Ukraine-Krieg: Wolodymyr Selenskyj trauert um toten Innenminister, zwei mutmaßliche Korruptionsfälle in Kiew
Mit einer emotionalen Botschaft hat sich der ukrainische Präsident von seinem Innenminister verabschiedet. Derweil sorgen Korruptionsvorwürfe in Kiew für Furore, es geht um den Kauf von Lebensmitteln und Generatoren. Die jüngsten Entwicklungen.
Das sagt Kiew
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich emotional von seinem bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommenen Innenminister Denys Monastyrsky verabschiedet. »Wir verlieren jeden Tag Menschen, an die wir uns immer erinnern werden und wo wir bedauern, dass wir sie nicht zurückbringen können«, sagte Selenskyj am Samstag in seiner täglichen Videoansprache. Der 44-Jährige war zuvor auch bei der Trauerfeier für die Opfer des Absturzes.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Videobotschaften nahm Selenskyj keinen Bezug auf das aktuelle Kriegsgeschehen. Stattdessen erinnerte er in einer emotionalen Botschaft an die vielen Opfer des Krieges. Er wünsche sich, dass alle Ukrainer den Verlust empfinden, sagte Selenskyj. Er wünsche, »dass wir fühlen, wie viele Leben, wie viele kluge Menschen der Krieg kostet. Ich möchte, dass wir alle heute ihr Andenken ehren«, sagte der Präsident.
Gleichzeitig erschüttern zwei mutmaßliche Korruptionsskandale das Land. Ukrainischen Medienberichten zufolge soll das Verteidigungsministerium überteuerte Lebensmittel für Soldaten im Hinterland gekauft haben. Der Preis soll bis zu dreimal höher als Einzelhandelspreise gewesen sein, der Vertrag soll umgerechnet gut 300 Millionen Euro umfasst haben. Verteidigungsminister Olexij Resnikow soll laut Medienberichten nun vor dem Parlament in Kiew dazu Stellung nehmen. Zudem werde der Rechnungshof das Ministerium unter die Lupe nehmen, erklärte die Vizevorsitzende des Rada-Ausschusses für nationale Sicherheit, Verteidigung und Aufklärung, Marjana Besugla.
Derweil ist der Vizeminister für die Entwicklung von Gemeinden, Territorien und Infrastruktur, Wassyl Losynskyj, seinem Ministerium zufolge aus dem Amt entlassen worden. Er war zuvor wegen Bestechungsvorwürfen inhaftiert worden. Beim Kauf von Generatoren soll Losynskyj laut der Internetzeitung »Ukrainska Prawda« ein Bestechungsgeld von 400.000 Dollar erhalten haben.
Das sagt Moskau
Das russische Militär will nach eigenen Angaben im Süden der Ukraine Geländegewinne erzielt haben. »Im Gebiet Saporischschja konnten durch Angriffe […] günstigere Linien und Positionen eingenommen werden«, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Zuvor hatten bereits ultranationalistische russische Militärblogger über eine angebliche Offensive im Raum Orichiw und Huljajpolje in der Region Saporischschja berichtet. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Der ukrainische Generalstab hatte am Morgen lediglich von Beschuss in der Region gesprochen, aber keine Angaben über einen Vormarsch russischer Truppen gemacht. Jewhen Jerin, ein Militärsprecher in Saporischschja, widersprach Moskaus Behauptung und sagte dem ukrainischen Fernsehsender Suspilne: »Im Moment haben sie nichts erobert. Alle ihre Versuche wurden zurückgeschlagen, und der Feind hat Verluste erlitten.« Auch diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Die Region Saporischschja gilt als strategisch wichtig. Aus ukrainischer Sicht wäre ein russischer Vormarsch gefährlich, weil dann die eigenen im Osten stationierten Truppen zur Verteidigung des Donbass in Gefahr geraten könnten, eingekesselt zu werden. Auf russischer Seite befürchtet man, dass die Ukrainer mit einem Vorstoß Richtung Meer einen Keil zwischen die russischen Truppen treiben könnten, womit die Versorgung der Einheiten in der Region praktisch unmöglich würde.
Internationale Reaktionen
Politiker von Grünen und FDP drängen Kanzler Olaf Scholz (SPD) weiter zur Lieferung von Kampfpanzern an die Ukraine. Der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Anton Hofreiter (Grüne) sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: »Es geht natürlich nicht nur um Leopard 2, aber dies ist eine entscheidende Unterstützung, die Deutschland anbieten kann.« Es müsse »jetzt sofort« mit der Ausbildung von ukrainischen Soldaten am Leopard begonnen werden, damit es nicht zu weiteren Verzögerungen komme. Zuvor hatte FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann den Kanzler im Streit um die Kampfpanzer öffentlich angegriffen.
Der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte an, womöglich schon in den kommenden vier Wochen in die Ukraine zu fahren.
Unterdessen geht das britische Verteidigungsministerium laut seinem täglichen Geheimdienst-Update davon aus, dass Russland Schwierigkeiten haben wird, seine Armee wie angekündigt auf 1,5 Millionen Soldaten aufzustocken. Großbritannien interpretiert das Vorhaben aber als Signal, dass Russland noch viele Jahre über den aktuellen Angriffskrieg gegen die Ukraine hinaus mit einer »konventionellen militärischen Bedrohung« rechne.

