;, sagt Mertens und f\u00e4hrt unbeirrt fort. Widerstrebend gibt der Angeklagte Informationen preis: ein einzelg\u00e4ngerisches Leben mit den Eltern und der Schwester auf dem Dorf, ein unbeliebter, mittelm\u00e4\u00dfiger Sch\u00fcler ohne Freunde, in der Bundeswehr \u00fcberfordert, da unsportlich. Ein abgebrochenes Studium, schuld daran ist dem Angeklagten zufolge eine schwerwiegende  Darmkrankheit. Sein einziges Interesse: das Internet \u2013 und in den letzten Jahren das Waffenbauen.<\/p>\n<p>&quot;Irgendwann ging es Ihnen wieder besser&quot;, sagt Mertens. &quot;Wieso haben Sie sich keine neuen Ziele gesucht?&quot; \u2013 &quot;Ich wollte nichts mehr f\u00fcr diese Gesellschaft tun, die mich durch Neger und Muslime ersetzt.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Herr Balliet, ich m\u00f6chte keine Beschimpfungen im Saal&quot;, hakt die Vorsitzende sofort ein. &quot;Ich dulde nicht, dass Sie hier Menschen beleidigen.&quot; Fortan sagt der Angeklagte nicht mehr &quot;Neger&quot;, sondern &quot;Schwarze&quot;, wenn er \u00fcber seine Theorien zum Bev\u00f6lkerungsaustausch redet.<\/p>\n<p>&quot;Die Juden waren die Organisatoren&quot;, tr\u00e4gt Balliet im Stakkato vor. &quot;Millionen von Arabern&quot; seien im Jahr 2015 ins Land gestr\u00f6mt, &quot;Die f\u00fchren sich hier auf wie die Eroberer.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Auf welche Weise konkret haben denn Fl\u00fcchtlinge in Benndorf Ihr Leben beeintr\u00e4chtigt?&quot;, will die Richterin wissen. Der Angeklagte bleibt im Ungef\u00e4hren: &quot;Ich bin eine Person, die am unteren Rand der Gesellschaft steht. Wenn da Millionen nachkommen, dann r\u00fccken Leute wie ich aus der Gesellschaft raus.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Sie waren doch schon vorher aus der Gesellschaft raus&quot;, h\u00e4lt Mertens ihm vor. &quot;Sie hockten im Kinderzimmer, guckten in den Computer, und die Mama hat f\u00fcr das Essen gesorgt.&quot;<\/p>\n<p>Darauf f\u00e4llt dem Angeklagten erstmal nichts ein.<\/p>\n<p>&quot;Sie haben damals ein Gewehr gekauft. Wozu?&quot;, fragt Mertens.  &quot;Als Selbstverteidigungswaffe&quot; \u2013 &quot;Gegen&#8230;?&quot; \u2013 &quot;Muslime und Schwarze&quot;.<\/p>\n<p>Die Sache ist allerdings: Die beiden Menschen, die Stephan Balliet vor seiner laufenden Helmkamera ermordet hat, sind weder Muslime noch dunkelh\u00e4utig. Jana L., 40 Jahre alt, passierte die Synagoge, als Balliet vergeblich Sprengs\u00e4tze geworfen hatte und w\u00fctend gegen die T\u00fcre trat. Sie sagte: &quot;Muss das sein, wenn ich hier vorbeigehe&quot;, und kehrte ihm schon den R\u00fccken zu. Da schoss er, vier Schuss. Jana L. fiel auf den Bauch und blieb reglos liegen. &quot;Ich kann ja nichts daf\u00fcr, dass sie mich beleidigt&quot;, rechtfertigt sich Balliet vor Gericht. &quot;Und dann haben Sie noch mal geschossen&quot;, sagt Mertens. Eine Salve, elf Schuss. &quot;Zur Sicherheit&quot;, sagt Balliet. &quot;Sie h\u00e4tte ja aufstehen und mich entwaffnen k\u00f6nnen.&quot; Und dann?  Habe er sie noch als &quot;Schwein&quot; beleidigt, als er abdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>&quot;Haben Sie kein Mitleid?&quot; \u2013 &quot;Es tut mir leid, dass ich sie erschossen habe, ich bereue das auf jeden Fall, ich wollte ja keine Wei\u00dfen t\u00f6ten&quot;, sagt Balliet. &quot;Das war wirklich nicht geplant.&quot; Ebensowenig wie der Tod von Kevin S., 20 Jahre alt, geboren in Merseburg. Ihn erschoss er im &quot;Kiez D\u00f6ner&quot;, der zweiten Etappe seines Feldzugs. Kevin S. kauerte im Imbiss in Todesangst hinter einem K\u00fchlschrank, als Balliet zum ersten Mal abdr\u00fcckte: &quot;Der hatte schwarze Haare, ich bin der Meinung gewesen, das ist ein Muslim.&quot; Er war schon wieder drau\u00dfen, da kehrte er noch mal um, um zu pr\u00fcfen, ob sein Opfer wirklich tot war: &quot;Da hat der noch T\u00f6ne von sich gegeben. Das h\u00e4tte nicht passieren d\u00fcrfen&quot;. Dann kam der t\u00f6dliche Schuss.<\/p>\n<h3>Die Vorsitzende Richterin h\u00e4lt ihm vor, wen er noch alles verletzte<\/h3>\n<p>Beim Ermittlungsrichter habe er zum ersten Mal die Namen des Toten geh\u00f6rt: &quot;Was ging da in Ihnen vor?&quot;, fragt Mertens. &quot;Man h\u00f6rt ja im Video, wie Herr S. um sein Leben bettelt.&quot; \u2013 &quot;Deswegen schreckt man nicht zur\u00fcck&quot;, redet Balliet sich in Fahrt, &quot;das ist der Weg wie man verliert!&quot; Der Bev\u00f6lkerungsaustausch, \u00fcberall Muslime, selbst in der Justizvollzugsanstalt, er echauffiert sich: &quot;Wo soll ich denn noch hingehen?&quot; <\/p>\n<p>Die Vorsitzende Richterin h\u00e4lt ihm vor, wen er noch alles verletzte: Eine Renterin traf ein Nagel aus einem Sprengk\u00f6rper am Fu\u00df, einen Mann in einem Vorgarten, der ihm sein Auto nicht f\u00fcr die Flucht herausr\u00fccken wollte, schoss er in den Hals, dessen Lebensgef\u00e4hrtin ins Ges\u00e4\u00df. Alles Wei\u00dfe. &quot;Das tut mir auch wirklich sehr leid&quot;, sagt Balliet.<\/p>\n<p>&quot;F\u00fchlen Sie sich als Versager?&quot; fragt Mertens. &quot;F\u00fchlen?&quot;, Balliet lacht auf. &quot;Das ist offensichtlich so.&quot; Pause. &quot;Ich habe alles gefilmt, und dann versage ich grandios.&quot; Nachdem er an der Synagogent\u00fcr gescheitert war, sei sein Plan gewesen: &quot;M\u00f6glichst viele Muslime und Schwarze t\u00f6ten, bis die Polizei kommt, und dann werde ich erschossen.&quot; \u2013 &quot;Sie haben damit gerechnet, erschossen zu werden?&quot;, vergewissert sich Mertens noch einmal. &quot;Das war eingeplant&quot;, antwortet Balliet: &quot;Entweder gewinnen oder sterben.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Der Angeklagte Stephan Balliet wird in Magdeburg in den Gerichtssaal gef\u00fchrt Foto:\u2002ArcheoPix\/ imago images\/Christian Grube Es ist der erste Verhandlungstag im gr\u00f6\u00dften Saal des Magdeburger Landgerichts, als Stephan<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1322,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1321","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1321","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1321"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1321\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1321"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1321"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1321"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}