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Vergifteter Putin-Kritiker: War es Nowitschok?

August 24
23:22 2020
Alexej Nawalny bei einer Kundgebung für den 2015 ermordeten Politiker Boris Nemzow Icon: vergrößern

Alexej Nawalny bei einer Kundgebung für den 2015 ermordeten Politiker Boris Nemzow

Foto: Tatyana Makeyeva/ REUTERS

Die Ärzte der Berliner Charité haben im Fall des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny Hinweise auf eine Vergiftung gefunden. Die klinischen Befunde würden auf eine Substanz aus "der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" hinweisen, teilte die Charité mit. Die genaue Substanz sei aber bislang nicht bekannt.

Was weiß man über den Wirkstoff?

Auf den Wirkstoffen aus dieser Gruppe basieren einige Medikamente und Insektizide, aber auch Nervengifte wie das in der ehemaligen Sowjetunion entwickelte Nowitschok. Diese Stoffe hemmen das Enzym "Acetylcholinesterase", das für die normale Funktion des Nervensystems von Menschen, Wirbeltieren und Insekten wichtig ist.

Im menschlichen Körper ist das Enzym für den Abbau von Botenstoffen zuständig, es leitet Reize von Nervenzelle zu Nervenzelle. Bei schweren Krankheiten wie Alzheimer ergibt es Sinn, diese Funktion zu behindern, wenn es etwa einen Mangel an Botenstoffen gibt. Hier helfen Cholinesterase-Hemmer in Form von Medikamenten, die "Signalstärke" des Denkens zu verstärken.

Wann wird das Medikament zum Gift?

Cholinesterase-Hemmer können bei einer Vielzahl von Körperfunktionen Überaktivitäten auslösen, deren akute Folgen tödlich sein können. So können sie Muskelkrämpfe verursachen und anschließend zu Herz- und Atemlähmung führen. Als Gegenmittel kommt zum Beispiel Atropin zum Einsatz, das unter anderem die Signalübertragung in der Nervenleitung unterbricht und die Wirkung des Gifts abschwächt. Laut Charité wird derzeit auch Nawalny damit behandelt.

Auf der Basis eines Cholinesterase-Hemmers wurde unter anderem das heute verbotene Insektizid E 605 hergestellt, das wegen seiner tödlichen Wirkung auch bei Morddelikten verwendet wurde.

Was hat der Wirkstoff mit Nowitschok zu tun?

Nervengifte wie Sarin und Nowitschok basieren auf der Wirkung von Cholinesterase-Hemmern. Die Nowitschok-Gifte wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt und in den vergangenen Jahren durch mehrere aufsehenerregende Anschläge berüchtigt. 2018 wurde Nowitschok in England beim Mordanschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal eingesetzt. Wenige Monate später kam ein britisches Ehepaar mit dem Stoff in Kontakt, die Frau starb an den Folgen.

Die Giftgruppe besteht aus ungefähr hundert verschiedenen Stoffvarianten. Einigen von ihnen wird nachgesagt, sie seien fünf bis achtmal tödlicher als das Nervengift VX, mit dem etwa der Halbbruder des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Un ermordet worden sein soll. Im Vergleich zu VX und Sarin lassen sich die Nowitschok-Stoffe schlechter nachweisen, können aber mittlerweile trotzdem aufgespürt werden.

Hergestellt werden die Gifte aus zwei nicht giftigen Grundstoffen. Die Bestandteile seien recht leicht zu haben, erklärt Gary Stephens, Pharmakologe an der University of Reading. "Die Chemikalien unterliegen keinen strengen Vorschriften." Sie könnten leicht geliefert werden, weil kein Risiko für die Gesundheit der Zulieferer bestehe. Erst in Kombination entfalten die Stoffe ihre Giftwirkung.

Der Körper nimmt das Nervengift, wie andere Stoffe aus der Wirkstoffgruppe, vor allem über die Atemwege auf, manchmal auch über die Haut oder die Schleimhäute. Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass Alexej Nawalny tatsächlich mit Nowitschok vergiftet wurde.

Icon: Der Spiegel

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