{"id":1100,"date":"2020-07-13T19:46:42","date_gmt":"2020-07-13T16:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/carsten-brosda-hamburgs-kultursenator-uber-die-folgen-der-corona-krise\/"},"modified":"2020-07-13T19:46:42","modified_gmt":"2020-07-13T16:46:42","slug":"carsten-brosda-hamburgs-kultursenator-uber-die-folgen-der-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/carsten-brosda-hamburgs-kultursenator-uber-die-folgen-der-corona-krise\/","title":{"rendered":"Carsten Brosda: Hamburgs Kultursenator \u00fcber die Folgen der Corona-Krise"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/5c1d627d-6abd-4f5f-9e50-b5a155f85e01_w948_r1.77_fpx50_fpy49.jpg\" title=\"U-Bahn-Passagiere in Berlin: &quot;Werden auch nach der Epidemie \u00fcberall merken, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht stimmt&quot;\" alt=\"U-Bahn-Passagiere in Berlin: &quot;Werden auch nach der Epidemie \u00fcberall merken, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht stimmt&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">U-Bahn-Passagiere in Berlin: &quot;Werden auch nach der Epidemie \u00fcberall merken, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht stimmt&quot;<\/p>\n<p>  Foto: <\/p>\n<p>Florian Gaertner\/ photothek\/ imago images<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Was bedeutet die Coronakrise f\u00fcr die Gesellschaft? W\u00e4hrend die Einschr\u00e4nkungen wegen der Pandemie langsam beendet werden, hat diese Debatte erst begonnen. Es geht um gro\u00dfe Fragen: Wer soll die Lasten der Krisenbew\u00e4ltigung tragen? Wer braucht besonders viel Hilfe? Und wie stark ist dabei der Staat gefordert?<\/em><\/p>\n<p><em>Als Hamburger Kultursenator ist Carsten Brosda f\u00fcr eine Branche zust\u00e4ndig, die hart von der Krise getroffen wurde. Rund 40 Prozent der deutschen Kulturschaffenden sind selbstst\u00e4ndig, in der Gesamtbev\u00f6lkerung sind es dagegen nur zehn Prozent. Mit dem weitgehenden Stillstand des \u00f6ffentlichen Lebens brach f\u00fcr viele die Existenzgrundlage weg &#8211; ohne dass dies wie bei Angestellten durch Kurzarbeitergeld abgefedert wurde. Politiker <\/em><em>wie Gr\u00fcnen-Fraktionschefin Katrin G\u00f6ring-Eckardt<\/em><em> fordern deshalb zus\u00e4tzliche Hilfen.<\/em><\/p>\n<p><em>Gesellschaftliche Umbr\u00fcche besch\u00e4ftigen Brosda auch als Autor. In &quot;Die Zerst\u00f6rung&quot; analysierte der SPD-Politiker im vergangenen Jahr die Krise der Volksparteien, Anfang 2020 folgte ein Buch zur Bedeutung von Kultur f\u00fcr die Demokratie. Jetzt sitzt Brosda an einem neuen Werk. Das Thema: M\u00f6gliche Lehren aus der Pandemie.<\/em><\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sie haben die Coronakrise als Kultursenator erlebt. Wie hat sich Ihre Arbeit ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Dramatisch, die Kultur war ja sehr fr\u00fch betroffen &#8211; auch \u00f6konomisch. Wenn Sie einem Theater sagen, es darf nicht mehr aufmachen, dann sind die Erl\u00f6se ab dem n\u00e4chsten Tag bei null.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wo sehen Sie die gr\u00f6\u00dfte Gefahr von dauerhaften Sch\u00e4den?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Am meisten Sorgen mache ich mir nach wie vor um K\u00fcnstler, die sich \u00fcberwiegend oder vollst\u00e4ndig privatwirtschaftlich finanziert haben. Je gr\u00f6\u00dfer vorher die F\u00e4higkeit war, sich eigenst\u00e4ndig am Markt zu behaupten, desto h\u00e4rter ist man jetzt getroffen. Denn Subventionen flie\u00dfen weiter, aber die eigenen Einnahmen brechen weg.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Solche Einbr\u00fcche haben in der Krise viele Soloselbstst\u00e4ndige und Kleinunternehmer erlebt. Und viele haben sich alleingelassen gef\u00fchlt, weil sie staatliche Soforthilfen nicht f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Lebensunterhalt verwenden durften. Hat der Staat da Fehler gemacht?<\/p>\n<p><strong>Brosda:<\/strong> Etliche L\u00e4nder haben Soforthilfe-Programme aufgelegt, die auch f\u00fcr den Lebensunterhalt genutzt werden k\u00f6nnen \u2013 bei uns in Hamburg waren das zun\u00e4chst 2500 Euro und jetzt nochmal 2000 Euro f\u00fcr K\u00fcnstler und Kreative. Au\u00dferdem hat der Bund den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Der ein oder andere, der die Soforthilfen in Anspruch genommen hat, w\u00e4re m\u00f6glicherweise mit der Grundsicherung besser dran gewesen \u2013 auch wegen der \u00dcbernahme der Mietkosten und der M\u00f6glichkeit, in die gesetzliche Krankenversicherung zu kommen. Aber es gibt Vorbehalte gegen die Grundsicherung, das habe ich in vielen Debatten erlebt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>K\u00f6nnen Sie das verstehen?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Die Grundsicherung leistet aktuell wichtige Hilfe. Aber viele K\u00fcnstler sagen zurecht: Ich bin ja gar nicht erwerbslos, ich habe nur kein Einkommen. Darauf ist das Grundsicherungssystem strukturell noch nicht ausreichend ausgerichtet. Hier sollte es flexibler werden \u2013 im Sinne eines B\u00fcrgergeldes, das sich individuellen Situationen besser anpasst.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>W\u00fcrde ein Grundeinkommen besser zu prek\u00e4ren Arbeitsstrukturen wie in der Kultur passen?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Diese Debatte gibt es gerade wieder verst\u00e4rkt und es ist auch gut, dass wir sie f\u00fchren. Ich glaube aber nicht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die richtigen Antworten gibt. Das kann auch eine unsoziale und nur scheinplausible Stillhaltepr\u00e4mie sein. Und wenn man es nur K\u00fcnstlern zahlen w\u00fcrde, m\u00fcsste der Staat auf einmal entscheiden, wer das bekommen d\u00fcrfte. Das f\u00e4nde ich hoch problematisch. Aber dessen ungeachtet haben wir in den letzten Wochen viele Gr\u00fcnde gesehen, das bestehende System zu ver\u00e4ndern &#8211; das muss eine Lehre aus der Corona-Zeit sein.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was hei\u00dft das konkret?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Viele unstete Besch\u00e4ftigte rauschen heute sofort in die Grundsicherung<strong>. <\/strong>F\u00fcr sie k\u00f6nnten wir dauerhaft die Rahmenfrist ausweiten, innerhalb der ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Bislang wird daf\u00fcr alle paar Jahre eine Ausnahmeregelung verl\u00e4ngert. Und f\u00fcr viele Freiberufler gibt es derzeit noch gar kein attraktives Angebot, Teil der Sozialversicherungsgemeinschaft zu werden. Hier m\u00fcssten wir zum Beispiel daran arbeiten, im Rahmen der Arbeitslosenversicherung auch eine Versicherung gegen Einkommensausfall zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Welche Rolle kann die Coronakrise f\u00fcr solche Ver\u00e4nderungen spielen?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Nach dem Corona-Schock haben wir die Chance, das Verh\u00e4ltnis von Markt und Staat neu zu justieren. Weil wir als Gesellschaft feststellen, dass wir handlungsf\u00e4higer sind als bislang gedacht. Wir sehen auf einmal, dass wir Dinge gemeinschaftlich gut entscheiden k\u00f6nnen, die wir bislang f\u00fcr ausgeschlossen hielten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Warum sollte das besser gelingen als zum Beispiel nach der Finanzkrise?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Nach der Finanzkrise hat sich f\u00fcr viele B\u00fcrger pers\u00f6nlich kaum etwas ge\u00e4ndert, da waren vor allem Banken betroffen. Jetzt werden wir wahrscheinlich auch nach der Epidemie \u00fcberall merken, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht stimmt. Weil die Folgen Millionen von Arbeitnehmern treffen. Und auch, weil wir eventuell noch lange Masken tragen und Abstand halten m\u00fcssen. Dadurch k\u00f6nnten wir merken, dass wir einander brauchen. Es k\u00f6nnte aber auch zu einer Versch\u00e4rfung der Tribalisierung in unserer Gesellschaft f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Also den R\u00fcckzug in einzelne Gruppen. Wo sehen Sie die gr\u00f6\u00dfte Gefahr der Spaltung?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Am meisten Sorgen mache ich mir um die Einschr\u00e4nkungen des Bildungssystems &#8211; und die Folgen nicht nur f\u00fcr Kinder, sondern auch f\u00fcr Familien und insbesondere die M\u00fctter, die \u00fcber Geb\u00fchr belastet werden. Da wird etwas nachbleiben, f\u00fcrchte ich. Ich fand es schon schwer irritierend, dass manche Ministerpr\u00e4sidenten Kitas als reine Verwahranstalten zu sehen schienen. Als ob wir wieder in den Siebzigerjahren leben w\u00fcrden und keiner w\u00fcsste, wie wichtig fr\u00fchkindliche Bildung ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>In Ihrem Buch &quot;Die Zerst\u00f6rung&quot; haben Sie sich mit der Gefahr besch\u00e4ftigt, dass es zwischen verschiedenen Teilen der Bev\u00f6lkerung kein \u00f6ffentliches Gespr\u00e4ch mehr gibt. Sehen Sie diese Gefahr auch in der jetzigen Krise?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Ja. Wir sehen das aktuell bei den Verschw\u00f6rungsideologen. Und umgekehrt m\u00fcssen wir h\u00f6llisch aufpassen, dass wir nicht den Geschichten unseres eigenen Milieus von der sch\u00f6nen Entschleunigung durch Corona auf den Leim gehen. F\u00fcr viele war und ist das eine wahnsinnige Verdichtung und Beschleunigung. Diese Gruppen \u00e4u\u00dfern das blo\u00df nicht so, weil sie so damit besch\u00e4ftigt sind, ihre eigenen Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Es gab durch Corona allerdings auch viele Beispiele f\u00fcr Solidarit\u00e4t. Sehen Sie die Chance, einen Teil davon in die Nachkrisenzeit zu retten?<\/p>\n<p><strong>Brosda: <\/strong>Das kann gelingen &#8211; aber darum m\u00fcssen wir uns k\u00fcmmern. Wenn wir feststellen, was uns verlorengegangen ist, merken wir meist auch, was es uns wert ist. Das gilt auch f\u00fcr die Kultur. Daraus kann ein neues Bewusstsein wachsen. <\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern U-Bahn-Passagiere in Berlin: &quot;Werden auch nach der Epidemie \u00fcberall merken, dass etwas grunds\u00e4tzlich nicht stimmt&quot; Foto: Florian Gaertner\/ photothek\/ imago images Was bedeutet die Coronakrise f\u00fcr die Gesellschaft?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1100"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1100\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}