{"id":1080,"date":"2020-07-12T22:11:13","date_gmt":"2020-07-12T19:11:13","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/die-neue-corona-normalitat-welche-veranderungen-bleiben-und-welche-nicht\/"},"modified":"2020-07-12T22:11:13","modified_gmt":"2020-07-12T19:11:13","slug":"die-neue-corona-normalitat-welche-veranderungen-bleiben-und-welche-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/die-neue-corona-normalitat-welche-veranderungen-bleiben-und-welche-nicht\/","title":{"rendered":"Die neue Corona-Normalit\u00e4t: Welche Ver\u00e4nderungen bleiben &#8211; und welche nicht"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f21e97eb-242e-4546-ae97-1a5fcc3f7432_w948_r1.77_fpx44.67_fpy45.jpg\" title=\"Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, w\u00e4hrend die St\u00e4dte Platz f\u00fcr Radverkehr machen.\" alt=\"Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, w\u00e4hrend die St\u00e4dte Platz f\u00fcr Radverkehr machen.\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, w\u00e4hrend die St\u00e4dte Platz f\u00fcr Radverkehr machen.<\/p>\n<p>  Foto: Felix K\u00e4stle\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu Beginn dieser Coronakrise wurde deutlich, dass die alte Normalit\u00e4t zersplittert ist, ohne dass jemand ermessen konnte, welche andere Normalit\u00e4t an ihre Stelle treten w\u00fcrde, welche Gewissheiten die Krise \u00fcberstehen und ob das eine Verhei\u00dfung ist oder eine Bedrohung.<\/p>\n<p>Die Zeit nach Corona ist nat\u00fcrlich noch nicht in Sicht. Es hat lediglich das Ende des Anfangs der Zeit mit Corona begonnen, aber man kann doch schon etwas mehr erkennen &#8211; oder es wenigstens versuchen.<\/p>\n<p>Um im Bild der Zersplitterung zu bleiben, k\u00f6nnte man sagen, Normalit\u00e4t ist massenhaft, und \u00fcbt daher gro\u00dfe Anziehungskraft aus. So ziehen sich die einzelnen Normalit\u00e4tssplitter gegenseitig an und scheinen sich neu zusammenzusetzen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis sieht der alten Normalit\u00e4t ziemlich \u00e4hnlich: Schwitzen am Strand, schwitzen im Fitnessstudio, Besuche zu Hause und in Gruppen im Restaurant. Geht alles wieder, wird alles wieder gemacht. Kann sich aber auch alles wieder \u00e4ndern, weshalb eine Gesamtbilanz mit gro\u00dfer Sicherheit sehr falsch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die erhellendere Frage zu diesem Zeitpunkt lautet daher: Welche Splitter fehlen, liegen noch herum, sind an einem neuen Platz? Und welche, von denen man genau das dachte, passen sich doch wieder ein? Welche Fragmente einer neuen Welt, einer neuen Normalit\u00e4t lassen sich ausmachen?<\/p>\n<p>Einige grunds\u00e4tzliche politische Ver\u00e4nderungen deuten sich an &#8211; andere erweisen sich als Trugbild.<\/p>\n<h3>Splitter 1: Globale Entflechtung<\/h3>\n<p>Die wom\u00f6glich gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung betrifft die Haltung zur Globalisierung. In der Fr\u00fchphase der Pandemie realisierte die \u00d6ffentlichkeit auf einmal, dass bestimmte Medikamente fast komplett in Indien oder China produziert werden, dass die Wirtschaft darauf angewiesen ist, dass Teile zum richtigen Zeitpunkt dort ankommen, wo sie gebraucht werden &#8211; und dass all das extreme Abh\u00e4ngigkeiten bedeutet. Eine Mehrheit sieht da mittlerweile eher Gefahren als Chancen.<\/p>\n<p>Die Zeit der ewigen Globalisierung ist, da sind die Ank\u00fcndigungen konsistent, politisch wohl vorbei. Das Engagement des Staates beim Impfstoffhersteller Curevac, von dem zuvor berichtet worden war, der US-Pr\u00e4sident habe sich Exklusivrechte f\u00fcr einen m\u00f6glichen Impfstoff sichern wollen, ist ein erster Hinweis. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt formulierte k\u00fcrzlich allgemein-programmatisch: &quot;Wir werden zuk\u00fcnftig Dinge selber machen, die wir anderen \u00fcberlassen haben.&quot;<\/p>\n<p>Symbolisch ist ein erster Schritt schon gemacht. Global strebt die Pandemie weiter ihrem H\u00f6hepunkt entgegen. In den USA werden t\u00e4glich mehr Infizierte erkannt, als die chinesische Stadt Wuhan insgesamt gemeldet hat. Global baut sich die erste Welle weiter auf, w\u00e4hrend Europa gedanklich schon mit einer m\u00f6glichen zweiten Welle besch\u00e4ftigt ist. Die anfangs als weltweit beschworene Krise wird strikt lokal verstanden.<\/p>\n<h3>Splitter 2: Ein bisschen mehr Schulden<\/h3>\n<p>Auch wirtschaftspolitisch scheint sich etwas verschoben zu haben. Die schwarze Null wurde aufgegeben. Angela Merkel und Emmanuel Macron k\u00fcndigten Milliardenhilfen f\u00fcr andere EU-Staaten an. CDU-Vize Volker Bouffier forderte in einem Zeitungsbeitrag einen europ\u00e4ischen Marshall-Plan.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft aber nicht, dass die alte Logik g\u00e4nzlich \u00fcber Bord geworfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nach dem Jahrzehnt der Schw\u00e4bischen Hausfrau scheint eher etwas eingekehrt zu sein, das man in der Sprache der deutschen Ma\u00df-und-Mitte-Politik als atmende Austerit\u00e4t bezeichnen k\u00f6nnte. Sparsamkeit bleibt eine Tugend, niemand darf \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse leben. Aber die H\u00f6he des gerade noch Erlaubten passt man der Situation an. <\/p>\n<p>&quot;Die Schuldentragf\u00e4higkeit Deutschlands l\u00e4sst eine Kreditquote von 80 bis 90 Prozent zweifellos zu&quot;, sagte SPD-Chef Norbert Walter-Borjans. Die Schuldenquote d\u00fcrfe maximal auf 90 Prozent des BIP steigen, sagte CSU-Chef Markus S\u00f6der.<\/p>\n<p>Zwischen den 60 Prozent Staatsverschuldung (Maastricht-Kriterium) und den 90 Prozent, die man wohl nicht erreichen wird und die daher als Obergrenze formuliert werden, kann man sich etwas mehr Freiheit leisten. <\/p>\n<h3>Splitter 3: Die Stadt den Radlern<\/h3>\n<p>Ob das Homeoffice bleiben, ob Flugreisen unterlassen, ob infektionsgesch\u00fctztere Autofahrten die Bahn ausbremsen werden, ob sich also Mobilit\u00e4t grundlegend \u00e4ndern wird, dar\u00fcber l\u00e4sst sich noch wenig sagen. Aber es sieht so aus, als k\u00f6nnte Corona der Anfang vom Ende der autogerechten Stadt sein. <\/p>\n<p>In Paris sperrt die B\u00fcrgermeisterin gro\u00dfe Verkehrsachsen f\u00fcr Autos und erfindet die Metropole als Fahrradstadt neu. Br\u00fcssels B\u00fcrgermeister verk\u00fcndete gleich die &quot;V\u00e9lorution&quot;, die Fahrradrevolution also: gro\u00dfe Teile der Innenstadt werden f\u00fcr Autos gesperrt, noch gr\u00f6\u00dfere Tempo-30-Zone. In Deutschland gehen St\u00e4dte weniger weit, aber auch in Berlin oder M\u00fcnchen wurden einstweilen breite Fahrradspuren geschaffen.<\/p>\n<p>Autoreduziertere St\u00e4dte werden schon lange diskutiert, die Erfahrung zeigt, dass sie nach einer Weile \u00fcblicherweise auch auf Zustimmung sto\u00dfen und so spricht vieles daf\u00fcr, dass davon etwas bleiben wird. <\/p>\n<p>Das Ende der ewigen Globalisierung, ein modifiziertes Verh\u00e4ltnis zu Schulden und Verkehr in Gro\u00dfst\u00e4dten &#8211; hier deuten sich keine Revolutionen, aber doch bleibende Ver\u00e4nderungen an. Anderswo scheint alles zu bleiben, wie es war.<\/p>\n<h3>Splitter 4: Lineares Denken<\/h3>\n<p>Zu den r\u00fcstigsten Ideen geh\u00f6rt das lineare Denken. Also die Vorstellung, dass man sich auf einem geraden Pfad in Richtung eines Ziels bewegt. Sie findet unbewusst ihren Ausdruck in sehr vielen Prinzipien und \u00dcberzeugungen.<\/p>\n<p>&quot;Meine Kinder werden es einmal besser haben als ich&quot;, ist linear. &quot;Es wird schon werden&quot;, ist linear. &quot;Es war bisher immer so&quot;, ist auch linear, n\u00e4mlich die Verl\u00e4ngerung der Vergangenheit in die Zukunft. Wirtschaftswachstum ist im Kern linear. Ein Karriereplan ist linear. \u00dcberhaupt ist Fortschrittsdenken meist linear. Die viel geforderte &quot;R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t&quot; nat\u00fcrlich auch.<\/p>\n<p>Man erkennt die Widerstandsf\u00e4higkeit dieses Denkens auch daran, dass noch immer die Frage nach Lockerungen\/Einschr\u00e4nkungen dominiert. Als bewegte Politik sich auf gerader Linie zwischen Lockdown und alter Normalit\u00e4t. Als k\u00f6nne es nicht nebeneinander (gr\u00fcne, rote, gelbe, schwarze) Konzepte von unterschiedlich gewichteten Einschr\u00e4nkungen und Lockerungen geben.<\/p>\n<p>Nun hat die Coronakrise gezeigt, dass dieses lineare Denken nicht immer nur hilfreich ist. Zum Beispiel behindert es das Verst\u00e4ndnis von nicht-linearen Ph\u00e4nomenen, wie der exponentiellen Verbreitung eines Virus (oder der selbst verst\u00e4rkenden Feedbackschleifen der Klimakrise). <\/p>\n<p>Das war zu Beginn der Pandemie so, die fast alle europ\u00e4ischen Experten, Beobachter und Politikerlange untersch\u00e4tzten. Das ist auch jetzt so: Ein m\u00f6glicher erneuter Ausbruch h\u00e4tte nicht kurze, sondern abermals sehr lange neue Einschr\u00e4nkungen zur Folge, also nicht-lineare Konsequenzen.<\/p>\n<p>Trotzdem ist in der linearen Lockerungskette sogar ein Ende der wahrscheinlich am wenigstens einschr\u00e4nkenden Einschr\u00e4nkung in der Diskussion, der Maskenpflicht in L\u00e4den. Als m\u00fcsse der Weg der Lockerungen auf jeden Fall einmal bis zum Ende abgeschritten werden.<\/p>\n<h3>Splitter 5: Partei der bundesrepublikanischen Seele<\/h3>\n<p>So unerh\u00f6rt neu die Pandemie war, parteipolitisch wirkt sie eher wie eine R\u00fcckkehr in die alte Bundesrepublik: In der Krise schossen die Werte der Union nach oben und blieben dort. Die linkeren Parteien SPD, Gr\u00fcne und Linke verharren zusammen bei rund 40 Prozent, Gr\u00fcnen-Sympathisanten sind offenbar wieder zur Union gewandert.<\/p>\n<p>Vielleicht, weil das Krisenmanagement der Regierung Angela Merkels verantwortungsvoll war. Sicher auch, weil die Bev\u00f6lkerung im Zweifel eher konservativ ist. Im Jahr ihres 75. Jubil\u00e4ums erweist sich die Kanzlerpartei CDU weiter als Partei der bundesrepublikanischen Seele.<\/p>\n<h3>Splitter 6: Leistung bleibt, was der Einzelne tut<\/h3>\n<p>Vorbei scheint auch der kurze Fr\u00fchling des Balkonbeifalls und der Heldenreden. Mehr Geld scheint es f\u00fcr systemrelevante nicht-akademische Berufe nicht zu geben, f\u00fcr Krankenpflege, Lkw-Fahren, Gem\u00fcseernte. Bessere Arbeitsbedingungen auch nicht. Damit bleiben nicht nur Klassenstrukturen intakt, sondern auch die Idee der Leistungstr\u00e4gerschaft an sich.<\/p>\n<p>Die leitet sich von den \u00dcberzeugungen einer individualistischen Gesellschaft ab. In ihr steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt, seine W\u00fcrde und Rechte, auch seine F\u00e4higkeit und Leistungen. Eine individualistische Gesellschaft fordert Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, Spezialisierung. Folgerichtig hat sich eine individualisierte Leistungsbewertung eingestellt, eine individualistische Meritokratie. <\/p>\n<p>Nur zeigte die Krise: Leistung ist eben nicht nur individuell. Es mag im Ergebnis keinen gro\u00dfen Unterschied machen, wer den Lkw mit Lebensmitteln \u00fcber die Autobahn f\u00e4hrt, den Spargel sticht oder Kranke pflegt. Daf\u00fcr ist zwar jeweils Fachwissen notwendig, allerdings nicht unbedingt Spezialwissen. Aber es macht einen riesigen Unterschied, ob es jemand tut oder nicht.<\/p>\n<p>Umgekehrt macht es f\u00fcr viele gut bezahlte und hoch spezialisierte Posten von innen betrachtet einen riesigen Unterschied, wer sie besetzt, aber es ist gesellschaftlich wom\u00f6glich eher unerheblich, ob es jemand tut. <\/p>\n<p>Eine individuelle Meritokratie w\u00fcrdigt die spezifische Leistung des Einzelnen. Eine kollektive Meritokratie w\u00fcrde zus\u00e4tzlich die Funktion f\u00fcr die Gesellschaft als Leistung anerkennen. Dass sich ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr oder konkrete Politik in diesem Sinn entwicklen w\u00fcrde, danach sah es nur kurz aus.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, w\u00e4hrend die St\u00e4dte Platz f\u00fcr Radverkehr machen. 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