Schulschließungen wegen Corona: »Ein Verbrechen am Kind«
SPIEGEL: Welche Folgen hat es, wenn Schule stark eingeschränkt wird oder sogar wegfällt so wie derzeit?
Tenorth: Corona hat die Bildungsverhältnisse der Vormoderne wiederhergestellt – die Pandemie wirft uns ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Was hier passiert, muss man als gesellschaftliche Regression bezeichnen. Die Nachteile und Privilegien der sozialen Herkunft werden wieder in Kraft gesetzt, Eltern müssen als Büttel des Staates die Rolle erfüllen, die sich Lehrer in fünf Jahren Studium aneignen. Wir ignorieren, dass Schule ein eigener Lebensraum ist. Ein sozialer Kosmos, in dem Kinder vor häuslicher Gewalt geschützt sind und gleichzeitig mit ihrer Peer Group zusammentreffen, was lebensnotwendig für ihre Entwicklung ist.
SPIEGEL: Was befürchten Sie?
Tenorth: Die Folgen sind noch nicht vollständig absehbar, werden aber zweifelsohne gravierend sein. Die schwedische Reformpädagogin Ellen Key schrieb 1902: »Das Kind nicht in Frieden zu lassen, das ist das größte Verbrechen der gegenwärtigen Erziehung gegen das Kind.« Key bezog sich auf eine schlechte Schule. Ich bin der Meinung: Das Vorenthalten von Schule ist ein Verbrechen am Kind.

