Trump überraschend zahm: Lenkt da etwa jemand ein?
Politik
Trump überraschend zahmLenkt da etwa jemand ein?
21.01.2026, 18:08 Uhr Von Nele Spandick, Davos Artikel anhören(03:55 min)00:00 / 03:55
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Donald Trump will immer noch Grönland – aber nicht um jeden Preis. Seine Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos zeigt: Offenbar versteht er die neue Härte der Europäer.
"Es war gar nicht so leicht, nicht einzuschlafen", sagt ein Mann beim Rausgehen zu seiner Begleiterin. Ein Satz, der vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre nach so einem Auftritt von Donald Trump. Aber man muss sagen: In Davos hatte man mehr erwartet – besser: Schlimmeres befürchtet. Lange spricht der US-Präsident bei seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum über seine wirtschaftlichen Erfolge – oder das, was er als solche definiert. Nach etwa einer halben Stunde wechselt er das Thema: Grönland. "Wollen Sie noch etwas dazu hören?", fragt er ins Publikum. Trump genießt es, dass hier alle nervös auf diesen Moment warten.
Schon anderthalb Stunden vor seinem Auftritt hat sich das Foyer vor der Halle gefüllt, vier Ausweichsäle standen bereit, um die aufzunehmen, die es nicht reinschaffen. Am Ende sind alle Plätze besetzt, am Rand steht noch mehr Publikum. Und es muss lange stehen. Trump überzieht seine Rede um fast eine halbe Stunde. Wie es beim Weltwirtschaftsforum üblich ist, unterbricht ihn niemand.
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Die Macht über An- und Entspannung im Publikum und in der ganzen Welt genießt er noch an anderer Stelle. Trump bekräftigt zwar mehrfach seinen Anspruch auf Grönland, er wolle es sich aber "nicht mit Gewalt" einverleiben. "Jetzt atmen bestimmt einige hier auf", sagt er. Ein Deal solle her, doch der Ball liege nun bei Europa: "Sie können Ja sagen, und wir werden Ihnen sehr dankbar sein. Oder Sie können Nein sagen, und wir werden uns daran erinnern", raunt er den Anwesenden zu.
Immer wieder während seiner Rede betont der US-Präsident, wie viel ihm an Europa liege, dass er nur Gutes für die Europäer wolle. "Ich stamme aus Europa: Schottland und Deutschland", sagt er. Und er bezeichnet Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron als jemanden, den er mag.
"Ein Stück Eis"
Ja, dieser Auftritt, so komisch es klingt, wirkt fast wie eine Deeskalation. Trump baut sich eine Rampe, um einen Deal zu machen oder die Grönland-Thematik langsam wieder ruhen zu lassen. Er bleibt zwar bei seiner Geschichte, dass Grönland schon früher zu den USA gehört habe und ihnen auch zustehe. Und dabei, dass die USA kein Interesse daran hätten, ein "Stück Eis" zu schützen, das sie selbst nicht besäßen.
"Bitte nur um ein Stück Eis"Trumps "größtes Statement" – Grönland-Aussagen im Wortlaut
Dennoch spricht er weniger hart als in den Tagen zuvor. Offenbar hat die europäische Reaktion gewirkt. Von Anfang an machte die EU klar: Ein Angriff auf Grönland ist ein Angriff auf uns. Wir werden das nicht dulden. Deutlicher als bei Venezuela, deutlicher als bei früheren Zoll-Drohungen widersprach sie.
Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärten der Welt in ihren Reden am Dienstag, was die EU noch aus der Schublade holen könnte, was für eine Macht sie eben doch habe und dass sie nicht alles mit sich machen lasse. Das ist offenbar angekommen beim US-Präsidenten. Wenn Trump durch diese neue Härte spürt, dass er nicht weiterkommt, indem er übertreibt und mit Drohungen schockiert, dann muss er sich jetzt einen Ausweg überlegen, um nicht als Verlierer aus der Sache rauszugehen. Diese Rede könnte sein erster Schritt dahin gewesen sein.
Vielleicht können auch die Europäer daraus lernen, wie man mit Tyrannen umgeht.
Dieser Text erschien zuerst bei stern.de

