{"id":1127,"date":"2020-07-15T01:10:24","date_gmt":"2020-07-14T22:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/umweltverschmutzung-in-der-russischen-arktis-verklappen-gehort-zum-handwerk\/"},"modified":"2020-07-15T01:10:24","modified_gmt":"2020-07-14T22:10:24","slug":"umweltverschmutzung-in-der-russischen-arktis-verklappen-gehort-zum-handwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/umweltverschmutzung-in-der-russischen-arktis-verklappen-gehort-zum-handwerk\/","title":{"rendered":"Umweltverschmutzung in der russischen Arktis: Verklappen geh\u00f6rt zum Handwerk"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/07347b59-8b89-47bd-8be2-36c0d8c4188d_w948_r1.77_fpx53.35_fpy50.jpg\" title=\"\u00d6lbarriere auf dem Fluss Ambarnaja (am 10. Juni): &quot;Die alternde Infrastruktur ist das Schl\u00fcsselproblem&quot;\" alt=\"\u00d6lbarriere auf dem Fluss Ambarnaja (am 10. Juni): &quot;Die alternde Infrastruktur ist das Schl\u00fcsselproblem&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">\u00d6lbarriere auf dem Fluss Ambarnaja (am 10. Juni): &quot;Die alternde Infrastruktur ist das Schl\u00fcsselproblem&quot;<\/p>\n<p>  Foto: Irina Yarinskaya\/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Mann steht an einem Fluss. Er steckt einen Stab in den rotbraunen Schlamm am Ufer und zieht ihn wieder heraus, dann z\u00fcndet der Mann das Holz an. Es brennt wie eine Fackel. So beschreiben CNN-Journalisten eine Szene eines n\u00e4chtlichen Treffens mit Wassilij Rjabinin, irgendwo in der Weite der russischen Tundra.<\/p>\n<p>Noch vor Kurzem hat Rjabinin als Mitarbeiter der russischen Umweltbeh\u00f6rde Rosprirodnadzor in der arktischen Industriestadt Norilsk gearbeitet. Doch inzwischen hat er gek\u00fcndigt. Ende Mai war dort ein maroder Tank des W\u00e4rme- und Elektrizit\u00e4tswerks Nummer 3 kollabiert. Daraufhin flossen mehr als 20.000 Tonnen Diesel in die Umwelt. Vor allem der Fluss Ambarnaja und angrenzende Gew\u00e4sser waren stark betroffen.<\/p>\n<p>Rjabinin wollte das Ausma\u00df der Verschmutzungen dokumentieren, wurde aber mehrfach daran gehindert. Also gab er seinen Job auf. Den offiziellen Beteuerungen, der Dieselaustritt sei schnell unter Kontrolle gebracht worden, glaubt er nicht: &quot;Es war eine so offensichtliche, kindische L\u00fcge, dass ich sie nicht in den Kopf bekam&quot;, sagt er CNN. Und gegen\u00fcber der Nachrichtenagentur Reuters beklagte er: &quot;Es ist offensichtlich, dass eine Vertuschung im Gange ist&quot;.<\/p>\n<p>In Norilsk hat das Unternehmen Nornickel das Sagen. Der Rohstoffkonzern des Milliard\u00e4rs und fr\u00fcheren Vize-Ministerpr\u00e4sidenten Wladimir Potanin kontrolliert den Zugang zu Stadt und Umgebung. Eine Tochterfirma war Besitzerin des maroden Dieseltanks aus Sowjetzeiten. Das Interesse des Unternehmens an unabh\u00e4ngiger Berichterstattung scheint gering. Und auch mit eigenen Informationen war man zun\u00e4chst sehr sparsam. Eine \u00f6ffentliche Information zu dem Ungl\u00fcck vom 29. Mai gab es erst Tage sp\u00e4ter.<\/p>\n<h3>Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Dollar<\/h3>\n<p>Nornickel produziert ein Viertel des weltweiten Nickels, beim Platinmetall Palladium liegt der globale Marktanteil des Unternemhens sogar bei 41 Prozent, bei Platin sind es immerhin 11. Die Firma erwirtschaftet bei einem Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Dollar einen ziemlich beachtlichen Gewinn von 7,9 Milliarden Dollar vor Steuern. Wegen des Dieselaustritts soll Nornickel nach dem Willen der russischen Beh\u00f6rden nun zwei Milliarden Dollar Strafe zahlen. Das Unternehmen zweifelt die Rechnung allerdings an, die der Bu\u00dfe zugrunde liegt. Dazu kommt: Keine Strafzahlung der Welt entfernt den Dreck aus den arktischen \u00d6kosystemen.<\/p>\n<p>Immer wieder kommt es in der Region um Norilsk zu massiven Umweltverschmutzungen. Erst am Wochenende gelangten wieder gut 44 Tonnen Kerosin aus einer Pipeline in die Natur. Auch hier war eine Nornickel-Tochter verantwortlich. Verglichen mit der Dieselpest vom Mai trat nur eine vergleichsweise kleine Menge giftiger Stoffe aus. Die Spezialteams zur \u00d6lbek\u00e4mpfung waren wegen des fr\u00fcheren Zwischenfalls sowieso in der Region und konnten schnell reagieren.<\/p>\n<h3>&quot;Die \u00d6kosysteme sind \u00fcber viele Jahre zerst\u00f6rt worden&quot;<\/h3>\n<p>Es ist ein schwacher Trost. &quot;Die \u00d6kosysteme hier sind \u00fcber viele Jahre zerst\u00f6rt worden&quot;, sagt Aleksej Knischnikow von der Umweltorganisation WWF im Gespr\u00e4ch mit dem SPIEGEL. Seine Organisation hatte mithilfe von Satellitenbildern aufgedeckt, dass Nornickel offenbar jahrelang vermutlich mit Schwermetallen belastetes Wasser in die Tundra und die Gew\u00e4sser der Umgebung gepumpt hat.<\/p>\n<p>Zuletzt hatten Greenpeace-Mitarbeiter und Journalisten der Zeitung &quot;Nowaja Gaseta&quot; Ende Juni Beweise daf\u00fcr gefunden, dass giftige Abf\u00e4lle in der russischen Tundra geleitet werden. Als Sicherheitsmitarbeiter von Nornickel die entsprechenden Rohre eilig entfernen wollten, fuhren sie mit einer Planierraupe sogar ein Auto zu Schrott, das ein Team von Ermittlern an den Ort des Geschehens bringen sollte.<\/p>\n<p>Nornickel vermeldet in Bezug auf das aktuelle Gro\u00dfungl\u00fcck, mit Stand 10. Juli habe man an schwimmenden Sperren auf den Fl\u00fcssen mehr als 33.500 Kubikmeter Diesel-Wasser-Gemisch eingesammelt. Auch 188.500 Tonnen verseuchten Boden habe man abgetragen, dazu 144 Uferkilometer und 0,28 Quadratkilometer Wasserfl\u00e4che mit \u00f6laufl\u00f6senden Chemikalien behandelt. Man baue gerade eine Leitung, um in provisorischen Tanks gesammeltes \u00d6l-Wasser-Gemisch in die N\u00e4he von Norilsk zur\u00fcckzupumpen. Dort soll die Fl\u00fcssigkeit bis Ende des Jahres aufbereitet werden.<\/p>\n<h3>Verh\u00e4ngnisvolle Verz\u00f6gerung<\/h3>\n<p>&quot;Ich gehe davon aus, dass 90 Prozent des ausgetretenen \u00d6ls nicht von den Sperren aufgehalten wurden, weil sie erst mit drei Tagen Versp\u00e4tung installiert wurden&quot;, sagt dagegen Wladimir Tschuprow von Greenpeace Russland im Gespr\u00e4ch mit dem SPIEGEL. Nornickel sei es nur noch gelungen, die letzten Reste der Verschmutzung einzufangen. Der Umweltsch\u00fctzer argumentiert mit der Geschwindigkeit, mit der der Tank Diesel verloren habe, mit Flie\u00dfgeschwindigkeit und L\u00e4nge der Fl\u00fcsse, die f\u00fcr einen Weitertransport gesorgt h\u00e4tten, bevor die Barrieren nach mehreren Tagen ausgelegt waren.<\/p>\n<p>Dass man die Verschmutzungen auf aktuellen Satellitenbildern nicht erkenne, so argumentiert Tschuprow, liege daran, dass die \u00d6lverbindungen im Wasser des 700 Quadratkilometer gro\u00dfen Pjassinosees so stark durchmischt und verd\u00fcnnt worden seien. Zu Beginn der Katastrophe waren die Verschmutzungen auf dem Fluss Ambarnaja noch klar aus dem All zu sehen.<\/p>\n<p>Auch Beobachtungen des fr\u00fcheren Umweltaufsehers Rjabinin deuten darauf hin, dass die Chemikalien aus dem kollabierten Dieseltank wohl tats\u00e4chlich den Pjassinosee erreicht haben. Der See galt zuvor bereits als stark belastet. Von dort aus flie\u00dft au\u00dferdem der Fluss Pjassina ins Nordpolarmeer. In einem YouTube-Video zeigt der Moskauer Hydrogeologe Georgy Kavanosyan, dass auch dieses Gew\u00e4sser nach dem Dieselunfall mehr als doppelt so stark belastet mit gef\u00e4hrlichen Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) ist, wie es die Grenzwerte f\u00fcr diese Erd\u00f6lbestandteile zulassen w\u00fcrden. Die Messungen lassen sich allerdings nicht unabh\u00e4ngig verifizieren. Nornickel erkl\u00e4rt, die Belastung sei nur extrem gering.<\/p>\n<p>Greenpeace-Mitarbeiter und Journalisten der &quot;Nowaja Gaseta&quot; haben am Pjassina-Fluss ebenfalls Wasserproben genommen, um diese unabh\u00e4ngig untersuchen zu lassen. Am Flughafen Norilsk h\u00e4tten Sicherheitsmitarbeiter die Beh\u00e4ltnisse jedoch zeitweise eingezogen, beklagen sie, und darauf bestanden, dass diese in einer gesonderten Kiste separat transportiert werden. Bei so einer Art der Bef\u00f6rderung sei in Norilsk aber bereits 2016 einmal Greenpeace-Material zerst\u00f6rt worden, so die Umweltsch\u00fctzer. Experten des Russischen Fischerforschungsinstituts aus dem westsibirischen Tjumen sammeln derzeit bei einer Expedition auf dem Pjassina-Fluss bis hin zum Arktischen Ozean Proben. Umweltsch\u00fctzer hoffen, dass erste Ergebnisse bis zu Monatsende vorliegen.<\/p>\n<h3>&quot;Hohe Dividenden auf Kosten der russischen Natur&quot;<\/h3>\n<p>Sie bef\u00fcrchten allerdings, dass die Dieselkatastrophe von Norilsk l\u00e4ngst nicht die letzte ihrer Art war. Schuld daran sind nicht nur die im Zuge der Erderhitzung verst\u00e4rkt tauenden Permafrostb\u00f6den der Region. Teile Sibiriens vermeldeten in diesem Sommer teils absurde Werte von bis zu 38 Grad. &quot;Die alternde Infrastruktur ist das Schl\u00fcsselproblem&quot;, sagt Greenpeace-Mann Tschuprow.<\/p>\n<p>Laut einer Sch\u00e4tzung der russischen Regierung h\u00e4tten 70 Prozent der technischen Installationen in der russischen Arktis ihr Alterslimit \u00fcberschritten. Durch Unf\u00e4lle drohten Kosten von bis zu 10 Milliarden Dollar. Pro Jahr. So steht es in einem Dekret des Pr\u00e4sidenten. &quot;Bisher gab es f\u00fcr die gro\u00dfen Rohstofffirmen keinen Anreiz, in neue Infrastruktur zu investieren, sagt Tschuprow. &quot; Stattdessen h\u00e4tten sie sich wie Nornickel nur um ihre Profite gek\u00fcmmert. &quot;Aktienbesitzer bekommen hohe Dividenden auf Kosten der russischen Natur.&quot; Russland m\u00fcsse daher seinen eigenen &quot;Green Deal&quot; entwickeln.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern \u00d6lbarriere auf dem Fluss Ambarnaja (am 10. Juni): &quot;Die alternde Infrastruktur ist das Schl\u00fcsselproblem&quot; Foto: Irina Yarinskaya\/ AFP Ein Mann steht an einem Fluss. 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