“Wir haben es satt”: Das ist der Anti-Órban, der Fidesz stürzen will
Politik
"Wir haben es satt"Das ist der Anti-Órban, der Fidesz stürzen will
29.03.2026, 06:09 Uhr
Von Lea Verstl, SzentendreArtikel anhören(11:14 min)00:00 / 11:14
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Péter Magyar zeigt sich als Gegenentwurf zu Viktor Orbán. Bislang mit Erfolg: Der Oppositionsführer hat gute Chancen, die Wahl zum ungarischen Premier zu gewinnen. Dabei war Magyar selbst lange Teil des Fidesz-Systems. Seine Anhänger sehen das aber als Vorteil.
Ágnes zeigt auf den abgeblätterten Putz des Dachreiters über ihr. "So sieht deine Stadt aus, wenn dein Bürgermeister nicht Fidesz unterstützt. Dann streicht die Regierung die Mittel", sagt sie. Eigentlich ist der Marktplatz von Szentendre, eine Kleinstadt an der Donau nordwestlich von Budapest, ein Kleinod und Touristenmagnet. Gesäumt ist er von einer serbisch-orthodoxen Kirche und anderen barock-rokokoartigen Gebäuden, angestrichen in leuchtenden Farben. Doch die Anwohner beklagen, der Gemeinde fehlten Gelder, weil ihr Bürgermeister kein Günstling der Regierung in Budapest ist.
Szentendre ist nicht die einzige Stadt in Ungarn, die darbt, weil sie aus dem System der Regierungspartei Fidesz fällt. Ágnes hat genug von der Vetternwirtschaft und der Korruption in Ungarn. Bis vor sechs Monaten war selbst im öffentlichen Dienst tätig, weshalb sie ihren Nachnamen nicht preisgeben will. "Mir war schon lange klar: Ich werde mich politisch engagieren werde, sobald ich in Rente bin", sagt sie. Nun möchte Ágnes aktiv darauf hinwirken, dass Viktor Órban am 12. April als Ministerpräsident abgewählt wird.
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An diesem regnerischen Donnerstagnachmittag sammelt die Rentnerin auf dem Marktplatz an einem Stand Unterschriften für Órbans härtesten Gegner: Péter Magyar. Auf der anderen Seite des Marktplatzes wird gerade eine Bühne aufgebaut. In einer knappen Stunde tritt Magyar dort auf. "Jetzt oder nie" steht in weißen Lettern auf dem Bühnentuch, das im Blau von Magyars konservativer Tisza-Partei eingefärbt ist. Magyar versteht es bislang, den Moment für sich zu nutzen. Innerhalb von zwei Jahren ist es ihm gelungen, Fidesz mit seiner Partei ernsthaft Konkurrenz zu machen.
Unterstützer nennen Magyar "Messias"
Die Lautsprecher werden aufgedreht. Durch sie dringen Popsongs, die von einer Unterstützergruppe eigens für Magyar geschrieben wurden. Hunderte Menschen versammeln sich auf dem Platz. Als der Oppositionsführer mit einer halben Stunde Verspätung die Bühne betritt, wird er bejubelt wie ein Rockstar. Magyar ist mit seinen 45 Jahren nicht nur wesentlich jünger als Órban, sondern wirkt aufgrund seines schlanken Körperbaus auch agiler. Wenn er spricht, formuliert er pointierte Sätze. Dazwischen macht er Pausen, die kurz genug sind, um nicht theatralisch zu wirken. Er achtet auf den Augenkontakt mit dem Publikum. Wer vor Magyars Bühne steht, fühlt sich angesprochen.
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"Messias" wird er von Unterstützern genannt, nicht selten mit einem Augenzwinkern. Der Tisza-Vorsitzende ist die Projektionsfläche für alle jene, die sich nach 16 Jahren Fidesz-Herrschaft einen Regierungswechsel herbeisehnen. In vielen Punkten gibt sich Magyar als Anti-Órban. Und genau das macht ihn so gefährlich für den Ministerpräsidenten.
Als der "Messias" endlich ans Mikrofon tritt, entschuldigt er sich erstmal für die Verspätung. Er sei im Stau gestanden, wie so oft während der Tour. Direkt landet er einen Seitenhieb auf Órban, weil der sich für seinen Wahlkampf an Staatsgeldern vergreift: "Danke, dass ihr so viele seid. Ich nehme an, euch hat nicht der Bus gebracht, nicht 'Fidesz Travel' auf Staatskosten. Ihr seid von eurem eigenen Geld hergekommen." Dann zeigt er auf eine Drohne, die über die Mitte des Marktplatzes fliegt, um den Auftritt online zu übertragen. Die Menge jubelt, die einen winken der Drohne, die anderen schwenken ihre Tisza-Flaggen in den Nationalfarben Ungarns.
Tisza besonders beliebt bei jungen Wählern
Magyar spricht über das "echte, rechenschaftspflichtige Programm" seiner Partei, den Wiederaufbau der Wirtschaft, die Rettung des staatlichen Gesundheitswesens und die Verbesserung der Bildung. Hinter dem Parteiprogramm stünden "echte Fachleute" und 105 "normale" Direktkandidaten. Es sei nicht entworfen worden von "politischen Droiden", also von Robotern, die nachplapperten, was von oben vorgegeben wird. Gemeint sind Fidesz-Anhänger.
Magyar verspricht den Ungarn in seinem Wahlprogramm, vieles aus der Fidesz-Ära wieder zurückzudrehen. Als Premier möchte er die eingefrorenen EU-Gelder für Ungarn loseisen, die Korruptionsfälle juristisch aufrollen und die Unabhängigkeit der Justiz stärken. Zugleich scheint sich seine Partei bewusst zu sein über ihre Rolle als Sammelbecken für Unzufriedene aus allen Ecken des politischen Spektrums. Das Programm bietet Anknüpfungspunkte für viele Gruppen. Es reicht von sozialstaatlichen Versprechen wie höhere Familienleistungen und Investitionen in Gesundheit und Bildung bis hin zu eher konservativen Positionen bei Migration und Grenzschutz.
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Jeles Kornél hat Magyar damit überzeugt. Der 18-Jährige erreicht gerade den Marktplatz, in der Hand eine Tisza-Flagge. "Ich will Peter heute wirklich persönlich sehen. Ich habe seinen Programmplan gelesen und stimme dem meisten davon zu", sagt er. Politisch interessiert sei er schon lange. Das Tisza-Fieber habe nun die meisten seiner Mitschüler erfasst. Er schätzt die Unterstützung für Magyar in seiner Klasse auf 90 Prozent. Der Rest der Klassenkameraden habe sich wohl noch nicht entscheiden können, sei aber kaum auf Órbans Seite. "Ich glaube nicht, dass sie Fidesz aus irgendeinem Grund unterstützen würden", sagt Kornél.
Magyar tourt durch alle 106 Wahlkreise
Vor allem bei jungen Ungarn ist Tisza beliebt. In einer Medián-Umfrage würden etwa 58 Prozent der 18- bis 39-Jährigen Tisza wählen, Fidesz kommt in dieser Gruppe nur auf etwa 14 Prozent. Unter den 40- bis 64-Jährigen zeigt sich ein gemischtes Bild – Tisza liegt in vielen Erhebungen nur leicht vorn. In der Gruppe der über 65-Jährigen dominiert Fidesz: Etwa die Hälfte würde Órbans Partei wählen, für Tisza würden sich nur etwa 13 bis 20 Prozent entscheiden.
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Auf dem Marktplatz in Szentendre sind jedenfalls alle Altersgruppen vertreten. Mária Kiss Sebestyénné ist mit ihrer Tochter und ihren beiden Enkeln zum Auftritt gekommen. "In unserer Familie sind alle Tiza-Unterstützer, auch mein 87-jähriger Vater. Wir haben es satt, was in diesem Land passiert – das ganze System", sagt Kiss Sebestyénné. Sie sympathisiere mit Tisza, weil sie für ihre Enkel eine bessere Zukunft möchte – mit mehr Demokratie, mehr Rechtsstaat und einem höheren Lebensstandard. Ein Aufkleber auf Kiss Sebestyénnés Mantel zeigt einen Tisza-Wahlslogan: "Denk an dein Heimatland, wähle Tisza."
Besonders viele Fans hat Magyar in größeren Städten; im ländlichen Raum stellen die Fidesz-Anhänger die Mehrheit. In kleineren Städten gibt es oft ein Kopf-an-Kopf Rennen; je nach Institut zeigt sich in Umfragen ein leichter Fidesz oder Tisza-Vorsprung. Deshalb sind Auftritte wie der in Szentendre wichtig für Magyar.
Fidesz half Magyars Karriere früher auf die Sprünge
Groß angelegte Touren durch Ungarn sind ein elementarer Teil der Wahlkampfstrategie von Tisza. Das ständige Reisen ist eine Antwort darauf, wie selten die Opposition in den meisten Medien vorkommt, weil diese direkt oder indirekt von Fidesz kontrolliert werden. Das Fidesz-System versucht auch auf anderen Wegen, Tisza zu sabotieren. Ein ehemaliger Ermittler der ungarischen Polizei warf Órbans Regierung am Donnerstag vor, dem Inlandsgeheimdienst befohlen zu haben, die IT-Systeme der Oppositionspartei zu sabotieren. Stimmen die Vorwürfe stimmen, ist eines klar: Der "Messias", der durch das Land tourt, jagt Órban und seinen Güsntlingen immer mehr Angst ein.
Seit gut zwei Jahren zieht Magyar seine országjárás – seine Landesreise – durch. Bei der bekanntesten Tour war er 80 Tage am Stück unterwegs, mit Auftritten in mehr als 150 Orten. Die Landesreise kurz vor der Wahl führt den Anti-Orbán nun durch alle 106 Wahlkreise und mehrere hundert Orte. Dabei tritt er meist mehrere Male am Tag auf. Müde wirkt er auf der Bühne trotzdem nicht.
"Er hat viel Energie", sagt Attila Vegh. Der Rentner steht neben Ágnes am Tisza-Stand, um die Unterschriften zusammen. Auf der Ablage vor ihnen liegen kleine weiße Steine, auf denen das Tisza-Logo abgebildet ist. "Das sind unsere Glücksbringer", sagt Vegh. Die können Vegh und seine Mitstreiter gut gebrauchen. Aufgrund ihrer Unterstützung für Tisza werden sie in Szentendre von manchen beschimpft. "Auch Péter Magyar wird jeden Tag von Fidesz attackiert, aber er kann sich dagegen zur Wehr setzen", sagt der Rentner. Gefährlich sei Magyar für Órban vor allem, weil er selbst einst Teil des Fidesz-Systems war – und wisse, wie er damit umgehen muss.
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Magyar unterstützte Órbans Partei viele Jahre lang, was seiner Karriere damals auf die Sprünge half. Er war Teil der Fidesz-Elite im Wirtschaftsapparat, hatte Posten als Vorstandschef des staatlichen Studienkreditwerks und als Manager in staatlich dominierten Konzernen wie Magyar Bankholding (MBH) inne. Bis 2023 war Magyar verheiratet mit der ehemaligen Justizministerin Judit Varga, die Fidesz-Mitglied ist. Gut ein Jahr nach der Trennung von Varga ist es zum Bruch mit Órban gekommen, weil Magyar nicht mehr einverstanden mit der grassierenden Korruption war. So stellt er das zumindest dar.
Könnte Magyar diese frühere Fidesz-Nähe nicht auch verdächtig machen? Könnte er nicht einfach so weitermachen wie Órban, würde er die Wahl gewinnen? Vegh schüttelt energisch den Kopf: "Ich glaube fest daran, dass er ehrlich ist. Sonst würde er das nicht seit zwei Jahren durchhalten, den anstrengenden Wahlkampf mit den vielen Auftritten und Schmierkampagnen gegen ihn."

