VfL Wolfsburg gewinnt gegen die SGS Essen das DFB-Pokalfinale: Bestes Essen
Icon: vergrößernEssens Lea Schüller (l.) und Dominique Bloodworth
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Die Chance ihres Lebens: Die SGS Essen ist ein Breitensportverein. Dort wird Gymnastik, Judo und Tanzen angeboten. Und Fußball für Frauen. Der Klub spielt in der Bundesliga, ist bekannt für die gute Nachwuchsarbeit. Mit Marina Hegering, Lea Schüller, Turid Knaak und Lena Oberdorf stehen vier Nationalspielerinnen im Kader. Alle vier verlassen Essen, wechseln nach München oder wie Oberdorf zum VfL Wolfsburg – dem Gegner im Pokalfinale in Köln. Das Quartett wünschte sich einen Titel zum Abschied.
Das Ergebnis: Es war knapp, es war dramatisch, Essen war nah dran an der Sensation. Der Pokal geht aber nach Wolfsburg – nach einem 4:2-Sieg im Elfmeterschießen.
Högner wie Herberger: Es ist gerade mal drei Wochen her, da trafen Essen und Wolfsburg in der Bundesliga aufeinander. Wenige Tage zuvor waren beide Teams ins Pokalfinale eingezogen, wegen der hohen Belastung verzichtete Essens Trainer Markus Högner in der Liga auf zahlreiche Stammspielerinnen. Vielleicht hatte Högner aber auch schon das Finale im Hinterkopf – das Spiel endete 3:0 für Wolfsburg. Täuschungsmanöver im Fußball gehen auf Sepp Herberger zurück. Bei der WM 1954 verlor Herbergers deutsche Nationalmannschaft in der Gruppe 3:8 gegen Ungarn, um dann im Finale 3:2 zu gewinnen. Diesmal ging der Plan nur fast auf.
Erste Hälfte: Nach elf Sekunden gingen die Außenseiterinnen in Führung. Bei einem langen Pass fehlte die Abstimmung in Wolfsburgs Abwehr, Lea Schüller ging an Nationalmannschaftskollegin Sara Doorsoun vorbei. Sie lupfte den Ball über Torhüterin Friederike Abt und köpfte den Ball ins Tor. Als Torjägerin Pernille Harder (Lesen Sie hier mehr über die dänische Stürmerin) schnell zum Ausgleich traf (11. Minute), sah der Rückstand nur wie ein Wolfsburger Ausrutscher aus. Doch Marina Hegering erzielte per Kopfball die 2:1-Pausenführung für Essen (18.).
Die Sache mit der Dominanz: Die Wolfsburgerinnen sind seit Jahren ans Siegen gewöhnt. In dieser Saison gab es bisher in drei Wettbewerben noch gar keine Niederlage – die Champions League wird dann im August in Turnierform in Spanien zu Ende gespielt. Solche Erfolgsserien sorgen für Selbstvertrauen, der Grat Richtung Überheblichkeit ist allerdings schmal. Nach dem Tor von Hegering reagierten die Wolfsburgerinnen mit ruhigem, durchdachtem Spielaufbau – und sichtbarem Frust. Das Foul von Anna Blässe an Turid Knaak (26.) war ungewöhnlich hart für Fußball der Frauen, Kapitänin Alexandra Popp und Harder lamentierten einige Male bei Schiedsrichterin Nadine Westerhoff.
Zweite Hälfte: Es blieb ein Finale mit zahlreichen Höhepunkten. Jana Feldkamp traf für Essen den Pfosten (59.). Blässe, die auch den Ausgleich von Harder vorbereitet hatte, traf mit einem Distanzschuss zum 2:2 (70.). Wolfsburg ging durch die niederländische Nationalspielerin Dominique Bloodworth, die in Wolfsburg mit ihrem Mädchennamen Janssen aufläuft, weil dieser Name in ihrem Reisepass steht, sogar erstmals in Führung (86.). Doch Essen war nicht unterzukriegen: Die eingewechselte Irini Ioannidou erzwang in der Nachspielzeit mit einem direkt verwandelten Freistoß die Verlängerung.
Anstoß, Heber, Latte: Marina Hegering hat in ihrer gesamten Karriere nebenher als Kauffrau für eine Baufirma gearbeitet. Diese Sicherheit gibt sie nun auf, mit ihrem Wechsel zum FC Bayern wird Hegering Profi. Hegering stach mit ihrer engagierten Leistung besonders aus dem Wechsel-Quartett hervor. Fast wäre ihr sogar ein Treffer Marke Tor des Jahres gelungen. Nach dem 2:2 ging die Innenverteidigerin an den Anstoßpunkt, sah die etwas vorgerückte Abt und hob den Ball aus über 50 Metern an die Latte.
Verlängerung: Wolfsburg drückte, Essen verteidigte bis zur Verkrampfung (der Muskeln). Doch die Defensive hielt, auch mit etwas Glück. Cláudia Neto schoss an den Pfosten, der Abpraller landete bei Blässe, die auch nochmal Aluminium traf.
Elfmeterschießen: Popp schoss für Wolfsburg am Tor vorbei, Essen war kurz im Vorteil. Doch die Fehlversuche von Ioannidou und Nina Brüggemann drehten das Ergebnis und Bundesliga-Torschützenkönigin Pernille Harder verwandelte den letzten Elfmeter mit nordischer Kühle. Für Hegering war es ein Ende mit Schrecken: "Es steht nicht der verdiente Sieger auf dem Podest", sagte die Essenerin in der ARD.
Ab zu den Männern: Die ARD tut einiges, um Fußball der Frauen mehr Bedeutung zu verschaffen. Wenn nach so einem grandiosen Spiel dann aber das Pokalfinale der Männer näher rückt, werden Prioritäten gesetzt. Die Vorberichte wurden im TV gezeigt, die Ehrung der Wolfsburgerinnen im Stream versteckt.
Essens Zukunft: Es ist schwer vorstellbar, wie die SGS Essen ohne Hegering, Knaak, Oberdorf und Schüller konkurrenzfähig bleiben will. Sie werden es aber versuchen, Trainer Högner hat bereits neun neue Spielerinnen verpflichtet – Durchschnittsalter 20,7 Jahre. Langfristig werden es die Essenerinnen aber schwer haben, sich in der Bundesliga zu halten. In Frankfurt übernimmt die Eintracht, RB Leipzig drängt nach oben, bei Borussia Dortmund – in Essens Nachbarschaft – werden die Stimmen lauter, die ein Engagement im Fußball der Frauen fordern.
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