Todesopfer, Korruption, Zynismus: Ministerin Noem schiebt Verantwortung auf Trump – der feuert sie
Politik
Todesopfer, Korruption, ZynismusMinisterin Noem schiebt Verantwortung auf Trump – der feuert sie
06.03.2026, 02:00 Uhr Von Roland Peters, New YorkArtikel anhören(06:55 min)00:00 / 06:55
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Das Heimatschutzministerium ist womöglich das wichtigste Ressort im Kabinett von US-Präsident Trump. Es organisiert die Massenabschiebungen. Nun feuert er Ressortchefin Noem jedoch. Eine Werbekampagne wird ihr womöglich zum Verhängnis.
Heimatschutzministerin Kristi Noem reitet unter blauem Himmel in Cowboy-Kleidung und auf einem Pferd durch den Wald, begleitet im Galopp eine Büffelherde, stellt sich vor den Mount Rushmore. "Wenn Sie die Grenze illegal überqueren, werden wir Sie finden (..), aber wenn Sie auf dem richtigen Wege hierherkommen, kann Ihr amerikanischer Traum so groß wie dieser endlose Himmel sein", lächelt sie. Der Clip dauert eine Minute. In einem anderen Video warnte Noem in Richtung Migranten: Jeder, der illegal in die USA komme, werde "gejagt und abgeschoben". Die zugehörige Werbekampagne kostete das Ressort etwa 220 Millionen Dollar. Und Noem nun offenbar den Job.
Mehr als ein Jahr hat es gedauert, aber Noem hat es als erstes Kabinettsmitglied erwischt. US-Präsident Donald Trump feuerte seine Heimatschutzministerin Kristi Noem. Sie soll schon am Wochenende eine neue Aufgabe in der Regierung erhalten. In dem entsprechenden Posting bei "Truth Social" fand Trump zwar nur lobende Worte für Noem. Aber es dürfte ihm zu bunt geworden sein, was seine Ressortchefin in aller Öffentlichkeit veranstaltete. Als sie bei einer Anhörung im Senat die Verantwortung auf Trump schob, war es dem Präsidenten ganz offensichtlich zu viel.
Es zeigt sich nun das erste Mal ein deutlicher Riss in Trumps Regierung. Bislang traten das Weiße Haus und sein Kabinett wesentlich geschlossener auf als in seiner ersten Amtszeit, die von permanenten Personalwechseln geprägt war. Diesmal setzt Trump vorrangig auf Loyalität zu ihm, andere Erwägungen sind offenbar zweitrangig.
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Zentrales Ministerium für Trumps Versprechen
Noem war von Anfang an eine zentrale Ministerin in Trumps zweitem Kabinett, unter anderem verantwortlich für die Abschiebebehörde ICE, die Grenzschutzbehörde CBP und die Katastrophenschutzbehörde FEMA. Die Massenabschiebungen von Migranten sind ein zentrales Wahlversprechen Trumps. Die Republikaner im Kongress statteten Noems Verantwortungsbereich deshalb im vergangenen Juni mit einem enormen Budget für neues Personal, neue Abschiebegefängnisse und zusätzliche Grenzsicherung aus. Nun soll es der Senator Markwayne Mullin führen. Er muss vom Senat bestätigt werden.
Die Republikanerin war im Weißen Haus laut US-Medienberichten schon länger nicht mehr unantastbar und in der Öffentlichkeit ohnehin umstritten. Seit die Abschiebebehörden bei ihren wochenlangen Razzien in der Stadt Minneapolis zwei US-Amerikaner auf offener Straße erschossen hatten, häuften sich die Rücktrittsforderungen. Die Gründe waren vielfältig.
Zum einen sind da die brutalen Vorgehensweisen der Abschiebebehörden, die nicht nur vor Ort, sondern auch in den sozialen Netzwerken zu sehen sind: ICE-Angestellte zerren Migranten aus Gerichtsgebäuden und warten am Rande von Visa-Anhörungen, Vermummte gehen per "racial profiling" vor, zerren unter anderem Menschen nur wegen ihres Aussehens aus Autos. Laut einem Ex-Anwalt der Behörde absolvieren neue Beschäftigte ein deutlich verkürztes Ausbildungsprogramm, damit sie schneller auf die Straßen geschickt werden können. Der ICE-Chef dementiert das. Noem behauptete auch, die Todesopfer Renee Good und Alex Pretti seien "inländische Terroristen" gewesen. Belege dafür wurden nie vorgelegt. Bei der Anhörung beantwortete sie die Fragen dazu gar nicht oder ausweichend.
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Zum anderen geriet Noem wegen ihrer Außendarstellung sowie damit verbundener Korruption unter Druck. In ihren zweitägigen Aussagen im Justizausschuss des Senats äußerte sie sich auch zu den Umständen der Werbekampagne, zu dem auch das Anfang November gefilmte "Mount Rushmore"-Video gehört. Eine der Firmen, die im vergangenen Jahr auch dafür 143 Millionen Dollar ohne vorherige Ausschreibung erhielt, hieß "Safe America". Die Firma beauftragte wiederum andere Unternehmen – darunter die "Strategy Group", eine wenige Tage zuvor gegründete Firma des Ehemannes von Noems Sprecherin Tricia McLaughlin. Die "Strategy Group" teilte am Mittwoch mit, sie habe rund 226.000 Dollar für verschiedene Film-Shootings und Werbung erhalten. Wohin das restliche Geld floss, ist unbekannt.
Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Denn im Kongress fragte der republikanische Senator John Kennedy an jenem Tag die Ministerin: "Der Präsident hat im Voraus genehmigt, dass Sie 220 Millionen Dollar für Fernsehwerbung im ganzen Land ausgeben, in der Sie prominent zu sehen sind?" Und Noem stimmte zu: "Ja, wir haben die rechtlichen Verfahren durchlaufen und alles korrekt durchgeführt." Einen Tag später, am Donnerstag, fragte die Nachrichtenagentur Reuters telefonisch bei Trump nach. "Ich habe davon nie etwas gewusst", antwortete der Präsident. So wurde offenbar, dass Noem versucht hatte, sich herauszureden, indem sie die Verantwortung auf den Präsidenten schob. Der feuerte Noem kurze Zeit später.
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Ein weiterer Kritikpunkt, auch aus der eigenen Partei, war Noems Vorgehen mit der Katastrophenschutzbehörde. Der republikanische Senator Thom Tillis warf ihr bei der Anhörung entgegen: "Sie haben bei der FEMA versagt." Noem hatte eingeführt, dass Ausgaben von über 100.000 US-Dollar von ihr persönlich abgezeichnet werden mussten. Kritikern zufolge habe dies die Katastrophenhilfe gebremst. Nach dem verheerenden Hurrikan Helene, bei dem mindestens 252 Menschen ums Leben kamen und der damit der tödlichste seit zwei Jahrzehnten war, wurden Hilfszahlungen verzögert geleistet.
Die martialische, zuweilen menschenverachtende Kommunikationsweise des Ministeriums und seiner Behörden in den sozialen Medien war ein weiterer Kritikpunkt – aber wohl nicht innerhalb der Regierung. Doch sie bekam wegen der brutalen Vorgehensweisen der Abschiebebehörden und der Zustände in manchen Gefängnissen eine besonders zynische Note.

