US-Wahl 2020: Um Donald Trump wird es einsam
Icon: vergrößernUS-Präsident beim Abgang nach dem denkwürdigen Press Briefing im Weißen Haus
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BRENDAN SMIALOWSKI / AFP
Der Präsident steht im Pressesaal des Weißen Hauses und präsentiert sich in seiner Lieblingsrolle; er gibt den besorgten Landesvater. Schlimm sei das, was gerade bei den Stimmenauszählungen in Pennsylvania und anderen Staaten geschehe. Da sei ein "Betrug" im Gange, behauptet Donald Trump, ohne Belege zu liefern. Seine Gegner wollten die Wahl "stehlen".
Donald Trump versucht alles, um noch irgendwie im Amt zu bleiben. Er glaubt weiter an seinen Sieg. Aber drei Tage nach der US-Präsidentenwahl sieht es nicht gut für ihn aus. Joe Biden führt in wichtigen Staaten und steht kurz davor, die magische Schwelle von 270 Stimmen im Wahlleutegremium zu erreichen. Trump kann ihn bislang nicht überholen. Wenn nicht bald ein Wunder geschieht, wird der nächste Präsident der USA wohl Joe Biden heißen.
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Das Land wartet derweil weiter gebannt auf die Endergebnisse aus den entscheidenden Staaten Pennsylvania, Nevada, Arizona und Georgia. Die Auszählung kann sich noch Tage hinziehen. So befinden sich die Vereinigten Staaten in einer seltsamen Zwischenwelt – die eine Hälfte des Landes hofft noch auf Trumps Sieg, die andere auf seinen baldigen Abgang.
Trumps Welt wird unterdessen immer kleiner. Als er im Weißen Haus bei seiner Pressekonferenz seine unbelegten Behauptungen über angeblichen Wahlbetrug vorträgt, brechen die großen TV-Sender ABC, CBS und NBC ihre Übertragung ab. Sie wollen offenkundig nicht dazu beitragen, die Lügen des Präsidenten zu verbreiten.
Allein im Speisesaal
Vertraute des Präsidenten berichten gegenüber US-Medien, Trump sei müde und abgeschlagen, auch frustriert. Er sitze derzeit stundenlang im Speisesaal des Weißen Hauses neben seinem Büro und schaue Fernsehen. Alleine.
Es scheint einsam zu werden um diesen Präsidenten. Von Top-Republikanern im Kongress erhält Trump in diesen Tagen kaum öffentliche Unterstützung für seinen Kampf um die Macht. Offenbar wollen sie erst abwarten, in welche Richtung sich die Dinge entwickeln.
So sind es vor allem die Treuesten der Treuen, die jetzt zu Trump stehen – und die noch mit ihm kämpfen. Trumps Söhne Eric und Donald Junior attackieren führende Parteifreunde des Präsidenten via Twitter. Sie werfen ihnen vor, sie würden sich nicht genug dafür engagieren, Trump im Amt zu halten. Es ist die Wut der Verzweifelten, die sich da Bahn bricht.
Zugleich spielen sich bizarre Szenen ab: In Nevada, wo die Auszählung immer noch läuft, treten Vertraute des Präsidenten auf wie der frühere US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, und behaupten vor der Presse, die Auszählung dort werde manipuliert. In Philadelphia, wo die Auszählung ebenfalls weiterhin läuft, sind der Trump-Anwalt Rudy Giuliani, sowie die Trump-Freundin und Anwältin Pam Bondi unterwegs, um gegen die Auszählung zu protestieren. Sie verlangen Zugang zu den Räumen, in denen die Stimmen ausgezählt werden, werden jedoch zunächst abgewiesen.
Konzertierte Rettungsaktion
Es ist offenkundig eine konzertierte Aktion, um möglichst viel Misstrauen gegen den Wahlprozess zu schüren. Bei Fox News sorgt der Moderator und Trump-Freund Sean Hannity dafür, dass die wilden Spekulationen über angeblichen Wahlbetrug neue Nahrung erhalten und möglichst viele Amerikaner erreichen. Dort wird behauptet, die Demokraten in Städten wie Philadelphia oder Detroit würden Wahlbeobachter ausschließen, das wird schon als Beleg für den angeblichen Betrug gewertet.
"Es ist ein unglaublicher Vorgang", wettert der republikanische Senator Ted Cruz, der sich offenbar entschieden hat, weiter zu Trump zu halten. Der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich, ebenfalls ein treuer Trump-Fan, behauptet, bei der Auszählung sei "Korruption" im Spiel. "Die amerikanischen Bürger haben ein Recht auf eine anständige Wahl. Das ist eine tiefe Krise des Systems."
Was Hannity, Gingrich und Co. ihren Millionen Zuschauern nicht sagen: Es sind bei allen Auszählungen sowohl Demokraten als auch Republikaner dabei, die den Vorgang beobachten. An vielen Orten werden die Auszählungen per Livestream ins Internet übertragen. Wer keinen Zugang erhält, sind Trump-Aktivisten, die versuchen, den Zählvorgang zu stören.
Nachdenken über die Zeit nach Trump
Aber Fakten spielen in Trumps-Welt schon lange keine Rolle mehr. Wie verzweifelt der Präsident zu sein scheint, sieht man auch an Trumps Twitter-Botschaften. "Stoppt die Auszählung!", verlangt Trump da in Großbuchstaben empört. Eine kuriose Idee: Würde man die Auszählung – so wie von Trump gefordert – sofort anhalten, wäre Joe Biden Präsident. Er hätte dann genug Stimmen zusammen, um ins Weiße Haus einzuziehen.
In Washington beginnt derweil bereits das Nachdenken über die Zeit nach Trump. Für viele Republikaner im Kongress wäre ein Verlust der Präsidentschaft natürlich bitter. Genauso viel Sorge bereitet ihnen aber sicherlich die Entwicklungen in Georgia: Dort könnte sich entscheiden, ob die Partei ihre wichtige Senatsmehrheit verteidigen kann.
Nach Lage der Dinge könnte es in Georgia im Januar zu zwei Stichwahlen kommen. Erobern die Demokraten dabei beide offenen Senatssitze, stünde es 50 zu 50 im Senat. Kamala Harris als neue Vizepräsidentin hätte dann bei einem Unentschieden die entscheidende 51. Stimme. Für die Republikaner wäre das eine Katastrophe: Sie hätten dann nicht nur das Weiße Haus, sondern auch ihre Macht im Kongress verloren.
Und auch das gibt es: Manche Parteifreunde des Präsidenten machen sich bereits Gedanken darüber, was Trump tun könnte, falls er tatsächlich aus dem Amt ausscheiden sollte. Eine Idee. Er könnte 2024 einfach erneut antreten.
Tatsächlich wäre seine Wiederwahl dann möglich. Die Verfassung schreibt vor, dass eine Person zwei Mal zum Präsidenten gewählt werden darf. Das können aber eben auch zwei auseinander liegende Amtszeiten sein.
Icon: Der Spiegel

