Ukraine-Krieg: Wie Joe Biden unbemerkt nach Kiew gelangte
Die geheime Reise nach Kiew hatten Joe Bidens Mitarbeiter monatelang geplant. Was der Code SAM060, der Atomkoffer und auch Deutschland mit dem Besuch zu tun haben: Die Stationen der Reise im Überblick.
Er kam – für die allermeisten Beobachter – überraschend: US-Präsident Joe Biden hat Kiew besucht, um der Ukraine die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu versichern. Fotos des Besuchs gehen um die Welt. Aber wie bringt man einen der wichtigsten Politiker der Welt top secret nach Kiew? Ein Überblick über die Reise.
Der Start
Am Sonntag gegen 3.30 Uhr morgens verlässt laut der Nachrichtenagentur AP eine Autokolonne das Gelände des Weißen Hauses in Washington. Biden steigt anschließend in die Air Force C-32, die normalerweise für Inlandsflüge genutzt wird. An Bord wird das Rufzeichen SAM060 verwendet, das steht für »Special Air Mission«. Üblich wäre das Rufzeichen »Air Force One« gewesen. Der Flieger hebt Richtung Europa ab und landet: in Deutschland, zum Tanken. Nach dem Zwischenstopp hebt die Air Force C-32 ab Richtung Polen, schaltet aber den Transponder aus, damit die Route nicht so leicht nachverfolgt werden kann.
Die Ankunft
Eine Stunde dauert der Flug nach Rzeszów im Südosten Polens. Anschließend setzt sich Biden laut »New York Times« in die Bahn, nach einer zehnstündigen Zugfahrt von der polnischen Grenze aus kommt er am Morgen gegen 8 Uhr in Kiew an. Dort wird er von Botschafterin Bridget Brink in Empfang genommen, in einer Autokolonne fahren Biden und seine Mitarbeiter zum Marienpalast, dem Sitz des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. In der Stadt werden dafür viele Hauptstraßen und zentrale Kreuzungen gesperrt, ohne öffentliche Erklärungen. Die Menschen in der Stadt filmen die Autokolonne und posten Fotos und Videos in den sozialen Medien. Es sind die ersten öffentlichen Anzeichen dafür, dass Biden in der Stadt ist.
Was wusste Russland?
Monatelang hatten die USA an der Biden-Reise gearbeitet, heißt es. Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan erklärte, die Reise sei »eine sicherheitstechnische, operative und logistische Anstrengung von Fachleuten aus der gesamten US-Regierung« gewesen, »um ein von Natur aus riskantes Unterfangen in ein überschaubares Risiko zu verwandeln«. Dazu zählte auch, dass Russland wenige Stunden vor Bidens Ankunft über die Reise informiert wurde. So habe eine Situation vermieden werden sollen, in der es zu einem Konflikt zwischen beiden Atommächten hätte kommen können, sagte Sullivan. Weitere Details wollte das Weiße Haus nicht nennen.
Der Besuch
In Kiew besucht US-Präsident Biden während seines rund fünfstündigen Aufenthalts mehrere Orte. Begleitet wird er laut AP von einem relativ kleinen Stab an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter Sicherheitsberater Sullivan, die Leiterin der Oval Office Operations, Annie Tomasini, der Geheimdienst und ein Militärhelfer, der über den sogenannten Atomkoffer wacht.
Biden würdigt bei seinem Besuch »Mut und Führungsstärke« des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Das schreibt er ins Gästebuch des Marienpalasts. Der ukrainische Vizeregierungschef Oleksandr Kubrakow twitterte ein Foto von Bidens Botschaft, auf dem zu lesen ist: »Ich fühle mich geehrt, erneut in Kiew empfangen zu werden, um in Solidarität und Freundschaft mit dem freiheitsliebenden Volk der Ukraine zu stehen. Herr Präsident, bitte nehmen Sie meinen tiefsten Respekt für Ihren Mut und Ihre Führungsstärke entgegen. Slawa Ukraini! Joe Biden«.

