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Wahlsieg trotz allem möglich: Darum feiern viele Ungarn Viktor Orbán noch immer

March 24
18:45 2026

Politik

Wahlsieg trotz allem möglichDarum feiern viele Ungarn Viktor Orbán noch immer

24.03.2026, 15:41 Uhr verstlVon Lea Verstl, BudapestArtikel anhören(11:17 min)00:00 / 11:17

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Orbán auf der Veranstaltung der Patrioten für Europa in Budapest, umjubelt von seinen Anhängern – viele Ungarn sehen in ihm den Garanten nationaler Interessen. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Orbán muss zittern. In Umfragen machen ihm Magyar und dessen Tisza-Partei Konkurrenz. Ungarns Premier könnte die Wahl in drei Wochen dennoch für sich entscheiden. Eingefleischte Fans halten ihm die Treue, wie sich bei einer Veranstaltung von Rechtspopulisten in Budapest zeigt.

Bence freut sich darauf, Gleichgesinnte zu treffen. In der linken Hand hält er einen Holzstock, geschmückt mit bunten Stoffstreifen. Auf den Bändern stehen die Namen und die Hochzeitsdaten von Paaren, die er getraut hat. Der Stock ist Bences Zeremonienstab. Er arbeitet auf dem Land als Vőfély, als traditioneller Hochzeitsmeister. Um seinen Filzhut hat der 28-Jährige noch einen Stoffstreifen gebunden, in den Farben der ungarischen Flagge. Bence steht vor den Ganz-Werken, einer ehemaligen Industrieanlage im Westen Budapests, und wartet auf Einlass.

Am Eingang prangt in weißen Lettern auf blauem Untergrund "Registration", gleich daneben "Patriots". In den früheren Fabrikhallen treffen sich Politiker der Patrioten für Europa, einer rechtspopulistischen Fraktion im Europäischen Parlament, mit ihren Anhängern. Alle namhaften Führungsfiguren der "Patrioten" sind nach Budapest gekommen, für Vorträge, Konferenzen und Bühnenprogramm, darunter Marine Le Pen vom französischen Rassemblement National, der FPÖ-Vorsitzende Herbert Kickl und natürlich der Hauptredner: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Der muss kurz vor den ungarischen Parlamentswahlen am 12. April zittern. Sein Konkurrent Péter Magyar liegt mit seiner konservativen Tisza-Partei in vielen Umfragen um einige Prozentpunkte vor Orbáns Partei Fidesz. Das Rennen wird knapp.

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Deshalb steckt wohl auch Wahlkampftaktik hinter dem spontan anberaumten Treffen der selbst ernannten Patrioten. Eine Wahlniederlage Orbáns wäre ein Verlust für die politischen Verbündeten in ganz Europa. Schließlich ist Orbán nicht nur für europäische Rechtspopulisten ein politisches Vorbild, sondern auch für die amerikanische "Make America Great Again"-Bewegung um US-Präsident Donald Trump. Seit 16 Jahren sitzt Orbán fest im Sattel und hat seitdem jede Wahl gewonnen – obwohl in Ungarn die Korruption grassiert, der Sozialstaat marode ist und die Unabhängigkeit der Justiz faktisch abgeschafft wurde.

"Der Vater ist Mann, die Mutter ist Frau"

In Umfragen einiger ungarischer Institute wie Medián und Závecz liegt Magyars Partei teils deutlich vor der Orbáns, während regierungsnahe Häuser Fidesz auf Platz eins sehen. Langzeit-Analysen wie jene des Republikon‑Instituts verorten Fidesz‘ Stammwählerschaft bei etwa einem Viertel. Der Rückhalt für Orbán schwindet allmählich. Beobachter halten einen Wahlsieg des ungarischen Premiers aber durchaus für möglich. Viele Botschaften Orbáns verfangen noch immer bei den Wählern, etwa, wenn er sich als Verteidiger nationaler und familiärer Werte gibt oder als die letzte Bastion vor einem angeblichen Kriegseintritt ungarischer Soldaten in der Ukraine.

Bei dem Patrioten-Treffen versammeln sich all jene, die Orbán – oder zumindest seine Politik – regelrecht feiern. Die Veranstaltung ist gut besucht. Hochzeitsmeister Bence wartet schon einige Minuten in der Schlange. Gleich kann er die Eisengitter passieren und sich am Empfang registrieren. Er besucht die Veranstaltung, um Menschen zu treffen, die ähnlich über Ungarn denken wie er. "Ich schätze Viktor Orbán und stimme ihm in vielen Punkten zu, und obwohl er für viele Menschen eine polarisierende Persönlichkeit darstellt, bin ich der Meinung, dass er den Ideen, für die ich eintrete, doch am nächsten steht", sagt Bence.

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Dann zählt Bence die drei Werte auf, die ihm bei Orbáns Politik am wichtigsten sind: der Schutz der ungarischen Grenzen, die christliche Weltanschauung und das Prinzip "Der Vater ist Mann, die Mutter ist Frau".

Wahlkampf mit Feindbildern

Was Bence sagt, steht exemplarisch für die Meinungen vieler anderer Orbán-Anhänger. In Umfragen, insbesondere von regierungsnahen Instituten wie Nézőpont oder Századvég, nennen Fidesz-Wähler wirtschaftliche Sicherheit, soziale Sonderleistungen sowie Orbáns Rolle als Garant der nationalen Interessen und des Grenzschutzes als Gründe für ihre Unterstützung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vom Juni 2025, für die nicht nur Orbán-Fans, sondern die Allgemeinbevölkerung befragt wurde. Als größte Erfolge von Orbáns Regierung während ihrer gesamten Amtszeit werden von den Ungarn vor allem drei Sozialleistungen genannt: die Wiedereinführung der 13. Rentenauszahlung, die Unterstützung von Familien mit Kindern und die staatliche Bezuschussung von Wohnnebenkosten. Auf Platz vier landet Orbáns restriktive Migrationspolitik, dicht gefolgt von der "Verhinderung, in den Russland-Ukraine-Krieg hineingezogen zu werden".

Die noch unentschiedenen Wähler auf seine Seite zu ziehen, wird in diesem Wahlkampf für Orbán entscheidend sein. Der Anteil der Unentschlossenen variiert stark je nach Institut, sie könnten zwischen einem Drittel und unter zehn Prozent ausmachen. Im Wahlkampf versucht Orbán momentan, nicht zuvorderst mit den Erfolgen von Fidesz zu punkten. Zu offensichtlich sind die Folgen der massiven Korruption für Wirtschaft und Infrastruktur, für Gesundheits- und Bildungswesen. Orbán hat sich deshalb vor allem auf negative campaigning verlegt: Er macht Wahlkampf mit den Feindbildern Brüssel und Kiew. So behauptet er, die EU bezahle seinen Kontrahenten Magyar, um an der Seite der Ukraine gegen Russland in den Krieg zu ziehen. Damit bedient Orbán dieselbe Täter-Opfer-Umkehr wie die russische Propaganda.

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Einige Ungarn haben tatsächlich Angst, gegen ihren Willen am Krieg in der Ukraine beteiligt zu werden. Auch Rita macht sich solche Sorgen. Die 51-jährige Personal-Managerin steht ebenfalls Schlange, um die Patrioten-Veranstaltung zu besuchen. "Ich habe das Gefühl, dass es sich hier wirklich nicht nur um Worte handelt, die Orbán verkündet – Sicherheit und Frieden -, sondern dass er das auch wirklich ernst meint", sagt Rita. Orbán halte Ungarn aus gewalttätigen Konflikten heraus und vertrete ihre Werte: "Nation, Familie, Heimat".

Völlig anders bewertet Rita die Politik Magyars und der Tisza-Partei. Sie teilt das Narrativ, das Orbán verbreitet: "Die Europäische Volkspartei, der Péter Magyar angehört, vertritt die Meinung – das haben sie ja mehrfach erklärt -, dass es ihr Traum ist, dass Soldaten der Europäischen Union gemeinsam in den Krieg gehen." Falls seine "Vorgesetzten" in der Europäischen Union Magyar sagten, er solle in den Krieg gehen, werde er dies tun, davon ist Rita überzeugt. Unklar bleibt, wer diese "Vorgesetzten" sein sollen.

Katalin hält Magyar für "psychisch krank"

Magyar selbst sitzt im Europäischen Parlament, die pro-europäische Ausrichtung seiner Partei spielt in seinem Wahlkampf eine große Rolle. Wie Ritas Beispiel zeigt, fällt die Taktik nicht überall auf fruchtbaren Boden – die Skepsis gegen die Technokraten in Brüssel, befeuert durch Orbáns Propaganda, bleibt. Dennoch hält Magyar daran fest, sich als Anti-Orbán zu positionieren, nicht nur durch das Versprechen, die eingefrorenen Fördergelder der EU wiederzubekommen. Magyar stellt den Ungarn auch in Aussicht, den desolaten Sozialstaat zu sanieren, die Korruption zu bekämpfen, für bessere Löhne zu sorgen und den Rechtsstaat wiederherzustellen.

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Aber eingefleischte Orbán-Anhänger wollen von Magyar und seinen Versprechen nichts wissen. Viele von ihnen unterstützen auch die breit angelegte Schmutzkampagne, die Orbán gegen Magyar fährt. Die Verleumdungsmethoden reichen von KI‑Videos über PR-Kampagnen bekannter Influencern bis hin zu umstrittenen Strafverfahren. Maygyars Politik wird so als Teil einer von außen gesteuerten Kampagne gegen Ungarn dargestellt.

Auch Katalin regt sich über Magyar auf, als sie in der Schlange vor dem Eingang der "Patriots" steht. Die 69-jährige Rentnerin bezeichnet sich selbst als "Orbán-Fan". Magyar ist für sie hingegen ein "Clown" und ein "psychisch kranker" Mensch. "Ich will ihn gar nicht groß analysieren, denn es gibt Fachärzte, die sein Verhalten und alles andere untersuchen sollten", sagt die ehemalige Standesbeamtin. Magyar schüre Hass gegen Orbán. Katalin will nicht mit "solchen verblendeten Linksextremen diskutieren, denn sie wissen angeblich nur eines: dass sie [Fidesz] stehlen".

"Wo ist dann die Grenze?"

Teil der Verleumdungskampagne gegen Maygar ist ein Video, das angeblich existiert und den Tisza-Vorsitzenden beim Sex mit seiner Ex-Freundin zeigt. Auf einer anonymen Webseite wird die Veröffentlichung des Videos angekündigt, es ist aber noch immer nicht online. Magyar spricht von Erpressung mit einer heimlich aufgenommenen, vielleicht sogar manipulierten Aufnahme mit einer Ex-Partnerin.

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Für Ferenc steht fest, dass Magyar selbst ein Sex-Video mit seiner Partnerin aufgenommen hat. Der junge Ungar, der momentan in Hamburg lebt und sich beruflich weiterbildet, ist nach Budapest gereist, um die Initiative der Patriots "persönlich zu unterstützen". Ferenc steht bereits am Eisentor, lässt aber andere Leute in der Schlange vor, weil er noch über Magyar und das Sex-Video sprechen will: "Wenn Magyar heimlich eine sehr nahestehende Vertrauensperson aufnimmt und das ein Jahr später veröffentlicht, wo ist bei ihm dann die Grenze?" Magyars Äußerungen über das Video haben ihn nicht überzeugt. Warum er Orbán unterstütze, sei eine komplexe Frage, sagt Ferenc. Aber immerhin verbringe Orbán keine "Sex-Abende mit ihm bekannten oder auch unbekannten Menschen".

Ferenc sagt noch, er werde hoffentlich reingelassen, obwohl er die digitale Registrierung am Vorabend versäumt habe. Dann verschwindet er hinter den Eisengittern. Die Schlange hinter ihm wird wieder länger. Die Stimmung ist ausgelassen. Einige haben sich in Orbán-Merchandise gekleidet, um den ungarischen Premier gebührend zu feiern – etwa mit Kappen, auf denen steht: "Make Hungary Great Again".

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