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Wie viel mehr Homeoffice verträgt die deutsche Wirtschaft?

January 12
10:58 2021
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Willkommen in der Wirklichkeit: Wenn sich Arbeit und Familie am Küchentisch treffen

Foto: Ute Grabowsky / photothek / imago images

Die Chancen, dass Sie diesen Text im Homeoffice lesen, standen schon besser: Laut einer repräsentativen Umfrage der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung haben zu Beginn des »Shutdown Light« im November nur 14 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland überwiegend oder ausschließlich zu Hause gearbeitet. Im April 2020, also kurz nach Beginn der Corona-Pandemie, waren es noch 27 Prozent.

Kein Wunder: Während Bund und Länder für private Treffen immer strengere Kontaktbeschränkungen verhängt haben und bei Verstößen empfindliche Bußgelder drohen, lässt der Staat bei der Arbeit weiter Milde walten. Arbeitgeber werden »dringend gebeten, großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen«, lautet der Appell von Bund und Ländern. Dabei gäbe es bei vielen Arbeitgebern durchaus noch Spielraum für mehr mobiles Arbeiten.

Theoretisch könnten insgesamt 80 Prozent der Firmen die Arbeit von zu Hause aus anbieten, stellte der Personalvermittler Randstad im Sommer fest. Doch praktisch stößt die Umsetzung dann an Grenzen. Je nach Annahme, was praktikabel oder gar möglich ist, schwanken die Ergebnisse der jüngsten Studien stark: Sie reichen von 17 bis zu über 40 Prozent. Im Juli kam das Münchner Ifo-Institut mit einer neuen Berechnungsmethode zu dem Schluss, dass »etwa 56 Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland derzeit zumindest zeitweise von zu Hause arbeiten können«.

Angesichts weiterhin hoher Corona-Infektionszahlen und der Sorge vor einer Ausbreitung der offenbar leichter übertragbaren Corona-Variante B117 werden die Stimmen für mehr Homeoffice-Regeln in Deutschland nun lauter: Sowohl Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) als auch CSU-Chef Markus Söder kündigten Gespräche mit Unternehmen an, um mehr Möglichkeiten für Beschäftigte zu erreichen, von zu Hause zu arbeiten.

Der bayerische Ministerpräsident will Arbeitgeber im Freistaat notfalls zu mehr Homeoffice-Möglichkeiten drängen. Zunächst gelte es zwar, vorhandene Potenziale auszuschöpfen, sagte Söder am Montag. Doch wenn das nicht funktioniere, müsse man vielleicht über »andere Maßnahmen« nachdenken.

Unterdessen fordern die Grünen in einem Beschluss des Parteivorstands bereits ein »Homeoffice-Gebot«. Und Gewerkschaften bringen den von Arbeitsminister Heil geplanten Rechtsanspruch aufs Homeoffice wieder ins Spiel, der unlängst am Widerstand der Union gescheitert war: »Wir fordern einen Rechtsanspruch auf Homeoffice – jedenfalls da, wo es machbar ist«, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann der »Süddeutschen Zeitung«. Doch wie viel Homeoffice verträgt die deutsche Wirtschaft?

Gesamtgesellschaftlich dürfte sich Heimarbeit in der Pandemie für den Staat rechnen. Das legt jedenfalls eine Studie des Ifo-Ökonomen Jean-Victor Alipour und der Mannheimer Volkswirte Harald Fadinger und Jan Schymik nahe. Die Forscher haben die Bewegungs- und Arbeitsmarktdaten in der Pandemie in verschiedenen Ländern ausgewertet. Der Studie zufolge schützt die Arbeit im Homeoffice nicht nur vor der Ansteckung mit Corona, sondern auch vor Kurzarbeit. Das mobile Arbeiten solle »so lange eingehalten werden, wie das Infektionsrisiko fortbesteht«, lautet das Fazit der drei Ökonomen.

Sollte der Staat die Unternehmen also zu mehr Homeoffice zwingen? Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor einer Homeoffice-Pflicht. Das wäre »ein gravierender Eingriff in die betriebliche Disposition, für den die Grundlage fehlt«. Auch der Maschinenbauverband VDMA warnt vor einem Homeoffice-Zwang. Es gelte, die Produktion aufrechtzuerhalten.

Tatsächlich gibt es Branchen, in denen sich Homeoffice nur schwer umsetzen lässt – und andere, in denen es bereits vor der Pandemie völlig normal war. Auf der Grundlage verschiedener Befragungen und Statistiken kommt das Ifo-Institut zu dem Ergebnis, dass in der Finanzindustrie mit 89 Prozent der grundsätzliche Zugang zum Homeoffice am höchsten ist, während er in Verkehr und Landwirtschaft mit je 37 Prozent eher gering ausfällt. Auch im Lebensmittelhandel, in Krankenhäusern und vielen Fabriken kann höchstens ein Teil der Belegschaft von daheim arbeiten.

Doch auch dort, wo die Arbeit am heimischen Schreibtisch durchaus möglich wäre, setzen viele Firmen weiter auf Präsenz. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten mit Homeoffice-Zugang quer durch alle Branchen hat noch keine Erfahrung mit Heimarbeit, zeigen die Daten des Ifo-Instituts. Die Gründe für das ungenutzte Potenzial liegen zu etwa zwei Dritteln bei den Arbeitgebern, zu etwa einem Drittel bei den Arbeitnehmern.

Wie sieht es in bekannten deutschen Unternehmen aus? Der SPIEGEL hat nachgefragt, wo die Beschäftigten derzeit zu Hause sitzen und wo sie in die Büros oder Werkhallen kommen.

Banken und Versicherer: auf Nummer sicher

Spitzenreiter in Sachen Homeoffice ist der Finanzsektor. So arbeitet bei der Commerzbank derzeit Konzernangaben zufolge etwa »deutlich mehr« als jeder zweite Mitarbeiter von zu Hause aus. Noch höher ist die Quote bei der Deutschen Bank. »Von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die nicht in der Filiale sind, arbeiten derzeit 80 Prozent von zu Hause«, sagte Bankchef Christian Sewing kürzlich der »Welt«.

Allerdings: »Es gibt Aufgaben, wie die der Filialmitarbeiter beispielsweise, die nicht von zu Hause erledigt werden können«, sagt eine Sprecherin. Dazu zählen auch die Händler in den Handelssälen, die für ihre Arbeit besondere Ausrüstung benötigen. Und auch Bankchef Christian Sewing kommt trotz der Pandemie weiter ins Büro. Er wolle »zeigen, dass der Kapitän an Bord ist«.

Noch vorsichtiger als die Banken zeigen sich die Versicherer, etwa die Allianz. Die Arbeit im Büro ist dort zwar nicht verboten, doch wer von zu Hause arbeiten kann, tut das meistens auch: Laut einer Sprecherin arbeiten in dieser Woche nur etwa 15 Prozent der Belegschaft vor Ort.

Autobranche und Industrie: Die Bänder müssen laufen

Ganz anders in der Automobilbranche. So hat der Autobauer VW zwar einen Großteil der Belegschaft, der nicht in der Produktion tätig ist, nach Hause geschickt. 80 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem administrativen Bereich in Deutschland arbeiten derzeit mobil. Doch in der Produktion ist die Situation eine andere – die Arbeit der Monteurinnen und Techniker lässt sich nicht einfach vom Wohnzimmer aus erledigen.

Allerdings sind Teile der Belegschaft im Wolfsburger Stammwerk ohnehin in Kurzarbeit, weil bestimmte Zulieferteile wie Halbleiter gerade knapp sind und deshalb nicht genügend Fahrzeuge produziert werden können. Das gilt vor allem für die Produktion des Kassenschlagers Golf, die bis auf Weiteres unterbrochen ist. Die Betriebsruhe nach dem Jahreswechsel hat VW deshalb bis 18. Januar verlängert.

Beim Stuttgarter Rivalen Daimler ist die Lage ähnlich. Schon seit Beginn des ersten Shutdowns im Februar vergangenen Jahres arbeiten die Mitarbeiter, wo immer möglich, mobil von zu Hause aus – insgesamt seien dies mehr als zwei Drittel der Verwaltungsangestellten, sagt eine Daimler-Sprecherin auf Anfrage. Unter dem Begriff Verwaltung fasst das Unternehmen aber nicht nur klassische Bürotätigkeiten. Auch die Meister in der Produktion oder Mitarbeiterinnen in den Servicebetrieben und in den Niederlassungen würden das mobile Office nutzen.

Der Industriekonzern Siemens dagegen schweigt sich über konkrete Zahlen zum Homeoffice aus. Mitarbeiter sollten mobil arbeiten, »wo immer dies möglich und machbar ist«. Das sei auch in Teilen der Fertigung möglich, so ein Sprecher.

Handel und Konsumgüter: Nicht jeder will ins Homeoffice

Dass es bei der Arbeit im Homeoffice nicht nur ums Können, sondern auch ums Wollen geht, zeigen die Erfahrungen des Drogerieunternehmens Rossmann. Während die Mitarbeiter in den Filialen und der Logistik vor Ort anwesend sein müssen, ist die Arbeit im Homeoffice bei Rossmann schon seit Langem möglich. Trotzdem haben sich am Montag etwa 22 Prozent der Belegschaft in der Zentrale in Burgwedel in ihre Rechner eingeloggt. »Wir merken, dass die Kollegen eher wieder ins Büro wollen, als dass mehr zu Hause arbeiten möchten«, sagt eine Firmensprecherin.

Es gäbe durchaus Mitarbeiter, die nicht von zu Hause arbeiten wollten, etwa weil die Voraussetzungen dort nicht dafür stimmten, heißt es im Unternehmen – etwa, wenn der Platz in der Wohnung fehlt. Der Rossmann-Rivale dm will keine konkreten Zahlen zur Homeoffice-Quote nennen. Man habe veranlasst, »wenn immer möglich von zu Hause aus zu arbeiten«, sagte ein Sprecher.

Auch in der Verwaltung des Einzelhändlers Tchibo arbeiten derzeit rund 90 Prozent der Belegschaft von zu Hause aus. »Die Anwesenheit in unserer Zentrale in Hamburg ist auf das absolut notwendige Minimum reduziert.«

Wo es möglich ist, setzt nach eigenen Angaben auch der Versandhändler Otto auf Homeoffice-Regelungen. »In der Verwaltung liegt die Quote bei rund 90, teils bei 100 Prozent«, sagte eine Sprecherin. Von den weltweit mehr als 50.000 Mitarbeitern im Konzern arbeiten demnach mehr als 20.000 mobil.

Beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble gilt die Arbeit von zu Hause bis Ende Januar als Regel. Gleichzeitig bleiben die Büros und Labors geöffnet und können aus betrieblichen oder persönlichen Gründen unter Einhaltung der AHA-Maßnahmen genutzt werden. Einem Sprecher zufolge werden 90 Prozent Bürotätigkeit von zu Hause aus erbracht.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Sportartikelhersteller Adidas. Von den rund 5.400 Beschäftigten, die normalerweise in der Adidas-Zentrale arbeiten, arbeiten aktuell mehr als 95 Prozent von zu Hause.

Start-ups: Videokonferenz als Normalität

Auch Start-ups fiel die Umstellung auf die mobile Arbeit leicht: Wer wie viele Gründer und Gründerinnen sein Geschäftsmodell auf digitale Prozesse stützt, hat auch wenig Probleme damit, seine Belegschaft komplett ins Homeoffice zu verfrachten. Videokonferenzen sind der Normalzustand. Das kann man etwa an der Online-Bank N26 sehen. »Die digitale Zusammenarbeit über verschiedene Teams, Standorte und Länder war bei N26 bereits vor der Corona-Pandemie etabliert«, sagt ein Sprecher. Daher sei auch die organisatorische Umstellung »reibungslos« verlaufen. Bis auf das Sicherheits- und Empfangspersonal ist niemand der rund 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit verpflichtet, ins Büro zu kommen. Filialen hat das Bank-Start-up ohnehin nicht.

Viele freie Plätze gibt es derzeit auch in den Berliner Büros des schwedischen Essenslieferanten Delivery Hero. Man habe seit Langem eine »100 Prozent flexible Arbeitsplatz-Philosophie«, heißt es aus dem Unternehmen. Beim ersten Shutdown habe jeder Einzelne der rund 1500 Mitarbeiter zu Hause oder im mobilen Office gearbeitet. Derart beeindruckende Zahlen kann Delivery Hero freilich nur deshalb vorlegen, weil viele seiner Fahrer in Ländern wie Südkorea, Saudi-Arabien oder der Türkei über Tochterfirmen angestellt sind oder als Freiberufler Essen ausliefern. Für diese Belegschaft ist Homeoffice naturgemäß keine Option.

Icon: Der Spiegel

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