Russland beschießt Odessa, Kiew nennt Warnschüsse auf Frachter »Piraterie«
Was in den vergangenen Stunden geschah
Russland hat die südukrainische Region Odessa am Schwarzen Meer nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe in der Nacht zum Montag erneut mit Kamikazedrohnen angegriffen. Die Luftabwehr in der Region und über der gleichnamigen Hafenstadt sei aktiviert worden, berichtete das Nachrichtenportal »Ukrajinska Prawda« am frühen Montagmorgen unter Berufung auf die Luftwaffe und die regionale Militärverwaltung.
In Odessa seien mehrere Explosionen zu hören gewesen. Dabei sind nach ukrainischen Angaben mindestens drei Menschen verletzt worden. »Infolge des feindlichen Angriffs auf Odessa sind mehrere Brände durch herabfallende Raketensplitter ausgebrochen«, erklärte der Gouverneur der ukrainischen Schwarzmeerregion, Oleh Kiper, auf Telegram. »Fenster von Gebäuden wurden durch die Druckwelle herausgerissen.«
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als 17 Monaten gegen einen brutalen russischen Angriffskrieg. Nach dem von Russland verkündeten Ende des Abkommens zur Verschiffung von ukrainischem Getreide im Juli sind vor allem die ukrainischen Schwarzmeerhäfen um Odessa ins Visier geraten. Mehrfach wurden die Hafenanlagen und auch die Millionenstadt selbst seither beschossen.
Das sagt Kiew
Ein hochrangiger Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Warnschüsse auf einen Frachter im Schwarzen Meer nahe der ukrainischen Küste als »klare Verletzung des internationalen Seerechts, einen Akt der Piraterie und ein Verbrechen gegen zivile Schiffe eines Drittstaates in den Gewässern eines anderen Staates«. Die Ukraine werde »alle notwendigen Schlussfolgerungen ziehen und die bestmögliche Reaktion wählen«, schrieb Berater Mychajlo Podoljak auf der Kurznachrichtenplattform X, ehemals Twitter.
Nach der Tötung einer vierköpfigen Familie durch russischen Artilleriebeschuss im Süden der Ukraine hat Präsident Selenskyj Vergeltung angekündigt. »Jeder vernichtete Besatzer, alle verbrannten russischen Fahrzeuge, Feuer in ihren Hauptquartieren und Lagerhäusern, die äußerst aussagekräftige »Vernebelung« der Krimbrücke und mehr – all das beweist, dass wir kein Verbrechen Russlands unbeantwortet lassen werden«, sagte er am Sonntag in seiner allabendlichen Videobotschaft.
Im Dorf Schyroka Balka in der Region Cherson tötete russische Artillerie ukrainischen Behörden zufolge am Sonntag fünf Menschen, darunter eine vierköpfige Familie mit Vater, Mutter, einem zwölfjährigen Sohn und einem erst gut drei Wochen alten Baby. Die Region wurde im Verlauf des Tages 17 Mal beschossen, wie Selenskyj in seiner Ansprache sagte. Dabei sollen nach Behördenangaben insgesamt sieben Menschen getötet und etwa 15 weitere verletzt worden sein.
Immer wieder haben russische Truppen auch zivile Objekte, Städte und Ortschaften beschossen. Die Vereinten Nationen haben bisher mehr als 9000 getötete Zivilisten in dem Konflikt offiziell registriert, die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich höher liegen.
Die russischen Verteidigungslinien sind nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministers Olexij Resnikow teilweise so dicht vermint, dass an manchen Teilen der Front bis zu fünf Minen pro Quadratmeter liegen. In einem am Sonntag veröffentlichten Gespräch mit dem britischen »Guardian« sprach er von Millionen Sprengkörpern entlang der Front. Es gebe über Hunderte Kilometer hinweg Minenfelder. Dies stelle ein ernstes Hindernis für die Gegenoffensive der ukrainischen Truppen dar.
Dem »Guardian« zufolge war Resnikow überzeugt, dass die riesigen Minenfelder von ukrainischen Truppen überwunden werden könnten. Er betonte jedoch, es sei von entscheidender Bedeutung, dass die Verbündeten die bereits von einigen Nationen angebotene Ausbildung der ukrainischen Minenräumer ausweiteten und beschleunigten.
Bei ihrer derzeit laufenden Gegenoffensive stoßen die Ukrainer auf Minenfelder, Panzerabwehrgräben und andere Hindernisse sowie auf gestaffelte Verteidigungslinien der Russen.
Waffenlieferungen an die Ukraine
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) legt sich in der Frage der Lieferung deutscher Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine zunächst weiterhin nicht fest. »So wie in der Vergangenheit werden wir jede einzelne Entscheidung immer sehr sorgfältig überprüfen, was geht, was Sinn macht, was unser Beitrag sein kann«, sagte Scholz am Sonntag im ZDF-»Sommerinterview«. Dies gelte auch für die Taurus-Lieferung.
Er wolle sich in dieser Frage nicht unter Druck setzen lassen, sagte Scholz weiter mit Blick auf Aufforderungen aus dem In- und Ausland. Er verwies auf die der Ukraine bereits gewährte militärische Unterstützung bei Artillerie, Panzern und Flugabwehr. Dafür habe sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gerade erst noch einmal bedankt.
Zu Berichten, wonach auch eine technische Reichweitenbegrenzung der Taurus-Marschflugkörper möglich sei, sagte Scholz: »Wir beschäftigen uns mit all den Fragen, die an uns herangetragen werden.« Er wolle sich dazu aber erst äußern, »wenn es etwas zu sagen gibt«.
Vorwürfe der Zögerlichkeit wies Scholz zurück. »Wir werden es uns auch weiter schwer machen«, sagte er im ZDF. Die Bürgerinnen und Bürger fänden es mehrheitlich richtig, dass nicht jede Forderung nach Lieferungen sofort mit einem »Ja« beantwortet werde. »Entscheidungen müssen immer sorgfältig gewogen werden und das werde ich weiterhin tun«, betonte der Kanzler.
Für die Lieferung der Marschflugkörper werben in der Ampelkoalition auch Politikerinnen und Politiker von Grünen und FDP. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), forderte das Bundeskanzleramt auf, »nicht erneut zu zögern«. »Wir dürfen keine Zeit verlieren«, sagte sie der »Süddeutschen Zeitung«.
Agnieszka Brugger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, sagte der »SZ«, auch »Verzögern und Verweigern« könne »einen hohen Preis haben und zur Eskalation beitragen«. Unterschiedliche Stimmen kommen dazu aus der SPD.

