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»Titan«-Katastrophe: Was passiert bei einer Implosion?

June 23
15:29 2023

Am Ende fanden sich nur Trümmer: Nach fünf Tagen Suche geht die US-Küstenwache vom Tod der fünf Insassen der »Titan« aus – offenbar zerstörte eine Implosion das Tauchboot. Das Ereignis ist so gewaltig, die Crew hatte nach Ansicht der Experten keine Überlebenschance. Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Was passiert bei einer Implosion?

Bei einer Implosion bricht ein Objekt schlagartig in sich zusammen, wenn der Außendruck größer ist als die Stabilität des Druckkörpers des Tauchbootes. Schon der kleinste strukturelle Defekt kann in großer Tiefe eine solche Katastrophe auslösen.

Wenn ein Boot so tief taucht wie die »Titan«, müssen sich die Ingenieure mit dem Problem des enormen Wasserdrucks auseinandersetzen: »Unter normalen Umständen würde Luft bei einer Tiefe von etwa 2000 Metern auf rund ein Zweihundertstel ihres ursprünglichen Volumens reduziert«, sagt Stephan Hinz, der als Ingenieur für das Schweizer U-Boot-Unternehmen Subspirit arbeitet, dem SPIEGEL. Menschen könnten sie nicht atmen. Damit Atmung doch möglich ist, muss ein Tauchboot den gesamten Druck nach außen abstützen – man nennt dies Druckbehälter. »Und wenn dieser implodiert, wird die Luft so komprimiert, wie wenn man eine leere Coladose zusammendrückt.«

Was ist der Unterschied zu einer Explosion?

Anders als eine Explosion wirkt eine Implosion nach innen. Sie steht damit im umgekehrten Kräfteverhältnis zu einer Explosion. Das bedeutet: Bei beiden Ereignissen versagen unterschiedliche Dinge: »Bei einer Explosion hat man ein Festigkeitsversagen«, sagt Ingenieur Stephan Hinz. Vergleichbar etwa mit dem Ziehen an zwei Enden eines Blattes zieht – irgendwann reißt es entzwei. »Eine Implosion ist dagegen ein Stabilitätsversagen. Wenn Sie einen Knick in einen Stift machen, bricht er schnell in zwei Teile.« Auf ein Tauchboot übertragen bedeutet das: Eine Einbeulung der Druckhülle kann zu einer Implosion führen.

Welche Rolle hat das Material gespielt?

Manche Expertinnen und Experten vermuten, dass die für Tauchboote unübliche Konstruktion der »Titan« der Grund für deren Kollaps war. Kritisiert werden mehrere Faktoren, wie ein Professor für Meeresbiologie gegenüber der BBC erklärte. So seien die meisten Tiefsee-Tauchboote rundlich, um den extremen Druck der Wassermassen gleichmäßig auf die Kapsel zu verteilen – die »Titan« hingegen war röhrenförmig. Außerdem bestünde die Hülle solcher U-Boote meist aus Titan. Anders als der Name vermuten lässt, war die »Titan« hingegen zu einem großen Teil aus Kohlefaser gefertigt. Das Material sei zwar sehr fest und widerstandsfähig, allerdings in tiefen Gewässern bislang nicht genug erforscht. Gerichtsdokumente eines Prozesses zwischen dem Bootsbetreiber OceanGate und David Lochridge, dessen ehemaligem Direktor für den Schiffsbetrieb, zeigen, dass es bereits vor Jahren Sicherheitsbedenken gab. Lochridge warnte unter anderem davor, das Material sei nicht ausreichend unter starkem Druck getestet worden.

Warum waren die Sicherheitsstandards so niedrig?

Die »Titan« war offenbar nicht zertifiziert – zumindest hatte die Betreiberfirma 2019 erklärt, das Boot nicht von einem der klassischen Anbieter wie dem American Bureau of Shipping (ABS), DNV/GL oder Lloyd’s Register überprüfen zu lassen. Solch eine externe Stelle sei ein Gräuel für Innovationen, schrieb OceanGate-Chef Stockton Rush, der nun bei der Katastrophe ums Leben kam.

Warum betrieb ein Unternehmen mit solch einer Haltung so ein Boot? Weil es ging. »Wir befinden uns bei Unterwassereinsätzen in der Tiefsee an einem Punkt, der mit dem der Luftfahrt im frühen 20. Jahrhundert vergleichbar ist«, sagt Salvatore Mercogliano, Geschichtsprofessor an der Campbell University in North Carolina, der sich mit maritimer Geschichte beschäftigt. »Die Luftfahrt steckte in den Kinderschuhen – und es brauchte Unfälle, bis Entscheidungen getroffen und in Gesetze gegossen wurden.«

Wie waren wohl die letzten Sekunden an Bord?

Das Drama der »Titan« sorgte international wohl auch deshalb für so viel Anteilnahme, weil anscheinend ein regelrechtes Rennen gegen die Zeit entstanden war. Für 96 Stunden hätten die Menschen an Bord des Tauchboots noch Sauerstoff, hieß es zunächst. Obwohl nicht ganz klar war, wann diese Zeit ablaufen würde, beschäftigte viele Menschen dieses Bild: ein schleichender Tod, während die Suchteams gewissermaßen den Nordatlantik durchpflügen.

Eine Implosion, wie sie mutmaßlich bereits am Sonntag stattgefunden haben könnte, geschieht wesentlich schneller. Nach Angaben einer Marineexpertin dürften die Insassen der »Titan« nichts davon mitbekommen haben. Durch den hohen Druck in so großer Tiefe habe die Implosion nur den Bruchteil einer Millisekunde gedauert, sagte Aileen Marty, Professorin für Katastrophenmedizin und Ex-Marineoffizierin, dem US-Sender CNN. Das menschliche Gehirn könne dies gar nicht so schnell erfassen. »Das Ding dürfte kollabiert sein, bevor die Menschen im Inneren überhaupt gemerkt haben, dass es ein Problem gibt.«

Was passiert bei einer Implosion mit dem menschlichen Körper?

Marty sagte weiter, dass die Insassen sehr plötzlich starben. »Es gibt viele Möglichkeiten zu sterben. Das ist eine schmerzlose.« Einer der Insassen der »Titan«, der »Titanic«-Forscher Paul-Henri Nargeolet, sagte bereits 2019 in einem Interview mit dem »Irish Examiner« über die Gefahren des Tiefseetauchens: »In sehr tiefem Wasser ist man tot, bevor man merkt, dass etwas nicht stimmt.«

Der ungeheure Druck in der Tiefe, unter dem die Kohlefaser des Tauchboots versagte, wirkt im Falle einer Implosion unmittelbar auf die Insassen. Auf die Frage, ob die Leichen geborgen werden könnten, teilte die Küstenwache lediglich mit, dass es sich in der Gegend des »Titanic«-Wracks um eine »unglaublich erbarmungslose Umgebung« handele.

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