Schwangere Russinnen in Argentinien: Warum so viele dort ihre Kinder bekommen
Mehr als 10.500 schwangere Russinnen sind seit 2022 zur Geburt ihres Kindes nach Buenos Aires geflogen. Ihre Babys erhalten dort die Staatsbürgerschaft. Ein Besuch bei Frauen, deren »Geburtstourismus« nun für Ärger sorgt.
Polina Ivanova*streicht über ihren runden Bauch, der sich unter grauem Feinripp hervorwölbt. Die Russin sitzt in einem Café in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, trinkt Orangensaft. Sie ist in der 38. Woche schwanger. Ihr Sohn, sagt der Arzt, drücke schon auf den Muttermund.
Eigentlich, erzählt Ivanova, 27, hätten sie und ihr Freund sich schon längerein Kind gewünscht. Doch als sie im vergangenen Juni auf den Schwangerschaftstest starrte, habe sie gedacht: »Fuck, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.« Nach Kriegsbeginn sei sie in der Innenstadt von Moskau festgenommen worden, ihr wurde vorgeworfen, an einem Protest teilgenommen zu haben, so erzählt sie es. »Sie machen mit dir, was sie wollen«, sagt sie und knetet eine Papierserviette zwischen ihren Fingern. »Ich wusste sofort, dass mein Baby noch einen anderen Pass braucht als den russischen.«
Ivanova suchte nach einem Land mit guter medizinischer Versorgung, stabiler Sicherheitslage, dem Geburtsrecht auf Staatsangehörigkeit – und in das sie problemlos einreisen konnte. »Mir war auch wichtig, dass es eine Demokratie ist«, sagt sie. Sie fand eine Telegramgruppe, in der Gleichgesinnte Informationen austauschen, dachte über Chile nach. Diesen Plan verwarf sie, das Land war zu teuer. Schließlich stieß sie auf Argentinien. Seit sechs Wochen ist sie nun in Buenos Aires, um dort ihr Baby zur Welt zu bringen.
Wer in Argentinien geboren wird, ist automatisch Staatsbürger, und auch die Eltern bekommen den argentinischen Pass vergleichsweise einfach. Er gilt als einer der stärksten weltweit, ermöglicht die visumfreie Einreise in mehr als 170 Länder, darunter auch den Schengenraum. Argentinien war daher, wie viele lateinamerikanische Länder, schon länger ein Ziel für sogenannten Geburtstourismus – doch seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine sind die Zahlen explodiert: Mehr als 10.500 Russinnen bekamen laut Migrationsbehörde seit Januar 2022 ein Kind in Argentinien, in den letzten Monaten sind die Zahlen nochmals deutlich angestiegen.
Argentinien ist stolz auf seine offene, von der Verfassung geschützte Einwanderungskultur, die Migranten auf der Suche nach einer besseren Zukunft willkommen heißt. Doch als im Februar in einem Flugzeug der Ethiopian Airlines gleich 33 hochschwangere Russinnen anreisten, wurden einige von ihnen am Flughafen zeitweise festgesetzt, bis ein richterlicher Entscheid ihre Freilassung anordnete. Seither wird das Thema in der Öffentlichkeit breit diskutiert: Sind die Schwangeren nun politische Flüchtlinge oder schamlose Nutznießer einer Lücke im Gesetz?
Wenn die Taxifahrer Max Levoshin, 38, fragen, warum er hier sei, antwortet er mit einem Witz: »Natürlich wegen des Wetters.« Er und seine Frau Kate Gordienko, 30, sitzen an einem Mittwoch im Februar im fünften Stockwerk der Trinidad-Privatklinik auf einem beigefarbenen Sofa. Sie sind nach Argentinien gekommen, um zu bleiben, jedenfalls erst mal. Der Schlüssel dazu liegt auf Gordienkos Schoß, heißt Leo, sechs Tage alt, 3285 Gramm Geburtsgewicht. Er kam in der 41. Schwangerschaftswoche zur Welt, »die argentinischen Jungs«, erklärt Gordienko, »haben es nicht so eilig.«
Das Krankenhaus im schicken Viertel Palermo verfügt über eine integrierte Meldestelle. Um 13 Uhr sollte das Paar die Geburtsurkunde ihres Sohnes erhalten. »I am so sorry«, erklärt der amtliche Übersetzer, »es wird sich alles verzögern, es ist einfach zu viel los.« Für den Termin haben sie einen englischsprachigen Helfer beauftragt, alle russischen waren auf Wochen ausgebucht. Vier weitere russische Paare sitzen im Wartesaal. »Mehr als die Hälfte aller Neugeborenen hier sind inzwischen von russischen Eltern«, sagt die Mitarbeiterin der Meldestelle.
Es ist die Woche, in der sich der russische Angriff auf die Ukraine zum ersten Mal jährt. Vom Krieg erfuhr Levoshin im Pool eines Luxushotels in Dubai, als sich zwei Gäste unterhielten. »Ich konnte es nicht glauben«, sagt er. Sie reichten ihm das Handy ins Wasser. Er hielt das Ganze für Fake News. Bis er seine Mutter anrief.
Zurückgekehrt ist das Paar seither nicht mehr, zu hoch sei das Risiko für ihn als Mathematiker mit einem Abschluss in Kryptografie, zu wertvoll seine Fähigkeiten für das russische Militär. Stattdessen begann eine Art Odyssee. Nach ein paar Monaten in den Emiraten, folgte die Heirat in Istanbul und eine Episode in Litauen, wo das Paar Panzer in Richtung Grenze rollen sah und ständig Fragen zur Krim beantworten musste, sie sich insgesamt nicht besonders wohlfühlten. »In Europa sind Russen nicht mehr willkommen«, sagt Levoshin.
Im vergangenen Dezember kamen sie nach Argentinien, weit weg vom Krieg. Zuerst wohnten sie in Airbnbs, dann zogen sie in einen Apartmentkomplexmit Swimmingpool und Sicherheitsdienst für 1200 Dollar im Monat. Die Preise für Kurzzeitvermietungen würden derzeit mit jeder Verlängerung erhöht, erzählen sie. Geld sei allerdings nicht ihr Problem. Die Geburt in der Privatklinik kostete rund 3800 Dollar. Weil ihre Kreditkarten aufgrund der Sanktionen im Ausland gesperrt sind, haben sie ihr Geld unter anderem in Bitcoin angelegt und überweisen an sich selbst per Western Union.
»Wenn Putin stirbt, können wir zurückgehen«, erklärt Levoshin. Viel mehr will er zur Politik seines Landes nicht sagen. Zu Hause in Moskau hat er ein Start-up, das Flugtaxis entwickelt, wie in »Das fünfte Element«. Weil er auch staatliche Förderungen erhielt, haben sich die Investoren aus den USA und Europa seit Kriegsbeginn zurückgezogen. Dafür erhalte sein Unternehmen Mails von der russischen Regierung. »Ich will nicht, dass meine Maschinen im Krieg eingesetzt werden«, sagt er. Also soll nun auch die Firma ins Ausland umziehen.
Jeden Morgen geht das Paar im schicken Coffeeshop »Padre« in Palermo Avocadotoast und Fruchtsäfte frühstücken. Gordienko trägt Sommerkleider, er blumige Hawaii-Hemden. Der kleine Leo nuckelt an Gordienkos Brust. Levoshin magdie argentinischen Steaks, seiner Frau gefiel besonders die Frida Kahlo Ausstellung. Sie haben viele russische Freunde, suchen derzeit eine Nanny. Die Einheimischen seien freundlich. Sie wünschen sich nun eine große Familie. Beiläufig erwähnt Levoshin noch zwei Töchter aus einer früheren Beziehung in Russland, aber das ist weit weg.
Wer ihnen zuhört, bekommt den Eindruck, dass sie gerade ein großes Abenteuer erleben, den südamerikanischen Traum, jenen Cocktail aus Sonne und Jetztzeit, gepaart mit der Schwerelosigkeit der Eliten und einer gewissen geopolitischen Bedeutungslosigkeit der Region, die sich in diesen Tagen als Vorteil erweist.
Für die Honeymoon-Phase der Migration hatte Aleksandra Pasechnik, 25, Kickboxerin aus St. Petersburg, nie die Zeit oder Mittel. Schwanger im achten Monat stieg sie im Sommer 2022allein in ein Flugzeug nach Istanbul. Von dort flog sie nach Frankfurt. Dann weiter nach Buenos Aires, es war die günstigste Variante. Sie hatte Burger dabei, weil man im Flugzeug als Schwangere nicht genug zu essen bekomme, einen Koffer mit Kleidung für sich und das Baby und 1000 Dollar in bar. Ihr Mann sollte noch ein paar Jobs zu Ende bringen, die Wohnung verkaufen und dann mit dem gemeinsamen Sohn nachkommen.
Zum Arzt ging Pasechnik in ein öffentliches Krankenhaus. Die Behandlung dort ist gratis für jeden, so sieht es das argentinische Gesundheitssystem vor. In den Fluren stehen junge, schwangere Russinnen in langen Blumenkleidern, begleitet von freiwilligen Helferinnen, denn hierher kommen die Mittellosen. Die Türen in der Geburtshilfe sind inzwischen auch auf Russisch beschriftet. Zur Geburt ihres Sohnes nahm Pasechnik eine Übersetzerin mit.
»Natürlich würden wir gerne in unserem Vaterland leben«, sagt Sergei Pasechnik, 46, Kickbox-Meister und früherer Trainer seiner Frau. Im September traf auch er in Buenos Aires ein. Auf seinem Handy zeigt er ein Foto seines Einzugsbescheides: »Auf der Grundlage des Dekrets des Präsidenten über die Mobilmachung und der Entscheidung der regionalen Mobilmachungskommission befehle ich Ihnen, am 14. Oktober um 14 Uhr unter folgender Adresse vorstellig zu werden …« Unterschrieben vom Militärkommissar des Bezirks. In der Ukraine zu sterben war für den Vater von bald zwei Kindernkeine Option.
»Die meisten Russen hier haben viel Geld, wir nicht«, erklärt er. Als der Kleine einen Monat alt war, wären sie beinahe auf der Straße gelandet. Doch seine Frau erinnerte sich an eine Russin, die sie auf der Toilette bei McDonalds kennengelernt hatte und die schon seit zwei Jahrzehnten in der Stadt lebt und schwangere, reiche Russinnen massiert. Sie half ihnen an eine günstige Wohnung im Arbeiterviertel Almargo zu kommen, rund 180 Dollar zahlen sie im Monat.
Inzwischen haben sie eine Aufenthaltsgenehmigung und klappern auf der Suche nach einem öffentlichen Kindergartenplatz das Viertel ab. Aleksandra Pasechnik rümpft die Nase, deutet auf Hundekot. Sie muss an die sauberen Gehsteige in St. Petersburg denken. Die Tomaten, sagt sie, schmecken hier nicht. Sie vermisst Familie und Freunde. In ihrem Instagram-Account zeigt sie Bilder aus ihrem alten Leben. Zu sehen ist eine strahlende junge Frau mit einem goldenen Gürtel um die Hüften bei einem Kickbox-Wettbewerb in Österreich 2018.
Als Aleksandra Pasechnik die kleine Wohnung betritt, beginnt sie zu weinen vor Scham. »So leben wir jetzt.« Auf dem Boden liegen ein paar Spielsachen und eine 90-cm-Matratze, auf der sie zu viert schlafen. Einen Tisch konnten sie sich bisher nicht leisten. Immerhin haben sie seit zwei Wochen einen Kühlschrank, darin steht ein großer Topf selbst gekochter Borschtsch, den sie sofort anbietet.
Ihr Mann Sergei arbeitet nun wieder als Trainer, darf gratis ein Fitnessstudio in der Nähe nutzen. »Wir sind keine Digitalnomaden, wir wollen an einem Ort bleiben«, sagt er. Aleksandra gibt Babymassagen und boxt ebenfalls wieder. »Aber die Wirtschaft in Argentinien«, Aleksandra Pasechnik zeigt mit dem Daumen nach unten. Wie sollen sie hier Geld verdienen?
Von den 10.500 Russinnen, die im vergangenen Jahr schwanger ankamen, seien laut argentinischer Migrationsbehörde etwa 7000 wieder abgereist. Direktorin Florencia Carignano monierte öffentlich, die schwangeren Russinnen hätten nicht die Absicht, sich im Land niederzulassen. Sie warnte vor »mafiösen Organisationen« und sprach von einem »Millionengeschäft«, weil dubiose Agenturen ihren Kundinnen bis zu 35.000 US-Dollar abknöpfen sollen und dafür einen reibungslosen Ablauf versprechen, von der Geburt des Kindes bis zum Pass für die Eltern – selbst wenn sich diese nicht mehr im Land befänden. Gegen mehrere Agenturen wurden Ermittlungen eingeleitet.
Der argentinische Anwalt Christian Rubilar kritisiert jedoch auch die Migrationsbehörde. Diese habe offenbar vorgehabt, den Zustrom an Russinnen zu stoppen. Das sei eine Verletzung der Menschenrechte und der Verfassung. Er hält zudem die genannten Zahlen für nicht akkurat: »Viele der Frauen reisen aus, um etwa eine Wohnung zu verkaufen, im Ausland ein Konto zu eröffnen oder Dokumente zu besorgen und kommen dann wieder.« Die Migrationsbehörde antwortete auf Anfragen des SPIEGEL nicht.
Seit der ganzen Diskussion fühlt sich Polina Ivanova, deren Sohn bald zur Welt kommen soll, nicht mehr richtig wohl in der Stadt. Sie merkt, dass Leute sie und ihren Bauch anstarren. Die Taxifahrer würden fragen, wann sie wieder abreist. Sie hat Angst, dass das Land sie rauswerfen könnte, immer mehr Länder dicht machen für Russinnen. »Die Welt ist eng geworden für uns.«
Auf die Frage, wie es weitergehen soll, hat sie keine Antwort. Eine Rückkehr nach Russland erscheint ihr unmöglich, »so lange die Dinge dort sind, wie sie sind«, sagt sie vorsichtig. Ihre kleine Nichte habe in der Schule Postkarten für die Soldaten an der Front malen müssen. »Meine Kinder sollen nicht so aufwachsen.«
Ivanovas Freund hat sie bis zur Tür des Cafés gebracht. Mit Journalistinnen möchte er nicht sprechen, er hat Angst, seinen Job in Russland zu verlieren, den er im Moment aus dem Homeoffice absolviert und von dem sie leben.
Denn auch die russische Seite hat den Geburtstourismus inzwischen als »Problem« identifiziert: Der Duma-Abgeordnete Witali Milonow bezeichnete Frauen, die im Ausland gebären, als solche mit »geringer sozialer Verantwortung«. Man müsse überlegen, wie man Einschränkungen einführen könnte. Die Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Frauen und Kinder, Nina Ostanina, forderte das Außenministerium auf, Maßnahmen zu ergreifen, um russische Frauen vom »Mutterschaftstourismus« abzuhalten.
»Meine Mutter war stinksauer, als sie von meiner Flucht erfahren hat. Sie findet, wir sollten alle zusammen sterben, wenn es nötig ist für unser Land«, erzählt Ivanova. »Aber, Mama, was wenn ich leben will?«, fragte sie. Seit jenem Telefonat haben sie wenig Kontakt.
Ivanova streichelt ihren Bauch, ihre traurigen, grünen Augen blickenirgendwo in die Ferne.
»Wir hatten ein gutes Leben. Wir haben uns das nicht ausgesucht, wir wurden in diese Situation reingeworfen«, sagt sie, »so viel Stress und dabei ist man doch als Schwangere ohnehin vulnerabel.« Dann fügt sie schnell hinzu: »Aber natürlich will ich mich nicht bemitleiden. Das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was die Ukrainerinnen erleiden.«
Sie lernt Spanisch, würde gerne einheimische Freunde haben – und irgendwann Steuern zahlen, als eine Art Wertschätzung. Was ihr hilft, sich etwas mehr zu Hause zu fühlen, ist die russische Expat-Blase. Sogar Leute, die mit ihnen an denselben Spitzenunis in Moskau studiert haben, hätten sie hier wiedergetroffen. Auf Telegram tauschen sie sich über alles aus, von Wein bis Windeln. Es gäbe eine Tennis-Gruppe, eine Fußball-Gruppe, eine Beauty-Gruppe, erzählt sie. Die allgemeine Begeisterung über Wetter, Essen und Leute versteht sie trotzdem nicht ganz: »Ihr seid doch auch alle vor einem Krieg geflohen, oder?«, fragt sie.
Sie vermisst Moskau, das Gefühl, das sie dort hatte, aber nun sei alles anders. Der Ort, den sie vermisst, den gibt es so womöglich gar nicht mehr.
*Wir haben den Namen auf Wunsch der Protagonistin geändert, der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

