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“Wir sind keine Barbaren”

September 19
19:56 2020
Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das "Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance" gewinnen Icon: vergrößern

Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das "Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance" gewinnen

Foto: CARLO BRESSAN / AFP

Schon der Ort ist eine Provokation. Die Kathedrale Santa Maria del Fiore mit der Brunelleschi-Kuppel liegt nur wenige Schritte entfernt, ein paar Meter in die andere Richtung steht vor dem Palazzo Vecchio die berühmte David-Kopie von Michelangelo. Hier, im Zentrum von Florenz, im Herzen der Toskana, regieren seit Jahrzehnten italienische Sozialdemokraten, stolz auf das kulturelle Erbe ihrer Stadt.

Aber an diesem Freitagabend gehört die Piazza della Repubblica Lega-Chef Matteo Salvini und seinen rechten Freunden. Zahllose Fans schwenken italienische Flaggen über dem Platz, am Rand verteilen Rechtsextremisten der Identitären Bewegung in schwarzen T-Shirts ihre Propaganda, als Salvini um 18.51 Uhr auf die Bühne tritt, von der Schönheit und Kultur der Toskana schwärmt und "das Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance" für sich gewinnen will. Ab Montag, so hofft er, wird seine Lega dieses Land regieren.

"Von den Linken vergessene Probleme lösen"

Dann steigt Susanna Ceccardi aufs Podium, der neue Shootingstar der Lega. Die 33-Jährige tritt als Spitzenkandidatin bei der Regionalwahl in der Toskana an, und sie verzichtet geschickt auf jene Hetze, mit der Salvini in der Vergangenheit das Land aufpeitschte. "Wir sind keine Barbaren", sagt sie über die rechten Bürgermeister von Pisa, Siena und einigen anderen Städten, die neben ihr auf der Bühne stehen. "Sie haben nur von den Linken vergessene Probleme gelöst." Und ihr Gegner Eugenio Giani von den Sozialdemokraten, ein fast doppelt so alter Politikfunktionär? "Ich habe Sympathie für ihn", sagt Ceccardi lächelnd, "niemals würde ich mir erlauben, ihn zu diffamieren."

Wenn an diesem Sonntag und Montag gewählt wird, hat Ceccardi Chancen, die Mehrheit in der Toskana zu gewinnen. In Italien käme das einem politischen Erdbeben gleich, die Toskana ist eine der letzten linken Hochburgen Italiens – ihr Fall wäre so aufsehenerregend wie ein Machtverlust der CSU in Bayern.

Entsprechend nervös sind deshalb auch Regierung und Opposition in Rom. Nachdem die Pandemie zunächst das ganze Land lahmgelegt und einen wirtschaftlichen Crash provoziert hatte, folgt nun der erste Stimmungstest. Insgesamt sechs Regionen wählen einen neuen Regierungschef, und die Aussichten von Matteo Salvini und seinen rechten Bündnispartnern scheinen gut.

Wenn die Umfragen zutreffen, dürfte die Lega Ligurien und Venezien verteidigen und Apulien und die Marken hinzugewinnen. Fürs linke Lager relativ sicher gilt nur Kampanien, wo Amtsinhaber Vincenzo De Luca während des Lockdowns mit harten Sprüchen gegen feiernde Studenten ("Ich schicke Euch den Flammenwerfer") populär wurde. Kurz: Eine Niederlage in der Toskana kann sich die Mitte-links-Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte eigentlich nicht erlauben.

Es ist eines der großen Rätsel im Corona-Jahr 2020, warum Conte zurzeit so wenig politischen Nutzen aus der Krise zieht. Durch sein mutiges Lockdown-Management wurde der parteilose Juraprofessor zum beliebtesten Premier Italiens seit 25 Jahren. Seine Koalition aus 5-Sterne-Bewegung und dem sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) genoss auf dem Höhepunkt der Pandemie breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Und der europäische Wiederaufbaufonds wurde für Conte zum persönlichen Triumph, er sicherte seinem Land EU-Hilfen in Höhe von 207 Milliarden Euro – die wohl größte Finanzspritze in der italienischen Geschichte.

"Wir kämpfen gegen die extreme Rechte"

Man könnte erwarten, dass der Premier – wie Angela Merkel in Deutschland – von seinem besonnenen Kurs profitiert, dass die Bürger honorieren, wie seine Regierung die Infiziertenzahlen im Vergleich zu Spanien, Frankreich und vielen anderen Ländern relativ niedrig hält.

Aber im Wahlkampf der vergangenen Wochen legten erneut die rechten Parteien zu. Schon bisher regieren sie 13 von 21 Regionen im Land, nun kommen womöglich zwei bis drei weitere hinzu. Wie ist dieser Wechselwille zu erklären? Und warum tun sich die Sozialdemokraten sogar in ihrem toskanischem Stammland schwer, einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Italiens, die Covid-19 sehr viel besser bewältigte als die Lega-regierten Provinzen Venezien und Lombardei?

Donnerstagmittag in Viareggio, einem toskanischen Badeort in der Nähe von Pisa. Es ist Markttag an der Capponi-Allee, Einwohner und Touristen schlendern zwischen Gemüse- und Käseständen, als zwei ältere Herren umringt von Fernsehkameras den Kontakt zu Wählern suchen. Es sind Nicola Zingaretti, der Chef der italienischen Sozialdemokraten, und sein Spitzenkandidat für die Toskana, Eugenio Giani.

"Wenn ich einen Appell machen darf: Verteidigt diese schöne Stadt. Rettet die Toskana", sagt Zingaretti. Seine Partei trete schließlich nicht gegen ein beliebiges Mitte-rechts-Bündnis an wie so oft in der Geschichte. "Wir kämpfen gegen die extreme Rechte", sagt der Parteivorsitzende, "ich kann nicht glauben, dass die Toskana von Politikern beherrscht werden soll, die neofaschistische Parolen benutzen."

Salvini freut sich über neue Rosenkränze

Es ist die gleiche Strategie, mit der sein Partito Democratico im Januar die Regionalwahl in der benachbarten Emilia Romagna gewann. Die Angst vor Matteo Salvini und seiner Hetze, seinen teils menschen- und ausländerfeindlichen Slogans hatte dort zahllose Menschen mobilisiert. Die parteiferne Sardinen-Bewegung füllte die Plätze und machte sich für eine offene Zivilgesellschaft stark. Am Ende hatten die Rechten keine Chance.

Doch die Lega hat daraus gelernt. Salvini tritt nicht mehr so aggressiv auf wie früher, er spricht lieber vom schwierigen Schulstart statt von illegalen Migranten. Er, der so gern im Mittelpunkt steht, verzichtete sogar darauf, wie eigentlich geplant mit dem Fallschirm über Arezzo abzuspringen. Der Stunt, das sah selbst er ein, hätte seiner Kandidatin vor Ort die Show gestohlen. Und als ihm eine afrikanischstämmige Frau im Wahlkampf den Rosenkranz vom Hals riss und sein Hemd zerfetzte, schimpfte er nicht über Ausländer, sondern bedankte sich später lieber leutselig für die vielen neuen Rosenkränze und Hemden, die er geschenkt bekommen habe.

Eugenio Giani, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, wirkt dagegen wie eine toskanische Version von Joe Biden, er war immer schon da. Sein erstes politisches Amt übernahm er, als seine junge Lega-Konkurrentin Ceccardi noch nicht mal im Kindergarten war, zurzeit ist er Präsident des toskanischen Regionalparlaments. Seine Hobbys – Heraldik und Medizingeschichte – wirken bemerkenswert langweilig, seine Visionen eher pragmatisch-trocken. Sorgen macht ihm nicht die Toskana, die in seinen Augen mit ihrem Wohlstand ohnehin fast alle anderen Regionen Italiens übertrifft. Sorgen macht ihm der nationale Trend. "Die Lega und ihre rechten Partner sind zurzeit landesweit in Mode", sie profitierten von einem sozialen Unwohlsein im Rest des Landes, sagte Giani dem SPIEGEL am Rande seines Auftritts in Viareggio.

"Wir fallen ins Mittelalter zurück"

Von diesem Trend will er seine Heimat so gut es geht abschotten. Salvini sei nach der Wahl wieder weg, prophezeit der Historiker, der in Florenz nebenbei Präsident des Museums Casa Dante ist. Aber wenn seine junge Statthalterin gewinnt, fürchtet er, werden die Beziehungen zu Europa zerstört. "Dann rückt die Toskana in eine ganz andere Richtung." Ähnlich drückte es vor wenigen Tagen Enrico Letta aus, von 2013 bis 2014 linker Ministerpräsident Italiens. "Unsere Regierung steht nicht mit Budapest und Warschau, sondern mit Berlin und Paris", sagte er in einem Interview über die Zeit nach dem Machtverlust von Salvini vor einem Jahr. "Wir sind von Orban zu Merkel gewechselt."

Ein 17-jähriger Schüler, er heißt Alessio, tritt in Viareggio auf Giani zu. Die beiden gehen ein paar Hundert Meter durch einen Park spazieren und unterhalten sich. Die meisten seiner Altersgenossen wüssten nicht, wofür die Sozialdemokraten stünden, sagt Alessio hinterher über das Gespräch. "Die Partei hat sich zu weit von den jungen Menschen entfernt." Dürfte er schon wählen, würde er zwar für die Sozialdemokraten stimmen. Aber die Lega-Kandidatin Ceccardi gefalle ihm auch nicht schlecht. "Sie scheint echt korrekt, und sie spricht in klaren Worten zu uns Jungen."

"Albtraum Toskana", titelten italienische Zeitungen bereits, dem Partito Democratico drohe ein "Armageddon". Die meisten im linken Lager glauben, dass sie es noch einmal schaffen können. Aber sie brauchen die Angst vor einer rechten Gefahr, um ihre Wähler zu mobilisieren. "Wenn die Ceccardi gewinnt, fallen wir ins Mittelalter zurück", warnte ein PD-Minister aus Rom im Wahlkampf über die Lega-Kandidatin. "Sie ist ein Wolf im Schafspelz", sagte der Bürgermeister von Florenz. In Prato, einem Vorort von Florenz, habe sie gegen neue Radwege gekämpft, weil die nur von Migranten genutzt würden. Jetzt gehe es darum, das wahre Gesicht der Lega zu zeigen: "intolerant, diskriminierend, antieuropäisch."

Es steht viel auf dem Spiel, für beide Seiten. Matteo Salvini will wieder die Deutungshoheit im Land erringen, nachdem er während des Lockdowns im Abseits stand und Ministerpräsident Conte als Krisenmanager die Agenda bestimmte. Und Contes Koalition muss ihre Erfolge in der Corona-Politik endlich in politisches Kapital verwandeln – was der 5-Sterne-Bewegung besonders schwerfällt: In den meisten Regionen sind die Sterne nicht bereit, ein Wahlbündnis mit ihrem Regierungspartner in Rom einzugehen. Sie treten mit eigenen Kandidaten an und schwächen so die eigene Regierung.

Und Susanna Ceccardi? Salvinis Spitzenkandidatin versucht, die Stimmung zu beruhigen. Auf der Bühne in Florenz spricht sie vom Gesundheitswesen, von Verkehrspolitik; Ausfälle gegen Europa oder Migranten vermeidet sie. Stattdessen kritisiert die 33-Jährige lieber die angebliche Vetternwirtschaft in der Region. "Wer die Ärmel hochkrempelt, soll belohnt werden", ruft sie unter dem Jubel der Fans, "und nicht, wer nur das richtige Parteibuch hat."

Ansonsten vertraut die Juristin auf ihre Erfahrungen in Cascina, einer jahrzehntelang von Linken regierten toskanischen Küstenstadt, wo sie 2016 das Bürgermeisteramt gewann. Jetzt machten die anderen wieder denselben Fehler wie damals, sagte Ceccardi in einem Interview mit "La Repubblica": "Dämonisierung funktioniert nicht bei mir."

Icon: Der Spiegel

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