{"id":1005,"date":"2020-07-09T12:15:04","date_gmt":"2020-07-09T09:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-die-staatskrise-in-chile-verlangerung-auf-der-intensivstation\/"},"modified":"2020-07-09T12:15:04","modified_gmt":"2020-07-09T09:15:04","slug":"corona-und-die-staatskrise-in-chile-verlangerung-auf-der-intensivstation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-die-staatskrise-in-chile-verlangerung-auf-der-intensivstation\/","title":{"rendered":"Corona und die Staatskrise in Chile: Verl\u00e4ngerung auf der Intensivstation"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/df907ddd-bd84-4ef3-928f-a18c7992935c_w948_r1.77_fpx52_fpy41.jpg\" title=\"Desinfizierung eines Stadtviertels in Santiago de Chile: Die Pandemie versch\u00e4rft die Staatskrise\" alt=\"Desinfizierung eines Stadtviertels in Santiago de Chile: Die Pandemie versch\u00e4rft die Staatskrise\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Desinfizierung eines Stadtviertels in Santiago de Chile: Die Pandemie versch\u00e4rft die Staatskrise<\/p>\n<p>  Foto: <\/p>\n<p>MARTIN BERNETTI\/ AFP<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eyleen Valenzuela k\u00e4mpft bei ihrer Arbeit in einem \u00f6ffentlichen Krankenhaus gegen das Coronavirus an &#8211; und jeden Tag ums \u00dcberleben. Die 35-J\u00e4hrige verdient rund 400 Euro im Monat, muss derzeit viele unbezahlte \u00dcberstunden machen und riskiert t\u00e4glich, sich anzustecken, weil es im Krankenhaus an Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmitteln mangelt. Ihr Ehemann erh\u00e4lt nur noch die H\u00e4lfte seines Lohns, beide sind verschuldet.<\/p>\n<p>Wie ihr geht es vielen Chilenen in diesen Monaten. &quot;Viele haben ihre Arbeit verloren. Sie haben kein Einkommen, k\u00f6nnen ihre Strom- und Wasserrechnungen nicht bezahlen und sich keine Lebensmittel leisten&quot;, sagt Valenzuela.<\/p>\n<p>Vergangene Woche ist die Krankenschwester deshalb trotz Pandemie in dem Viertel Villa Francia in Chiles Hauptstadt Santiago mit ihren Nachbarn und ihrer Familie auf die Stra\u00dfe gegangen. Beim sogenannten cacerolazo schlugen sie mit L\u00f6ffeln auf leere Kocht\u00f6pfe, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Doch statt Zugest\u00e4ndnissen kam es zu Polizeigewalt: Eyleen Valenzuela und ihre schwangere Cousine wurden von einem Tr\u00e4nengasfahrzeug der Polizei angefahren, die den Protest gewaltsam aufl\u00f6ste. &quot;Die Repression war unmenschlich&quot;, so Valenzuela.<\/p>\n<p>Die Proteste in den ersten Julitagen waren ein Aufstand gegen Gegenwart und Vergangenheit zugleich: Der 2. und 3. Juli haben eine historische Bedeutung in Chile: 1986 wurde an diesen Tagen gegen die Pinochet-Diktatur protestiert. Damals gingen die B\u00fcrger bei einem Massenprotest f\u00fcr ein neues, demokratisches Chile auf die Stra\u00dfe und lehnten sich gegen das Milit\u00e4rregime auf, das Tausende Regierungskritiker folterte, ermordete und verschwinden lie\u00df.<\/p>\n<p>2020 richten sich die Proteste gegen die Regierung von Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era &#8211; und gegen die Corona-Folgen, aber auch die neoliberale Politik, deren Wurzeln in die Zeit der Milit\u00e4rdiktatur reichen.<\/p>\n<h3>Wut auf die Regierung<\/h3>\n<p>In der Pandemie offenbart sich die Zerrissenheit des Landes wie unter einem Brennglas. Die Ungleichheit ist extrem, viele B\u00fcrger f\u00fchlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Vor allem in \u00e4rmeren Vierteln weiten sich die Proteste seit Mai aus, immer wieder kommt es zu Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Demonstranten und Sicherheitskr\u00e4ften. Die Wut flammt st\u00e4ndig auf &#8211; auch wenn sie noch kein Fl\u00e4chenbrand ist wie bei den Massenprotesten, die im Oktober 2019 ausgebrochen waren.<\/p>\n<p>&quot;Chile war mitten in einer Gesellschaftskrise, als die Pandemie begann &#8211; die Coronakrise hat etwas unterbrochen, was in Bewegung war. Dazu kommt jetzt auch die Unzufriedenheit mit den Folgen der Krise und dem Krisenmanagement der Regierung&quot;, sagt Claudia Zilla, Lateinamerika-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). &quot;Es ist wie bei einem Patienten auf der Intensivstation, dessen Aufenthalt nochmals verl\u00e4ngert wird.&quot;<\/p>\n<p>Chile liegt bei den Infektionszahlen derzeit nach Brasilien und Peru an dritter Stelle in Lateinamerika. Mehr als 300.000 Infektionen sind bisher registriert, mehr als 6400 Menschen sind an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Trotz Ausgangssperren habe es Zilla zufolge anfangs viele Schlupfl\u00f6cher gegeben, die den Menschen noch erlaubt h\u00e4tten, zur Arbeit zu gehen &#8211; so sei es nicht gelungen, die Infektionsketten effektiv zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Bereits im Mai waren laut einer Studie der Universit\u00e4t Chile 87 Prozent der Intensivbetten f\u00fcr Covid-Notf\u00e4lle in \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern in der Metropolregion von Santiago belegt; Experten warnten vor fehlenden Beatmungsger\u00e4ten. Die Krise verdeutlicht einmal mehr die Schw\u00e4chen von Chiles Zweiklassen-Gesundheitssystem: W\u00e4hrend rund 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung in privaten Krankenh\u00e4usern mit guten Ressourcen und Fachpersonal versorgt werden, ist die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung auf das \u00fcberforderte und schlecht ausgestattete \u00f6ffentliche Gesundheitssystem angewiesen.<\/p>\n<p>Besonders in den dicht besiedelten Armenvierteln am Rand der Hauptstadt kann sich das Virus leicht ausbreiten &#8211; gleichzeitig fehlt den Bewohnern, die oft in informellen Sektoren arbeiten, die finanzielle Absicherung und Geld f\u00fcr eine gute Gesundheitsversorgung. Viele f\u00fcrchten, dass sie eher an Folgen von Hunger sterben als an Corona.<\/p>\n<p>Bei den Protesten wird daher auch verhandelt, wie lange das neoliberale System, das so viele als Verlierer zur\u00fcckl\u00e4sst, noch haltbar ist. Nicht nur der Gesundheitssektor, auch Bildung oder Wasser sind in Chile privatisiert &#8211; und teuer.<\/p>\n<p>Die Krankenschwester Eyleen Valenzuela aus Villa Francia fordert jetzt schnelle Soforthilfen von der Regierung: Mietzahlungen, Strom- und Wasserrechnungen sowie Schulgeb\u00fchren sollten ausgesetzt werden: &quot;Ich muss f\u00fcr meine Kinder die Schulgeb\u00fchren bezahlen, obwohl sie gar keinen Unterricht haben&quot;, sagt sie. &quot;Dabei sollte Bildung kostenlos sein. Wir k\u00f6nnen nicht die Augen davor verschlie\u00dfen, dass es auch schon vor dem Coronavirus Probleme gab. Deshalb brauchen wir einen tiefgr\u00fcndigen Wandel und eine neue Verfassung.&quot;<\/p>\n<h3>Ein neuer Gesellschaftsvertrag<\/h3>\n<p>Auch in anderen L\u00e4ndern Lateinamerikas wie in Mexiko finden Proteste gegen die Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen und den Hunger statt &#8211; doch in Chile geht es auch um einen neuen Gesellschaftsvertrag. Die Massenproteste im vergangenen Herbst hatten sich an einer Erh\u00f6hung der Ticketpreise f\u00fcr den Nahverkehr entz\u00fcndet, die Demonstranten forderten aber auch grunds\u00e4tzlich ein neues Wirtschaftsmodell.<\/p>\n<p>Eine \u00c4nderung der Verfassung halten viele Chilenen f\u00fcr wichtig, da sie dem Markt gegen\u00fcber dem Staat einen gro\u00dfen Spielraum einr\u00e4umt. &quot;Symbolisch wird die Verfassung auch als Erbe Pinochets, als Teil einer undemokratischen Vergangenheit wahrgenommen, auch wenn sie seitdem stark ver\u00e4ndert wurde&quot;, sagt Lateinamerika-Expertin Zilla.<\/p>\n<p>Im April sollten die Chilenen dar\u00fcber abstimmen, ob sie die Ausarbeitung einer neuen Verfassung wollen &#8211; doch das Referendum wurde aufgrund der Pandemie auf den 25. Oktober verschoben.<\/p>\n<p>Auch die Gewalt, mit der die staatlichen Sicherheitskr\u00e4fte w\u00e4hrend der Massenproteste gegen die Demonstranten vorgingen, hat das Misstrauen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem Staat versch\u00e4rft: Mehr als 20 Menschen starben bei den Auseinandersetzungen, Tausende wurden verletzt, Hunderte erblindeten.<\/p>\n<p>&quot;Die Exzesse des Milit\u00e4rs und der Polizei angesichts der Proteste waren offensichtlich und wurden von der internationalen Gemeinschaft angeprangert&quot;, sagt Carlos A. P\u00e9rez Ricart, der eine Professur am mexikanischen Centro de Investigaci\u00f3n y Docencia Econ\u00f3mica (CIDE) h\u00e4lt und an der Oxford University zu Sicherheit und Militarisierung in Lateinamerika forscht. &quot;Das Vorgehen war ein Schlag gegen die Legitimit\u00e4t der Regierung Pi\u00f1era, von dem er sich vielleicht nicht mehr erholen wird. Wie sich das Milit\u00e4r gegen\u00fcber den Demonstranten verhalten hat, war ein gro\u00dfer Riss im Demokratisierungsprozess Chiles.&quot;<\/p>\n<p>Derzeit liegt die Zustimmung f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten nur noch bei 23 Prozent. Strukturell habe sich seit den Massenprotesten im Herbst in Chile nichts ver\u00e4ndert, sagt P\u00e9rez Ricart: &quot;Es ist eindeutig an der Zeit, echte Reformen durchzuf\u00fchren. Entweder wird es bald angegangen oder es wird weitere soziale Explosionen geben.&quot;<\/p>\n<h3>Kampf gegen den Hunger<\/h3>\n<p>An vielen Orten organisieren sich die Chilenen nun in ihrer Not selbst, sie sammeln Spenden wie Lebensmittel und kochen f\u00fcr Bed\u00fcrftige in Suppenk\u00fcchen. Um ihren Nachbarn zu helfen, verteilt auch Eyleen Valenzuela mit dem Colectivo La Llama und einem Netzwerk verschiedener sozialer Organisationen Brot, warme Mahlzeiten und Lebensmittelkisten. 550 Mahlzeiten und 1200 Brote geben sie t\u00e4glich aus. &quot;Jeden Tag kommen neue Menschen, die Hilfe brauchen, weil sie nicht \u00fcber die Runden kommen&quot;, sagt Valenzuela. &quot;Wir helfen aus Solidarit\u00e4t und f\u00fcllen damit die L\u00f6cher, die der Staat hinterl\u00e4sst.&quot;<\/p>\n<p>Die Regierung habe zwar Lebensmittelkisten an die \u00e4rmsten Familien verteilt, die h\u00e4tten aber nur f\u00fcr eine Woche gereicht: &quot;Noch k\u00f6nnen wir helfen. Aber irgendwann wird der Hunger so gro\u00df sein, dass das nicht mehr ausreicht&quot;, glaubt Valenzuela.<\/p>\n<p>&quot;Dann wird es erneut einen Aufstand wie im Oktober geben.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Desinfizierung eines Stadtviertels in Santiago de Chile: Die Pandemie versch\u00e4rft die Staatskrise Foto: MARTIN BERNETTI\/ AFP Eyleen Valenzuela k\u00e4mpft bei ihrer Arbeit in einem \u00f6ffentlichen Krankenhaus gegen das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1005","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1005"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1005\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}